Digitalisierung und Ökonomie
Hat sich alles verändert?*

Digitalisierung als Herausforderung, gerne als Zukunftsvision oder gar als Schicksal, ist momentan Kernthema bei politischen Debatten und –und hat es bei der Bundestagswahl bis auf die Wahlplakate geschafft. Dabei wird häufig über die epische Wucht, mit der alle Bereiche des Wirtschaftens erfasst werden, philosophiert und die Notwendigkeit zum Handeln dargestellt.[1] Meist wird als Fazit das Fördern eines Breitbandausbaus (insb. Glasfaserzugang), Programmieren in der Schule oder Eingriffe gegen große US Konzerne, oder die Beibehaltung von Netzneutralität als Wirtschafts- wenn nicht gleich sogar als Demokratieförderung dargestellt. Es fällt auf, dass die Debatte von einer gewissen Aufgeregtheit geprägt ist: Handeln sollte schnell erfolgen, auf tiefgreifende Analysen muss wegen der drängenden Zeit entweder verzichtet werden oder alte Gesetze gelten nicht mehr.

Betrachtet man die Digitalisierung aus Sicht der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur wurde Informationstechnologie früh als sogenannte General-Purpose-Technologie eingeordnet, die nicht durch sich selbst, sondern durch komplementäre Innovationen und Technologien zu einer Umwälzung und Innovationssteigerung der Wirtschaft führt.[2] Als typische, klassische Beispiele werden oftmals die Dampfmaschine oder auch Elektrizität genannt. Dies unterstreicht die Wichtigkeit, die von einer solchen Technologie ausgeht und auf alle Wirtschaftsbereiche ausstrahlt.

Dies bedeutet aber nicht, das grundlegende wirtschaftliche Sachverhalte und Analysemethoden nicht mehr gelten. Bildung, die geistige Flexibilität und Anpassungsmöglichkeiten zur Bewältigung komplexer Aufgaben anregt scheint auf sogenannten skill-biased technological change, mehr als in der Vergangenheit ein Quell für berufliches Weiterkommen zu sein[3], allerdings darf daran zu zweifeln sein, dass diese Fähigkeiten vor der Digitalisierung schadhaft waren. Marktanalysen und auch die Marktmachtanalyse müssen zwar auf die junge Literatur der 2-Sided-Markets- oder auch Plattformmarktanalyse zurückgreifen, allerdings hindert dies keinen Ökonomen eine, wenngleich nicht unbedingt unkomplizierte, Analyse durchführen zu können.[4]

Die Herausforderung der Digitalisierung bedeutet also nicht, dass alles Wissen umgestürzt und alle Methoden obsolet sind, sondern vielmehr, dass auf viele neue Sachverhalte eine dezidierte Analyse angewandt werden muss. Natürlich erfordert die aktuelle Lage, Lösungen für aktuelle Probleme. Es muss wie immer ex ante durchdacht werden, wie sich eine Politikmaßnahme oder eine Regulierung im Detail tatsächlich auswirken würde. Ein typisches anschauliches Thema ist die Regulierung des Geo-Blocking, d.h. die Sperrung von Inhalten über Landesgrenzen hinweg so wie sie oft bei der Verteilung von digitalen Videoinhalten vorkommt. Hat diese technische Sperrung in einer Zeit offener Europäischer Grenzen und vor dem Hintergrund über einen angestrebten europäischen Digitalraum überhaupt eine Berechtigung? Könnte die Gefahr bestehen, dass bei einem Markteingriff – oder dem Unterlassen eines solchen – wesentliche Innovationen verhindert werden? Diese Frage beantwortete jüngst die EU mit einer, in der öffentlichen Diskussion wenig beachteten Entscheidung, die insb. Geo-Blocking stark einschränkt und nur unter spezifischen Ausnahmen erlaubt.[5] Analysiert man diese Fragestellung wie in einer aktuellen Studie von Hamelmann & Klein (2017) mit einem typischen theoretischen, jedoch auf den Markt für digitale Medienkonsum angepassten, Investitionsmodell ist die Antwort komplex und nicht eindeutig. Ähnlich wie im Bereich der Parallelimporte kann das Verbot von Geblocking zum Verlust von Investitionsanreizen führen. Wie groß diese Gefahr ist, hängt natürlich von den spezifischen Marktkonditionen ab und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Verbot unter speziellen Voraussetzungen auch vorteilhaft sein kann.  Jedoch wird deutlich, dass pauschale Urteile und einfache Lösungen beim konkreten Design von Politikmaßnahmen wenig hilfreich sind. Nötig ist vielmehr eine angewandte, dezidierte wissenschaftliche Analyse und sicherlich auch eine nachträgliche Evaluation von Politikmaßnahmen.

Dasselbe Muster der öffentlichen Argumentation ließ sich jüngst auch im Bereich der Netzneutralitätsregulierung, bzw. der Abschaffung der selbigen ex-ante Regulierung in den USA sehen. Während einige Medien diese Maßnahme direkt als einen Angriff auf die Demokratie und ungezügelten Marktradikalismus werteten[6], ist das Urteil aus ökonomischer Sicht weniger eindeutig und in der Einschätzung von spezifischen Marktkonditionen abhängig.[7] Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Studien und es wird deutlich, dass letztlich eine dezidierte Analyse der spezifischen Marktcharakteristika nötig ist, um tatsächlich mit traditionellen Methoden neue Phänomene zu bewerten zu können.

Alle diese Beispiele zeigen auf, dass bei den gegebenen Herausforderungen der Digitalisierung einfache Plattitüden und Aktionismus wenig nützen, sondern vielmehr ein kühler Kopf, der mit Sorgfalt neue Situationen mit bewährten Instrumenten analysiert und gezielt Anpassungen an bewehrten Modellrahmen an den Stellen vornimmt, wo diese an ihre Grenzen kommen. Wie oftmals in neuen Situationen, bei denen die Gesellschaft mit Veränderungen und Entwicklungen konfrontiert wird, kommt zu schnell der Ausdruck This Time is Different[8], also dieses Mal ist alles anders, zum Vorschein, der Handelnde oftmals zu vorschnellen Aktionen leitet, die ohne dezidierte Analysen wenig durchdacht vorgenommen werden.

Literatur

Bresnahan, T.F. and M. Trajtenberg (1995), General Purpose Technologies:’Engines of Growth’?, Journal of Econometrics, 65 (1), 83-108.

Bourreau, M., F. Kourandi und T. Valletti (2015), Net Neutrality with Competing Internet Platforms, Journal of Industrial Economics, 63(1), 30-73.

Choi, P und B-C Kim (2010), Net neutrality and investment incentives, RAND Journal of Economics, 41(3), 446-471.

Draca, M., R. Sadun, and J. Van Reenen (2007), Productivity and ICTs: A Review of the Evidence, Oxford University Press Inc., New York.

European Commission (2017), Digital Single Market: EU Negotiators Agreed to End Unjustified Geo-Blocking. Press Release IP/17/4781, http://europa.eu/rapid/press-release_IP-17-4781_en.htm [last download 2.12.2017].

Hamelmann und Klein (2017), Removing Geo-blocking: What are the Effects on Innovation for Vertically Differentiated Goods?, CAWM Discussion Paper 100, Münster.

Reinhart, C.M. und K.S. Rogoff (2009), This Time is Different, Princeton University Press, Prinecton.

Spitz-Oener, A. (2006). Technical Change, Job Tasks and Rising Educational Demands: Looking Outside the Wage Structure, Journal of Labor Economics 24 (2): 235–270.

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[1] Siehe einige exemplarische Beiträge aus der Süddeutschen Zeitung http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/digitaliserung-bitkom-chef-die-digitalisierung-wartet-nicht-auf-deutschland-1.3793721 [letzter download 20.12.2017] , der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/sap-finanzvorstand-luka-mucic-hat-forderungen-zur-digitalisierung-15286710.html [letzter download 20.12.2017] sowie des Tagesspriegels

https://causa.tagesspiegel.de/gesellschaft/gefaehrdet-die-digitalisierung-die-demokratie [letzter download 20.12.2017]

[2] Siehe Bresnahan und Trajtenberg (1995) zu General-Purpose-Technologie als Grundlagentechnologie die komplementäre Innovationen ermöglicht. Siehe auch Draca et al. (2007) die eine Übersicht über die Produktivitätseffekte von IT, unter anderem auch im Sinne einer General-Purpose-Technologie darlegen.

[3] Siehe beispielhaft für die Veränderung von Arbeitsanforderungen, z.B. Spitz-Oener (2006).

[4] Siehe hierzu auch meinen Blogbeitrag zum Fall Google. http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=21300 [letzter Download 20.12.2017]

[5] Siehe European Commission (2017)

[6] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/wie-das-ende-der-netzneutralitaet-die-demokratie-gefaehrdet-a-1183772.html [letzter Download 20.12.2017]

[7] Für eine Analyse die Problembereiche aufzeigt siehe Choi & Kim (2010), für eine Studie, die mögliche Vorteile aber auch Problembereiche aufzeigt siehe Boureau et al (2015).

[8] Siehe hierzu auch das gleichnamige Buch von Reinhardt und Rogoff (2009), die sich mit der Staatschuldenkriese beschäftigen und hier analog folgern.

* Für wertvolle Kommentare danke ich Lisa Hamelmann.

Gordon J. Klein

Gordon J. Klein

Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Gordon J. Klein

2 Antworten auf „Digitalisierung und Ökonomie
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