Vertrauen
Unverzichtbare, aber zerbrechliche Grundlage des sozialen Konsenses

1.     Das Problem

Am 21. Juli 1969 um 3:56 MEZ haben erstmalig Menschen, Neil Armstrong und Edwin Aldrin, den Mond betreten! –– Haben sie wirklich? Tatsächlich gibt es eine Reihe von Verschwörungstheorien, die das Gegenteil behaupten. So fragte sich der Verfasser dieser Zeilen einst: Warum glaube ich, dass die Meldung von der Mondlandung stimmt? Definitiv war es nicht der Umstand, dass ich mich mit den Argumenten der beiden Seiten intensiv auseinandersetzt hätte. Es reichte schon völlig aus, dass ich denjenigen, die diese Nachricht an mich weitergaben, vertraute: meinen Eltern, meinen Lehrern, meinen Freunden …

Es ist also vorrangig eine Frage des Vertrauens, warum für mich die subjektive Wahrheit (gibt es so etwas?) existiert, dass die Ereignisse des 21.07.1969 tatsächlich stattgefunden haben. Ist eine solche Haltung naiv? Vielleicht. Ist sie ökonomisch rational? Ganz bestimmt! Eine tiefer gehende Überprüfung der Argumente hätte mich dazu gezwungen, mich in Fragestellungen der fortgeschrittenen Physik einzuarbeiten, was viel Zeit und Geld gekostet hätte. Der Nutzen aus der Überprüfung wäre hingegen bescheiden gewesen. In der Ökonomik nennt man solche Überlegungen rationale Ignoranz. Da es sich nicht lohnt, bestimmte Fragestellungen vertiefend zu überprüfen, vertraut man bewährten Quellen. Zwar kann dies dazu führen, dass bestimmte Aspekte eines Problems überbetont und andere vernachlässigt werden, doch es ist uns einfach nicht möglich, jede Fragestellung von Grund auf zu überprüfen.

Was sind (subjektiv) bewährte Quellen? Zum einen sicher die direkte persönliche Erfahrung, Bestätigung im Familien- oder Freundeskreis oder auch weitgehende Einigkeit in der Gesellschaft. Glauben alle mir bekannten Mitmenschen an einen bestimmten Zusammenhang, so verunsichert es schon erheblich, wenn man eine gegenläufige Position vertreten möchte. Eine besonders verlässliche Quelle sind aber auch wissenschaftliche Experimente, wie man sie zum Beispiel in der Schule kennengelernt hat. So kann man den Verlauf des Fallens eines Gegenstandes oder bestimmte chemische Reaktionen wieder und wieder mit gleichem Ergebnis durchführen. Da es allerdings nicht zu allen relevanten Fragestellungen den klärenden Experimentverlauf gibt, und zudem in vielen Fällen starke Informationsasymmetrien zwischen wissenschaftlichen/politischen und „normalen“ gesellschaftlichen Akteuren bestehen, bedarf es eines alternativen Mechanismus damit Wissen und Konsens sich in einer Gesellschaft ausbreiten können. Hier rückt das Vertrauen in den Vordergrund.

Vertrauen ist nicht nur eine individuelle Notwendigkeit, es bildet auch eine unverzichtbare Basis für das, was wir Gesellschaft nennen. Ohne Vertrauen in die formalen und informellen (nicht kodifizierten) Institutionen einer Gesellschaft kann diese nicht dauerhaft funktionieren. Vertrauen in die Wirksamkeit von Normen senken zudem die Transaktionskosten des Wirtschaftens ganz erheblich. Man muss sich dafür nur immer wieder vor Augen führen, um wieviel schwieriger das ökonomische Miteinander wäre, wenn wir stets stehlen und betrügen würden, wann immer dies unentdeckt möglich wäre. In Entwicklungsländern gibt es beispielsweise Hinweise darauf, dass viele Menschen davor zurückschrecken sich zu versichern, da sie den Dienstleistern (oftmals zu Recht) nicht vertrauen.

Wird Vertrauen jedoch enttäuscht, etwa dadurch, dass jemand das Vertrauen anderer zum eigenen Vorteil missbraucht, so folgen nicht nur heftige emotionale Reaktionen, sondern es droht ein grundlegender Vertrauensentzug und die Abwendung vom vormaligen Vertrauensträger, selbst wenn dieser das politische System der Gesellschaft ist.

Die Bundesrepublik war früher einmal durch ein übersichtliches Vier-Parteien-System mit einem politisch stark beeinflussten öffentlich-rechtlichen Rundfunk gekennzeichnet. Dies führte zu einer relativ großen Homogenität der politischen Informationsbereitstellung. Heute liefert das Internet endlose Informationen zum Preis von null. Widersprüchliche Meldungen sind keine seltene Ausnahme. Nicht mehr die Beschaffung von Informationen ist das Hauptproblem, sondern deren Auswahl. In internetbasierten sozialen Netzwerken bestätigen sich Subpopulationen wechselseitig ihrer vermeintlich richtigen Informationsauswahl und -interpretation.

Gerade der Überfluss an Informationen lässt es dem unter Zeitrestriktionen agierenden Bürger unvermeidlich erscheinen, die Informationen vorrangig danach zu bewerten, aus welcher Quelle sie stammen. Vertrauensbildung ist alles! Ist das Vertrauen einer Subpopulation in die Glaubwürdigkeit einer Quelle nur hinreichend groß, dann genügt es schon, anderslautende Nachrichten als Fake News zu bezeichnen, um die eigene Position wirkungsvoll zu verbreiten. Auch Fotos oder Videofilme, die anderes zeigen, stehen dem nicht entgegen. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, lassen sich auch diese manipulieren oder gezielt fehlinterpretieren, sogar um damit den Beginn einer Invasion mit weltweit spürbaren Konsequenzen zu rechtfertigen.

Tatsächlich hat es den Anschein, als ob die Medien dies verstanden haben und mit ihren Meldungen jeweils eine spezielle Klientel ­ – ein Vertrauensnetzwerk – bedienen. Fox News verfolgt die konsequente Pro-Trump-Kampagne, CNN die diametral entgegengesetzte Anti-Trump Mission. Ob die deutsche Medienlandschaft grundlegend besser ist, müsste an anderer Stelle geklärt werden. Dies führt– so zumindest die Wahrnehmung des Verfassers – zu einer Spaltung der Gesellschaft und zu einer Erosion des Vertrauens in die gesellschaftlichen Institutionen. Tabelle 1 zeigt den Anteil derjenigen, die in den betrachteten Ländern den aufgeführten Institutionen vertrauen.

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Deutschland liegt mit seinen Werten unter dem Durchschnitt der 28 erhobenen Länder. Die Daten legen darüber hinaus nahe, dass die Vertrauensproblematik für Deutschland (wie auch die USA) ein ernsthaftes Problem darstellt. Damit stellt sich die Frage, ob bzw. wie man Abhilfe schaffen könnte.

2.     Ausweg: Fachwissen und Expertentum?

Eine Versachlichung der Diskussionen müsste eigentlich damit beginnen, dass die Fakten unseres wissenschaftlichen Wissens eingespeist werden. Das klingt zunächst einfach. Wenn eine bestimmte chemische Reaktion so und nicht anders verläuft, so ist das schließlich nicht zu ändern. Unglücklicherweise endet die Eindeutigkeit der wissenschaftlichen Ergebnisse (nicht nur in der Ökonomik) vergleichsweise früh. Wie die langfristigen Folgen der Einnahme eines Medikaments einzuschätzen sind, ist keineswegs immer eindeutig geklärt. Ob der Heilungsprozess eines Patienten auch ohne homöopathische Medikation erfolgreich verlaufen wäre, lässt sich nicht feststellen. Die Abschätzung der Folgen des Klimawandels ist mit großen wissenschaftlichen Spekulationen verbunden, und ob die Niedrigzinspolitik der EZB über lange Jahre hinweg mehr Schaden als Nutzen erzeugt, ist auch unter Fachleuten umstritten.

Auch hier kann sich der Bürger im Normalfall wieder nur eine Quelle seines Vertrauens suchen. So gibt es dann den Klima-Guru, den Klima-Skeptiker, den sozialdemokratisch geprägten Ökonomen, den liberalen und den „linken“ Ökonomen, deren Gutachten erstaunlicherweise immer mit den politischen Positionen ihrer Parteien einhergehen. Im Prinzip machen zumindest manche der spezialisierten Wissenschaftler dasselbe wie die Medien: sie treten einem Vertrauensnetzwerk bei und erhalten auf diese Weise vor allem mehr Beachtung, mehr Doktoranden und Drittmittel (da freut sich jeder Universitätspräsident!) sowie höhere Vortragshonorare. Da Wissenschaftler im Wesentlichen ganz normale Menschen mit einer speziellen Begabung sind, sollte man ihnen dieses überaus menschliche Verhalten keineswegs verübeln. Sie folgen nur – wie andere Menschen auch – den Anreizen, denen sie ausgesetzt sind.

Sicherlich könnten die Wissenschaftler stärker das quasi-gesicherte Wissen, also solches, das sich robust in Experimenten bestätigen lässt und deshalb weitestgehend unumstritten ist, verbreiten und sich bei anderen Aussagen stärker zurückhalten. Nur würde dies das Problem nicht wirklich lösen, weil Politiker und Bürger Antworten (zumindest Einschätzungen) zu konkreten Fragestellungen und deren Lösung benötigen. Falls diese jedoch nicht zum Bereich des quasi-gesicherten Wissens gehört, bliebe die Wissenschaft in solchen Diskursen sprachlos, was ebenfalls nicht wünschenswert ist.

3.     Ausweg: mehr Vertrauen in die Politik?

Unglücklicherweise ist die Politik ähnlichen Problemen ausgesetzt wie die Wissenschaft. Zum einen gibt es zumeist keine unbestreitbar objektiven Lösungen zu den anstehenden Aufgaben der Politik. Bei rationaler Ignoranz der Wähler führt dies erneut zur Wahl von Vertrauenspersonen oder -organisationen. Vertrauensbildung und Vertrauenserhalt werden somit zu zentralen Elementen erfolgreicher Politik.

Zum anderen verfolgen auch Politiker – wie jeder andere Mensch auch – ihre persönlichen Interessen. Diese bestehen natürlich keineswegs nur aus höheren monetären Einkommen, sondern vor allem auch aus der Möglichkeit, Politik aktiv zu gestalten und Spuren zu hinterlassen oder schlicht Macht zu besitzen. Letzteres ist jedoch nur möglich, wenn man selbst zur Vertrauensperson erwählt wurde!

Wichtige Elemente für den Erhalt von Vertrauenswürdigkeit sind Glaubwürdigkeit und Berechenbarkeit. Glaubwürdig sollte der Politiker im Hinblick darauf sein, dass der Politiker glaubhaft die Interessen und Wünsche der Bürger vertritt – gegebenenfalls auch mal gegen seine persönlichen Vorlieben. Berechenbarkeit beinhaltet, dass seine Reaktionen – auch in unvorhersehbaren Situationen – im Wesentlichen vorhersehbar sind. Die Stoßrichtung seiner Maßnahmen sollte nicht zu sehr im Widerspruch zu seinen vormals getätigten Aussagen stehen.

Verletzungen dieser Prinzipien, die gelegentlich durchaus angebracht sein können, brauchen Kanäle, die den Protest der Bürger aufnehmen. Normalerweise übernimmt eine starke Opposition diese Rolle. Falls sich die durchgesetzten Maßnahmen als wenig erfolgreich erweisen, wird die Opposition dafür bei der nächsten Wahl belohnt. Problematisch wird es jedoch, wenn keine hinreichend starke Opposition existiert. Dann fühlen sich die Bürger im politischen System nicht mehr repräsentiert. Sie entziehen dann nicht nur einer Person oder einer Partei das Vertrauen, sondern dem politischen System als Ganzes.

Dieses haben wir in Deutschland in den letzten Jahren wiederholt erlebt, einerseits in der Einrichtung von großen Koalitionen und andererseits dadurch, dass die regierenden Parteien Positionen durchgesetzt haben, die man eigentlich den Oppositionsparteien zuordnen würde. Dies führt nicht nur zur Etablierung neuer Parteien, sondern auch zum Erfolg solcher Parteien, die den Grundwerten der Verfassung skeptisch gegenüberstehen.

4.     Was dann?

Wie kann man die Vertrauenserosion in Institutionen der Gesellschaft in einer Zeit eines Übermaßes an Informationsbereitstellung und der gelegentlich übermäßig starken Eigendynamik von sozialen Netzwerken stoppen? Meines Erachtens wird dazu mindestens das Folgende benötigt.

(1) Die Stärkung der Medienkompetenz der Bürger. Genauso wie Studierende in erkenntnistheoretischen Vorlesungen lernen, dass jegliche wissenschaftliche Theorie kritisch zu hinterfragen ist, genauso sollte das allgemeine Bewusstsein gestärkt werden, jegliche Nachrichten aus Massenmedien oder sozialen Netzwerken in Frage zu stellen. Mit anderen Worten: blindes Vertrauen soll durch kritisches Vertrauen ersetzt werden.

(2) Stärkung des politischen Wettbewerbs und institutionalisierte Machtbegrenzungen. Politikkartelle (wie zum Beispiel große Koalitionen) sollten nicht zur Dauerlösung werden. Im Zweifel richten kurzfristig suboptimale Politikmaßnahmen weniger Schaden an als der Vertrauensverlust in den Politikbetrieb als Ganzes. Darüber hinaus sollte die Amtszeit von Spitzenpositionen in der Politik – Bundeskanzler, Ministerpräsidenten, … – auf zwei Legislaturperioden begrenzt werden. Dies verhindert verkrustete Strukturen sowie die Konzentration von politischer Macht. Schließlich sollten bei grundlegenden Fragen stärker Maßnahmen der direkten Demokratie eingesetzt werden. Nichts legitimiert Grundsatzentscheidungen stärker als Volksabstimmungen.

(3) Es sollte in Richtung der Rückbesinnung auf angemessene Umgangsformen im medialen und politischen Wettbewerb gearbeitet werden. Nicht die Vertreter missliebiger Positionen sollten ausgegrenzt werden, sondern die Ausgrenzung selbst sollte tabuisiert werden. Journalistische Qualität könnte man nicht nur darin messen, wie wohlformuliert eine Position vertreten wird, sondern insbesondere dadurch, wie gut die Gegenposition abgebildet wird.

Fassen wir zusammen: In der modernen Welt des Internets und sozialer Netzwerke ist die Auswahl von Informationen zu einem entscheidenden Problem geworden. Auf Grund von zeitlichen und kognitiven Einschränkungen spielt dabei das Vertrauen eine zentrale Rolle. Wissenschaft, Medien und Politik haben darauf reagiert – nicht ausschließlich zum Besseren. Die Folge ist eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft und die Erosion von Vertrauen in die grundlegenden gesellschaftlichen Institutionen. Eine Stärkung des gesellschaftlichen Grundkonsenses könnte dadurch erfolgen, auf eine größere Medienkompetenz im Sinne der Förderung eines kritischen Vertrauens hinzuarbeiten und politische Machtkonzentrationen institutionell zu beschränken.

Literatur

Edelmann (2018): Edelmann Trust Barometer, http://cms.edelman.com/sites/default/files/2018-02/2018_Edelman_Trust_Barometer_Global_Report_FEB.pdf, abgerufen am 1.03.2018.

 

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Unverzichtbare, aber zerbrechliche Grundlage des sozialen Konsenses

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