Zum 28. Mal FC Bayern München
Ist die Champions League Gift für die Fußballbundesliga?

Die Ausgeglichenheit einer Liga wird von vielen als wichtige – vielleicht sogar als wichtigste Determinante für die Zuschauernachfrage von Fußballspielen in einer Profiliga identifiziert. Dabei wird folgender Wirkungsmechanismus impliziert: Eine ausgeglichene sportliche Leistungsfähigkeit der Klubs einer Liga (competitive balance) erhöht den Spannungsgrad; es ist evtl. bis zum letzten Spieltag nicht klar, welcher Klub die Meisterschaft gewinnt. Ein hoher Spannungsgrad führt zu einem höheren Zuschauerinteresse und damit zu höheren Einnahmen der Klubs.[1] Da jedoch jeder einzelne Klub nach maximaler Spielstärke strebt – jeder Klub möchte nach Möglichkeit alle Spiele gewinnen –, gerät die individuelle Rationalität in Konflikt mit der kollektiven. Der Spannungsgrad ist ein Kollektivgut. Im Interesse der Liga muß es demnach sein, daß die Spielstärken der Klubs nicht zu stark voneinander abweichen. Freilich spielt auch der Zufall oder das Glück beim Ausgang eines Spiels eine nicht gänzlich zu vernachlässigende Rolle.

Wir wirkt sich nun vor diesem Hintergrund die Champions League aus?

Die Champions League ist als supranationale offene und nicht-exklusive Liga konzipiert, das bedeutet, die Teilnehmer der Champions League spielen nicht nur in der Champions League, sondern auch noch in ihrer jeweiligen nationalen Liga. Daraus resultieren einige maßgebliche Effekte (Daumann, 2015):

  • Die Champions League kann insgesamt Nachfrage von der Bundesliga auf die Champions League umlenken und damit die nationale Meisterschaft entwerten (Substitutionseffekt). Dieser Effekt wird etwas dadurch abgemildert, daß sich die Klubs der Bundesliga für die Champions League qualifizieren müssen und damit höhere Investitionen in die Spielstärke vornehmen. Zudem erhalten die Spiele um die vorderen Plätze in der Bundesliga zusätzliche Bedeutung mit entsprechenden Auswirkungen auf die Nachfrage. Insgesamt dürfte aber der Substitutionseffekt überwiegen. Er fällt umso schwächer aus, je gleichmäßiger die Spielstärke in der Bundesliga verteilt ist.
  • Die Struktur der Nachfrage nach den Spielen der Bundesliga wird sich verändern (Struktureffekt): An den Spielen der Klubs, die aufgrund ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit nicht an der Champions League teilnehmen werden können, wird das Interesse der Zuschauer zurückgehen. Dieser Effekt wird etwas davon überlagert, daß Spiele dieser schwachen Klubs gegen Klubs, die in der Champions League spielen, eine höhere Nachfrage auf sich ziehen werden. Gleichzeitig wird das Zuschauerinteresse an den Spielen der Klubs, die in der Champions League teilnehmen, ansteigen (Komplementaritätseffekt).
  • Die Bundesliga wird hinsichtlich der Spielstärke der Klubs heterogener (Kondaminationseffekt): Die Klubs, die in der Champions League teilnehmen, erzielen höhere Einnahmen bedingt durch ihre Teilnahme an der Champions League. Dadurch erhöht sich das sportliche Ungleichgewicht in der Bundesliga mit der Folge, daß die Ungewißheit über den Spielausgang vermindert und damit die Nachfrage nach diesen Spielen reduziert wird. Ein höheres Ungleichgewicht wird dazu führen, daß Klubs, die keine Aussicht darauf haben, sich für die Champions League zu qualifizieren, ihre Anstrengungen vermindern werden.
  • Zudem wird ein Klub, der in einer der beiden Ligen nicht mehr seine Ziele erreichen kann, seine Ressourcen, also insbesondere seinen Spielerkader, verstärkt in die Spiele der Liga lenken, in der ihm noch Chancen verbleiben. Dadurch nimmt die Qualität der anderen Liga ab.

Mit anderen Worten erzielen die Klubs der Champions League erhebliche Vorteile gegenüber den anderen Klubs der Bundesliga, die eben nicht an der Champions League teilnehmen. Dieser Sachverhalt verbunden mit einem gewissen Maß an Persistenz ist eine der wesentlichen Ursachen der Dominanz des FC Bayern München.

Freilich sind dafür noch weitere Gründe bedeutsam:

  1. Das Management der Bundesligaklubs ist unterschiedlich erfolgreich und eben gerade der FC Bayern München hebt sich hier positiv hervor (Schwarzwald & Daumann, 2016).
  2. Das zum Ausgleich der Spielstärke innerhalb der Bundesliga eingesetzte Instrumentarium, die Umverteilung der Erlöse aus den TV-Übertragungsrechten, ist wenig wirksam, da (1) die Spielstärke eines Klubs nicht nur von dessen finanzieller Potenz abhängt[2], (2) die Einnahmen aus den Bundesliga-TV-Übertragungsrechten nicht den Großteil der Gesamteinnahmen der meisten Klubs ausmachen (so tragen diese Einnahmen bei manchen Bundesligaklubs zu lediglich einem Viertel zu den Gesamteinnahmen bei) und (3) die Umverteilung sehr stark leistungsabhängig ausgestaltet ist (in der Vergangenheit auf der Tabellenliste besser plazierte Klubs erhalten einen größeren Anteil).

Was kann also getan werden, um die Dominanz des FC Bayern München zu reduzieren und die Bundesliga wieder ausgeglichener zu gestalten?

Aus Wettbewerbsgesichtspunkten verbietet sich eine Intervention bei der Produktivität der Klubs. Somit verbleiben als Ansatzpunkte zum einen effektivere Umverteilungsmechanismen auf Ligaebene und zum anderen Veränderungen bei der Ausgestaltung der Champions League:

  • Effektivere Umverteilungsmechanismen auf Ligaebene würden darin bestehen, daß die Gesamteinnahmen der verschiedenen Bundesligaklubs (mit Einschluß der Champions League-Einnahmen) weitgehend egalisiert würden. Dies hätte nicht nur negative Auswirkungen auf die Anreize, innovative Trainingsmethoden oder Spielsysteme zu entwickeln, sondern würde auch dazu führen, daß die Bundesligaklubs auf Ebene der internationalen Wettbewerbe und hier insbesondere der Champions League an Boden verlieren würden.
  • Die Ausgestaltung der Champions League als exklusive Liga. Damit würde die Möglichkeit der multiplen Mitgliedschaft beseitigt. Ein Bundesligaklub könnte dann entweder nur in der Bundesliga oder aber in der Champions League spielen. Auf diese Weise würde jedoch die nationale Liga, also hier die Bundesliga, entwertet mit den entsprechenden Folgen für deren Einnahmenpotential.

Was bleibt also? Die einzige interventionistische Möglichkeit besteht wohl darin, daß die UEFA Vorgaben für nationale Umverteilungsmaßnahmen – etwa ähnlich dem Financial Fairplay – erläßt und durchsetzt. Diese müßten gewährleisten, daß auch die Klubs der nationalen Ligen, die nicht an der Champions League teilnehmen, an den Champions League Einnahmen der erfolgreichen Klubs partizipieren, so daß die Differenzen zwischen den Spielstärken der Klubs nicht zu groß werden.

Daneben besteht gleichwohl die Option der Nichtintervention. So mag es durchaus sein, daß der FC Bayern München die Bundesliga seit geraumer Zeit dominiert, trotzdem scheinen dadurch die Zuschauerzahlen der Liga insgesamt zu steigen. Die Hypothese, daß ein hoher Spannungsgrad höhere Zuschauerzahlen nach sich zieht scheint also zumindest fragwürdig zu sein. Darüber hinaus ist der FC Bayern München sicherlich auch deswegen an der Spitze, weil in diesem Klub offenbar effizient mit den verfügbaren Ressourcen umgegangen wird, weil also das Sportmanagement im Vergleich zu den anderen Klubs erfolgreicher ist. Aber auch dieser Sachverhalt ist zumindest aus einer mittelfristigen Perspektive als vorübergehend anzusehen.

Literatur

Daumann, F. (2015). Grundlagen der Sportökonomie. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, München: UVK/Lucius.

Schwarzwald, M. & Daumann, F. (2016). Effizienzanalyse professioneller Fußballvereine – Eine Untersuchung deutscher Erstligisten der Saisons 2012/13 bis 2014/15. Sciamus – Sport und Management, Jg. 7, Nr. 4, S. 31-43.

Szymanski, S. (2003), The Economic Design of Sporting Contests. Journal of Economic Literature, Vol. XLI (December 2003), pp. 1137–1187.

[1] Zu einer Auswertung der empirischen Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Competitive Balance und Zuschauernachfrage siehe Szymanski (2003).

[2] Es wird dabei impliziert wohlhabende Klubs sich bessere Spieler und Trainer leisten können, was sich wiederum in der Spielstärke niederschlägt. Der Klub wird also durch diese Hypothese auf eine Produktionsfunktion reduziert; unternehmerisches Handeln in Form innovativer Organisationsformen, Spielsysteme etc. wird vernachlässigt. Empirisch ist diese Hypothese sehr umstritten.

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