Kurz kommentiert
Bargeld ist geprägte Freiheit

Peter Bofinger hat einen wenig weisen Vorschlag gemacht. In einem Interview mit dem Spiegel hat er eine gleichzeitige Abschaffung des Bargelds im Euroraum, in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und der Schweiz ins Gespräch gebracht. Technologien zum bargeldlosen Zahlen wären ausreichend vorhanden und der Verzicht auf das Bargeld würde Schwarzarbeit und Drogenhandel die finanzielle Grundlage entziehen. Bofingers Idee ist im günstigeren Fall fehlgeleitet und im schlimmeren Fall gefährlich. Für die Anhänger freiheitlichen Denkens ist er eine Provokation.

Das Bezahlen an der Supermarktkasse kann so einfach sein: Man nimmt einen Schein aus dem Portemonnaie, reicht ihn der Person hinter der Kasse und erhält Wechselgeld zurück – sekundenschnell. Wer einmal bei einem Discounter eingekauft hat, weiß um die Effizienz des dortigen Bezahlprozesses.

Natürlich kann man sich auch ausmalen, dass die Leute „an der Ladenkasse nach Kleingeld suchen und die Kassiererin nach Wechselgeld“, wie Bofinger zu Protokoll gibt und damit seinen Vorschlag mit einem Wartezeitkosten-Argument zu untermauern versucht. Man kann aber genauso gut annehmen, dass beim elektronischen Bezahlen eine alte Dame verzweifelt ihre Handtasche nach ihrem Smartphone (sofern sie ein solches überhaupt besitzt) durchsucht, es lange Zeit nicht findet und dann auch nicht richtig bedienen kann. All dies liegt im Blickwinkel des Betrachters, aber in beiden Fällen dürften die gesamtwirtschaftlichen Kosten vernachlässigbar sein.

Das Beispiel der alten Dame hat dennoch die größere Relevanz bei der Abwägung, ob Bargeld in der Zukunft noch eine Rolle spielen sollte oder nicht. In Zeiten des demographischen Wandels und des rasanten technischen Fortschritts, den viele ältere Menschen nicht mehr mitmachen können und wollen, sollte man das Bezahlen einfach halten. Scheine und Münzen haben sich durchaus bewährt. Sich abhängig machen zu müssen von technischen Entwicklungen, die man nicht mehr versteht, und seien sie noch so fortschrittlich wie das Bezahlen per automatischem Funksignal, bedeutet dagegen Unfreiheit.

Bargeld hat neben dieser praktischen auch eine symbolische Dimension. Bargeld sei geprägte Freiheit, sagte vor einiger Zeit der ehemalige Chefvolkswirt der Bundesbank, Ottmar Issing, unter Bezugnahme auf ein berühmtes Zitat Dostojeweskis, demzufolge Geld geprägte Freiheit sei. Wer in der ehemaligen DDR oder anderen Staaten des Ostblocks sozialisiert worden ist, der versteht Issings Aussage unmittelbar.

Wer dort D-Mark oder Dollar in bar sein Eigen nannte, der hatte damit eine ebenso wertvolle wie subversiv wirkende Parallelwährung in der Hand, die es ihm nicht nur erlaubte, freier auf den Märkten zu agieren. Die harten, zumeist illegal eingeführten westlichen Währungen setzten die maroden Wirtschaftssysteme Osteuropas stark unter Druck und trugen erheblich zum politischen Ende des Kommunismus bei. Wie massiv der Druck durch eine parallele Währung werden kann, erlebte auch die deutsche Politik nach der Wende, als Ostdeutsche auf Demonstrationen riefen: „Kommt die D-Mark, bleiben wir hier; kommt sie nicht, gehen wir zu ihr“. Gedacht haben sie dabei sicherlich nicht an EC- und Kreditkarten oder elektronisches Bezahlen per Mobiltelefon, sondern an Bares.

Auch heute noch kann Bargeld Druck ausüben. Wer Schwarzarbeit und Drogenschmuggel beseitigen will, der mag versucht sein, die vermeintlich einfache Lösung einer Abschaffung des Bargelds zu wählen. Helfen wird dies nicht, denn die Nachfrage nach illegalen Dienstleistungen und Drogen ändert sich wegen des fehlenden Bargelds nicht. Lediglich die Art ihrer Finanzierung wird sich ändern.

Andersherum zwingt aber das Vorhandensein von Bargeld die Politik, sich mit den wahren Ursachen der Illegalität zu beschäftigen. So bekämpft man beispielsweise Steuerhinterziehung als Folge von Schwarzarbeit eigentlich durch ein gerechteres Steuersystem und nicht durch die Einführung elektronischer Zahlungsmittel.

Schließlich gilt es zu bedenken, welche Möglichkeiten der Überwachung des Menschen durch die neuen Bezahltechniken eröffnet werden. Eine gesunde Portion Skepsis über die Intentionen der Anbieter von elektronischen Bezahltechnologien ist angebracht, denn längst lassen sich durch das Verbinden unterschiedlichster Datenquellen sehr präzise Informationen über jeden Einzelnen generieren. Die Privatheit und damit die individuelle Freiheit sind hierdurch längst beschnitten. Man könnte umgekehrt sogar argumentieren, dass Bargeld einer der letzten Garanten der individuellen Freiheit ist. Wer bar zahlt, hinterlässt keine Spuren und offenbart sich nicht.

Nach den großen Internetanbietern haben auch Supermarktketten damit begonnen, ihre Preise präziser an die Nachfrage anzupassen; ein Effekt, der von Tankstellen hinlänglich bekannt ist. Technisch ist es inzwischen möglich, dass die Preise sogar individualisiert werden, wobei dem elektronischen Bezahlen eine Schlüsselrolle zukommt. Rabatte werden dann nach der Identifizierung und vor allem Klassifizierung des Kunden beim Bezahlen gewährt. Der Kunde ist gläsern geworden.

Die ökonomische Wirkung sollte dabei selbst linken Ökonomen zu denken geben. In dem Moment, in dem die Präferenzen des einzelnen Menschen durch den Computer vorhersagbar werden, können die Preise so individuell gesetzt werden, dass die Konsumentenrente vollständig abgeschöpft wird. Die resultierende Umverteilung zugunsten der Anbieter und zuungunsten der Verbraucher wird erheblich sein, ohne dass dabei auch nur ein Gedanke an eine missbräuchliche Verwendung individueller Daten verwendet wurde. Bargeld ist ein wirksamer Schutz vor dieser Umverteilung.

Alles in allem zeigt sich also, dass der Vorschlag, das Bargeld abzuschaffen, in die falsche Richtung weist. Die Einschränkungen der individuellen Freiheit, aber auch die Umverteilungswirkungen dieser Maßnahme sind zu groß, um sie ernsthaft zu einer politischen Priorität machen zu wollen. Ohnehin ist die grundsätzliche Herangehensweise Bofingers an die Frage, wie wir mit dem Bargeld umgehen wollen, falsch. Ob es in der Zukunft noch Bargeld geben sollte, gehört nicht, wie von ihm vorgeschlagen, auf die Agenda der G7, sondern wird eine originäre Entscheidung des Marktes sein, auf dem bares und elektronisches Geld gegeneinander konkurrieren.

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