Das „Tönnies-Affärchen“

Die Bild-Zeitung wirft in der Ausgabe vom 11.08.2019 die Frage auf: „Regiert in Deutschland die Sprach-Polizei?“ Die Spiegelbildzeitung lässt – spiegelonline 13.08 – immerhin unter Berufung auf die Rheinische Post auch Stimmen zu Wort kommen, die die Aufregung um den inkriminierten Satz relativieren: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“

Die Äußerung von Herrn Tönnies spielt ziemlich plump mit einem überkommenen Vorurteil gegenüber den vorgeblich „triebhaften Afrikanern“. Dass sich Stimmen erheben, die diese Art unbedachter Äußerungen kritisieren, ist daher grundsätzlich zu begrüßen. Es macht denen, die — wie die meisten von uns – wenig über die von der Sprache transportierten Stereotypen nachdenken, bestimmte Dimensionen von Redeweisen bewusst. Den Ausdruck „Negerkuss“ für eine kulinarische Scheußlichkeit vermeiden wir heute schließlich auch und Witze über Homosexuelle bleiben vielen ebenso wie die von Schokolade eingehüllten Schaumprodukte im Halse stecken.

Die Reaktion von Herrn Tönnies, umgehend anzuerkennen, dass seine betreffende Äußerung unbedacht war, und sich zu entschuldigen, ist als Anerkenntnis seiner Unbedachtheit hinreichend. Auch der Ehrenrat von Schalke 04 hat auf angemessene Weise reagiert. Die Forderung, Normen des respektvollen Umgangs auch im verbalen Bereich anzuerkennen, ist von ihm nicht in Frage gestellt worden. Weitergehenden Forderungen nach Unterwerfung hat er richtiger Weise widerstanden.

Man sollte die Kirche in Herne West lassen

Auf die in den Ausführungen von Herrn Tönnies enthaltene Gedankenlosigkeit aufmerksam zu machen, ist nicht sprachpolizeilich. Soweit uns allen eine gewisse Sorglosigkeit im Umgang mit überkommenen Vorurteilen vor Augen geführt wird, muss man dies begrüßen.

Darüber hinaus sollte man die Kirche im Dorf lassen. Es haben sich nicht die Bundeskanzlerin, ein Minister oder ein Vorsitzender einer politischen Partei „politisch“ geäußert. Vielmehr hat sich der Vorsitzende eines Führungsgremiums von „Herne West“ (dem bekannten Konkurrenten von Lüdenscheid Nord – „Borussia Dortmund“) in einem primär nicht politischen Kontext geäußert.

Die Heuchelei angesichts der Äußerungen von Herrn Tönnies könnte man als lächerlich abtun. Sie ist es aber leider nicht. Denn die orchestrierte Empörung sendet nicht nur eine Botschaft gegen verdeckte Diskriminierung in unserer Sprache. In ihrer Maßlosigkeit ins Kästnerische übersetzt lautet sie vielmehr: „Macht einen Buckel. Denn die Welt ist rund. Wir wollen leise miteinander sprechen: Das Beste ist totaler Knochenschwund.“

Macht einen Buckel

Nur Vertreter weltanschaulicher Gruppen, politischer Parteien und „Überzeugungstäter“ werden sich aus der Deckung wagen, wenn sie befürchten müssen, so wie Herr Tönnies abgestraft zu werden, falls es dem — vor allem auch öffentlich-rechtlichen — Verlautbarungsfunk nicht gefällt. Das ist im Gegensatz zur Rede von Herrn Tönnies ein besorgniserregendes Politikum. Denn eine der wichtigsten Eigenschaften freier Gesellschaften ist es, dass jeder sich freimütig äußern kann, ohne rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen. Diese Freiheit ist durch Kritik nicht gefährdet. Es bedarf keiner neuen rechtlichen Regelungen. Aber es bedarf unserer Kritik, wenn maßlos bloß anders Redende verunglimpft werden.

Wer sich erinnert, wie früher mit denen umgesprungen wurde, die für eine Legalisierung homosexueller Beziehungen oder von Abtreibungen eintraten, muss ein Interesse daran haben, dass der Preis für unliebsame Meinungsäußerungen nicht zu hoch ist. Wer heute etwa für bestimmte Formen der frühkindlichen Sterbehilfe, der altersbedingten Einschränkung von medizinischen Leistungen oder des Eingriffs in die menschliche Keimbahn auftritt, muss unter Umständen — und gern unter tatkräftiger Hilfe der Kirchen –mit Ähnlichem rechnen. Da ist die Anmahnung von Respekt und Toleranz gefordert.

Gern wird der Unterschied zwischen einer Meinung und einer rechtswidrigen Handlung verwischt. Wenn mit stupider Herablassung gebetsmühlenartig wiederholt wird, dass auch Herr Tönnies „eine zweite Chance“ verdient habe, dann ist das unterschwellig nicht nur eine Ehrabschneidung, sondern rückt ihn in die Nähe von Rechtsbrechern. Denn so redet man von rechtskräftig verurteilten Schwerverbrechern, aber nicht von jemandem, der bloß etwas gesagt hat, das man ablehnt.

Auch Herr Hoeneß, der eine „zweite Chance“ erhielt, ist kein Schwerverbrecher. Er wurde aber zu Recht und rechtskräftig verurteilt (wenn auch unter hysterischer Medien- und Öffentlichkeitsbegleitung, die ihm keine Chance gab, sich zu erklären). Die „Tat“ von Herrn Tönnies ist demgegenüber rechtlich überhaupt keine. Sie ist eine bloße Meinungsäußerung und selbst nach deutschem Recht – das durchaus bestimmte Meinungsäußerungen pönalisiert –rechtlich völlig in Ordnung.

Was wirklich zur Sorge Anlass gibt

Besorgniserregend sind nicht die Äußerungen von Herrn Tönnies. Besorgniserregend ist es auch nicht, sondern ermutigend, wenn Vereinsmitglieder des Fußballklubs Schalke 04 von sich aus gegen die betreffenden Äußerungen mit gegenteiligen Meinungsäußerungen auftreten. Die Mitglieder von Bayern-München hätten sich ebenfalls dagegen aussprechen können, dass Herr Hoeneß seine früheren Funktionen im Verein wiederaufnahm. Dass sie das nicht taten, ist ebenfalls nicht besorgniserregend.

Zu Besorgnis gibt Anlass, dass Eiferer vorauseilenden Gehorsam für ihre eigenen Lieblingsmeinungen einfordern können, indem sie die Preise, die für bestimmte Meinungsäußerungen zu zahlen sind, erhöhen können, ohne dafür selbst in den Medien kritisiert zu werden. Diese Preiserhöhung vollzieht sich im Rahmen des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Sie ist auch keineswegs Folge einer problematischen politischen Verschwörung der Medienvertreter. Sie kann ohne derartige Planung durchgesetzt werden, wenn sich die gemäßigten Anhänger der Meinungsfreiheit feinsinnig zurückhalten.

Demgegenüber gibt es ein fundamentales öffentliches Interesse daran, dass Bürger Dinge äußern können, die ihnen selbst womöglich im Nachhinein als verfehlt erscheinen, ohne dabei Ehrverlust zu riskieren. Dieses Interesse wird gefährdet, wenn „wir“ es erlauben, dass der Preis dafür, abweichende Meinungen in der Öffentlichkeit zu äußern, sehr hoch wird. Wenn er zu hoch wird, werden nur noch radikale Überzeugungstäter – mit Unterstützung von radikalen Minderheiten – sich mit ihren Meinungen hervorwagen. Wie vor allem John Stuart Mill immer wieder betonte, werden wir, wenn wir dem nicht entgegentreten, mit einer unausgewogenen Meinungs-Diät konfrontiert werden, die uns eine ausgewogene eigene Meinungsbildung erschwert.

Die Affäre um den vorgeblichen Rassismus von Herrn Tönnies ist nur ein Affärchen über eine durchaus verbreitete Sicht- und Redeweise, die alte Vorurteile zum Ausdruck bringt. Das sollten wir zum Anlass nehmen, uns die alten Weisheiten des politischen Liberalismus bewusst zu machen. Sonst droht: „Meinungsführer befiehl, wir folgen!“

Referenzen

Mill, John Stuart. 1974. Über Die Freiheit. Stuttgart: Reclam.

Kuran, Timur. 1995. Private Truths, Public Lies: The Social Consequences of Preference Falsification. Cambridge, Mass.: Harvard University Press.

Anstötz, Christoph, Rainer Hegselmann, and Hartmut Kliemt. 1997 (2). Peter Singer in Deutschland. Zur Gefährdung der Diskussionsfreiheit in der Wissenschaft. Frankfurt et al.: Peter Lang.

Eine Antwort auf „Das „Tönnies-Affärchen““

  1. Das ist mir wie aus der Seele geschrieben; nur leider hat es damit noch nicht sein Bewenden – nur zwei Aspekte:
    1. In allen (halb-)öffentlichen Räumen dominiert eine Form von Political Correcteness, die „normalen“ Sprechern jede Form von lockeren Bemerkungen vergällt, so sehr diese auch der weit überwiegenden Mehrzahl der Angesprochenen gefallen würden. Jede Form von Ironie oder anderweitigen jovialen Stilmitteln ist quasi ex origine streitbefangen und wird daher nach meiner Erfahrung immer öfter, um nicht zu sagen „fast immer“, vermieden. Gleichzeitig gehört es unter Journalisten, Künstlern und anderen unter Narrenfreiheit stehenden Gruppen wie auch auch tendenziell braungefärbten Idioten im Netz fast zum guten Ton, das Pejorative in Richtung des Verletzenden zu verlassen, um die Wahrscheinlichkeit der eigenen öffentlichen Wahrnehmung zu erhöhen.
    2. Wenn und weil dies immer öfter und widerspruchsloser hingenommen wird, muss man sich nicht wundern, dass ein wachsender Teil unserer Gesellschaft, der sich selbst hier ebenso betroffen wie hilflos wahrnimmt, an extremen politischen Positionen Gefallen findet, die sich selbst als Opfer solcher Political Correctness präsentieren und dabei verschweigen, dass sie selbst noch eine ganz andere Diemnsion von Rezension vollziehen werden, wenn sie erst einmal an der Macht sind.
    Fazit:
    Adam Smith schlägt William Shakespeare: Es ist Wahnsinn, aber es hat keine Methode und auf die unintendierten Konsequenzen kommt es am Ende an – hoffen wir, dass sich diese Erkenntnis noch rechtzeitig durchsetzt!

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