Zwischen Narrativ und Patentrezept
Die Sehnsucht nach einem praxisorientierten BWL-Studium

„Für weite Bereiche einer anwendungsbezogenen Betriebswirtschaftslehre gilt die abgewandelte Bergsteigerweisheit: Wer Tag und Nacht um die Beratungskunst der Praxis im Tale des Alltäglichen buhlt, versäumt leicht den morgendlichen Aufstieg zum Gipfel neuer Erkenntnis. Und wer aufbricht, ohne früher erforschte Steige und Routen zur Kenntnis zu nehmen, wird häufig zur Umkehr genötigt sein“ (Dieter Schneider, Betriebswirtschaftslehre, Bd. 1: Grundlagen, 1. Aufl. 1993, Vorwort).

1. Fehlt der akademischen BWL der Praxisbezug?

Nach der Vorlesungszeit schreiben in diesen Wochen wieder deutschlandweit Heerscharen von Studenten ihre Klausuren, nicht zuletzt in den sogenannten „Massenstudiengängen“ wie der Betriebswirtschaftslehre. Gerade für dieses Fach hat sich in der jüngeren Vergangenheit nicht zum ersten Mal eine Kritikwelle über die Medien ergossen, die man grosso modo unter die Überschrift „Praxisferne“ subsumieren kann. Schon 2015 hatten sich in der letzten diesbezüglichen IHK-Umfrage viele Unternehmen über die mangelnde Arbeitsmarktfähigkeit von Bachelor-Absolventen beklagt (vgl. http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=17279). Im Jahr darauf folgte dann ausgerechnet im Hause der doch Wirtschaftskompetenz erheischenden FAZ ein Buch von Axel Gloger mit dem ketzerischen Titel „Betriebswirtschaftsleere – Wem nützt BWL noch?“ und 2017 widmete die Wirtschaftswoche diesem Thema sogar die ähnlich aufgemachte Titelstory „Wer braucht noch BWLer?“ samt Beiträgen im zeitlichen Umfeld unter wechselnder Ägide der drei Titelstory-Autoren Jan Guldner, Bert Losse und Kristin Schmidt. Unterfüttert wird das Ganze im täglichen Universitätsbetrieb durch immer wieder aufkeimende Klagen von Studentenseite, es würde zu viel Theorie und zu wenig Praxis gelehrt.

Alles in allem zeigt sich damit ein erstaunliches Panoptikum, sofern man bedenkt, dass die Zahl der BWL-Studierenden gerade nach der Lehman-Pleite allen Klagen zum Trotz selbst dann noch deutlich gestiegen ist, wenn man die von medialer Kritik zumeist kaum bedachte Subdisziplin Wirtschaftsinformatik separat ausweist (vgl. http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=21678). Warum rennen also junge Menschen mit Reifezeugnis in die ungeliebten BWL-Hochschulen wie Lemminge auf steil abfallende Klippen? Müssen sich Hochschullehrer für BWL Sorgen um ihre Existenzberechtigung machen? Ist die akademische BWL am Ende?

2. Aspekte des vermeintlichen Problems

Nicht nur in den genannten Kritiken werden bewusst oder unbewusst uno actu mehrere Aspekte des vermeintlichen BWL-Problems adressiert – leider nicht immer (geschweige denn sauber) getrennt. Es beginnt bereits damit, dass nicht hinreichend zwischen Bachelor- und Master-Studium differenziert wird, obwohl die Beschwerden gerade der Unternehmen sehr viel stärker ersteres betreffen (vgl. nochmals http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=17279).

Dann werden die verschiedenen Hochschularten, in denen das angeblich bald nutzlose Fach studiert werden kann, oft in ihren Spezifika nur am Rande angesprochen. Immerhin ließ die Wirtschaftswoche in einem Folgeinterview den Präsidenten der Hochschule Niederrhein Hans-Hennig von Grünberg die von ihm bevorzugte Programmatik für die BWL-Ausbildung der Zukunft verkünden: „Die BWL ist eine angewandte Wissenschaft … Betriebswirte sollten vernünftigerweise ausschließlich an den HAWs akademisch ausgebildet werden“ (vgl. http://www.wiwo.de/erfolg/campus-mba/bwl-studium-an-der-fh-unsere-studierenden-sind-berufsfaehig-/20618642.html). An der Universität sollten dann diejenigen bleiben, „die vor allem wissenschaftlich arbeiten, etwa in Fächern wie theoretischer Physik, Theologie, Medizin, Ägyptologie, zum Teil auch in Jura“ – und weiter: „Das ist auch eine Kostenfrage für die Gesellschaft. Wir können nicht alle Studierende zu Wissenschaftlern machen.“ Eine nicht nur für BWLer, sondern beispielsweise auch für Experimentalphysiker wahrhaft bemerkenswerte Sequenz, deren i-Tüpfelchen darin besteht, dass von Grünberg selbst aus der theoretischen Physik kommt – ein Jammer, dass der unvergessene Dieter Schneider dies nicht mehr kommentieren kann!

Damit sind wir bereits beim letzten hier anzusprechenden Aspekt: Ist BWL also überhaupt eine Wissenschaft? Wonach forscht sie und gibt dann ganz im Sinne des Humboldt´schen Ideals die Ergebnisse ihrer Forschung den wissensdurstigen Studierenden weiter? Wer sich ernsthaft mit der gar nicht so alten Geschichte der deutschsprachigen BWL beschäftigt, sieht schnell, dass an diesem Punkt einige Fäden zusammenlaufen:[i] Die Lehrpläne der am Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten ersten Handelshochschulen passen nach heutigem Verständnis eher zu Fachhochschulen und Berufsakademien und die stärkere Konzentration auf wirtschaftswissenschaftliche Inhalte fand erst dann statt, nachdem sich die ehemalige „Privatwirtschaftslehre“ über Jahrzehnte hinweg einen halbwegs stabilen Platz in der akademischen Landschaft erkämpft hatte. Diese Entwicklung dürfte dem theoretischen Physiker von Grünberg genauso fremd sein wie anderen Apologeten künftigem BWL-Reform- oder gar -Abschaffungsbedarfs, die selbst keine betriebswirtschaftlichen Titel einer Universität tragen.[ii] Als Problem für ihre interessierten Leser verbleibt dann nur noch, ob solche Autoren entsprechende Forderungen aus schlichter Unkenntnis oder eigenen Interessen stellen.

3. Der eigentliche Verdruss

Hat man dagegen – wie der Verfasser – alle Stationen akademischer Betriebswirtschaftslehre hinter sich gebracht und als Assistent, Dozent sowie schließlich Professor auch die Sicht vom Katheder lange genug genossen, stellt sich die Gemengelage eher so dar:

Die universitäre BWL war für die meisten Studenten schon immer eher Pflicht als Leidenschaft. Finanzielle Perspektiven oder elterlicher Druck dominierten inhaltliche Begeisterung als Kernmotivation. Das ist im Zeitverlauf sicher nicht besser geworden. Steigende methodische Anforderungen, insbesondere in Mathematik und Statistik, haben die Problemlage verschärft und die gerade in der jüngeren Vergangenheit politisch gewollte Akademisierung um (fast) jeden Preis war sicher auch nicht gerade hilfreich. So sitzen jetzt im von den Unternehmen besonders kritisierten Bachelor-Studium an Universitäten viele von Hause aus inhaltlich unmotivierte junge Menschen, die sich trotz erheblichem Aufwand des Lehrkörpers und tendenziell sinkendem Anspruchsniveau der Prüfungen überfordert und entsprechend unzufrieden fühlen. Statt mathematischer Modelle, die der verdammte Computer doch gefälligst selbst lösen soll, sehnen sie sich nach der atmosphärischen Leichtigkeit von Narrativen und der schnellen Erlernbarkeit von Patentrezepten jenseits von Infinitesimalrechnung und Regressionsanalyse.

Gleichzeitig entsteht um sie herum eine neue Welt, in der mit Klicks und Apps alles erreichbar erscheint – eine in der Theorie nur auszugsweise adressierte Praxis, die nicht nur die Konsum-, sondern auch die Berufsperspektiven auf höchst simple Weise zu verbessern scheint. Wozu also das Ganze, wenn selbst „die Unternehmen“ mehr Arbeitsmarktfähigkeit fordern, was allzu schnell mit „weniger Theorie“ gleichgesetzt wird? Die wenigsten der entsprechend Frustrierten fragen noch nach den spezifischen Stärken eines theoriegeleiteten Universitätsstudiums und gleichzeitig sind Personalmanager verstimmt, weil sie dem (überaus mühsam gekürten) Bachelor als Vollakademiker keine selbständig zu erledigenden Aufgaben von nicht trivialem Niveau übertragen können.

4. Was nun?

Ist das Ende der universitären BWL also doch eingeleitet, zumal die IT in den nächsten Jahren sicher viele Stellen im administrativen Bereich bis hin zum mittleren Management schlicht überflüssig werden lässt? Nein! Jede anderweitige Einschätzung übersähe zunächst sämtliche wirklich erfolgreichen Absolventen in betriebswirtschaftlichen Studiengängen, die mit ihren Fertigkeiten auch in Zukunft Probleme lösen werden, für die Vertreter anderer Disziplinen schlechter gerüstet sind.

Auch die stärkere theoretische Fundierung universitärer Studiengänge gegenüber der Konkurrenz von Fachhochschulen und Berufsakademien hat ihre Berechtigung und wird wie bisher wechselseitige komparative Vorteile für die Absolventen der verschiedenen Hochschulformen begründen. Vom ehemaligen Universalgelehrten ist in einer Gesellschaft ausdifferenzierten und ständig wachsenden Wissens nicht mehr viel übriggeblieben, aber das Vermögen, neue und abstrakte Probleme zu durchdringen, ist heute nicht weniger nötig und möglich als zum Entstehungszeitpunkt der ersten Universitäten in Oberitalien oder „der Humboldt“, die vielen bis heute als Leitbild der neuzeitlichen Hochschulen nicht nur in Deutschland gilt.

Das heißt natürlich nicht, dass Praxis keine Berührungspunkte zur Universitätsausbildung haben kann oder soll – im Gegenteil: Der Verweis darauf, dass die meisten akademischen BWLer nach dem Studium dort ihre materielle Lebensgrundlage finden, ist fraglos zutreffend. Entsprechend sind Praktika, Praktikervorträge und -veranstaltungen, gemeinsame Projekte und Seminare von Universitäten und Unternehmen, Berufsmessen sowie vieles mehr oft über das bisherige Maß hinaus wünschenswert! Betriebswirtschaftliche Universitätsgremien und ihre Verantwortlichen, allen voran die Professoren, sind gefordert, hier Möglichkeiten auszuloten und entsprechend zu nutzen. Dies darf aber nicht zu einer Entkernung der universitären BWL-Ausbildung führen, indem die theoretische Basis der Lehre einschließlich der für den Abschluss nötigen Prüfungen sukzessive verwässert und am Ende weitgehend aufgegeben wird. Damit würde die BWL aufhören, ihren Studenten die Beherrschung und Entwicklung von Instrumenten zur selbständigen Lösung aktueller wie zukünftiger ökonomischer Probleme zu vermitteln. Es wäre letztlich der Selbstmord der Disziplin, denn dann könnte man dieses Studium tatsächlich getrost vergessen.

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[i] Vgl. hierzu und zum Folgenden bspw. Dieter Schneider, Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 3. Aufl. München-Wien 1985, S. 129 ff.

[ii] Vgl. zu diesem Aspekt die vernichtende Rezension des Gloger-Buchs durch Thomas Hering in BFuP 1/2017, S. 124-127.

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