Gastbeitrag
Disruptive Belohnung
Ein (wirtschafts-)ethischer Denkanstoß zur Befriedung des Ukraine-Kriegs

In der Ukraine herrscht Krieg. Die mediale Berichterstattung darüber hat den moralischen Wahrnehmungsrahmen dominant werden lassen, Russen als Täter und Ukrainer als Opfer anzusehen. Dies löst in der Bevölkerung und dann auch bei Politikern die starke Emotion aus, den Opfern helfen und die Täter bestrafen zu wollen, auch wenn damit bisherige Prozeduren und Prinzipien über Bord geworfen werden. Die Folge: Ukrainische Kriegsflüchtlinge werden – im Unterschied etwa zu Syrern und Afghanen – in spektakulärer Manier willkommen geheißen. Gleichzeitig werden Waffen ins Kriegsgebiet geliefert, um den russischen Invasoren das Leben schwerer zu machen – und im Westen erfahren Russen z.T. harte Sanktionen, ohne vorheriges Gerichtsverfahren.

Als (Wirtschafts-)Ethiker bin ich darauf spezialisiert, der Frage nachzugehen, wo der blinde Fleck einer solchen Moralkommunikation liegt. Was übersieht man, wenn man (nur) diesen Blickwinkel einnimmt? Hier ist meine Antwort – formuliert als ethischer Denkanstoß zur moralischen Neuinterpretation asymmetrischer Kriegsführung. Mein Argument identifiziert die Option einer “disruptiven Belohnung”, die man gezielt als Interventionsinstrument einsetzen könnte, um das Blutvergießen in der Ukraine zu begrenzen und möglichst schnell zu beenden. Dieses Argument bündelt drei wirtschaftsethische Ideen mit einer Zusatzüberlegung zu einem Denkanstoß.

Erste Idee: Der Markt ist eine Belohnungsinstanz. Kunden haben ein Eigeninteresse daran, Produzenten zu bezahlen, mit deren Gütern und Dienstleistungen sie ihre Bedürfnisse befriedigen können. Preise sind eine positive Sanktion für gelungene Wertschöpfung. Sie gratifizieren Produzenten für erwünschtes Verhalten.

Zweite Idee: Der Staat ist eine Bestrafungsinstanz. Das Gewaltmonopol wird dazu eingesetzt, Gesetzesübertretungen zu ahnden. Das rechtsstaatliche Institutionensystem – von der Polizei über Staatsanwaltschaften und Gerichte bis hin zu Gefängnissen – dient der negativen Sanktionierung kriminellen Verhaltens.

Dritte Idee: Es ist ein wichtiges Kennzeichen des modernen Staates, partiell auch Belohnungen vorzunehmen. Dies ist dort der Fall, wo die unter Einsatz des staatlichen Gewaltmonopols erhobenen Steuern zur Subventionierung gemeinwohlorientierter Aktivitäten verwendet werden, die aufgrund von Fehlanreizen sonst nicht zustande kämen. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist die öffentliche Finanzierung der Grundlagenforschung, die in Kombination mit der privatwirtschaftlichen Anwendungsforschung den Lebensstandard breiter Bevölkerungskreise nachhaltig angehoben hat. Hier erweisen sich Markt und Staat als komplementäre Institutionen.

Zusatzüberlegung: Gegenwärtig konzentriert sich die öffentliche Diskussion darauf, die russischen Invasoren als Täter wahrzunehmen und sie entsprechend bestrafen zu wollen. Hierbei wird übersehen, dass zahlreiche russische Soldaten auch als Opfer betrachtet werden könnten. Viele wussten ja nicht einmal, wo sie sind und gegen wen sie kämpfen (sollen). So gesehen liegt es nahe, darüber nachzudenken, ob es vielleicht Sinn machen könnte, den medial getriggerten Bestrafungsinstinkt zu mäßigen und die Interventionsstrategie möglicher Belohnungen ins Auge zu fassen.

Vor diesem Hintergrund lautet der Denkanstoß: Warum begrüßt die Europäische Union nur die ukrainische Zivilbevölkerung als Kriegsflüchtlinge, nicht aber russische Soldaten, die als Deserteure ebenfalls den Krieg fliehen und von uns ebenso willkommen geheißen werden könnten?

Eine solche Initiative würde den Begriff der “asymmetrischen Kriegsführung” von Grund auf neu interpretieren. Gegenwärtig versteht man darunter die Strategie, einer fremden Armee nicht auf gleicher Augenhöhe mit eigenen Truppen zu begegnen, sondern mit Partisanen, die den Krieg anders führen, als es einer regulären Armee möglich ist. Ein Beispiel hierfür bietet die ukrainische Zivilbevölkerung, die mit selbst gebastelten Bomben gegen russische Panzer und bewaffnete Soldaten vorgeht. Weniger martialisch, aber möglicherweise weitaus wirkungsvoller wäre die Strategie, die Belohnung russischer Deserteure als disruptive und zugleich humanitäre Kriegsintervention einzusetzen. Asymmetrisch wäre diese Kriegsführung, weil der Westen sie gegen Russland, nicht aber umgekehrt Russland gegen den Westen einsetzen kann. Warum sollten wir darauf verzichten, die Attraktivität des westlichen Zivilisationsmodells als Waffe einzusetzen, als Instrument intelligenter Kriegsführung, indem wir die vermeintlichen Täter als Menschen und mithin als die faktischen Opfer diktatorischer Macht wahrnehmen und ihnen dadurch Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass wir jungen russischen Soldaten im Modus disruptiver Belohnung die Option eröffnen, sich aus ihrer Ohnmacht durch Flucht zu befreien?

Fazit: Die erste Moralperspektive lässt uns darüber nachdenken, wie wir den Ukrainern helfen können, russische Soldaten umzubringen. Die zweite Moralperspektive lässt uns darüber nachdenken, wie wir russische Soldaten davon abbringen können, Ukrainer umzubringen. Die zweite Perspektive hat Vorzüge, gerade auch aus moralischer Sicht. Warum also setzen wir nicht auf disruptive Belohnung – wenigstens als Komplement?

3 Antworten auf „Gastbeitrag
Disruptive Belohnung
Ein (wirtschafts-)ethischer Denkanstoß zur Befriedung des Ukraine-Kriegs

  1. “Die erste Moralperspektive lässt uns darüber nachdenken, wie wir den Ukrainern helfen können, russische Soldaten umzubringen.”

    Unser Grundgesetz räumt Ihnen selbstverständlich das Recht ein, die Meinung zu vertreten, dass es unethisch ist, dem Opfer einer Aggression zu helfen, wenn dabei die Gefahr besteht, dass der Aggressor dabei getötet wird.

    Das gleiche Grundgesetz erlaubt es in unserem Land aber auch, die Meinung zu vertreten, dass es unethisch ist, dem Opfer einer Aggression nicht zu helfen, nur weil dabei die Gefahr besteht, dass der Aggressor dabei getötet wird.

    Ist es nicht großartig, dass wir in einem Land leben, in dem jeder seine eigene, persönliche Ethik leben darf? Ich sehe da überhaupt keinen Bedarf zum Konsenszwang.

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