Warten auf die „Exit-Strategie“

Von Thorsten Polleit am 27. Dezember 2009
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Thorsten Polleit
Universität Bayreuth

Unter der „Exit-Strategie“ wird zweierlei verstanden. Zum einen das Beenden der Nullzinspolitik, die die Zentralbanken im Zuge der „Kreditmarktkrise“ eingeleitet haben. Zum anderen das Zurückführen der (dadurch) drastisch ausgeweiteten „Überschussreserven“ – also der Kassenbestände, die den Banken zur zusätzlichen Kredit- und Geldschöpfung zur Verfügung stehen.

So erreichten die Überschussreserven der US-Banken im November 2009 einen Rekordwert in Höhe von US$1077 Mrd. – im Vergleich zu einem durchschnittlichen Niveau von nur etwa US$44 Mrd. vor Ausbruch des Finanzmarktdebakels – und entsprachen damit etwa 11% der Bilanzsumme des Bankenapparates.


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Bislang haben die Banken das zusätzliche Zentralbankgeld nicht dazu verwendet, um mehr Kredite zu vergeben und dadurch neues Geld in Umlauf zu bringen. Im Gegenteil. Zum Beispiel haben US-Banken begonnen, ihre Kreditengagements zurückzuführen und ihre Bilanzsummen gesund zu schrumpfen („De-leveraging“ und „De-risking“). Diese Entwicklung schürt nun Deflationssorgen.


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In der Tat: Wenn Bankkredite zurückgezahlt werden, nimmt die volkswirtschaftliche Geldmenge ab, und früher oder später sinken dann auch die Preise. Das Konjunktur- und Wirtschaftsgebäude, dass durch immer mehr Kredit und Geld – jahrelang bereitgestellt zu immer niedrigeren Zentralbankzinsen – aufgerichtet wurde, fällt in sich zusammen.

Weil die Mehrheitsmeinung in (Geld)Politik und –beratung lautet, die Kredit- und Geldmengen müssen wieder zunehmen, um die Volkswirtschaften aus der Rezession zu führen, wird das Ausweiten der Überschussreserven begrüßt und als „richtig“ und „nicht-inflationär“ eingestuft. Bei genauer Betrachtung erscheint eine solche Sicht der Dinge jedoch nicht angemessen zu sein.

  1. Banken werden früher oder später die Überschussreserven einsetzen (müssen), um Gewinne zu erzielen. Denn sie müssen die Zins- und Tilgungszahlungen verdienen, die sie ihren Investoren und Kunden auf Termin- und Spareinlagen und Bankschuldverschreibungen versprochen haben, und sie brauchen Gewinne, um neues Eigenkapital aufzubauen. Banken werden daher neue Kredite vergeben oder, wenn dies aufgrund des knappen Eigenkapitals nicht möglich ist, Staatsanleihen kaufen und monetisieren.
  2. Technisch gesprochen ist es für Zentralbanken zwar jederzeit möglich, die Überschussreserven zu reduzieren – schließlich halten sie das (Zentralbank)Geldangebotsmonopol. Das Beenden der Geldmengenvermehrungspolitik dürfte sich jedoch dann als heikel erweisen, wenn sich Zentralbanken das Ziel „Finanzmarktstabilität“ und damit de facto die Förderung der Geschäftssituation der Banken zur Aufgabe gemacht haben – wie dies in den letzten Jahren geschehen ist.
  3. Banken haben im Zuge der Finanzmarktkrise zweifelsohne eine erhöhte Nachfrage nach „Vorsichtskasse“. Damit die steigende Geldnachfrage nicht die (Kurzfrist)Zinsen in die Höhe treibt, haben die Zentralbanken das Zentralbankgeldangebot ausgeweitet. Wenn die Kassenhaltung der Banken sich wieder „normalisiert“ und Vorsichtskasse abgebaut wird, kann die Zentralbankgeldmenge „geräuschlos“ zurückgeführt werden. Banken nehmen die Wertpapiere, die zu Absicherungszwecken („Collateral“) an die Zentralbank übertragen wurden, zurück, und gleichzeitig zahlen sie das Zentralbankgeld an die Zentralbank zurück. Auf diese Weise verschwindet die Überschussreserve und damit auch das Inflationspotential.
  4. Was aber, wenn die Überschussreserven nicht die Vorsichtskassenhaltung widerspiegeln, sondern wenn sie vor allem dadurch entstanden sind, dass die Zentralbanken den Banken „wertgeminderte Papiere“ (oder „Troubled Assets“) im Tausch gegen neues Zentralbankgeld abgenommen haben, um so zu verhindern, dass Abschreibungen das Eigenkapital der Banken vermindern oder gar aufzehren? Würden Banken dann aufgefordert, ihre Papiere zurückzunehmen, würde ihr Eigenkapital wieder „belastet“. Mit einem Zurückführen der Überschussreserven würden also die Probleme (Pleiten und „Credit Crunch“) wiederkehren, die mit dem Ausweiten der Zentralbankgeldmenge entschärft werden sollten.
  5. Die Überschussreserven könnten zwar „stillgelegt“ werden, indem die Mindestreservepflicht der Banken angehoben wird. Das jedoch erhöht die Kosten der Bankenrefinanzierung – und damit unweigerlich auch die Kreditkosten für Unternehmen, Konsumenten und staatliche Kreditnehmer –, ein derzeit (geld)politisch wohl nicht gewünschtes Ergebnis; und vor allem würde sich so die Gewinnsituation der Banken nicht verbessern.

Sollte also das Auffüllen von Bankbilanzlöchern mit Zentralbankgeld den Großteil der Überschussreserve erklären, dürfte eine (präventive) Exit-Strategie wohl auf sich warten lassen. Und vermutlich bedarf es dann wohl erst „sichtbarer“ Inflation(sschäden), bis die Geldpolitiken zu Zinserhöhungen und einem Eindämmen der Überschussreserven schreiten. Die Faustformel lautet: Je höher (kleiner) die (geld)politische Bereitschaft ist, Banken Pleite gehen zu lassen, desto geringer (höher) wird die Inflation sein.

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2 Reaktionen zu “Warten auf die „Exit-Strategie“”

  1. Arne Krueger

    Haha, ja, das ist der Witz des Jahrhunderts. Am Ende wird man erkennen müssen, was der wahrhaft große Ponzi war.

    1939 hat Time Hitler als Mann des Jahres ausgezeichnet. 2009 soll es also Bernanke sein. Ich meine es ist einfach so unfassbar, dass man es in Worten eigentlich gar nicht mehr ausdrücken kann. In der Time steht doch nicht wirklich niedergeschrieben, dass Bernanke die Weltwirtschaft vor dem Kollaps gerettet hat. Moment mal, was hat er denn gemacht ? Hat er nicht den größten Häusermarkt der Welt auf die Bilanzseite des Staates geschoben ? War es nicht unter seiner Schirmherrschaft, dass er weite Teile des privaten Bankensystems verstaatlichte ( oder zumindest regulatorisch massiv eingriff ) ? Und dieser Mann soll uns „gerettet“ haben, bei all dem was uns Geschichte lehrt ? NEIN, er hat es schlimmer gemacht, denn nichts wurde bereinigt. Das ist ja das Hauptproblem. Niemand sieht, dass durch die Eingriffe kein Problem gelöst wurde.

    Wie unfassbar falsch die meisten Kommentatoren liegen wird sich sicherlich erst noch zeigen; aber eines ist sicher: der Kollaps des heutigen Währungssystems steht bevor – die Frage ist nur wie. Denn die Währung ist das Equity des Landes. Und wenn man keine performing assets sondern nur inflationierte Preise vorweisen kann ist es logisch, dass die Währung nichts wert ist.

    Der Exit gelingt sicherlich, wie Sie es hier anführen, nur durch Inflation. Aber wie ich hier bereits mehrfach versucht habe zu erklären, kann man die verschiedensten Marktteilnehmer nicht verschaukeln. Irgendwo im System finden sich imbalances immer wieder und je länger wir dies hinauszögern desto massiver wird der Konflikt.

    Damit ein schönes neues Jahr !

  2. Friedrich

    Wie können Sie nur so vom „Mann des Jahres sprechen“? Da könnten Sie ja auch TARP und Paulson „niedermachen“. Und wie man nicht sehen kann, daß nur „billigeres“ Geld die Rettung bringen wird, ist ja geradezu „unglaublich“

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