Internationale Sanktionen gehören zu den wichtigsten außenpolitischen Instrumenten unserer Zeit. Doch ihre Wirksamkeit wird immer wieder durch sogenannte „Schlupflöcher“ untergraben: Länder, die Sanktionen bewusst unterlaufen oder deren Umsetzung nur halbherzig kontrollieren, bieten sanktionierten Staaten alternative Handelsrouten oder eröffnen graue Absatzmärkte – und mindern so die erhoffte Wirkung der Sanktionen massiv.
Wie lassen sich solche Schlupflöcher effektiv schließen? Und ist es überhaupt möglich, ein wirklich wirksames Sanktionsregime aufzubauen, wenn mehrere Staaten bereit sind, Sanktionen zu unterlaufen? Unser aktuelles Forschungspapier („Closing Multiple Sanction Loopholes“, 2025) liefert hierzu praxisrelevante Erkenntnisse.
Das Problem der Sanktionsumgehung
Auch wenn ein großer Teil der Weltgemeinschaft Sanktionen beschließt, reichen wenige Drittstaaten aus, um den Handel mit dem Zielstaat über Umwege aufrechtzuerhalten. Beispiele aus jüngster Zeit sind zahlreich: Nach Russlands Angriff auf die Ukraine halfen Staaten wie Armenien oder Kasachstan beim Weiterverkauf westlicher Waren nach Russland. Die Türkei wurde zum Rekordimporteur französischen Champagners – kaum jemand glaubt ernsthaft, dass sich die Getränkevorlieben der türkischen Bevölkerung plötzlich geändert haben. Im Fall Irans war und ist China ein zentraler Partner, der iranische Ölexporte trotz westlicher Sanktionen ermöglicht. Nordkorea profitiert ebenfalls von chinesischen Zwischenhändlern bei der Umgehung internationaler Sanktionen.
Sanktionen und Verhandlungen: Wie schließt man die Lücken?
Da es keine „Weltregierung“ gibt, die Sanktionen zentral durchsetzen könnte, bleibt nur der Weg der Verhandlung: Die sanktionswilligen Staaten müssen mit den potenziellen Schlupfloch-Ländern direkt verhandeln, um diese zur Kooperation zu bewegen. Typischerweise geschieht dies nicht durch offene Geldzahlungen, sondern durch „indirekte Kompensation“ – etwa durch Entwicklungsprojekte oder Handelsprivilegien.
Die zentrale Frage ist nun: Wie verhandelt man am besten – mit allen potenziellen Schlupfloch-Ländern gleichzeitig oder nacheinander? Und wie beeinflusst die gewählte Strategie die Kosten, die auf die sanktionswilligen Staaten entfallen?
Wettbewerb der Schlupfloch-Länder senkt die Kosten
Unsere verhandlungstheoretische Analyse legt die zentralen wettbewerbstheoretischen Zusammenhänge frei und zeigt: Sind mehrere Länder bereit, wegen wirtschaftlicher Vorteile als Transitrouten zu dienen, entsteht ein Wettbewerb unter ihnen. Die sanktionswilligen Staaten können diesen Wettbewerb ausnutzen, indem sie solche Staaten gegeneinander ausspielen. Im Idealfall reicht es, dem Land mit den niedrigsten Umgehungskosten eine gewisse Kompensation zu zahlen – alle anderen gehen leer aus.
Überraschenderweise sinken dadurch die Gesamtkosten für die Schließung der Schlupflöcher sogar unter das Niveau, das anfallen würde, wenn es nur ein einziges Umgehungsland gäbe. Der Grund: Bei mehreren konkurrierenden Umgehungsländern verliert der einzelne potenzielle „Sanktionsbrecher“ seine Monopolmacht und muss sich mit einer niedrigeren Kompensation zufriedengeben.
Simultan oder sequenziell verhandeln?
Für das Endergebnis der Schließung aller Schlupflöcher ist es unerheblich, ob mit den potenziellen Sanktionsbrechern simultan oder nacheinander verhandelt wird. Zumindest bei vollständiger Information über deren Vorteile aus den Sanktionsumgehungen werden die Sanktionsbrecher immer zum Einlenken bewegt, und alle Schlupflöcher sind am Ende verschlossen. Aber die Kosten sind unterschiedlich. Verhandelt man sequentiell mit den potenziellen Sanktionsbrechern, sieht man sich am Ende – in der letzten Verhandlungsrunde – notwendigerweise einem einzelnen Land gegenüber. Dieses eine Land ist Monopolist bei der Sanktionsumgehung und verdient entsprechend gut an der Sanktionsumgehung. Daher wird das Angebot an das letzte Land für die sanktionswilligen Länder recht teuer. Mit simultanen Verhandlungen vermeidet man eine solche Monopolsituation. Daher sind simultane Verhandlungen bei der Schließung von Sanktionsschlupflöchern günstiger als sequentielle. Eine gut durchdachte Verhandlungsstrategie ist daher zentral.
Schlussfolgerung: Mehr Wettbewerb, weniger Kosten – aber kein Allheilmittel
Die Schließung von Sanktionsschlupflöchern ist möglich – und geschickte Verhandlungsführung kann die Kosten dafür verringern. Der „Trick“ ist, dass die Schlupfloch-Länder im Wettbewerb zueinander stehen und das Sanktionsbündnis diesen Wettbewerb gezielt nutzt.
Gleichwohl bleibt die Praxis komplex: Unser Ansatz nutzt das Prinzip „nichts ist beschlossen, bevor alles beschlossen ist“. Bei simultanen Verhandlungen bedeutet dies, dass nur eine Einigung mit allen Ländern oder gar keine Einigung zustande kommt. In realen Verhandlungen mögen einzelne Länder, die zustimmen, das sanktionierende Land drängen, auch Lösungen mit kleinen Koalitionen zu akzeptieren. Oft bestehen Unsicherheiten über tatsächliche Umgehungskosten, die Zahl der potenziellen Sanktionsbrecher oder die politische Zuverlässigkeit der Verhandlungspartner. Dennoch gibt die Analyse wichtige Hinweise, wie internationale Sanktionsregime in Zukunft wirksamer gestaltet werden können.
Literatur
Kai A. Konrad und Marcel Thum, Closing Multiple Sanction Loopholes, CESifo Working Paper No. 12308, 2025.
Blog-Beitrag zum Thema:
Kai A. Konrad (MPI) und Marcel Thum (Ifo): Ölembargos: Eine gute Idee?
Elisabeth Christen und Gabriel Felbermayr (Wifo): Erfolgreiche Wirtschaftssanktionen zu einem hohen Preis?
David Stadelmann (UBT): Wie Sanktionen ein Regime stärken können
Podcast zum Thema:
Energie-Sanktionen. Schlechter als ihr Ruf?
Prof. Dr. Norbert Berthold (JMU) im Gespräch mit Prof. Dr. Marcel Thum (TU Dresden und Ifo Dresden)
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