Die Werte der Wirtschaft (11)
Eigener Besitz ist besser als staatliche Angebote
Lehren aus der Verhaltensökonomik

Von Michael Neumann am 4. Oktober 2017
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Michael Neumann
Jade Hochschule, Wilhelmshaven

Die Einkommen und Vermögen in Deutschland sind ungleich verteilt, und die jüngere empirische Evidenz lehrt, dass die Ungleichverteilung der Einkommen und Vermögen in Zukunft weiter ansteigen dürfte, wenn der Staat nicht korrigierend eingreift. Hierzu aber ist eine zunehmende Umverteilungsmaschinerie notwendig. Dies bedeutet, dass immer mehr private Einkommen erst staatliche Hände durchlaufen müssen, um es umverteilen zu können.

Dabei sind zwei Wege denkbar. Erstens lassen sich Einkommen direkt umverteilen – das Einkommen der besser verdienenden Person A wird direkt der schlechter verdienenden Person B zugeschrieben. Zweitens kann der Staat aber auch aus dem Einkommen der Person A – statt es an B weiterzureichen – staatliche Güter herstellen, die dann für beide Personen frei zugänglich sind. Staaten gehen mitunter gerne diesen Weg, weil er sich politisch gut verkaufen lässt (als eine sichtbare Leistung des Staates), weil sich für die betroffenen Personen die Finanzierungsseite der staatlichen Güter schlechter nachvollziehen lässt als ein direkter Umverteilungsmechanismus und weil drittens eine politische Gestaltungsmöglichkeit (Politiker entscheiden über die Art der angebotenen staatlichen Güter) gegeben ist.

Doch dies führt zu immer mehr Kollektiveigentum. Privateigentum aber ziehen Menschen Kollektiveigentum vor – selbst dann, wenn die Quantität und Qualität des Angebotes die gleiche ist.

Dass dies der Fall ist, zeigt die Verhaltensökonomik mit der Literatur zum Besitztumseffekt (oder Endowment Effect). Die Arbeiten in diesem Strang der Literatur gehen unter anderem auf Richard Thaler und den Nobelpreisträger Daniel Kahneman zurück (vgl. Thaler (1980), Kahneman et al. (1990)).

Thaler (1980) beobachtete seinerzeit einen seiner Professoren, einen Weinliebhaber. Seinen Wein kaufte der Professor auf Auktionen; er bezahlte nie mehr als 35 Dollar pro Flache. Der Professor hatte so eine umfangreiche Weinsammlung in seinen Besitz gebracht, von der er ungern Flaschen wieder verkaufte. Wenn er eine seiner Weinflaschen zum Verkauf gab, dann nur zu einem Preis von mindestens 100 Dollar. War ihm die Flasche als Käufer nur maximal 35 Dollar wert, so hatte sie für ihn als Verkäufer – als er also im Besitz der Flasche war – einen nahezu dreimal so hohen Wert.

Folglich steigert der Besitz eines Gutes seinen Wert. Bei einem Verkauf eines Objektes aus dem eigenen Besitz verlangt der Mensch mehr Geld, als er bei einem Kauf desselben Objekts zahlen würde (Kahneman, 2012, S.360). Thaler nannte dieses Phänomen den Endowment Effect (Kahneman et al., 1991, S.194).

Ein zweites Beispiel für den Endowment Effect weist ein Experiment von Kahneman, Thaler und Knetsch (1990) nach: Versuchsteilnehmer wurden in drei gleich große Gruppen eingeteilt, namentlich die Käufer, die Verkäufer und die Wähler. An die Verkäufer wurden Kaffeetassen verteilt. Eine Kaffeetasse war sechs Dollar wert. Die Verkäufer waren jetzt im Besitz dieser Kaffeetasse. Die Käufer konnten nun die Tasse von den Verkäufern erwerben. Zunächst inspizierten die Käufer die Tasse genau und äußerten sich dann dahingehend, wie viel Geld sie für die Tasse zahlen würden. Anschließend mussten die Verkäufer festlegen, zu welchem Preis sie die Tasse verkaufen würden. Die Wähler als dritte Gruppe konnten entweder eine Kaffeetasse oder eine Summe Geld erhalten. Sie mussten hierzu den Geldbetrag angeben, der aus ihrer Sicht genau dem Wert der Tasse entsprach, wo also ihrerseits Indifferenz vorlag. Mit der Gruppe der Wähler sollte der eigentliche, objektive Wert der Kaffeetassen ermittelt werden.

Im Ergebnis boten die Käufer im Durchschnitt nur 2,9 Dollar pro Tasse. Die Verkäufer verlangten hingegen einen Preis von 7,1 Dollar. Somit lag der durchschnittliche Verkaufspreis deutlich über dem Kaufpreis. Er war 2,5mal so hoch. Bei den Wählern lag der durchschnittliche Preis bei 3,1 Dollar – also kaum höher als bei den Käufern. Die Käufer boten damit geringfügig weniger als den von den Wählern geschätzten Preis. Bei den Verkäufern hingegen löste der Besitz der Tasse eine deutliche Wertsteigerung aus.

Ein drittes Beispiel für den Endowment Effect ergibt sich aus den Beobachtungen von Ariely und Carmon (2000): An der Duke University sind Basketballspiele wichtige Ereignisse. Problematisch ist, dass das Stadion relativ klein ist und somit nicht genügend Plätze vorhanden sind. Um direkt bei den Spielen dabei zu sein, zelten die Studenten schon ab Semesterbeginn vor dem Stadion, um sich Tickets zu sichern. Die Eintrittskarten für die wichtigsten Spiele der Saison müssen sogar verlost werden. Ariely und Carmon (2000) befragten in diesem Umfeld die Studenten, die an der Eintrittskartenlotterie teilgenommen haben. Die Teilnehmer wurden, wenn sie verloren hatten, angerufen und gefragt, wie viel sie für ein Ticket zahlen, und, wenn sie Gewinner waren, wie viel sie für ihr Tickt verlangen würden. Die Befragung ergab, dass die Verlierer der Lotterie bereit waren, im Durchschnitt 170 Dollar für eine Karte zu zahlen. Im Gegensatz dazu verlangten die Gewinner im Durchschnitt einen Preis von 2400 Dollar für ihr Ticket. Jeder, der durch den Zufall der Lotterie in den Besitz einer Eintrittskarte gelangt war, bestand für einen Verkauf auf mehr als das Vierzehnfache des Preises, den die potenziellen Käufer – durch Zufall Verlierer der Lotterie – im Schnitt boten.

Dommer und Swaminathan (2013) begründen den Besitztumseffekt zum einen mit dem psychologischen Phänomen der Verlustaversion und zum anderen mit der Theorie vom Puren Besitztum. Dieser Theorie zufolge erzeugt der erworbene Besitz eine Verbindung zwischen dem besessenen Objekt und dem Selbst (Possession-Self-Link), wodurch das Objekt, welches in den eigenen Besitz gelangt ist, höher wertgeschätzt wird. Auf die Ausprägung des Puren Besitztums wirken wiederum drei Faktoren ein: Das Geschlecht, die soziale Selbstaufwertung durch den Besitz und die damit verbundene Identitätsbildung (siehe Abbildung).

Die Experimente von Dommer und Swaminathan (2013, S.1038 f.) belegen, dass nach emotionalen Manipulationen (im Experiment durch eine Aufforderung zur schriftlichen Reflexion über enttäuschende oder unangenehme Ereignisse) der Verkaufspreis von Waren im eigenen Besitz auf Grund der sich durch diesen Besitz ergebenen sozialen Selbstaufwertung ansteigt. Im Experiment wechselten bespielsweise Stifte den Besitzer. In der Kontrollgruppe ohne emotionale Manipulation tritt nur die mit dem Verkauf der Stifte verbundene Verlustaversion zu Tage: Die Käufer boten im Schnitt weniger als einen Dollar; die Verkäufer forderten 1,6 Dollar. Bei vorangehenden emotionalen Manipulationen wollten die Verkäufer 2,5 Dollar für den Stift als Gegenleistung erhalten. Die emotionale Manipulation erinnerte die Verkäufer der Stifte an erlittene Enttäuschungen, so dass ihr Wunsch nach dem Besitz der Stifte verstärkt wurde. Dommer und Swaminathan (2013) interpretieren dies als soziale Selbstaufwertung durch den Besitz bestimmter Waren.

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– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Außerdem spielt die soziale Identität eine Rolle: Angehörige einer Gruppe (in-groups) erhöhten ihre Verkaufspreise bei Objekten, welche Gruppenzugehörigkeit signalisieren, ebenfalls, da die Gruppenzugehörigkeit zu einer Erhöhung ihrer eigenen Wertschätzung führt. Besonders auffallend war, dass Männer eine stärkere Tendenz als Frauen zur Unterscheidung von in- und out-groups hatten – dies führt zu einer deutlicheren Ausprägung des Puren Besitztumseffekts bei Männern. Frauen hingegen haben eine höhere gemeinschaftliche Orientierung, wodurch sie out-groups eher integrieren. Getestet haben Dommer und Swaminathan (2013, S.1039-1041) dies mit dem Verkauf von Taschen mit einem Universitätslogo. Wurde eine Tasche mit Universitätslogo der eigenen Universität verkauft, wollte der Besitzer das mehr als dreifache von dem erhalten, was er beim Verkauf einer sonst gleichwertigen Tasche mit einem Logo einer rivalisierenden Universität einforderte. Frauen forderten auch mehr, aber nicht einmal das Doppelte.

Der Besitztumseffekt wirkt besonders ausgeprägt bei Gegenständen, mit denen sich die Menschen identifizieren können bzw. welche sie länger in ihrem Besitz hatten und somit eine emotionale Bindung zu ihnen aufgebaut haben. Deshalb löst nicht jede Form von Besitz einen Besitztumseffekt aus. So spielt der Besitztumseffekt beim Verkauf von beispielsweise Schuhen durch den Schuhhändler keine Rolle. Für den Händler stellen die Schuhe bereits beim Erwerb lediglich ein Tauschmittel dar. Er erhofft sich, im Austausch für die Schuhe Geld einzunehmen. Die Schuhe werden vom Händler zum Zweck des Tausches gehalten. Es tritt keine emotionale Bindung an den Besitz ein.

Der entscheidende Unterschied zum Kaffeetassenexperiment ist der fehlende Gebrauch des Gutes, und damit die fehlende Freisetzung von Emotionen, die mit dem Gebrauch des eigenen Gutes verbunden sind. Bei routinemäßigen Handelsgeschäften tritt daher auch kein Besitztumseffekt auf. Im Gegensatz zu den Tauschgütern werden die Güter aus den vorherigen Beispielen wie Wein, Basketballtickets oder Kaffeetassen zum eigenen Ge- bzw. Verbrauch verwendet. Die Tatsache, dass sie sich dabei in Privatbesitz befinden, steigert ihren Wert für den Konsumenten enorm.

Der Ge- und Verbrauchswert von Gütern wird – dies lässt sich festhalten – anders wahrgenommen in Abhängigkeit davon, ob sich die Güter im eigenen Besitz befinden oder nicht. Die Zuteilung von eigenem Besitz in einer Wirtschaftsordnung löst somit durch den Besitztumseffekt im Gegensatz zu einer Wirtschaftsordnung mit Kollektiveigentum einen nicht zu unterschätzenden Anstieg der Lebensqualität aus, da eigener Besitz den Wert von Gütern mehr als verdoppeln kann.

Dies spricht für direkte Umverteilung, wenn die Gesellschaft diese als unumgänglich ansieht, und gegen einen weiteren Ausbau staatlicher Angebote.

Literatur:

Carmon, Z. und D. Ariely (2000): Focusing on the Forgone: How Value Can Appear so Different to Buyers and Sellers, Journal of Consumer Research, Vol. 27, No. 3, S.360-370

Dommer, S.L. und V. Swaminathan (2013): Explaining the Endowment Effect through Ownership: The Role of Identity, Gender, and Self-Threat, Journal of Consumer Research, Vol. 39, No. 5, S.1034 – 1050

Kahneman, D. (2012): Schnelles Denken, Langsames Denken, deutschsprachige Ausgabe, München

Kahneman, D., J.L. Knetsch und R.H. Thaler (1990): Experimental Tests of the Endowment Effect and the Coase Theorem, Journal of Political Economy, Vol. 98, No. 6, S.1325-1348

Kahneman, D., J.L. Knetsch und R.H. Thaler (1991): Anomalies: The Endowment Effect, Loss Aversion and Status Quo Bias, The Journal of Economic Perspectives, Vol. 5, No. 1, S.193- 206

Thaler, R. (1980): Toward a Positive Theory of Consumer Choice, Journal of Economic Behavior and Organization, Vol. 1, No. 1, S.39-60

Hinweis: Teile des Textes entstammen dem Artikel „Von Wohlstand und Reichtum“ des Jahresbandes 2017 des Fachbereichs Wirtschaft der Jade Hochschule.

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