Investitionskrise in Europa – kaum einer traut sich

Kapital ist scheu wie ein Reh. Wann immer sich Unsicherheiten breit machen, werden Investoren vorsichtig. Schließlich erfordern Investitionen in der Regel eine lange Bindung. Und die geht nur derjenige ein, der das Arrangement zumindest mittelfristig als lohnenswert einschätzt.

Seit jeher gelten Investitionen – und dabei geht es hier nicht um Finanzmarktanlagen, sondern um Investitionen in Maschinen, Geschäftsausstattungen, Fahrzeuge, Wohn-, Fabrik- und Bürogebäude sowie die gesamte private und staatliche Infrastruktur – als eine Größe, die sehr stark auf die konjunkturellen Wechsellagen reagiert: Im Aufschwung und im Boom verzeichnen die Firmen eine gute Geschäftslage, sie hegen optimistische Umsatz- und Gewinnerwartungen für die nächste Zeit und sie haben nicht zuletzt das Geld für die Investitionen. Diese werden schließlich auch mit den Gewinnen der Firmen finanziert. Zudem sind die Banken in einem von Wachstum bestimmten Umfeld gern bereit, Investitionen durch die Vergabe von Krediten zu finanzieren.

Während also in guten Zeiten das Investitionsbudget aufgestockt wird, setzen viele Unternehmenslenker bei sich eintrübenden Geschäftsaussichten schnell den Rotstift an. Erst einmal abwarten, lautet die Devise. Auch die Finanzierungsmöglichkeiten wanken – die Gewinne werden geringer oder fallen ganz aus und die Banken werden bei der Kreditvergabe vorsichtiger und zurückhaltender. Besonders kritisch wird es aber dann, wenn sich nicht nur eine konjunkturelle Talfahrt androht, sondern Pessimismus sich auf breiter Front festsetzt und die Geschäfts- und Zukunftsperspektiven an einem Investitionsstandort schwinden.

Ein Blick auf die Investitionstätigkeit in Europa in letzter Zeit zeigt insgesamt kein gutes, aber ein vielschichtiges Bild:

  1. Die nominalen Bruttoanlageinvestitionen belaufen sich in der gesamten Europäischen Union (EU) im Jahr 2013 voraussichtlich auf gut 2.300 Milliarden Euro, im Euroraum werden es nach EU-Schätzungen gut 1.700 Milliarden Euro sein. Nach dem Rückgang in diesem und im vorigen Jahr wird das diesjährige Investitionsbudget der gesamten EU um 1,5 Prozent und das des Euroraums um 4,2 Prozent unter dem letzten Hoch des Jahres 2011 liegen. Der Investitionsrekord des Jahr es 2008 wird sogar um gut 12 Prozent (EU) und fast 14 Prozent (Euroraum) verfehlt. Gemessen an den damaligen Investitionsvolumina durchlebt Europa derzeit eine heftige Investitionskrise.
  2. Die Investitionen haben im Gefolge des aktuellen Investitionseinbruchs auch stark an gesamtwirtschaftlicher Bedeutung verloren. Nur noch knapp 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Euroraums werden in diesem Jahr auf Bruttoanlageinvestitionen entfallen – auf EU-Ebene sind es 17,6 Prozent. Das ist jeweils der niedrigste Wert seit Mitte der 1990er Jahre (Abbildung). Im Durchschnitt der Jahre 1995 bis 2010 belief sich die Investitionsquote im Euroraum auf 20,5 Prozent und in der EU auf knapp 20 Prozent. Deutlich werden in der Abbildung auch die letzten großen Investitionszyklen – geprägt vom New Economy Boom in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre und vom Investitionsboom 2005 bis 2008. Die Investitionsquote im Euroraum stieg beim ersten Boom auf 21,4 Prozent und beim zweiten Boom sogar auf 21,8 Prozent an. Dieser Investitionszyklus zeigte sich in den USA noch deutlicher. Im Gefolge der globalen Finanzmarktkrise, die in den USA im Jahr 2007 begann, gingen die Investitionsquoten mächtig in die Knie. Während die Quote in den USA nach dem starken Einbruch 2007 bis 2010 wieder stetig anstieg, blieb sie in Europa weiterhin rückläufig. Sie ist zudem weit von dem Niveau entfernt, das unter normalen konjunkturellen Beeinträchtigungen zu erwarten gewesen wäre. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise in Europa hat offensichtlich die Investitionsneigung markant stärker getroffen, als dies bei konjunkturellen Einbrüchen bisher zu beobachten war.

    Investitionsquote
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  3. Auch die Investitionen je Einwohner sind in Europa derzeit deutlich niedriger als vor fünf Jahren. Im Euroraum belief sich dieser Wert im Jahr 2012 auf 5.200 Euro, in der Europäischen Union auf 4.600 Euro. Damit werden die letzten Höchstwerte aus den Jahren 2007 und 2008 um 800 beziehungsweise um 700 Euro je Einwohner unterschritten. Gleichwohl darf dabei nicht übersehen werden, dass das gegenwärtige Investitionsvolumen je Einwohner trotz der aktuellen Rückgänge immer noch kräftig, und zwar im Euroraum um 400 Euro, über dem Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2005 liegt.
  4. Hinter diesen Durchschnittsbetrachtungen stehen erhebliche Unterschiede bei der Investitionsperformance innerhalb Europas (Tabelle): Dabei werden nominale Werte verwendet. Sie spiegeln die tatsächlichen Ausgaben für Investitionen wider. Außerdem sind die Verzerrungen durch unterschiedliche Preisentwicklungen geringer als diejenigen infolge der Preisbereinigungen.

Nord-Sued-Gefaelle
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Es gibt eine Reihe von Ländern, in denen die nominalen Bruttoanlageinvestitionen auch im Jahr 2013 weiterhin kräftig rückläufig sein werden. Am heftigsten wird es wohl Zypern treffen, aber auch für Portugal, Spanien und Griechenland zeigt sich heuer noch kein Ende der Investitionskrise – zumindest beim Blick auf den Jahresdurchschnitt. Lediglich die Einbrüche fallen nicht mehr ganz so stark aus.

Der Investitionsrückgang ist in den genannten Ländern zudem ein über fünf Jahre andauerndes Problem. In Griechenland und Zypern belaufen sich die nominalen Bruttoanlageinvestitionen im Jahr 2013 auf weniger als die Hälfte des Wertes von 2008. Spanien und Portugal verfehlen diesen Orientierungswert um rund 40 Prozent. Nicht nur die Unternehmen haben in diesem von hoher Unsicherheit geprägten Umfeld ihre Investitionen zurückgefahren. Auch die staatlichen Investitionen fallen vor dem Hintergrund der prekären Finanzlage niedriger aus. Irland wurde in den Jahren 2009 bis 2011 stark in Mitleidenschaft gezogen. Inzwischen hat es zumindest die Talsohle durchschritten – die Investitionen belaufen sich aber trotzdem noch auf weniger als die Hälfte des Jahres 2008. Sicherlich bleibt zu hinterfragen, ob die damaligen Investitionsniveaus eine vernünftige Bezugsgröße darstellen. Zum Teil waren diese Rekordinvestitionen auch von im Nachhinein übermäßigen Ausgaben – etwa im Immobilienbereich – überzeichnet.

Auch Italien und die Niederlande haben ein ernstes Investitionsproblem. In diesem und vor allem im vergangenen Jahr waren merkliche Einbrüche bei den Anlageinvestitionen zu beobachten. Die Werte des Jahres 2008 werden derzeit in Italien um fast 17 und in den Niederlanden um fast 19 Prozent verfehlt.

Eine im Vergleich dazu eher schleppende Investitionstätigkeit war in den letzten beiden Jahren in der Schweiz, Frankreich, Belgien und Deutschland zu beobachten. Die Wirtschaftsprobleme in den europäischen Krisenländern haben schließlich auch die Investitionsneigung in den robusteren Ländern geschwächt. Für Deutschland beispielsweise ist der europäische Markt nach wie vor groß und wichtig. Probleme bei den Handelspartnern schlagen sich in einer abwartenden Investitionshaltung der Unternehmen nieder. Die Anlageinvestitionen waren dementsprechend hierzulande im vergangenen Jahr um 0,6 Prozent rückläufig. In diesem Jahr ist ein Plus in gleicher Größenordnung zu erwarten. Damit treten die Investitionen seit zwei Jahren mehr oder weniger auf der Stelle.

Es gibt aber auch Volkswirtschaften in Europa, die mit Blick auf die Investitionen vergleichsweise ungeschoren durch die letzten Jahre kamen. Das gilt vor allem für die Länder im Norden Europas. In Finnland, Dänemark, Schweden und Norwegen sind die Investitionen seit 2010 durchgehend angestiegen. In Schweden und Norwegen wurden die Werte von 2008 zuletzt sogar deutlich übertroffen. Dies gilt auch für Luxemburg und Österreich.

Die derzeitige Investitionskrise in Europa ist kein konjunkturelles Phänomen. Sie ist Folge und Spiegelbild der Strukturprobleme in Europa. In einer Reihe von Ländern fehlt es offensichtlich an Zuversicht und Perspektiven für die weitere wirtschaftliche Gangart. Auch mögliche künftige Belastungen – infolge der hohen Schuldenlasten – beeinträchtigen das Investitionsklima in vielen Ländern.

Die derzeit ausbleibenden Investitionen – und das gilt sowohl für die Länder mit kräftig rückläufigen Investitionen als auch für die mit einer schleppenden Investitionstätigkeit – stellen nicht nur ein konjunkturelles Nachfrageproblem dar. Sie verschlechtern zugleich auch die Zukunftsperspektiven. Um die Wirtschaftsstrukturprobleme zu lösen, sind Investitionen notwendig. Nur über eine Verbesserung der Angebotsseite – und dies geschieht zum Teil über eine Modernisierung des gesamtwirtschaftlichen Kapitalstocks – kann der Anschluss an die sich verändernde globale Nachfrage geschafft werden. Je länger die Investitionskrise andauert, umso schwerer und hartnäckiger werden die Strukturprobleme.

An den finanziellen Rahmenbedingungen liegt es nur zum Teil. Die Europäische Zentralbank stellt den Banken zu sehr günstigen Bedingungen Geld zur Verfügung. Trotzdem führen die Probleme im Bankenbereich in einigen Ländern zu einer restriktiven Kreditvergabe. Diese ist aber auch Folge der unsicheren wirtschaftlichen und politischen Perspektiven in den Krisenländern. Die Unklarheiten über den wirt¬schaftspolitischen Kurs in den einzelnen Ländern und in Europa stehen einer höheren Investitionsbereitschaft der Unternehmen im Weg. Deshalb ist zumindest Folgendes zu tun:

  • Der Bankensektor muss dahingehend reformiert werden, dass er seiner Rolle als Finanzintermediär auch ohne Subventionierung durch Staat und Zentralbank wieder gerecht wird.
  • Für das überbordende Staatsschuldenproblem muss eine tragfähige Lösung gefunden werden. Noch ist bei weitem nicht erkennbar, welche zukünftigen Belastungen den privaten Haushalten und Unternehmen aus den Schuldenbergen und den bisher angestrengten Hilfsmechanismen erwachsen.

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