Der Bieterkampf um Hapag-Lloyd: Sind hanseatische Politiker die besseren Unternehmer?

Der geplante Verkauf von Hapag-Lloyd hat beim Hamburger Senat unternehmerische Instinkte geweckt. Die Container-Reederei gehört bislang noch zum TUI-Konzern, der sich aber unter dem Druck von Großaktionären von seiner Schifffahrtssparte trennen will, um mit dem Verkaufserlös seine Schulden abzubauen und sein Tourismusgeschäft auszubauen. Zu den interessierten Bietern gehört eine Gruppe Hamburger Kaufleute, die es gegenüber der Öffentlichkeit zur hanseatischen Ehrensache erklären, dass die Traditionsreederei nach über zehn Jahren unter TUI-Kontrolle wieder in Hamburger Hände kommt.

Zu dieser Investorengruppe, die sich nach dem legendären Reeder Albert Ballin benannt hat, zählen immerhin vermögende Personen wie der Bankier Christian Olearius (M.M. Warburg) und der Spediteur Klaus-Michael Kühne (Kühne & Nagel). Doch die Gruppe fühlt sich finanziell nicht stark genug, um den Unternehmenskauf rein privatwirtschaftlich zu finanzieren. Da kommt das Angebot des Hamburger Senats, sich mit einem dreistelligen Millionenbetrag an dem Bieterkonsortium zu beteiligen, wie gerufen.

Der zweite Interessent ist die Reederei Neptun Orient Lines (NOL), die sich mehrheitlich im Besitz des singapurischen Staatsfonds Temasek befindet. Prompt werden Sorgen um den Ausverkauf der deutschen Wirtschaft und um den Abbau von Arbeitsplätzen wach, und prompt macht sich eine Abordnung von 300 Beschäftigten von Hapag-Lloyd auf den Weg nach Berlin, um vor der Botschaft von Singapur gegen diesen Investor zu protestieren.

Dem Hamburger Senat kann diese Debatte um den Staatsfonds aus Fernost nur recht sein, denn umso besser kann er seine finanzielle Beteiligung an dem hanseatischen Konsortium mit der Sorge um die heimischen Arbeitsplätze begründen. Dabei wäre der hamburgische Landeshaushalt mehr als überfordert, wenn der Senat gegen jeden ausländischen (oder gar: gegen jeden nicht-hanseatischen) Investor mitbieten wollte. Selbst eine Konzentration auf die Abwehr ausländischer Staatsfonds dürfte künftig schwerfallen, da sich die finanziellen Ressourcen dieser Fonds weitaus dynamischer entwickeln als die des Stadtstaates Hamburg.

Es ist nicht von vornherein abwegig, bei Unternehmensaufkäufen von Staatsfonds etwas genauer hinzuschauen als bei privaten Investoren. Ein Schutzinteresse könnte insbesondere dann bestehen, wenn staatliche Investoren nicht auf marktwirtschaftliche Rendite, sondern auf politisch motivierten Technologietransfer abzielen (ausführlicher dazu der Beitrag in diesem ordnungspolitischen Blog vom 24. November 2007). Doch für derartige marktwidrige Zielsetzungen der NOL und des Temasek-Fonds gibt es keinerlei Anzeichen.

Offenbar fällt es Politik und Öffentlichkeit immer noch schwer, die mit der Intensivierung der internationalen Handelsverflechtung untrennbar einhergehende Intensivierung der internationalen Kapitalverflechtung zu akzeptieren. Wer kein ausländisches Kapital ins Land hereinlassen will, sollte auch besser auf die entsprechenden Warenimporte (Südfrüchte, Orientteppiche, preiswerte Textilien etc.) verzichten. Wer jedoch die wirtschaftlichen Vorteile der Exportweltmeisterschaft zu schätzen weiß, sollte auch die internationale Kapitalverflechtung zu schätzen wissen.

Natürlich sind die Sorgen des Betriebsrats und des Hamburger Wirtschaftssenators um die Arbeitsplätze nachvollziehbar, da umfassende Reorganisationen, wie sie derzeit im hoch verschuldeteten TUI-Konzern anstehen, oft mit Rationalisierungen und Arbeitsplatzverlusten einhergehen. Die Erwartungen allerdings, dass internationale Anteilseigner und insbesondere Staatsfonds eine größere Gefahr für die Arbeitsplätze darstellen könnten als nationale Anteilseigner, ist schwer nachvollziehbar. So hat sich der kuwaitische Staatsfonds, der schon seit dem Jahre 1974 als Großaktionär an der Daimler AG beteiligt ist, als äußerst verlässlicher, langfristig orientierter Anleger erwiesen, der keinesfalls die inländischen Arbeitsplätze gefährdet.

Die Beteiligung der Stadt Hamburg an Hapag-Lloyd könnte langfristig sogar kontraproduktiv sein – und zwar dann, wenn das Geschäftsverhalten unter politischen Einfluss geriete und das Unternehmen dabei behindert würde, sich zur Sicherung seiner wirtschaftlichen Zukunft an veränderte Marktbedingungen anzupassen – notfalls auch mit dem Abbau eines Teils der Arbeitsplätze, um die verbleibenden Arbeitsplätze zu sichern.

Der Hamburger Senat sieht das möglicherweise anders. Zu stark sind noch die Erinnerungen an den geglückten Deal um den Kosmetikhersteller Beiersdorf, der im Jahre 2003 vermutlich von Procter & Gamble übernommen worden wäre, wenn die Stadt Hamburg nicht zehn Prozent der Unternehmensanteile aufgekauft hätte. Mittlerweile konnte die Stadt ihre Beteiligung sogar mit kleinem Gewinn wieder verkaufen. Ähnliches gelang dem Finanzsenator Michael Freytag in diesem Jahr, als sich die Stadt Hamburg über ihre Beteiligungsgesellschaft HGV mit fünf Prozent an der Norddeutschen Affinerie beteiligte, um die Entscheidungen der Hauptversammlung des Hamburger Kupferproduzenten in ihrem Sinne beeinflussen zu können. Auch diese Beteiligung konnte die Hansestadt mittlerweile mit Gewinn wieder veräußern.

Die Politiker aus der Hansestadt trauen es sich offenbar zu, auch als Finanzinvestoren erfolgreich zu sein und auf diese Weise das Wohl des Stadtstaates mehren zu können. Doch es fragt sich, ob hanseatische Politiker tatsächlich die besseren Unternehmer sind oder ob sie bisher einfach nur Glück gehabt haben. Die jüngsten Erfahrungen mit den Verwicklungen der Landesbanken in die Finanzmarktkrise, die weitaus stärkere Blessuren als die deutschen Privatbanken hinnehmen mussten, sprechen eher dagegen, dass Politiker auf unternehmerischem Terrain nachhaltige Wettbewerbsvorteile hätten.

Doch vielleicht wird sich das gesamte Bietergefecht um Hapag-Lloyd im Nachhinein auch als Sturm im Wasserglas herausstellen. Denn aufgrund der sich abschwächenden Weltkonjunktur und nachgebender Frachtraten im Seeverkehr gilt es längst nicht mehr als sicher, dass die für die Reederei abzugebenden Gebote überhaupt den Mindesterwartungen des TUI-Konzerns entsprechen werden. Welche Konsequenzen ein Verzicht auf den Verkauf von Hapag-Lloyd für TUI hätte, ist schwer zu sagen – für den Hamburger Steuerzahler wäre es aber eine gute Nachricht.

Henning Klodt
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