BücherMarkt:
Ökonomische Theorie als politische Ideologie?

Der Titel dieses Beitrages ist, allerdings ohne das Fragezeichen, zugleich der Titel eines Buches von Hans Albert. Die Erstausgabe, auf Hans Alberts Dissertation aufbauend, wurde bereits 1954 veröffentlicht, damals noch als Ökonomische Ideologie und Politische Theorie. Nun, 55 Jahre später, ist bei Mohr Siebeck die dritte Auflage erschienen. Dieser lange Zeitraum ist aus verschiedenen Gründen interessant. Einerseits, weil Hans Albert im Vorwort selbst darauf hinweist, daß er einige seiner früheren Positionen heute nicht mehr einnimmt. So stellt er klar, daß er damals (und dies betrifft nur den ersten Teil des vorliegenden Buches) von einem wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus argumentierte, der mit dem kritischen Rationalismus, deren exponiertester Vertreter in Deutschland er später wurde, nichts zu tun hatte. Andererseits ist dieses Buch mit seiner langen Geschichte aber auch interessant, weil trotz allem einiges von seiner damaligen Kritik an der ökonomischen Theorie immer noch aktuell ist.

Der wesentliche Einwand Hans Alberts gegen die Ökonomik der 1950er Jahre bestand darin, daß sie zugleich eine normative und eine erklärende Wissenschaft sein wollte — und keine dieser beiden Rollen überzeugend spielte. Das Ziel der Kritik war die allgemeine Gleichgewichtstheorie, an der Albert vor allem bemängelte, daß sie allenfalls dazu dienen könnte, einen scheinbar ökonomisch effizienten Preisvektor zu ermitteln — daß sie aber als statisches System simultaner Gleichungen niemals echte ökonomische Entwicklungen erklären könne. Hierzu fehlte, so Albert, der allgemeinen Gleichgewichtstheorie schon allein die Dimension der Zeit. Von allen anderen Unzulänglichkeiten — die Rede ist etwa von einer falschen Anthropologie — ganz zu schweigen.

Zweifellos ist einiges davon immer noch ein Problem. So ist der Nachweis einer Tendenz zu einem allgemeinen Gleichgewicht unter realistischen Annahmen eine Aufgabe, mit der sich Theoretiker noch immer beschäftigen (siehe etwa Herbert Gintis, The Dynamics of General Equilibrium, Economic Journal 117 (2005): 1280-1309). Anders sieht es mit dem schon damals kritisierten und seitdem regelmäßig für tot erklärten homo oeconomicus aus. Er hat überlebt, ist als alltäglicher Ausgangspunkt ökonomischer Forschung sogar so putzmunter wie eh und je. Allerdings ist er inzwischen ein anderer: War homo oeconomicus früher tatsächlich der ständig rechnende, immer alles wissende Rationalclown, so taucht er inzwischen in den Modellen als jemand auf, der es rational finden kann, keine Informationskosten zu tragen und daher ignorant durchs Leben zu gehen. Oder auch als jemand, der sich lieber an verläßlichen Institutionen orientiert, als andauernd Kalkulationen durchzuführen, die ihm hohe kognitive Kosten verursachen. Homo oeconomicus ist also menschlicher geworden, realistischer, und die ökonomische Theorie ist damit, jedenfalls in immer mehr modernen Ansätzen, ein gutes Stück über die falsche Anthropologie hinaus, die Hans Albert damals zurecht kritisierte.

Auch einige andere Kritikpunkte, die Hans Albert damals vorbrachte, treffen die moderne Ökonomik nicht mehr, oder jedenfalls nicht so stark wie früher. In langen Passagen des Buches wird beispielsweise der Hinauswurf der Psychologie aus der ökonomischen Theoriebildung kritisiert. Zwar gibt es zweifellos immer noch einzelne Spezialgebiete der Ökonomik, die ein mehr oder weniger isoliertes Dasein fristen. Insgesamt jedoch hat mit der Entwicklung einer verhaltenswissenschaftlich orientierten Ökonomik in den letzten Jahren die Offenheit für Denkanstöße von außen deutlich zugenommen, und zwar nicht nur für solche aus der Psychologie. Auch der Austausch zwischen der Ökonomik und anderen Gesellschaftswissenschaften ist inzwischen viel lebhafter als früher.

Es bleibt also der Einwand, daß die Ökonomik auch bei ihrer selbstgestellten normativen Aufgabe versagte. Hans Albert gründet seine Kritik zunächst auf der Feststellung der Unmöglichkeit interpersonaler Wohlfahrtsvergleiche, in späteren Passagen zieht er dann auch das Arrow-Theorem der Unmöglichkeit einer demokratisch beschlossenen, gesellschaftlichen Wohlfahrtsfunktion heran. Ohne hier auf seine Argumentation im Detail eingehen zu wollen, so muß man doch feststellen, daß Albert im wesentlichen Punkt auch heute Recht behält: die normativen Maßstäbe müssen immer von außen kommen, die Ökonomik kann sie nicht aus sich selbst hervorbringen. Andererseits kann aber, wie uns eben jenes Arrow-Theorem informiert, auch die Gesellschaft nicht auf demokratischem Wege zu widerspruchsfreien normativen Maßstäben gelangen. Was bleibt also von der normativen Ökonomik, wenn es den einen zum gesellschaftlichen Optimum führenden Preisvektor gar nicht geben kann?

Für Hans Albert steht jedenfalls fest, daß man als Begründung für eine Forderung nach freien Märkte und ungehindertem Wettbewerb nicht einfach das Argument der Gemeinwohlmaximierung heranziehen kann, so wie es zweifellos Generationen von Ökonomen getan haben und manchmal noch tun. Die allgemeine Gleichgewichtstheorie ist für Albert als positive Theorie so unzureichend, daß eine entsprechende Kausalbeziehung überhaupt nicht als empirisch überprüfbare Hypothese aus ihr abzuleiten ist. Aber selbst wenn man ihm empirische Evidenz für eine Tendenz zum allgemeinen Gleichgewicht vorgelegt hätte, dann hätte immer noch sein entscheidender Einwand Bestand gehabt, nach dem es keinen Grund gibt, dem im allgemeinen Gleichgewicht ermittelten Preisvektor irgendeine besondere normative Bedeutung zuzuschreiben.

Natürlich erscheint aus heutiger Sicht die Fixierung der Argumentation auf die allgemeine Gleichgewichtstheorie als zu eng. In den 55 Jahren seit Erscheinen der Erstauflage des Buches hat sich eine unüberschaubar breite Literatur angewandter ökonomischer Theorie entwickelt, die empirisch testbare Hypothesen bezogen auf alle nur denkbaren ökonomischen und gesellschaftlichen Fragestellungen formuliert. Vor allem wurde die Ökonomik in einem damals nicht vorhersehbaren Ausmaß zu einer empirischen Wissenschaft. In Alberts Terminologie: Die Ökonomik liefert heute erhebliche, positive Beiträge zur Analyse der Realmöglichkeiten. Unsere Disziplin kann die Gesellschaft viel zuverlässiger über die Folgen und Kosten politischer und institutioneller Entscheidungen aufklären, als die populäre Ökonomiekritik das wahrhaben will. Dennoch bleibt der wunde Punkt, auf den Albert hinweist. Wenn wir aus Informationen über die relative ökonomische Effizienz alternativer politischer Entscheidungen automatisch schließen, daß die ökonomisch effizienteste Variante unbedingt verwirklicht werden sollte, dann betreiben wir tatsächlich ökonomische Theorie als politische Ideologie.

Die entscheidende Antwort auf die Frage, welche Rolle die Ökonomik (oder jede andere Gesellschaftswissenschaft) stattdessen spielen sollte, wenn sie nicht zur politischen Ideologie degenerieren will, findet man auf Seite 161: Die durch den Sozialprozeß erreichbaren Entscheidungen sind weder Offenbarungen des Gemeinwillens oder einer anderen platonischen Instanz, noch Resultate einer mathematischen Transformation von vornherein feststehender und unverbundener Einzelinteressen, sondern in der Diskussion zwischen in ihren Informationen und Interessen nicht übereinstimmenden Individuen ausgehandelte und jederzeit revidierbare Kompromisse, die keine höhere Wahrheit für sich in Anspruch nehmen können. Nur indem sie ihre Ergebnisse und Methoden in diesen Prozeß der sozialen Willensbildung einbringt, kann die Wissenschaft zur rationalen Gestaltung der Politik beitragen. Es geht, knapp formuliert, also nicht darum, eine (politische oder institutionelle) Alternative als die eine, rationale Wahl zu identifizieren. Das Ziel sollte vielmehr sein, eine rationale gesellschaftliche Diskussion über Alternativen zu ermöglichen, indem man die Öffentlichkeit über diese Alternativen und ihre Folgen aufklärt.

Das hier besprochene, lange gereifte Buch ist nur auf den ersten Blick altmodisch. Man irrt, wenn man glaubt, aus dem Festbeißen an frühen Versionen der allgmeinen Gleichgewichtstheorie schließen zu können, daß man hier bestenfalls nur noch ideengeschichtlich interessante Argumente finden werde. Sicherlich, die Ökonomik als positive Wissenschaft ist heute eine ganz andere. Aber die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnis in gesellschaftliche Entscheidungen einfließen sollte, ist immer noch die gleiche. Und damit ist das Buch hochaktuell.

8 Antworten auf „BücherMarkt:
Ökonomische Theorie als politische Ideologie?“

  1. Lieber Jan,

    ein wie immer anregender Beitrag, der aber zum Widerspruch reizt:

    – Ich kann mir schwer vorstellen, daß Hans Albert Deine unkritische Begeisterung über den heutigen Zustand der Ökonomik teilen würde. Die Verhaltensökonomik ist Jahrzehnte entfernt von einer allgemeinen Anerkennung (selbst ihrer basalen methodischen Grundlagen) in der Zunft. Das Bild, das Du vom vermeintlich neuen „Homo Oeconomicus“ zeichnest, hat mit verhaltensökonomischen Erkenntnissen kaum etwas zu tun.

    – viel wichtiger aber ist Deine Einschätzung bzgl. des angeblich rückständigen Zustands der „normativen Ökonomik“. Wen genau meinst Du? Ich vermute hier ein Mißverständnis. „Normative Ökonomik“ i.e.S. ist nicht Effizienzpredigertum auf der Ebene ökonomischer Praktiker, sondern das systematische Nachdenken über die Bedeutung, Begründbarkeit (nicht: Letzt-Begründbarkeit) und Operationalisierung von Begriffen wie „Wohlfahrt“ und „Effizienz“ sowie über die Beziehung dieser Begriffe zu anderen Werten wie „Freiheit“, „Gerechtigkeit“ (kommutativer oder distributiver Art), „Konsens“, usw. Seit einigen Jahren gibt es darüber eine lebhafte Diskussion im Lichte verhaltens- und evolutionsökonomischer Einsichten in die Inkohärenz und Wandelbarkeit von Präferenzen, an der sich etwa Amartya Sen, Robert Sugden, James Konow, Ken Binmore, Daniel Kahneman, Viktor Vanberg, Bruno Frey und auch die Vertreter des „Libertarian Paternalism“ (Thaler, Sunstein, Rabin, Loewenstein, Camerer,…) beteiligen. Ein breites Spektrum. Ich wüßte nicht, wer von den Genannten den von Dir zitierten Satz Alberts (S. 161 des besprochenen Buches) ernstlich zurückweisen würde.
    So wichtig Alberts dort und in seinen späteren Werken (zB dem „Traktat über kritische Vernunft“, 5. Aufl., 1991) formulierte Kritik ist, indem sie den Status normativer Aussagen von Ökonomen relativiert, so ist die Klärung dieser „Statusfrage“ doch nur der allererste Schritt. In einem zweiten Schritt geht es darum, Alberts Erkenntnis zu beherzigen, daß es möglich ist, in bestimmten Grenzen rational über alternative normative Aussagen zu diskutieren (vgl. seine „Brückenprinzipien“, TKV, 1991: 76ff, 92f.), da sie ja stets (i.d.R. implizit) auf bestimmten positiven Hypothesen beruhen. Und genau das geschieht ja derzeit in der verhaltensökonomisch informierten normativen Ökonomik: Wenn Wohlfahrt nicht mehr schlicht mit der „Befriedigung gegebener (und „rationaler“?!) Präferenzen“ gleichgesetzt werden kann, eben weil reale Präferenzen oft weder „gegeben“ noch „rational“ sind, wie könnten dann alternative Wohlfahrtsbegriffe aussehen, die als Vorschläge Eingang in den gesellschaftlichen Diskurs über institutionelle Verbesserungen finden können? Am Ende könnte eine (versuchsweise) Rechtfertigung marktlicher Lösungen stehen, die sich nicht bloß auf das wacklige Fundament statischer Effizienzkriterien stützen muß.

  2. Lieber Christian,

    zunächst mal: frohes neues Jahr!

    Zu den Kritikpunkten:

    i) Ich bin mir ziemlich sicher, daß Hans Albert mit dem aktuellen Stand der Ökonomik nicht zufrieden ist. Darauf deutete jedenfalls seine Thünen-Vorlesung hin. Übrigens bin ich selbst auch nicht unkritisch vom Zustand der modernen Ökonomik begeistert. Aber wenn Du nicht siehst, was für fundamentale Veränderungen es in den letzten zehn, zwanzig Jahren gab und stattdessen immer noch Kämpfe aus den 1980ern ausfechten willst, dann finde ich das schon etwas ärgerlich. Meine Güte, Leute wie Bowles oder Kirman publizieren im QJE. Kann man da wirklich noch behaupten, daß der Mainstream sich hermetisch gegen alles Heterodoxe abriegelt? Oder ist er nicht vielmehr längst mit der Verdauung beschäftigt? Klar gibt es Milieus, die konservativer sind als andere – man denke an VfS-Jahrestagungen! – aber insgesamt sehe ich viel mehr methodische Offenheit als früher.

    ii) Der Begriff von „normativer Ökonomik“, so wie Du ihn abgrenzt, wirft glaube ich einiges durcheinander. Wenn es um die Analyse von Beziehungen zwischen normativen Begriffen wie „Freiheit“, „Effizienz“, „Gerechtigkeit“ geht, dann helfen uns ja letztendlich nur positive Erklärungsansätze. Man nimmt ein irgendwie definierten Begriff von Effizienz und einen irgendwie definierten Begriff von Gerechtigkeit und fragt sich, wie weit man sich vom Gerechtigkeitsideal entfernt, wenn man mehr Effizienz will. Positive Ökonomik kann uns über die Tradeoffs aufklären. Das würde ich also noch gar nicht der normativen Ökonomik zurechnen. Gleiches gilt letztendlich für die Möglichkeit, normative Aussagen kritisch zu diskutieren. Auch da besteht unsere Aufgabe darin, zu erklären und zu verstehen und mit dem so erworbenen Wissen kritisch zu hinterfragen, ob z.B. bestimmte gesellschaftlich gewünschte Zielkombinationen überhaupt realisierbar sind.

    Auf der anderen Seite die Frage, wie man Begriffe wie „Effizienz“, „Gerechtigkeit“ etc. überhaupt mit Inhalt füllt. Natürlich ist es wichtig, das zu diskutieren. Auch, daß sich die Ökonomen (mehr) Gedanken darüber machen, was eigentlich hinter ihren Effizienzmaßstäben genau steckt, unter welchen Bedingungen diese tatsächlich zu sinnvollen Aussagen führen, wo eigentlich die sozialphilosophischen Wurzeln sind — all das ist wichtig. Genauso wie Frage, wie sich all das mit den Ansätzen anderer Gesellschaftswissenschaften verträgt.

    Aber das ist nicht die normative Brot-und-Butter-Ökonomik, wie wir sie heute immer noch, und fast genauso wie vor fünfzig Jahren, in so unendlich vielen Papieren finden. Da tut sich in der positiven Ökonomik so viel Aufregendes, aber dann werden auf der anderen Seite immer noch Politikempfehlungen hergeleitet, indem Wohlfahrtsfunktionen maximiert werden. Und da paßt einfach vieles von dem, was Hans Albert in den 1950ern schrieb, immer noch wie die Faust aufs Auge, denke ich.

  3. Lieber Jan,

    – ja, all die „fundamentalen Veränderungen“ – großartig. Aber ist es der Sinn und Zweck verhaltens- und evolutionsökonomischer Forschung, sich „verdauen“ zu lassen? Es geht dabei ja nicht um rationale Ignoranz un rationale Regelbindung (die von Dir im Blogbeitrag erwähnten Beispiele). Das waren Themen der 1980er. Um ein neueres Beispiel zu nennen: Werden verhaltensökonomische Erkenntnisse schlicht in den guten alten Maximierungs/Gleichgewichts-Rahmen eingefügt, oder sollte man das vielleicht eher kritisch sehen und alternative Ansätze ausprobieren (wie es etwa Gigerenzer, Witt und z.T. Güth tun)? Grundsätzlicher gefragt: Warum muß eigentlich alles in diese große von Dir gefeierte Synthese einfließen? Ist es wissenschaftlich, Kritik am ökonomischen Mainstream (etwa am Homo Oeconomicus-Konzept) als „ärgerlich“ zurückzuweisen?

    – Dein Verständnis von „normativer Ökonomik“ ist eigenartig. Man nimmt dort ja gerade nicht „irgendeinen“ Begriff von „Effizienz“, „Gerechtigkeit“ oder „Freiheit“, sondern man reflektiert über die Bedeutung, Konsistenz, Formalisier- und Operationalisierbarkeit dieser (hochgradig wertgeladenen) Begriffe im Lichte (neuer) positiver Erkenntnisse. Positive Erkenntnisse spielen hier natürlich eine Rolle, das macht das Unternehmen aber nicht zur „positiven Ökonomik“. Ich empfehle zum Verständnis dessen die aktuelle Debatte zwischen Sugden und Sen (etwa in „Utilitas“, 2006) zu den Implikationen verhaltensökonomischer Erkenntnisse in diesem Bereich. Es geht um die Ablösung der traditionell axiomatisch fundierten Wohlfahrtsökonomik durch eine stärker empirisch informierte normative Ökonomik. Wir hatten gerade dazu einen Workshop in Freiburg in Kooperation mit dem Eucken-Institut (Infos auf: http://www.econ.mpg.de/english/news/) Ein aufregendes Thema, das gerade Ordnungsökonomen interessieren sollte.
    Was Du hingegen meinst, wenn Du von „normativer Brot-und-Butter-Ökonomik“ sprichst, ist wohl eher instrumentelle Ökonomik im Sinne von John Neville Keynes (dem Vater von John Maynard; er sprach von „the art of economics“), welche von gegebenen Zielsetzungen (zB einer gegebenen soz. Wohlfahrtsfunktion) ausgeht, ohne diese zu hinterfragen. In Deiner Begriffsabgrenzung bleibt für normative Ökonomik letztlich überhaupt kein Platz – eine Haltung, die etwa von Sen in seinem „Ethics and Economics“ (1987) mit Argumenten kritisiert wird, die geradezu albertianisch klingen…

  4. Lieber Christian,

    manchmal erinnern mich die Diskussionen mit Dir an die Auseinandersetzungen, die man immer mal wieder mit Sozialisten führen kann. Wenn man denen sagt, zu welchen enormen materiellen Wohlstandsgewinnen die Marktwirtschaft über Jahrzehnte führte, dann entgegnen die einem immer, daß man ein Apologet des Status quo sei und Armut in Afrika befürworte. So ähnlich machst Du es auch: Wenn ich darauf hinweise, daß die Volkswirtschaftslehre heute eine andere, methodisch viel offenere ist als noch vor zwanzig Jahren, dann unterstellst Du mir gleich, ich würde den Status quo als beste aller denkbaren Volkswirtschaftslehren verteidigen. So ein Quark.

    Ähnlich der Satz: „Ist es wissenschaftlich, Kritik am ökonomischen Mainstream (etwa am Homo Oeconomicus-Konzept) als “ärgerlich“ zurückzuweisen?“. Wenn Du meinen Kommentar nochmal in Ruhe liest, wirst Du feststellen, daß ich dort das Festhalten an alten Feindbildern, die mit der aktuellen Volkswirtschaftslehre nichts zu tun haben, als ärgerlich bezeichne.

    Also, ich freue mich immer auf Diskussionen, aber dann bitte auch über Dinge, die ich tatsächlich geschrieben habe!

    Und nochmal: Ich bin mir durchaus der Tatsache bewußt, daß normative Ökonomik mehr ist als Wohlfahrtsökonomik. Das Problem ist nur, daß das, was Du als Kern normativer Ökonomik definierst – das Reflektieen von wertenden Begriffen – eigentlich bisher ein eher marginales Forschungsprogramm ist. Das mag man zurecht bedauern. Aber die gängige Praxis ist nun einmal immer noch die damals schon von Albert kritisierte normative „Brot-und-Butter-Ökonomik“: Handlungsempfehlungen für eine „effiziente“ Politik stur über die Maximierung von Wohlfahrtsfunktionen zu erschließen.

  5. Christian Schubert: „Es geht um die Ablösung der traditionell axiomatisch fundierten Wohlfahrtsökonomik durch eine stärker empirisch informierte normative Ökonomik. Wir hatten gerade dazu einen Workshop in Freiburg in Kooperation mit dem Eucken-Institut (Infos auf: http://www.econ.mpg.de/english/news/) Ein aufregendes Thema, das gerade Ordnungsökonomen interessieren sollte.“

    Dazu fällt mir ein unsterbliches Bonmot Gustav Schmollers aus dem Werturteilsstreit vor rund 100 Jahren ein: „Ohne Werturteil schlägt man nicht einmal einen Nagel in die Wand.“

    Das ist offensichtlich wahr und keineswegs aufregend, nicht durch eine „traditionell axiomatisch fundierte Wohlfahrtsökonomik“ abgeleitet, sondern eher das Ergebnis einer „empirisch stärker informierten normativen Ökonomik“.

    Wenn ich mich recht erinnere, hat Gerold Blümle vor Jahren empfohlen, die Klassiker der deutschen Historischen Schule zu lesen. Deutsche Ordnungsökonomen könnten davon einiges lernen. Denn was gelegentlich als neu und aufregend bezeichnet wird, findet sich längst in den Schriften der als angeblich inkompetent abgelegten Altmeister. Gerade, was die Möglichkeiten und Grenzen normativer Ökonomik betrifft, sollte die Historische Schule und die darüber existierende Sekundärliteratur konsultiert werden.

    (Der Zusammenhang ging durch Eucken verschüttet, der sein theoretisches Hauptwerk als eine klare Abgrenzung von der Historischen Schule verstand. Moderne Autoren wie Goldschmidt und Peukert haben das glücklicherweise relativiert, aber die Originalquelle bleibt von Stackelbergs Rezension von Euckens Hauptwerk,in dem er diesem dessen vermeintliche Abkehr vom Historismus geradezu um die Ohren schlug.)

    Übrigens befasst sich gerade ein „Cluster“ an der Goethe-Universität in Frankfurt mit „normativen Ordnungen“. Vielleicht ergibt sich ja für Forscher an anderen Universitäten die Möglichkeit eines fruchtbaren Austauschs. Ansprechpartner wären, soweit mir bekannt, die Professoren Klump und Schefold.

  6. Lieber Herr Braunberger,
    stimme Ihnen voll zu. Mein „aufregend“ bezog sich eher auf die normativen Implikationen der erwähnten „neuen“ positiven Erkenntnisse als auf die Akzeptanz der Notwendigkeit von Werturteilen. Was die aktuelle Diskussion über eine Neuausrichtung der Wohlfahrtsökonomik betrifft, so beginnt sie – typisch für Ökonomen – an vielen Stellen auch wieder bei Null. Immerhin haben die meisten Teilnehmer die von Ihnen zitierte Schmoller-Einsicht inzwischen nolens volens akzeptiert (Sen hat m.E. dazu entscheidend beigetragen, jedoch ohne sich selbst auf die „Altmeister“ zu berufen). Andererseits findet sich auch immer wieder die Auffassung, Paretianische Kriterien (wie das beliebte Kaldor-Hicks-Kriterium) seien „objektive“, „wertfreie“ Maßstäbe zur Politikbewertung. Folgen wir Albert (und Buchanan) im Herunterschrauben der Geltungsansprüche normativer Folgerungen, dann fällt es womöglich leichter, die Werthaltigkeit dieser Folgerungen zu akzeptieren, ebenso wie die Tatsache, daß sie stets auf bestreitbaren positiven/instrumentellen Hypothesen beruhen (besonders wichtig: sind Präferenzen statisch oder variabel?), denn sie eröffnen ja „bloß“ den öffentlichen Diskurs, statt ihn als in Marmor gemeißelte „Wahrheit“ zu beenden.
    Die eigentlich interessante Arbeit beginnt dann erst: Wie entwickeln wir Vorschläge für (a) Wohlfahrtskriterien, (b) darauf aufbauend Bewertungen sozialer Zustände/Prozesse und (c) letztendlich Politikmaßnahmen, wenn wir davon ausgehen, daß wir es nicht mit einer statischen Welt voller homines oeconomici zu tun haben?

  7. Wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, Fragen des Allgemeinwohls und der politischen Wege dorthin erstens rational zu fassen und zweitens zu diskutieren, dann leisten Ökonomen, welche ihrer Fachdisziplin in gesellschaftspolitischen Fragen etwas zu sehr vertrauen, dennoch und oft etwas Wertvolles: Sie schaffen wichtige Grundlagen für einen rationalen Diskurs über politische Entscheidungsalternativen.

    Interessant finde ich vor allem jene Fälle, wo der „ökonomisch richtige Weg“ sich in Gegensatz zu anderen Werthorizonten bzw. Beurteilungsmaßstäben begibt. Auch dann, wenn Herr Schnellenbach nicht gerade ein Freund der Glücksforschung ist (die dennoch überwiegend sehr empirisch orientiert ist), meine ich, dass in Auswertung dieses Forschungszweiges eine Reihe hoch interessanter Wertungsdifferenzen und Paradoxien gefunden werden können, zudem auch viel versprechende Hinweise darauf, wie die anthropologische Lücke des Homo Oeconomicus verringert werden kann.

    Falls daran Interesse besteht, liefere ich dafür ein paar Beispiele.

  8. Da ich gerade in den „Collected Writings“ blättere, hier Auszüge aus zwei Briefen von John Maynard Keynes an Roy Harrod aus dem Jahre 1938 (Übersetzung von mir):

    „Es scheint mir, dass die Ökonomik ein Zweig der Logik ist, eine Denkweise, und dass Du nicht entschieden genug Versuche zurückweist, sie in eine Pseudo-Naturwissenschaft zu verwandeln. Man kommt nicht sehr weit außer durch die Entwicklung neuer und verbesserter Modelle. Das erfordert, wie Du schreibst, ‚eine wachsame Beobachtung des tatsächlichen Funktionieren unseres Systems‘. Fortschritt in der Ökonomik besteht fast ausschließlich in der fortschreitenden Verbesserung der Modellwahl…

    Aber es gehört zur Essenz eines Modells, dass man es nicht mit realen Werten für die variablen Funktionen auffüllt. Damit würde es als Modell unbauchbar. Denn damit verlöre das Modell seine Allgemeinheit und seinen Wert als Denkweise…

    Die Ökonomik ist eine Wissenschaft des Denkens in Modellen verbunden mit der Kunst, für die zeitgenössische Welt relevante Modelle zu finden. So muss es sein, denn, anders als in den typischen Naturwissenschaften, ist das in den Modellen verwendete Material in zu vielen Hinsichten nicht homogen im Zeitablauf. Das Ziel eines Modells besteht in der Trennung der semi-permanenten oder relativ konstanten Faktoren von jenen, die vorübergehend oder fluktuierend sind…

    Gute Ökonomen sind rar, weil die Gabe zur Auswahl guter Modelle auf der Basis ‚wachsamer Beobachtung‘ sehr selten zu sein scheint, obgleich sie keine hochgezüchteten intellektuellen Techniken verlangt.

    Zweitens ist die Ökonomik wesentlich eine Moralwissenschaft und keine Naturwissenschaft. Das heißt, sie beinhaltet Introspektion und Werturteile. Ich könnte hinzufügen, dass sie sich mit Motiven, Erwartungen und psychologischen Unsicherheiten beschäftigt. Es ist so, als wenn der Fall eines Apfels auf den Boden abhängt von den Motiven des Apfels, ob es sich auf den Boden zu fallen lohnt, davon, ob der Boden den Fall des Apfels wünscht und von falschen Berechnungen des Apfels über seine Entfernung von Zentrum der Erde.“

    Im Jahre 1938 war Poppers „Logik der Forschung“ erschienen, aber ich bis heute bei Keynes keinen Hinweis auf Popper gefunden. Hingegen war er sehr skeptisch gegenüber der Ökonometrie mit einer Begründung, die Jahrzehnte später als „Lucas-Kritik“ berühmt werden sollte.

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