Die Ethik des Atomausstiegs

Auf Frank Knight, dem Pionier der Informationsökonomik, geht die heutige Unterscheidung zwischen Ungewissheit (uncertainty) und Risiko (risk) zurück. Wenn es um die Einschätzung von möglichen künftigen Schadensfällen geht, so gilt bei Risiko: Man kennt zwar die Höhe der Schäden im Vorhinein nicht, aber man kennt einen Mittelwert (den Erwartungswert), mit dem in einem bestimmten Zeitraum Schäden auftreten, und man kennt die im Mittel zu erwartenden Abweichungen von diesem Mittelwert (die Varianz). Für die Bestimmung von Erwartungswert und Varianz gibt es zwei Quellen: theoretische Zusammenhänge oder systematische Beobachtung über eine möglichst große Zahl an vergangenen Zeiträumen. Steht weder das eine noch das andere zur Verfügung, dann kennt man Erwartungswert und Varianz nicht. In diesem Falle spricht man seit Frank Knight von Ungewissheit. Oft ist es ein Segen, dass man Erwartungswert und Varianz eines Schadensfalls nicht kennt, denn es bedeutet in der Regel, dass er selten aufgetreten ist – wie etwa die Kernschmelze in einem Atomkraftwerk oder ein Flugzeugabsturz bei einer bestimmten Fluggesellschaft. Umgekehrt bedeutet dies aber, dass man beispielsweise aus der Unfallstatistik der gängigen Fluggesellschaften keine vernünftigen Rückschlüsse auf deren Sicherheitsstandards ziehen kann. Würden die Flugzeuge – statistisch betrachtet – „hinreichend häufig“ abstürzen, dann könnte man daraus Wahrscheinlichkeiten eines Absturzes bei diesem oder jenem Carrier berechnen und sein Verhalten daran ausrichten.

Daraus folgt: Vernünftige Abwägungen zwischen den Erträgen und Risiken bestimmter Entscheidungen sind abseits vollkommener Sicherheit unter Risiko durchaus noch möglich, nicht aber unter Ungewissheit. Und mit Ungewissheit haben wir es bei der Kernenergie zu tun. Denn die Zahl schwerer Reaktorunglücke ist gottlob klein, und die rein technische Verkettung der Wahrscheinlichkeiten von Einzelstörungen – etwa des Bruchs einer Schraube oder des Platzens einer Leitung mit Kühlflüssigkeit – mit dem Ziel, daraus theoretische Werte für die Wahrscheinlichkeit eines großen Störfalls zu gewinnen, ist offenbar unzureichend, worauf die bisherigen Erfahrungen zumindest hinweisen. Das ist eigentlich auch naheliegend, denn das Zusammenspiel von Mensch und Technik ist in diesem Falle zu komplex, als dass es sich über solche Verkettungen mit hinreichender Genauigkeit abbilden ließe.

Die in Deutschland inzwischen überwältigende Mehrheit schließt daraus, dass man auf den Einsatz einer Technologie, über deren Schadenshöhe Ungewissheit herrscht, besser verzichtet. Damit ist man, so scheint es zumindest, auf der sicheren Seite. Leider stimmt dies nur mit Blick auf die unmittelbaren Folgen der Atomenergie. Denn es ist klar, dass es keine Kernschmelze geben kann, wenn es keine Brennelemente gibt. Aber für die Beurteilung der Frage, ob es mit höheren oder geringeren Risiken für diese und künftige Generationen verbunden ist, wenn Deutschland auf die Kernenergie verzichtet, reicht diese Erkenntnis allein nicht aus. Man wäre nur dann auf der sicheren Seite, wenn der Weiterbetrieb von Kernkraftwerken mit Ungewissheit verbunden wäre, die Einstellung des Betriebes hingegen nicht. Letzteres ist aber leider unzutreffend, denn auch der Ausstieg birgt ungewisse Folgen, zumindest so viel ist gewiss, und dies betrifft vor allem auch nachfolgende Generationen. Damit ist auch das Argument brüchig, dass nur der Weiterbetrieb von Kernkraftwerken, nicht aber deren Schließung unabsehbare Folgen für künftige Generationen hätte. Die Ungewissheit ist damit beidseitig.

Ziemlich sicher ist allerdings, dass der Energieverbrauch in den kommenden Jahrzehnten weltweit noch einmal erheblich zunehmen wird, und wenngleich wir wohl einen gewissen Einfluss auf die Höhe des Zuwachses haben, so werden wir an dem Anstieg selbst unter realistischen Bedingungen nichts ändern können. Es wäre ethisch sogar höchst fragwürdig, wollte die industrialisierte Welt die Schwellen- und Entwicklungsländer unter Verweis auf Umweltschäden dazu drängen, auf ähnliche Energieverbräuche wie die Industrieländer zu verzichten; und selbst wenn es ethisch nicht fragwürdig wäre, so ließen sich die aufstrebenden Regionen schlicht nicht daran hindern, ihren Anspruch auf einen Anteil am Weltenergieverbrauch geltend zu machen – man denke allein an die 2,5 Mrd. Einwohner in China und Indien. Selbstverständlich sollte dies eingebettet sein in Bemühungen um eine weltweit höhere Energieeffizienz. Aber das wird nach allem, was wir wissen, nicht reichen, um die Tendenz zu steigendem Weltenergieverbrauch auf absehbare Zeit zu brechen oder gar umzukehren.

Ziemlich sicher ist auch: Der Anteil regenerierbarer Energieträger wird über einen nicht zu vernachlässigenden Zeitraum wachsen müssen und daher zunächst noch relativ geringe Anteile am Weltenergieverbrauch decken können, auch wenn die Anteile im günstigen Falle zügig ansteigen. Und sie werden zunächst teuer sein. Das ist kein Argument gegen ihre Entwicklung, aber aus dem Stand heraus werden wir sie nicht zu einem Hauptenergieträger machen können. Schließlich: Ob und wie sich diese regenerierbaren Quellen zu einem Hauptenergieträger entwickeln lassen, können auch die fähigsten Ministerialbeamten am Schreibtisch nicht bestimmten. Zumindest wäre es wohl das erste Mal, dass Innovationen von dort aus erfolgreich „geplant“ werden. Hier gilt also ganz ähnlich wie bei der Atomenergie: Wir wissen sehr wenig darüber, wann wir unter welchen Bedingungen und mir welchen Folgen einen bestimmten Anteil an der Energie über regenerierbare Quellen bereitstellen können. Es herrscht Ungewissheit im oben dargestellten Sinne. Aber nicht nur das: Wir wissen auch noch nichts über mögliche Umweltschäden oder sonstige Nebenwirkungen, die die forcierte Entwicklung alternativer Energiequellen haben werden. Es wäre naiv zu glauben, dass wir auf dem Weg in die regenerierbaren Energieträger nicht mit Problemen dieser Art konfrontiert würden. Man denke nur an den Biokraftstoff, der lange großzügig gefördert wurde, bevor seine Umweltnebenwirkungen im Umfeld eines wachsenden Verbrauchs offenbar wurden, ohne dass vorher irgendwer daran gedacht hatte – und bei der Photovoltaik sehen die Dinge nicht viel anders aus.

Aber das ist noch nicht alles: Denn wir wissen auch nicht, was es auslöst, wenn wir über eine unbestimmte Zeit einen unbestimmten Anteil am unbestimmt wachsenden Weltenergieverbrauch mit Quellen befriedigen werden, die noch nicht aus erneuerbaren Quellen, aber schon nicht mehr aus Atomenergie stammen. Natürlich werden wir in Deutschland ohne Atomstrom auskommen können, wenn wir nur bereit sind, dafür zu zahlen. Aber das sagt noch nichts darüber aus, wem mit Blick auf weltweite Umweltprobleme damit geholfen wäre. Rein algebraisch unumgänglich ist, dass wir Deutschen gezwungenermaßen die Weltnachfrage noch fossilen Brennstoffen erhöhen werden, wenn wir auf Atomstrom, nicht aber in gleichem Maße (!) auf Energie verzichten, solange wir die Differenz noch nicht über alternative Energiequellen decken können; und das wird aller Voraussicht nach selbst dann noch für eine lange Übergangsperiode so sein, wenn die avisierte Förderung regenerativer Energiequellen relativ rasch von Erfolg gekrönt sein wird. Denn auch unter „relativ rasch“ müssen wir Zeiträume verstehen, die sich besser in Jahrzehnten als in Jahren ausdrücken lassen – und das mit unbekannten Mittelwerten und Varianzen, also mit echter Ungewissheit.

Zwischenzeitlich wird die durch den Verzicht auf Kernenergie zwangsläufig ins Ausland schwappende deutsche Energienachfrage die Energiepreise an den Weltmärkten ansteigen lassen. Das wird dort Angebotsreaktionen auslösen, denn steigende Preise sind ein Signal für den Ausbau von Kapazitäten, und das geht beispielsweise so: Man wird tiefer in den Meeren nach Öl bohren, man wird vielleicht in bisher geschonte Regionen wie die Antarktis vorstoßen, und man wird neue Erdgasfelder erschließen. Je teurer die Energie wird, desto eher werden sich solche Aktivitäten lohnen, auch wenn sie selbst ebenfalls teuer sind; und sie werden vor allem deshalb immer teurer, weil die Gewinnung von Brennstoffen unter immer schwierigeren Bedingungen stattfindet und damit immer höhere Risiken für die Umwelt beinhaltet – man denke nur an die Katastrophe der Deepwater Horizon, welche darauf hinweist, dass auch die Nutzung fossiler Brennstoffe ungewisse Folgen zeitigt; und da haben wir vom Klimawandeln noch gar nicht gesprochen. Schließlich wird man bei weltweit steigenden Energiepreisen mit steigender Wahrscheinlichkeit im Ausland neue Atomkraftwerke bauen, auch wenn diese dann nicht mehr vor unserer Haustür stehen – das ist zwar nicht sicher, aber im Mittel absehbar, und daher müssen wir vernünftigerweise damit rechnen. Daraus ergibt sich die paradoxe Situation, dass wir durch unseren Ausstieg aus der Kernkraft tendenziell den Bau neuer Atomkraftwerke im Ausland anregen werden. Denn der Ausstieg treibt die Preise und macht die Kernkraftwerke im Ausland rentabler.

Man kann es auch so ausdrücken: Bei weltweit integrierten Energiemärkten schieben wir die riskantesten Technologien zur Energiegewinnung dahin, wo man am ehesten bereit ist, die damit verbundenen Gefahren einzugehen. Unter bestimmten Bedingungen (für Ökonomen: bei Abwesenheit von Externalitäten) kann man so etwas sogar begrüßen, ganz so wie es sinnvoll ist, dass ängstliche Menschen keine Stuntmen, sondern vielleicht eher Beamte in einer Dienststube werden. Aber diese Bedingungen sind nicht gegeben, sofern das Handeln in einem Land Konsequenzen für die Umwelt in anderen Ländern hat. Daher haben wir keinen Grund zu glauben, wir hätten mit dem Ausstieg aus der Kernenergie – noch dazu im Gegensatz zu anderen – den einzig rechten Weg beschritten. Mit Blick auf deutsche Grundsätzlichkeit mögen wir uns dann in Unschuld baden, mit Blick auf die Konsequenzen unseres Handeln aber werden wir so oder so unsere Unschuld verloren haben – und für die Umweltschäden ist allein letzteres relevant. Da hilft es auch nichts, wenn wir der Welt versprechen, sie in zwei oder drei Jahrzehnten mit der Technologie für die Nutzung regenerativer Energiequellen zu beglücken, und das liegt daran, dass wir erstens wenig über die Effekte in der Zwischenzeit wissen und dass wir zweitens nicht wissen, ob und unter welchen Bedingungen und Nebenwirkungen wir dieses Versprechen je werden einlösen können.

Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist kein Plädoyer gegen den Atomausstieg, auch wenn es so klingen mag. Es geht inhaltlich vielmehr darum zu sehen, dass wir es hier mit einer Entscheidung unter echter Ungewissheit im Sinne von Frank Knight zu tun haben. Denn wir wissen nicht, was die Zukunft jeweils bringen wird. Wir wissen nicht, was geschieht, wenn wir aussteigen, und wir wissen nicht, was geschieht, wenn wir nicht aussteigen. Dass wir dennoch Entscheidungen treffen müssen, ist klar. Aber der Kern des Arguments in diesem Beitrag ist, dass wir in dem einen oder anderen Fall nicht behaupten können, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, weder mit Blick auf die Energieversorgung, noch mit Blick auf die Umwelt.

Daher können wir nur beide Entscheidungen, jene zum weiteren Betrieb und jene zum Ausstieg, als eine jeweils akzeptable Entscheidung sehen, an deren ethischer Integrität wir zunächst einmal keinen Grund haben zu zweifeln. Das gilt unabhängig davon, dass sich auf dem diesbezüglichen Meinungsmarkt mächtige Lobbyisten tummeln, denn daraus darf man nicht schließen, dass jeder, der eine bestimmte Position vertritt, nun notwendigerweise eine Marionette dieser Lobbyisten ist. Denn wir wissen nur das: Es ist möglich, dass uns der gerade beschlossene Ausstieg am Ende zu einem Durchbruch in der Nutzung regenerierbarer Energiequellen verhilft. Es ist weiterhin möglich, dass uns dieser Durchbruch regenerierbare Energiequellen mit gut überschaubaren und kontrollierbaren Nebenwirkungen beschert und zu einer nachhaltigen Energieversorgung beiträgt, die noch dazu klimafreundlich ist. Allerdings ist es ebenso möglich, dass das Ganze in eine Sackgasse führt. Auch ist nicht ausgeschlossen, dass – womöglich Frankreich – in nicht allzu ferner Zukunft wirklich selbstsichernde Reaktoren entwickelt, in welchen aus physikalischen Gründen keine Kernschmelzen oder vergleichbare Katastrophen mehr möglich sind; weiterhin ist es denkbar, dass man eine Technologie zur Dekontaminierung radioaktiven Abfalls findet. Selbstverständlich ist auch das alles andere sicher; aber ausgeschlossen ist es allein in den Köpfen jener, die immer schon wussten, was gut ist und was nicht. Für alle anderen gilt: Wie immer wir uns entscheiden, es kann sich immer als die falsche Entscheidung herausstellen, und dessen sollte man sich bewusst sein.

Neben dieser inhaltlichen Bedeutung der Ungewissheit gibt es aber auch eine ethische, und die geht so: Wie immer man sich in dieser Sache positioniert, so hat keine Seite irgendeinen Anlass zu moralischem Hochmut. Heute scheint es in Deutschland genau drei Gruppen von Menschen zu geben: Atomkraftgegner, Lobbyisten der Atomindustrie und solche, die weder das eine noch das andere und damit geistig unzurechnungsfähig sind. Aber wer das so sieht, müsste zunächst einmal erklären, warum es diese Gruppenzuteilung in vielen anderen Ländern nicht gibt, und zwar nicht allein in armen Ländern und/oder in Bananenrepubliken. Der Verweis auf pure Armut oder eine gewissenlose Grundhaltung reicht daher nicht dazu aus, die in unterschiedlichen Ländern unterschiedlichen Haltungen zu erklären. Weiter kommen wir vielmehr mit einem Verweis auf die Ungewissheit, mit der wir in dieser Entscheidung konfrontiert sind. Sie erklärt am besten, warum manche eher zu dieser und andere eher zu einer anderen Positionierung neigen. Das gibt jedem, der sich der Ungewissheit in der Sache bewusst ist, Anlass zu moralischer Demut, egal wie er oder sie sich persönlich entscheidet – ganz im Gegensatz zu dem derzeit gerade auch in den öffentlich-rechtlichen Medien vorherrschenden moralischen Alleinvertretungsanspruch. Denn Zweifel daran, dass am deutschen Energiewesen die Welt genesen wird, müssen weder auf geistiger Verwirrung noch auf Gewissenlosigkeit beruhen. Zweifel beruhen bei einsichtigen Menschen vielmehr konstitutiv auf der Einsicht in das eigene Unwissen. Es wäre schön, wenn sich das auch mit Blick auf die Energiepolitik einmal herumsprechen würde. So viel ist jedenfalls sicher.

Thomas Apolte

Thomas Apolte

Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Thomas Apolte

Eine Antwort auf „Die Ethik des Atomausstiegs“

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag, der mir sehr aus dem Herzen spricht. Bin durch Zufall auf diesem Blog gelandet.
    Es gibt dieses wunderbare und einfache Werkzeug des Deming-Zyklusses oder auch PDCA (plan-do-check-act) das hier sehr angemessen wäre. Allerdings würde dies voraussetzen, dass man eigene Überzeugungen permanent auf den Prüfstand stellt und auch bereit ist, diese zu ändern. Eine Eigenschaft, die beiPolitikern, nicht sehr ausgeprägt ist. Vielleicht verlangt der Bürger das aber auch nicht.
    Dies wäre aber aus meiner Sicht ein wirklicher Bildungsauftrag, aufzuzeigen, dass das Hinterfragen von offensichtlichen Wahrheiten in alle Richtungen und die Informationsbeschaffung Bürgerpflicht ist

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