Jetzt kommt das Dauerreisen
Beste Grüße von William Jevons

Corona revolutioniert die Mobilität. Früher musste man für viele Arbeiten reisen, etwa für Treffen, Sitzungen und Konferenzen mit Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern. Plötzlich kann man das bequem vom Arbeitsplatz in der Firma oder gar von zuhause aus via Zoom, Teams, etc. erledigen. Viele glauben, die Virtualisierung menschlicher Kontakte senke den Nutzen des Reisens, und die Reiseaktivität würde auch nach Corona tief bleiben. Wir halten diesen Schluss für völlig falsch. Vielmehr beginnt bald das große Dauerreisen.

Die Virtualisierung bremst und fördert Reisen

Die Virtualisierung befeuert die Reisetätigkeit über drei Kanäle. Erstens werden die Firmen infolge Virtualisierung noch globaler ausgerichtet, sowohl hinsichtlich ihrer eigenen Struktur als auch ihrer Kunden- und Lieferantenbeziehungen. Auch für kleine Firmen wird es bedeutend günstiger und einfacher, global zu agieren. Damit verstärkt die Virtualisierung die Globalisierung, was zusätzlichen Reiseverkehr bringt. Schließlich müssen die neuen ausländischen Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten doch ab und zu persönlich getroffen, betreut und gepflegt werden.

Zweitens herrscht bezüglich des Reisenutzens eine gewisse Illusion. Geschäftskontakte nur virtuell statt persönlich zu pflegen ist heute für viele vor allem deshalb kein Problem, weil die Corona-Maßnahmen auch den Konkurrenten das Reisen erschweren. Sobald aber Reisen wieder einfach möglich ist, werden alle wieder mehr reisen müssen, um im Wettbewerb bestehen zu können.  Die heute übertrieben anmutende vor-Corona Reiseaktivität war nicht nur technologisch bedingt, sondern stark durch Wettbewerb zwischen Firmen und zwischen Abteilungen und Managern innerhalb von Firmen. Dieser Wettbewerb wird nach dem Ende der meisten Corona-Einschränkungen schnell wieder aufblühen.

Drittens, und das ist ein wahrer Game Changer, senkt die Virtualisierung der Kontakte zwar den Nutzen mancher Reisen, aber sie senkt zugleich auch die Kosten aller Reisen. Wie das? Vor der Virtualisierung der Kontakte bestanden die Kosten des Reisens neben den Transportkosten und höheren Spesen vor allem in der teils unproduktiven Reisezeit und der Absenz vom angestammten Arbeitsplatz. Wer für einzelne oder mehrere Tage verreiste, war während der Reise und am Zielort für die täglichen Arbeiten, Besprechungen und Sitzungen in Unternehmen nur sehr bedingt verfügbar. Jetzt hingegen kann man irgendwo hinreisen und trotzdem weitgehend virtuell am Arbeitsplatz bleiben. Dank Virtualisierung bleibt die Produktivität ähnlich hoch wie in der Firma oder im Home-Office. Selbst die Reisezeit ist viel ergiebiger nutzbar, weil man auf Flügen und langen Bahnfahrten mit aller Welt virtuelle Kontakt pflegen kann. Bereits vor Corona war dieser Trend spürbar – viele Geschäftsleute waren beim Reisen dauernd am telefonieren, E-Mails schreiben und lesen. Jetzt ist man auf Reisen in vielerlei Hinsicht fast wie am eigenen Arbeitsplatz in der Firma. Kurz: Die Kosten des Reisens sind völlig zerfallen.

Das Jevons-Paradoxon

Überwiegen in der Summe die Reisebremse durch sinkenden Reisenutzen oder die Reisetreiber durch verstärkte Globalisierung, Wettbewerbsdruck und sinkende Reisekosten?

Je nach Unternehmen und Personenkreis wird der Gesamteffekt unterschiedlich sein. Aber gesamtgesellschaftlich dürften die Reisetreiber weit gewichtiger sein. Das sogenannte Jevons-Paradoxon wird seine Wirkung entfalten: Der Ökonom und Philosoph William S. Jevons stellte im 19. Jahrhundert fest, dass der Kohleverbrauch in England trotz der Einführung von Watts Dampfmaschine stark anstieg, obwohl sie viel weniger Kohle als frühere Dampfmaschinen verbrauchte. Heute versteht man unter dem Jevons-Paradoxon, dass technischer Fortschritt, der eine sparsamere Nutzung einer Ressource erlaubt, oft eine stärkere Nutzung dieser Ressource bringt. Genauso dürfte es beim Reisen sein: Die enormen Fortschritte der Virtualisierung menschlicher Kontakte erlaubt die viel effizientere Nutzung der wertvollen Ressource Zeit, die sonst beim Reisen oft schlecht genutzt ist. Daher wird dank Virtualisierung der Kontakte die Häufigkeit und Dauer der realen Reisen stark zunehmen.

Alle Reisearten betroffen

Das Jevons-Paradoxon dürfte für alle drei großen Arten des Reisens gelten: Für arbeitsbezogene Reisen, für Freizeitreisen und für Migration. Für Geschäftsreisende, Touristen und Migranten sinken die Kosten der Mobilität dramatisch, weil sie auf der Reise und am Zielort dank zunehmender Virtualisierung bedeutend besser mit ihrer Heimatbasis Kontakt halten können. Sie können viele der dort anfallenden Verpflichtungen und Arbeiten erledigen, obwohl sie gerade weit weg sind. Daher dürfte uns die Virtualisierung bald in neues Zeitalter des Dauerreisens mit noch mehr globaler Arbeitsmobilität, Tourismus und Migration katapultieren.

Wer der Anwendung des Jevons-Paradoxon auf alle Reisearten noch nicht ganz traut, möge folgende Analogie bedenken: Hat die Entwicklung des Telefons zu weniger oder mehr Reisen geführt? Natürlich zu mehr! Denn es erleichterte die Globalisierung von Firmen und senkte die Reisekosten für alle, weil man in der Fremde doch noch einigermaßen Kontakt mit der Heimbasis haben konnte. Ähnlich dürfte die Virtualisierung der Kontakte wirken.

Daher ist jetzt die Zeit, ernsthaft über den Umgang mit dem Dauerreisen in allen Bereichen nachzudenken. Denn kurz nach der wiedererlangten Reisefreiheit nach Corona dürften bald neue Reiseeinschränkungen und -verbote verlangt werden, wie sie im Bereich des Autoverkehrs und auch der Migration verbreitet sind. Damit würden mit enormen bürokratischen Lasten für alle ähnlich dürftige Erfolge erzielt, wie in vielen anderen überregulierten Lebensbereichen. Zielführender ist der ökonomische Lösungsansatz: Das Problem ist nicht das Dauerreisen an sich, sondern die dadurch verursachten negativen externen Effekte wie Umwelt-, Lärm- und Infrastrukturbelastung. Für diese externen Effekte ist das Prinzip der Kostenwahrheit anzuwenden, sprich sie müssen monetär bewertet und den Verursachern mittels Abgaben angelastet werden. Die so beim Staat anfallenden Mittel müssen über die Senkung der normalen Steuern zurück an die Bürger fließen. Zugleich können dann die noch bestehenden Reise- und Mobilitätsbeschränkungen abgebaut werden, denn dank Kostenwahrheit haben alle die richtigen Anreize, auch gesellschaftlich im optimalen Ausmaß zu reisen. So brächte dann das Dauerreisen nicht Reisewahnsinn und Übermobilität, sondern riesige Wohlfahrtsgewinne für alle.

Reiner Eichenberger und David Stadelmann

Reiner Eichenberger und David Stadelmann

Universität Freiburg/Schweiz
Universität Bayreuth
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