Stopp des Bezugs von russischem Gas birgt erhebliche Risiken

Mit einem Importanteil von mehr als 50% beruht ein Großteil der deutschen Gasversorgung auf Lieferungen aus Russland. Es würde schwerfallen, diese kurzfristig zu ersetzen, da sowohl die Kapazitäten der LNG-Terminals als auch die Transportkapazitäten des bestehenden Pipelinenetzes begrenzt sind. Überdies wäre die europaweite Konkurrenz um die knappen noch freien Erdgasmengen massiv. Daher sollte nicht vorschnell auf den Import von russischem Gas oder gar auf einen vollständigen Bezug russischer Energieimporte verzichtet werden. Um sich unabhängig von Russland zu machen, sind zunächst erhebliche Anstrengungen auf allen Ebenen nötig, von der Politik bis zu den Unternehmen. Dabei ist es derzeit nahezu unmöglich, belastbare Aussagen über die Größenordnung der damit verbundenen wirtschaftlichen Konsequenzen zu treffen. Drohungen, auf russische Energieimporte zu verzichten, sollten jedenfalls nur unter Berücksichtigung der damit verbundenen erheblichen Risiken für die deutsche Volkswirtschaft ausgesprochen werden. Diese Abwägungen gehen weit über ökonomische Modellrechnungen hinaus.

1. Einleitung

Seit den Ölpreiskrisen der 1970er-Jahre hat die Abhängigkeit von Importen fossiler Energierohstoffe aus Russland beinahe beständig zugenommen. So beruhte die Gasversorgung Deutschlands mit einem Importanteil von 54,5% im Jahr 2018 zu etwas mehr als der Hälfte auf Lieferungen aus russischen Gasfeldern (Tabelle 1). Dieser hohe Importanteil hatte auch im Jahr 2021 noch Bestand, wenngleich er in den vergangenen Monaten zurückgegangen ist. Im Jahr 1970 wurde die Gasversorgung Deutschlands hingegen zu rund drei Vierteln aus heimischen Quellen sichergestellt, der übrige Teil wurde durch die Niederlande gewährleistet. Mit Inbetriebnahme der durch die Ostsee führende Pipeline Nord Stream I im Jahr 2011 ist die Importabhängigkeit bei Gas im vergangenen Jahrzehnt weiter stark angestiegen: von einem Importanteil Russlands von rund 32% im Jahr 2010 über einen Anteil von rund 39% im Jahr 2015 auf den derzeitigen Anteil von etwa 55%.

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Die mit diesem hohen Anteil verbundene Abhängigkeit wird dadurch verschärft, dass Russland auch bei der Versorgung Deutschlands mit Rohöl und Steinkohle jeweils die mit weitem Abstand führende Rolle einnimmt. So betrug der Anteil Russlands zur Rohölversorgung Deutschlands im Jahr 2018 knapp 37% und bei der Versorgung mit Steinkohle über 50%, ebenso wie beim Erdgas. Besonders brisant in der aktuellen Situation ist, dass die Abhängigkeit von Russland in den Jahren seit 2010 noch einmal deutlich zugenommen hat, besonders bei Steinkohle und Erdgas — siehe Abbildung 1, die das nach dem Konzept von Frondel und Schmidt (2007) berechnete spezifische Versorgungsrisiko für die einzelnen Energierohstoffe Rohöl, Erdgas und Steinkohle illustriert. Daher würde eine tatsächliche Umsetzung der Androhung Russlands, einen Lieferstopp für die Pipeline Nord Stream I zu verhängen, für Deutschland aller Voraussicht nach zu einer besonderen Herausforderung werden.

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2. Russisches Gas wäre kurzfristig nur schwer zu ersetzen
Obwohl russisches Gas lediglich etwa 15% des Primärenergieverbrauchs in Deutschland abdeckt, wird es aus zahlreichen Gründen schwerfallen, es kurzfristig zu ersetzen (Leopoldina, 2022). Erstens sind die Kapazitäten der Terminals für den Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) in Europa begrenzt und wurden ohnehin in den vergangenen Monaten aufgrund des hohen Erdgaspreises zunehmend stark ausgelastet. Zweitens sind die Transportkapazitäten des bestehenden Pipelinenetzes innerhalb Europas ebenfalls begrenzt, eine Erhöhung der Pipelineimporte Deutschlands aus anderen europäischen Ländern ist daher nur begrenzt möglich. Drittens unterliegen die Pipelinekapazitäten, die das europäische Netz mit anderen nicht-europäischen Export -Ländern als Russland mit Europa verbinden, ebenfalls starken Einschränkungen. Der Gasimport aus Ländern wie Algerien kann daher kurzfristig kaum stark erhöht werden.

Überdies würde Deutschlands Situation noch dadurch verschärft, dass andere europäische Länder bei einem Lieferstopp russischer Gasexporte mit demselben Problem zu kämpfen hätten: schnell Ersatz für russisches Erdgas finden zu müssen. Die Konkurrenz um die knappen noch freien Erdgasmengen wird daher aller Voraussicht nach massiv sein, wobei viele andere Länder mit noch erheblich größeren Problemen konfrontiert wären als Deutschland. So kann das europäische Gasnetz etwa die an LNG-Häfen in Spanien und Frankreich ankommenden Mengen nur zum Teil in besonders betroffene Länder in Mittel- und Osteuropa transportieren. Dort fehlt es zudem an Infrastrukturen wie Speichern (Schäfer, Küper 2022). Dies verdeutlicht noch einmal: Neben den begrenzten Produktionskapazitäten für LNG in den Exportländern und den meist langfristigen Verträgen für LNG stellt vor allem der innereuropäische Weitertransport von Erdgas eine große Einschränkung dar.

Vor diesem Hintergrund kann nur davor gewarnt werden, leichtfertig oder vorschnell auf den Import von russischem Gas — nicht nur über Nord Stream I, sondern auch aus den übrigen Pipelines — oder gar auf einen vollständigen Bezug russischer Energieimporte zu verzichten. Schließlich müsste bei einem vollständigen Verzicht auf Importe von Energierohstoffen aus Russland auch der Ersatz großer Mengen russischen Erdöls und Steinkohle bewältigt werden. Dennoch sollte mit der Vorbereitung auf einen möglichen Ausfall russischer Lieferungen umgehend begonnen werden, selbst wenn es gelingen sollte, denselben noch hinauszuzögern oder ganz zu vermeiden. Je größere Fortschritte etwa bei der Sicherung von LNG auf den Weltmärkten und dem Aufbau entsprechender Transportkapazitäten erzielt werden können, umso mehr wird die Erpressbarkeit von russischen Erdgaslieferungen abnehmen.

3. Von der Politik bis zu den Unternehmen sind erhebliche Anstrengungen nötig

Ob rein zur Vorbereitung auf einen möglichen Ausfall der russischen Energielieferungen oder gar als Reaktion darauf, dass dieser Ernstfall eingetreten ist: Es sind offenbar erhebliche Anstrengungen auf allen Ebenen zu unternehmen, von der Politik bis zu den Unternehmen. Während eine Substitution von Erdgas im Stromsektor zu einem gewissen Grad noch vergleichsweise leicht umgesetzt werden könnte, wirft die Bereitstellung von Prozesswärme in der Industrie und der Wärmeversorgung der privaten Haushalte aufgrund der kurzfristig unveränderbaren Infrastrukturen deutlich größere Probleme auf (Leopoldina, 2022). Falls dabei die Versorgung der privaten Haushalte mit Erdgas Vorrang genießen sollte, wie bislang für den Notfall vorgesehen, würde die Industrie im Ernstfall wohl erhebliche Kostensteigerungen oder gar eine Rationierung bewältigen müssen.

Wenngleich der kurzfristige Ersatz von russischem Erdgas mit Blick auf die zu ersetzenden Mengen wohl zu einem guten Teil bewältigt werden könnte (Leopoldina, 2022), ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt nahezu unmöglich, belastbare Aussagen über die Größenordnung der mit damit verbundenen wirtschaftlichen Konsequenzen zu treffen. Allein ein Lieferstopp von Nord Stream 1 würde, selbst wenn er mengenmäßig für eine gewisse Zeit kompensierbar wäre, aller Voraussicht nach durch sehr hohe Preise große wirtschaftliche Schäden verursachen. Es erscheint daher besonders ratsam, sich darauf vorzubereiten, die adversen Verteilungswirkungen dieser Kostensteigerungen für einkommensschwache Haushalte durch gezielte Maßnahmen abzufedern (Leopoldina, 2022).

Angesichts der disruptiven Natur der gegenwärtigen Veränderungen ist es keineswegs sichergestellt, dass die bisherigen Strukturen der globalen internationalen Arbeitsteilung und Vernetzung die Krise weitgehend unbeschadet überstehen. Schließlich dürfte mit einem Ausfall der Erdgaslieferungen die Dynamik dieser Veränderungen nicht unbedingt ihr Ende gefunden haben. Es erscheint daher durchaus nachvollziehbar, dass etwa das IW Köln einen Lieferstopp von russischem Gas für ein unkalkulierbares Risiko hält (Schäfer, Küper 2022). Denn wenn die Analyse über die in der Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina (2022) im Mittelpunkt stehende Betrachtung des Mengengerüsts hin ausgeweitet wird, sind eine Reihe unwägbarer Risiken zu berücksichtigen, die konkrete Prognosen der wirtschaftlichen Folgen in Frage stellen, selbst wenn sie dem Stand der Forschung nach modellgestützt erarbeitet werden (Bachmann et al., 2022).

Im schlimmsten Falle könnte es zu einer Veränderung nicht nur der europäischen Wirtschaftsstrukturen, sondern auch des Verhältnisses zwischen Russland und China kommen, und in der Konsequenz zu einer erheblichen Disruption der europäischen und globalen Wirtschaftsaktivitäten. Um zu einer konkreten Prognose zu gelangen, müssten unterschiedlichen Entwicklungsszenarien zumindest näherungsweise Wahrscheinlichkeiten zugewiesen werden, was aus analytischer Sicht kaum seriös geleistet werden kann.

4. Fazit

Es mag somit zwar der Fall sein, dass die Drohung, auf den Bezug russischer Energieimporte verzichten zu wollen, eine erfolgreiche Strategie sein kann, Russland an den Verhandlungstisch zu bringen. Aber solche Drohungen sollten nur unter Berücksichtigung der damit verbundenen erheblichen Risiken für die deutsche Volkswirtschaft ausgesprochen werden. Diese Abwägungen gehen weit über ökonomische Modellrechnungen hinaus. Nicht nur ist dabei das Risiko einer weiteren Eskalation zu bedenken, sondern auch die Frage zu stellen, ob es auf diese Weise tatsächlich gelingen kann, Russland wirksam zu einer Beendigung der Invasion der Ukraine zu bewegen.

Modellgestützt erarbeitete Prognosen der möglichen gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen sind zweifellos ein wichtiger und nützlicher Baustein bei diesen Abwägungen. Allerdings können sie allein dafür nicht hinreichend sein. Denn ihre Konstruktion erfordert grundsätzlich die zentrale Identifikationsannahme, dass die Welt jenseits der im Modell berücksichtigten Änderungen bleibt, wie sie bei der Kalibrierung des Modells gewesen ist. Das kann, muss aber nicht zutreffend sein: Wer politische Weichenstellungen dieser Größenordnung erwägt, sollte also schon bedenken, auf welche Unwägbarkeiten er oder sie sich damit einlässt.

5. Literatur
Bachmann, R., D. Baqaee, Ch. Bayer, M. Kuhn, A. Löschel, B. Moll, A. Peichl, K. Pittel und M. Schularick (2022), Was wäre, wenn…? Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Importstopps russischer Energie auf Deutschland, ECONtribute Policy Brief No. 029.
Frondel, M. und C.M. Schmidt (2007), Versorgungssicherheit mit Öl und Gas: Eine empirische Analyse für Deutschland, Zeitschrift für Energiewirtschaft 71: 117–128.
IEA (2019a), Natural Gas Information 2019, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/4d2f3232-en.
IEA (2012a), Natural Gas Information 2012, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/nat_gas-2012-en.
IEA (2007a), Natural Gas Information 2007, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/nat_gas-2007-en.
IEA (2012b), Oil Information 2012, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/oil-2012-en.
IEA (2007b), Oil Information 2007, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/oil-2007-en-fr.
IEA (2019c), Coal Information 2019, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/4a69d8c8-en.
IEA (2012c), Coal Information 2012, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/coal-2012-en.
IEA (2007c), Coal Information 2007, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/coal-2007-en.
Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften (Hrsg., 2022), Wie sich russisches Erdgas in der deutschen und europäischen Energieversorgung ersetzen lässt, Ad-hoc-Stellungnahme, Halle.
Schäfer, T und M. Küper (2022), Weg vom russischen Gas. Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln), 10. März
2022, https://www.iwkoeln.de/presse/iw-nachrichten/hubertus-bardt-malte-kueper-thilo-schaefer-weg-vom-russischen-gas.html.

Hinweis: Der Beitrag erschien am 25. März 2022 als RWI Position #81 von Manuel Frondel und Christoph M. Schmidt

5 Antworten auf „Stopp des Bezugs von russischem Gas birgt erhebliche Risiken“

  1. Lindner gab kürzlich den Hinweis, dass in Deutschland Unternehmen entscheiden, ob sie Gas in Rubel bezahlen wollen. Ein anderer Hinweis von jemanden war, dass eine Umstellung auf Rubel nur mit Vertragsanpassungen möglich wäre, was dann auch Preisanpassungen nach oben bedeuten könnte. Zu 1) Man liest, dass das nur über die Zentralbank möglich wäre, doch wird die sanktioniert. Kann nicht zB. die Gazprombank Euro in Rubel tauschen und dann wird halt damit bezahlt? Mir scheint, dass wrsentliche Fragen bei dem ganzen Thema gar nicht diskutiert werden? Übrigens, was machen die anderen betroffenen Länder, zB die Ukraine? Und ganz anders: Ich laß kürzlich, dass auch russische Raketenstarts nun in Rubel bezahlt werden müssten, jedenfalls gilt das für “unfreundliche” Staaten. Heißt das, dass alles was in Russland gekauft wird mit Rubel bezahlt werden soll? Was wird sonst noch in Russland gekauft? Gehören nicht Erdöl, Steinkohle und auch andere Rohstoffe dazu, jedenfalls aktuell noch? Wie ist da die Situation? Und wo kann man eigentlich noch Rubel bekommen, in China vielleicht? Und was macht ein besserer Rubelkurs mit Russland und China? Eigentlich ermöglicht der Russland billiger im Ausland einzukaufen, etwa in China, und teurer zu verkaufen, etwa an China. Wie ist das zu beurteilen, mit Blick auf Russland und China?

  2. Eine kluge und weitsichtige Energiepolitik der (Spitzen-)Politiker und (Spitzen-)Manager in Estland, Lettland und Litauen?

    Ein klares “Ja”!

    Die drei baltischen Länder haben seit 2015 LNG-Terminals, um im “Falle eines Falles” vom russischen Erdgas (vollständig) unabhängig zu sein!

    https://www.zdf.de/nachrichten/politik/litauen-gas-ukraine-krieg-russland-100.html

    in Verbindung mit

    https://www.augsburger-allgemeine.de/wirtschaft/exklusiv-top-oekonom-felbermayr-buerger-zahlen-rechnung-fuer-deutsche-gas-politik-id62208751.html

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