Gastbeitrag
„Mehr Psychologie wagen!“
Warum eine psychologisch informierte VWL gute Argumente gegen staatlichen Interventionismus liefert

Drei Thesen möchte ich aufstellen, welche nach meinem Eindruck gerade unter Ordnungs­ökonominnen und Ordnungsökonomen zu wenig anerkannt werden. Die zentrale These Nummer 3 werde ich dann ausführlicher entwickeln.

  • Eine Beobachtung: Die VWL befindet sich seit nunmehr mindestens zwei Dekaden im mühsamen Prozess einer paradigmatischen Öffnung hin zur Nachbarwissenschaft Psychologie.
  • Eine Empfehlung: Ordnungsökonomen sollten sich diesem Prozess nicht verweigern, etwa durch stures (und oft unreflektiertes) Festhalten an überkommenen Varianten des Homo Oeconomicus; andernfalls riskieren sie die endgültige Marginalisierung innerhalb der Profession.
  • Der oft gehörte Einwand, die Integration psychologischer Erkenntnisse in die Ökonomik berge problematische Politikimplikationen, beruht auf einer verkürzten Wahrnehmung dessen, was es heißt, psychologische Erkenntnisse in die Ökonomik zu integrieren.

Um zu illustrieren, was ich mit dieser Art von Einwand meine, sei auf einen etwas älteren Beitrag von Philip Plickert im FAZ-Blog verwiesen. Dort schreibt Plickert (meine Hervor­hebung): „Die Verhaltensökonomik, die seit einigen Jahren schwer in Mode gekommen ist, kehrt [das Paradigma der Aufklärung] um. Sie hält den Menschen ihre Unmündigkeit vor. Mit Experimenten weist sie nach, wie irrational und widersprüchlich wir handeln. Daraus folgt eine paternalistische Agenda: Vater Staat solle die unmündigen Menschen – wie Kinder – vor den Folgen ihrer eigenen Unvernunft schützen. Er soll sie sanft lenken, (be-)steuern und ihr Glück mehren.“

Die von Plickert hier gewählte Strategie findet sich leider in vielen ordnungsökonomischen Beiträgen zum Thema. Man reduziert „die“ Verhaltensökonomik auf die sogenannten „Libertären Paternalisten“ um Cass Sunstein und Richard Thaler; Da man deren Politikempfehlungen ablehnt, wird gleich das ganze Projekt der Integration psychologischer Erkenntnisse in die Ökonomik diskreditiert (z.B. als vorübergehende „Mode“). Das ist nicht nur forschungsstrategisch fatal; es zeugt auch von einem betrüblichen Mangel an genuin ordnungsökonomischer Intuition. Wer als Ökonom psychologische Erkenntnisse ernst nimmt, muss keineswegs im Paternalismus landen (sei er sanfter oder harter Natur), ganz im Gegenteil.

Ich will das anhand dreier Punkte zeigen: Bevor man als Ordnungsökonom die Behauptungen mancher (durchaus prominenter) Verhaltensökonomen unkritisch wiedergibt, empfiehlt es sich, einen Moment lang über Ideengeschichte, Politische Ökonomie und Methodologie nachzudenken – drei Felder, die früher einmal durchaus zu den komparativen Vorteilen einer ordnungs­ökonomischen Ausbildung zählten.

  • Zur Ideengeschichte: Das Projekt einer psychologisch informierten Ökonomik wurde bereits von vielen großen Vertretern der Zunft propagiert und vorangetrieben – freilich avant la lettre. Um nur drei Beispiele zu nennen: Adam Smith, Friedrich August von Hayek und etwa James Buchanan arbeiteten mit Verhaltensmodellen, die weit über den eng verstandenen Homo Oeconomicus hinausgingen – und doch sind sie kaum als Freunde staatlichen Paternalismus im Gedächtnis geblieben. Bereits dieser Hinweis sollte Gründe genug liefern, nicht Thaler, Sunstein und Co auf den Leim zu gehen und vorschnell von der Akzeptanz positiver Erkenntnisse einer psychologisch informierten Ökonomik auf bestimmte normative Politikimplikationen zu schließen.
  • Zur Politischen Ökonomie: Fast schon trivial ist der Hinweis darauf, dass „die Politik“ wohl kaum von all den kognitiven „Biases“ verschont sein wird, die laut Verhaltens­ökonomik den gemeinen Marktteilnehmer plagen: Vom Medianwähler über die Politikerin bis hin zur Bürokratin haben wir es mit gewöhnlichen Menschen zu tun, die aus Sicht einer „Behavioral Political Economy“ nicht nur notorisch schlecht informiert und eigennützig, sondern auch „irrational“ sind und zudem durch staatliche Interventionen möglicherweise bestehende Biases eher noch verstärken können. Eine psychologisch informierte Ökonomik führt hier fast unmittelbar zu einer gesunden Skepsis gegenüber jeder Ausweitung staatlicher Tätigkeit.
  • Mein dritter Punkt ist methodologischer Natur und etwas komplexer: Verhaltens­ökonomik ist nicht gleich Verhaltensökonomik. Grob vereinfacht kann man zwischen einer – zugegebenermaßen derzeit dominanten – „neuen“ (Kahneman, Thaler,…) und einer „alten“ Verhaltensökonomik (Simon,…) unterscheiden, und einer der wichtigsten Unterschiede liegt in den unter­schiedlichen Begriffen von „Rationalität“. Nochmals grob vereinfacht: Erstere nutzt den Homo Oeconomicus traditionell nicht nur als positiven Quasi-„Idealtyp“, um vor dieser Folie Abweichungen als „Biases“ identifizieren zu können; sie verwendet ihn vor allem auch als normatives Rollenmodell, um die so erkannten Abweichungen als „Fehler“ zu kennzeichnen, die paternalistischer Korrektur bedürfen (möglich auch, dass die „neue“ Verhaltensökonomik generell die normative Lesart der so verstandenen Rationalität fördert). Wichtig ist nun aber der Hinweis, das dies nicht der einzige Weg ist, psychologische Erkenntnisse in die Ökonomik zu integrieren! Die „alte“ Verhaltensökonomik im Stil eines Herbert Simon – ein aktuell prominenter Verfechter ist Gerd Gigerenzer – hat sich schon seit langem von der Dominanz des Homo Oeconomicus gelöst und propagiert auch in normativer Hinsicht das alternative Konzept der „ökologischen Rationalität“. Rational ist dann nicht, wer vollkommen konsistent handelt, sondern, wer mit seiner Strategie Erfolg hat, etwa in monetärer oder hedonischer Hinsicht. Erfolg stellt sich ein, wenn unsere allzu menschlichen Heuristiken zu den situativen Bedingungen passen, mit denen wir konfrontiert sind. Was die der „neuen“ Verhaltensökonomik verpflichteten Libertären Paternalisten als „Fehler“ wahrnehmen (nämlich: Abweichungen vom Homo Oeconomicus-Verhalten), ist zumeist adäquater als Hinweis darauf zu deuten, dass menschliches Handeln einer eigenen („adaptiven“) Rationalität folgt, die von herkömmlichen ökonomischen Modellen nicht erfasst wird. Mit anderen Worten: „The identification of errors is only a methodological tool used to understand how the cognitive system operates rather than the ultimate goal of the research“ (Rachlinski 2003: 1169).

Um überhaupt normative Implikationen aus einer Menge positiver Erkenntnisse entwickeln zu können, braucht es natürlich einen normativen Ausgangspunkt. Typischerweise greifen Ökonomen zu diesem Zweck auf ihren wohlbekannten Begriff von „Wohlfahrt“ zurück. Demnach ist ein Individuum bessergestellt, insoweit seine gegebenen Präferenzen befriedigt werden. Nutzen läßt sich dieses Konzept dann, wenn die gegebenen Präferenzen konsistent sind – in einer „verhaltensökonomischen Welt“ ist gerade das aber nicht notwendigerweise der Fall, d.h. der traditionelle Wohlfahrtsbegriff ist hier nicht mehr ohne weiteres anwendbar. Dem ökonomischen Politikberater bleiben dann zwei Optionen:

Entweder betreibt er weiterhin normative Ökonomik, bevorzugt in sozialvertragstheoretischer Manier, muss dann aber eine Vorstellung der „Interessen“ realer Individuen entwickeln, die auch bei inkonsistenten Präferenzen plausibel ist. Der libertäre Verhaltensökonom Robert Sugden etwa arbeitet an dieser Aufgabe seit rund 15 Jahren; er bezieht sich dabei auf die wohlbekannte Einsicht, dass Märkte zu ihrem Funktionieren keineswegs auf superrationale Marktteilnehmer angewiesen sind.

Oder der ökonomische Politikberater gibt die normative Ökonomik auf und beschränkt seine Rolle darauf, pragmatisch die bestmöglichen Instrumente zur Erreichung gesellschaftlich vorgegebener Ziele zu finden, wie es etwa Raj Chetty in einem vielzitierten aktuellen Beitrag empfiehlt.

Nach meiner persönlichen Einschätzung werden die meisten Ordnungsökonomen den ersten Weg wählen wollen – sie sind dann gut beraten, sich mit der Frage zu befassen, wie man jenseits orthodoxer Wohlfahrtskonzepte liberal und zugleich offen für verhaltensökonomische Erkenntnisse bleiben kann. Vermutlich wird ein stärkerer Austausch mit der Ethik notwendig sein, etwa wenn es darum geht, die Bewahrung individueller Autonomie (in Zeiten von Algorithmen und Big Data) als ökonomisches Politikziel zu konzeptualisieren. Das ist nicht einfach – aber weitaus lohnender als ad nauseam weiter auf dem „Libertären Paternalismus“ einzudreschen.

 

8 Antworten auf „Gastbeitrag
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Warum eine psychologisch informierte VWL gute Argumente gegen staatlichen Interventionismus liefert

  1. Eine Chance für die ordnungsökonomische fundierte Verhaltensökonomik

    Der hervorragende Beitrag von Christian Schubert behandelt die aus Sicht viele Ordnungsökonomen brisante Thematik in der hier gebotenen Wissenschaftlichkeit. Auch wenn vielfach suggeriert wird, dass die Anwendung verhaltensökonomischer Erkenntnisse ordnungspolitisch eher problematisch erscheint, so wird dieser Standpunkt in der Regel nicht völlig überzeugend belegt.

    Daher finden sich sehr wohl auch Ordnungsökonomen, die die Integration dieser Erkenntnisse sehr begründet für geboten halten, etwa am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Michael Hüther, Dominik Enste). Unbedingt empfehlenswert ist insbesondere auch das neue Lehrbuch des zweifellos ordnungsökonomisch denkenden und argumentierenden Thomas Döring: Öffentliche Finanzen und Verhaltensökonomik, Berlin 2015. Das sehr lesenswerte Werk zeigt klar auf, dass trotz vielversprechender früherer Ansätze „verhaltenspsychologische Effekte bislang lediglich punktuell und damit nicht systematisch innerhalb der traditionellen Finanzwissenschaft berücksichtigt wurden“ (S. 8) und trägt gekonnt dazu bei, diese Lücke zu schließen.

    Ebenfalls scheinen die differenzierten Analysen etwa von Gebhard Kirchgässner zum Thema „sanfter Paternalismus“ in Deutschland eher zu wenig rezipiert zu werden. Eine differenziertere Debatte, als sie derzeit insbesondere in den Medien – häufig unterstützt durch süffisante Statements von stark ablehnend eingestellten Ökonomen – zum Thema geführt wird, ist geboten.

  2. Die Idee aus dem empirischen Verhalten von Menschen eine “normative Theorie” abzuleiten, erscheint dem unbedarften Philosophen recht merkwürdig. Was Hume schon im 18. Jahrhundert zu diesem Denkfehler gesagt hat (kann man unter “Humes Gesetz” googeln), ist in der akademischen Philosphie weitestgehend – d.h. über alle mir bekannten Denkschulen hinweg – Konsens.

  3. @ Katrin Lauber: Worauf zielen Sie ab? Verletzen die “Libertären Paternalisten” Humes Gesetz? Nach meinem Eindruck nicht, da sie ihren normativen Ausgangspunkt klar benennen. Wenn Sie statt zu googeln meinen Aufsatz nochmals gründlich lesen würden: “…um überhaupt normative Implikationen aus einer Menge positiver Erkenntnisse entwickeln zu können, braucht es natürlich einen normativen Ausgangspunkt…”

  4. ..na dann wünsche ich Ihnen bei der wissenschaftlichen Bestimmung Ihres “normativen Ausgangspunktes” schon mal viel Erfolg!

  5. @Katrin Lauber Was Sie offenbar nicht verstehen (wollen): Ein normat. Ausgangspunkt muss nicht “wissenschaftl. bestimmt” werden – er ist ein VORSCHLAG an die souveränen Bürger in einer hypothet. gedachten konstit. Versammlung. Empfehlung: Lesen Sie Buxhanan u Vanberg, bevor Sie hier Kommentare ablassen.

  6. @Katrin Lauber Schauen Sie. bevor Sie versuchen, mir hier “Denkfehler”‘ nachzuweisen, lesen Sie nochmal gründlich meinen Post und zeigen mal Ihr eigenes Lit.verz. (denn ich hab unter Ihrem Nanen nichts! gefunden…)

  7. @Katrin Lauber: Nehmen Sie doch bitte zur Kenntnis, dass libertäre Kritiker (Sie sind einer, nehme ich an), ihre eigenen normst. Ausgangspunktebpflegen! Die sehen Sie
    nicht, ich weiss, aber Sie sind trotzzdem einflussreich.

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