2012 als Internationales Jahr der Genossenschaften

2012 wurde  von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen. Mit dieser  Aktion will die UNO auf die weltweite Bedeutung von Genossenschaften sowie auf ihre besonderen Merkmale aufmerksam machen. Dies legt die Frage nahe, was die deutsche Bevölkerung eigentlich über Genossenschaften weiß, wie sie diese einschätzt und was sie wissen sollte.

Genossenschaftliche Ökonomie

800 Millionen Menschen sind weltweit Mitglieder in Genossenschaften, sind also deren Eigentümer. In Deutschland existieren etwa 7500 Genossenschaften und zwar iunterschiedlichsten Branchen. Im Vordergrund stehen  das Bankwesen, die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, die Landwirtschaft und das Gewerbe. Große gewachsenen Gruppen und Netzwerke mit langer Tradition bestehen neben kleinen, oft noch jungen Unternehmen. Jährlich entstehen inzwischen wieder etwa 200 neue Genossenschaften, während vorher über viele Jahre ein Rückgang der Anzahl  genossenschaftlicher Unternehmen zu konstatieren war. Die Neugründungen erfolgen heute in expandierenden und zukunftsorientierten Wirtschaftszweigen. Dies sind neben anderen vor allem die Branchen der Organisation persönlicher und unternehmensnaher Dienstleistungen (z.B. Gesundheitswirtschaft, Energiebranche, beratende Berufe) sowie das Handwerk. Die genossenschaftliche Wirtschaft in Deutschland beschäftigt mehr als 800 000 Mitarbeiter und wird von 20 Millionen Mitgliedern getragen. Diese Zahl entspricht einem Vierfachen der Aktionäre in Deutschland. Die genossenschaftliche Wertschöpfung stellt einen beträchtlichen Anteil der gesamten Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft dar.

Marketingstrategie?

Wie soll vor diesem Hintergrund ein Internationales Jahr der Genossenschaften eingeschätzt werden? Nicht nur die Anzahl der Neugründungen, sondern auch das Interesse an Genossenschaften ist zuletzt im Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise stark angestiegen. Die Merkmale der genossenschaftlichen Governance sind umso stärker in den Vordergrund getreten, je mehr das Verhalten anderer Unternehmen kritisiert wurde, freilich meist ohne sich dessen bewusst zu sein oder zu wessen, dass es sich bei den geforderten Merkmalen um die Besonderheiten von Genossenschaften handelt.  Benötigen Genossenschaften daher die Hervorhebung durch die UNO und den damit einhergehenden Gewinn an Publizität? Handelt es sich um eine wohlüberlegte und erfolgversprechende Marketingstrategie?  Einerseits können Genossenschaften selbstbewusst auf eine erfolgreiche Tradition blicken und aktuell die genannten positiven Perspektiven nutzen. Andererseits ist davon auszugehen, dass Genossenschaften unter einem Informations- und unter einem Imagedefizit leiden. Davon wurde zumindest bisher ausgegangen.

Strukturelle Informationsdefizite

Es sind vor allem Menschen, die sich in einem genossenschaftlichen Umfeld bewegen, die die Besonderheiten – sowohl die Vor- als auch die Nachteile – der genossenschaftlichen Governance kennen. Es kann also ein großflächiges Informationsdefizit vermutet werden. Zudem scheint es, dass Genossenschaften als nicht mehr zeitgemäß eingeschätzt werden, deren Eignung bestenfalls für Nischenaktivitäten und losgelöst von wirtschaftlichem Erfolgsstreben zugestanden wird. Es liegt also nahe, zusätzlich von einem Imagedefizit auszugehen. Es sind diese strukturellen Defizite, die zu einer positiven Einschätzung eines solchen Internationalen Jahres führen sollten. Ein solches ist geeignet, fundamentale Informationsasymmetrien abzubauen. Dabei ist von vorneherein eine realistische Einschätzung notwendig. Genossenschaftsromantik ist keinesfalls angebracht. Die Governancemerkmale von Genossenschaften zeichnen diese auch heute noch als überlegene Organisationsformen aus, dies gilt jedoch nicht generell und nicht für beliebige Zielsetzungen

Genossenschaftliche Kooperationsrente

Hier ist nicht der Platz die einzelnen Elemente der genossenschaftliche Governance darzustellen und zu analysieren. Dies kann in meinem Beitrag vom 7. April 2011 (Genossenschaftlicher MemberValue als sympathischer ShareholderValue) nachgelesen werden. Es soll in der gebotenen Kürze nur an einzelne Merkmale erinnert werden. Was sollte man über Genossenschaften wissen? Genossenschaften sind eine kooperative Organisationsform, durch eine besonders institutionalisierte Zusammenarbeit soll eine Kooperationsrente erzielt werden. Wirtschaftliche Aktivitäten werden also möglich, die sonst unterbleiben würden. Dies zieht vielfältige Wirkungen nach sich: Wertschöpfung, Wettbewerb, Arbeitsplätze, Standorteffekte etc.  Bei diesen handelt es sich um gesamtwirtschaftliche Effekte, die oft als originäre Zielsetzungen genossenschaftlicher Unternehmen missinterpretiert werden. Solche „sozialen Wirkungen“, die ex post durchaus als ein Ergebnis sozialer Verantwortung interpretiert werden können, stellen sehr willkommene Nebeneffekte der genossenschaftlichen Zusammenarbeit dar. Sie sind jedoch für diese nicht konstituierend.

Realwirtschaftliche Verankerung

Denn die einzelwirtschaftliche und ausschließliche Zielsetzung der Partner ist die Schaffung eines MemberValues, also von Werten für die Eigentümer, die sonst nicht entstehen würden. Dies wird so auch im ersten Paragraphen des deutschen Genossenschaftsgesetzes – wenn dort auch in der Diktion der genossenschaftlichen Gründungsväter – festgeschrieben. Die Eigentümer – Mitglieder oder Kooperationspartner  – arbeiten in einem eigens für die Kooperation gegründeten Unternehmen – also einem Joint Venture namens Genossenschaft – zusammen und verfügen für ihre strategischen Entscheidungen jeweils über eine Stimme. Somit gilt eine besondere Form der Eigentümerkontrolle, die sich zusätzlich dadurch auszeichnet, dass die Eigentümer auch die Nutzer der durch das gemeinsame Unternehmen organisierten oder produzierten Leistungen sind. Der MemberValue fließt den Eigentümern daher über die direkten Konditionen der Leistungen, über die institutionellen Investitionen in die Kooperation (einem Optionsnutzen) und über die Verzinsung des eingesetzten Kapitals zu. Die Werte für die Eigentümer entstehen also durch Transaktionen mit diesen und über mehrere Wege und nicht durch Geschäfte mit Dritten, was zu einer Konsistenz der Anreize für die Aktivitäten der genossenschaftlichen Akteure führt. Nicht anonyme Investoren prägen strategische und operative Entscheidungen, sondern die eigenen realen Interessen. Genossenschaften sind realwirtschaftlich verankert.

Regionale Verankerung

Genossenschaftsanteile sind nicht handelbar, so dass es nicht zu feindlichen Übernahmen von Genossenschaften kommen kann. Ihre meist regional ausgerichteten Aktivitäten ermöglichen Genossenschaften gleichzeitig die Informations- und Anreizvorteile einer kleinräumigen Verankerung und die Kosten-, Existenz- und Wettbewerbsvorteile wirtschaftlicher Größe, die durch die Zusammenarbeit entsteht. Es ist also nicht überraschend, dass das genossenschaftliche Organisationsmodell gerade im Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise wieder Aufmerksamkeit erlangte. Und dies hat nicht nur damit zu tun, dass die deutschen Genossenschaftsbanken im Dezember 2011 von Standard  & Poor’s in ihrem Rating hinaufgestuft wurden, während andere Banken herabgestuft wurden.  Eine weitere Facette, die Aufmerksamkeit erlangt, ist, dass die Genossenschaftsbanken seit mehreren Quartalen und vor dem Hintergrund einer befürchteten Kreditklemme ihre Kreditvergabe deutlich über den Markttrend erhöhen. Zusätzlich sei daran erinnert, dass es die Genossenschaftsbanken waren, die ohne staatliche Unterstützung durch die Finanzmarktkrise kamen.

Guter Informationsstand

Doch weiß dies die deutsche Bevölkerung und weiß sie um die genossenschaftlichen Merkmale? Also: Was weiß Deutschland über Genossenschaften? Mit einer Antwort auf diese Fragenwurde in Vorbereitung auf das Internationale Jahr der Genossenschaften die GfK Nürnberg von der Forschungsgesellschaft für Genossenschaftswesen Münster beauftragt. In dieser ersten repräsentativen bundesweiten Erhebung traten interessante Ergebnisse zutage (Vgl. die Ergebnisse in Theurl, Theresia und Wendler, Caroline (2011): Was weiß Deutschland über Genossenschaften?, Shaker Verlag Aachen). Nur einige wenige Ergebnisse können hier angesprochen werden.

Sie können dahingehend zusammengefasst werden, dass überraschend viele Informationen vorhanden sind. Diese sind jedoch punktuell, breit gestreut und unterscheiden sich stark zwischen einzelnen Gruppen. Es bleibt also viel Raum für die Informationsaktivitäten des Internationalen Jahrs der Genossenschaften. 83% der Bevölkerung kennen den Begriff „Genossenschaft“ und viele Menschen kennen wesentliche Merkmale und Zielsetzungen und sie können viele Beispiele für genossenschaftliche Unternehmen nennen. In der Bevölkerung besonders bekannt ist  die Tatsache, dass genossenschaftliche Kooperationen „zum Wohle ihrer Mitglieder handeln müssen“, also die MemberValue-Orientierung. Familien, Freunde und/oder Bekannte sind die mit Abstand wichtigsten Informationsquellen für Informationen über Genossenschaften.

Positives Image

Wie schätzt Deutschland Genossenschaften ein? Grundsätzlich positiv. Über 50% der Befragten bewerten sie als gut oder sehr gut. Dies gilt auch für viele der einzelnen Governance-Merkmale. So wird die MemberValue-Orientierung von Genossenschaften sogar von über 80% der Bevölkerung als gut oder sehr gut beurteilt. Als die wichtigsten Merkmale werden die folgenden gereiht: (1) MemberValue-Orientierung, (2) Sehr niedrige Insolvenzquote, (3) Freiwilligkeit der genossenschaftlichen Mitgliedschaft. Dass das Image der Genossenschaften insgesamt ein positives ist bringen Einstellungswerte an den Tag. Begründet wird dies unter anderem durch ihre eher langfristige Ausrichtung, ihre Kundennähe, eine gewisse Bodenständigkeit sowie durch Zuverlässigkeit. Es ist jedoch auch darauf hinzuweisen, dass in der Einschätzung der Befragten das Idealbild von Genossenschaften tendenziell noch ein besseres ist als ihr Realbild, wenngleich sich die Abweichungen in Grenzen halten.

Fazit

Das Internationale Jahr für Genossenschaften kann vor dem Hintergrund der Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung des genossenschaftlichen Informations- uns Einstellungsstandes der deutschen Bevölkerung sehr begrüßt werden. So sollte auch berücksichtigt werden, dass erstens die Befragten mehrheitlich der Meinung sind, dass mehr Informationen über Genossenschaften verfügbar sein sollten und dass zweitens über ein Drittel der befragten Nichtmitglieder einer genossenschaftlichen Mitgliedschaft nicht abgeneigt ist. Auf der Grundlage eines Informationsstandes, der besser ist als erwartet, und einer Einschätzung, die deutlich positiver ist als befürchtet, können die Aktivitäten des Internationalen Jahrs für Genossenschaften zu einem Gewinn für die Genossenschaften werden. Nicht außer Acht gelassen werden sollte bei allen Aktivitäten, dass jene Informationspolitik am nachhaltigsten sein dürfte, die erfolgreiche Genossenschaften benennen und ihren Erfolg auf die genossenschaftlichen Governancemerkmale zurückführen kann.

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