Gastbeitrag:
Reale Folgen der Krise – Aus Wachstums- werden Rezessionstreiber

Die Wachstumstreiber der Vergangenheit werden aktuell zu Rezessionstreibern. Je nach Land stehen die Bau-, die Finanz- oder die Exportindustrie vor erheblichen Korrekturen. Die realen Folgen der Krise werden Jahre dauern, auch für die deutschsprachigen Länder. Die zentrale Ursache der aktuellen Krise ist mittlerweile bekannt: Eine exzessive Kreditvergabe in etlichen Ländern führte zu Spekulationsblasen auf den Immobilienmärkten. Seit 1995 hat sich das weltweite Volumen an Krediten vom Welt-BIP abgekoppelt.

Abb.1: Entwicklung der heimischen Kredite – Weltweite Entwicklung seit 1995

MinschChart
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Quelle: Weltbank und OECD

Die Entwicklung auf den Immobilien- und Finanzmärkten blieb nicht ohne Folgen für die Wirtschaftsstrukturen: Seit 1995 hat sich die Bedeutung einzelner Branchen in etlichen Ländern stark verändert. Als Folge des überproportionalen Kreditwachstums sind in einzelnen Ländern die Bau- und die Finanzindustrie stärker als das BIP gewachsen und waren damit eigentliche Wachstumstreiber.

Abb.2: Durchschnittliche jährliche Entwicklung seit 1995 – Finanzindustrie vs. Baubranche

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Quelle: OECD. Entwicklung seit 1995.

Deutschland  wie auch die Schweiz und Österreich haben indirekt von den Immobilienblasen profitiert, indem die Nachfrage nach ihren Produkten und Dienstleistungen in den Blasenländern anstieg und sie ihre Exporte stark ausweiten konnten. Ihre Exporte wuchsen sogar weit stärker als die Importe. In diesen Ländern hat sich demnach der Leistungsbilanzüberschuss seit 1995 deutlich erhöht. Das Wachstum der realen Exporte und Importe ist somit nicht nur eine Folge der Globalisierung. Auch die Immobilienblasen haben die Exporte ansteigen lassen.

Das Welthandelsvolumen wurde in der Vergangenheit jeweils positiv von Blasenbildungen beeinflusst: Sowohl die Ostasienblase als auch die New Economy-, die Immobilien- und die Erdölblase haben den Welthandel stimuliert. Wie die Abbildung zeigt, reduzierte sich das Welthandelsvolumen nach dem Platzen jeder Blase etwas, um kurz darauf wieder durch eine neue Blasenbildung noch mehr an Fahrt zu gewinnen. Besonders eindrücklich ist das exponentielle Wachstum des Welthandels ab 2002. Wachstum und Rückgang des Welthandelsvolumens erinnert stark an eine Blasenentwicklung. Die Frage lautet somit: Erleben wir derzeit das Platzen einer Weltwirtschaftsblase?

Abb.3: Die Entwicklung des Welthandels

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Quelle: CPB Netherlands Bureau for Economic Policy Analysis.

Je nach wirtschaftlicher Ausrichtung und Partizipation an der Immobilienblase in den USA können somit drei verschiedene Gruppen unterschieden werden: Die erste Gruppe umfasst Länder, die selbst durch eine Immobilienkrise betroffen sind. Sie sind die eigentlichen Epizentren der Krise. Die zweite Gruppe sind diejenigen Länder, die stark in den internationalen Finanzmärkten und in den globalen Kreditvergaben involviert waren und sind; sie sind die eigentlichen „Financiers“ der Krise. Die dritte Gruppe betrifft die Exportländer. Sie haben in den letzten Jahren durch eine übersteigerte weltweite Nachfrage des Auslandes profitiert.

Die Immobilienblasen haben somit zu einer starken Verschiebung der Wirtschaftsstruktur in mehreren Ländern geführt. Diejenigen Länder mit überproportionalem Wachstum in einzelnen Branchen sind für die nächsten Quartale und Monate am stärksten gegenüber einer empfindlichen Korrektur exponiert. Aus Wachstumstreibern werden auf diese Weise Rezessionstreiber.

Je nach Land ist die Binnenwirtschaft oder die Aussenwirtschaft Ausgangspunkt der Rezession. (Abb. 4 beschreibt den Betroffenheitsgrad durch das In- und Ausland.) Die Ländergruppe „Immobilienblase“ leidet dabei vor allem unter den binnenwirtschaftlichen Folgen der Krise. Spanien, die USA, Island, Grossbritannien und Irland sind aufgrund der Entwicklungen der Finanz- und Bauindustrie in die gegenwärtige Wirtschaftkrise geschlittert. Diese Länder zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie vom Ausland (durch Exporte) weit weniger betroffen sind. Demgegenüber werden die Exportländer (und zum Teil die Bankenländer) durch das Ausland in die Krise gestürzt. Länder wie die Schweiz, Luxemburg, Österreich, Schweden und Deutschland sind mit stark rückläufigen Exporten konfrontiert. Gerade Deutschland und die Schweiz haben dabei ein sehr geringes binnenwirtschaftliches „Eigenverschulden“.

Abb.4 Woher kommt die Krise? Betroffenheit der Länder vom In- und Ausland

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Quelle: OECD. Entwicklung seit 1995. Abb. 7 zeigt eine konsolidierte Darstellung einer Vielzahl von Variablen, die die Wachstumsraten pro BIP seit 1995 beschreiben. Dabei wurde zwischen inlandsrelevanten (Baubranche, Konsum etc.) und auslandsrelevante (Leistungsbilanz, Exporte, Kreditvergabe etc.) Faktoren unterschieden. Die einzelnen Länder wurden für jeden Faktor geordnet und bewertet. Die Abb. beschreibt die aufsummierte Bewertung über alle Variablen hinweg.

Thesen

Während der letzten Jahre haben einzelne Branchen überproportional von den Übertreibungen an den Immobilien- und Finanzmärkten profitiert. Das überproportionale Wachstum dieser Branchen war der eigentliche Wachstumstreiber für die Gesamtwirtschaft, wobei die Wirkungen in den einzelnen Ländern aber unterschiedlich waren. Die Wachstumstreiber der Vergangenheit werden nun zu Rezessionstreibern. Aufgrund der voran stehenden deskriptiven Analyse lassen sich folgende Thesen ableiten:

  • Der Finanzindustrie stehen weitere Korrekturen bevor. Der aktuelle Einbruch der Wertschöpfung in der Finanzindustrie hat zu einem grösseren Teil permanenten Charakter. Besonders in Ländern mit einem überproportionalen Wachstum der Finanzindustrie in Relation zum BIP wie in der Schweiz, in Irland, Luxemburg oder in den USA wird der Abbau der Arbeitsplätze deutlich ausfallen.
  • Der Abbau der Überkapazitäten in der arbeitskräfteintensiven Bauwirtschaft führt in den Immobilienländern zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit. Spanien oder Irland sind dabei besonders betroffen.
  • Der Rückgang des Konsums wird in denjenigen Länder am stärksten ausfallen, die den Konsum über Kredite ausgedehnt haben. Neben der USA und Grossbritannien betrifft dies auch Spanien und einige Länder in Osteuropa.
  • Das Platzen der Weltwirtschaftsblase wird diejenigen Länder am stärksten belasten, in denen während der letzten Jahre der Leistungsbilanzüberschuss deutlich angestiegen ist.
  • Der Zeitpunkt des weltweiten Wiederaufschwungs hängt wie in der Vergangenheit von der Entwicklung in den USA ab. Die vergangenen Wachstumstreiber Bau- und Finanzindustrie und der private Konsum belasten die Konjunktur. In den USA ist daher nicht mit einem raschen und nachhaltigen Wiederaufschwung, sondern mit einer längeren Strukturbereinigungsphase zu rechnen. Kurzfristige Strohfeuer aufgrund der Konjunkturimpulse, der tiefen Lagerbestände und der hohen Liquidität sind aber nicht ausgeschlossen.
  • Mit den Rezessionstreibern werden auch vor- und nachgelagerte Branchen erfasst, und die steigende Arbeitslosigkeit belastet generell den Konsum. Dies wiederum reduziert die weltweiten Exporte. Die deutsche Exportwirtschaft kann daher nicht mit einer raschen und dauerhaften Erholung der Weltmärkte und folglich nicht mit einem schnellen Wiederanstieg der Exporte auf Vorkrisenniveau rechnen.
  • Die Rückkoppelungen führen dazu, dass die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise länger anhalten als vielfach erwartet wird. Die wirtschaftliche Korrektur nach dem Platzen der Blasen wird nicht innerhalb weniger Monate beendet sein. Ohne zusätzliche Innovation oder Technologiefortschritt kann die Konsolidierung Jahre dauern, bis sich die Volkswirtschaften wieder im Gleichgewicht befinden und nachhaltig wachsen.
  • Deutschland muss sich darauf einstellen, dass die Wachstumsraten mittelfristig, d.h. während mehr als zwei Jahren, tief bleiben. Die importierte Rezession wird nicht rasch in einen importierten Konjunkturaufschwung münden. Nach dem starken exportbedingten Abschwung in diesem Jahr wird zunehmend auch die Binnenkonjunktur (Konsum, Bauinvestitionen) vom Konjunkturrückgang erfasst. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland wird dementsprechend auch für mehr als zwei Jahre deutlich ansteigen.

Hinweis: Der Beitrag “Der weltweite Wirtschaftsabschwung – V oder L?” von Rudolf Minsch und Philipp Bauer erscheint im Juli-Heft von WiSt.

2 Antworten auf „Gastbeitrag:
Reale Folgen der Krise – Aus Wachstums- werden Rezessionstreiber“

  1. Gefälliger Beitrag. Daraus folgt für mich, dass keine kurzfristigen Fördermassnahmen getroffen werden sollten. Vielmehr sollte man weiterhin an nachhaltig kompetitiven Strukturen arbeiten: Marktöffnungen (Landwirtschaft, Gesundheitswesen u.a.), Privatisierungen (Swisscom, Post, Postfinance u.a.), Steuersenkungen. In der Schweiz sind die “incentives to make” immer noch grösster als die “incentives to take” (vgl. Olson, Power and Prosperity) – doch das Verhältnis muss weiter verbessert werden.

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