„Die Ökonomie lässt sich nicht bescheißen.“ (Jörg Niehans)
„Wenn wir die Industrie aus Deutschland vertreiben, wird die weltweite CO2-Bilanz nicht besser, aber unser Sozialstaat kleiner“ (Christoph Münzer)
Deutschland ist wirtschaftlich in Schwierigkeiten. Es ist nicht die Konjunktur, es ist die Struktur. Der sektorale Strukturwandel macht Deutschland zu schaffen. Das industrielle Herz – Auto, Maschinenbau, Chemie – ist aus dem Rhythmus. In allen drei Branchen brechen die Gewinne ein (Mercedes, BASF), sie bauen inländische Arbeitsplätze (Maschinenbau) in großem Stil ab. Die gesamte Industrie hat seit 2019 fast 300.000 Jobs verloren, allein 2025 waren es über 110.000. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die „Gesetze“ des Strukturwandels gelten auch für die deutsche Industrie. Damit muss ein Land und seine Bürger leben (lernen). Die Politik hat nichts Besseres zu tun, als Öl ins Feuer des Strukturwandels zu gießen. Sie beschleunigt den industriellen Niedergang. Das Gespenst der „rust belts“ könnte bald auch in Deutschland spuken. Es ist allerdings zu hoffen, dass die Politik die sektorale „Strukturpeitsche“ wieder aus der Hand legt.
„Gesetze“ des Strukturwandels
Volkswirtschaften stehen ständig unter Schock(s). Die können markt- oder politikgetrieben sein. Die Kunst der Wirtschaftspolitik besteht darin, selbst möglichst wenig solcher Schocks zu produzieren und effizient auf die Anpassungslasten aus den Schocks zu reagieren. Ein solcher Schock ist der (sektorale) Strukturwandel. Marktgetrieben ist er, wenn ihn etwa veränderte Produktivitäten, andere Präferenzen und neue relative Preise pushen. Die Industrie wird immer produktiver, primär getrieben durch neue Technologien. Mit steigendem Wohlstand erhöht sich die Nachfrage nach Dienstleistungen, getrieben durch Haushalte (Endprodukte) und Unternehmen (Zwischenprodukte). Weltweit offenere Güter- und Faktormärkte verändern die relativen Preise und treiben so den sektoralen Strukturwandel.
Der industrielle Sektor verliert mit steigendem Wohlstand, der Dienstleistungssektor gewinnt weiter. Das ist nichts Neues. Diese ökonomischen Gesetzmäßigkeiten gelten für alle, auch wenn viele hierzulande lange glaubten, sie gelten nicht für Deutschland. Neuerdings treibt eine neue Größe den Strukturwandel: Die Künstliche Intelligenz. Sie macht beide Sektoren produktiver, Industrie und Dienstleistungen. Wie sich allerdings die Sektoranteile verändern, ist noch unklar. Einiges spricht dafür, dass KI den sektoralen Strukturwandel beschleunigt. Neben dem sektoralen läuft ein starker beruflicher Strukturwandel ab. Hochqualifizierte Jobs sind die absoluten KI-Gewinner, personenbezogene und niedrigqualifizierte Jobs sind KI-resistent, sie verlieren nicht. Die eigentlichen Verlierer sind mittlere Qualifikationsjobs.

Der industrielle Sektor steht in der Kritik, den sektoralen Strukturwandel aufzuhalten. Anhaltende Überschüsse in der Leistungsbilanz waren lange der Anlass. Europa- und weltweit wurde Deutschland „struktureller Merkantilismus“ (Martin Wolf) vorgeworfen. Das war Unsinn. Der deutsche industrielle Sektor war einfach wettbewerbsfähiger. Hohe Zuwächse bei der Produktivität und eine moderate Lohn- und Tarifpolitik waren die eigentlichen Treiber. Der schwache Euro half. Nun sitzt die deutsche Industrie wieder auf der Anklagebank. Ihren Interessenvertretern wird vorgeworfen, eine Politik eines protektionistisch abgeschotteten Europas zu verfolgen, den Aufbau von Zukunftsindustrien zu verhindern und die Klimaziele zu verwässern. Die mittelständischen Unternehmen des BDI, vor allem aber die Familienunternehmen, seien die Lordsiegelbewahrer überkommener alter Strukturen (hier). Auch das ist Unsinn. Die Industrie kämpft ums Überleben, auch weil ihr die Energie-, Klima-, Sozial- und Steuerpolitik die Luft zum Überleben nimmt.
Strukturpeitsche der Politik
Der (sektorale) Strukturwandel ist nicht nur marktgetrieben. Das lässt sich weder ändern, noch ist es sinnvoll. Es ist aber auch die Politik, die ihn mit staatlichen Eingriffen beschleunigt. Das muss nicht sein. Gegenwärtig sind es vor allem drei Interventionen, die wie eine sektorale „Strukturpeitsche“ zu wirken. Der wichtigste Einfluss geht von der Klimapolitik aus. Sie wird marktwirtschaftlich über C02-Preise und planwirtschaftlich mit dem Ordnungsrecht (Verbrennerverbot, Heizungsgesetz etc.) betrieben. Der Einfluss auf das Weltklima ist in beiden Fällen vernachlässigbar. Also: Viel Lärm um klimapolitisch (fast) Nichts. Die Kosten sind allerdings erheblich. Wettbewerblich wäre das noch zu verschmerzen, würde auch die Konkurrenz auf den Weltmärkten klimapolitisch mitmachen. Das tut sie aber zu einem großen Teil nicht. Die Illusion, Deutschland werde weltweit Vorreiter und exportiere „grüne“ Klimapolitik, ist geplatzt. Die Welt macht nicht mit. Deutschland exportiert vor allem industrielle Arbeitsplätze und eigenen Wohlstand.

Ein zweiter staatlicher Treiber des (sektoralen) Strukturwandels ist die Energiepolitik. Sie setzt industriellen (energieintensiven) Unternehmen gewaltig zu. Die Politik hat sich für eine fatal falsche Schrittfolge in der Energiepolitik entschieden. Klimafreundliche atomare Energiequellen wurden abgeschaltet, bevor flatterhafte, nicht grundlastfähige Erneuerbare von Norden nach Süden (Windkraft) transferierbar und effizient speicherbar (Wind, Sonne) sind. Um grundlastfähig zu sein, müssen die (klimaneutralen) Erneuerbaren Energien mit fossilen Energien gedoppelt werden. Das geht ins Geld, ohne dem Klima zu helfen. Die Energiepreise sind international hoch, energieintensive (industrielle) Branchen geraten im internationalen Wettbewerb ins Abseits. Eine „dumme“ Energiepolitik wirkt wie eine sektorale Strukturpeitsche. Die Bundeswirtschaftsministerin scheint entschlossen, die gröbsten Dummheiten zu korrigieren.
Die (notwendige) Reform der Erbschaftsteuer könnte den sektoralen Strukturwandel weiter beschleunigen. Im Zentrum steht der Einfluss einer „neuen“ Erbschaftsteuer auf mittelständische Unternehmen. Der Mittelstand spielt im (industriellen) Deutschland (Auto, Maschinenbau, Chemie) eine wichtige Rolle. Er hat viele „hidden champions“, ist mit seinen Netzwerken im Verbund mit großen Unternehmen ein starker (regionaler) Pfeiler im arg gerupften „Geschäftsmodell Deutschland“ und ein wichtiger (industrieller) Akteur im sektoralen Strukturwandel. Sollte eine „gerechtigkeitsgetriebene“ Reform der Erbschaftsteuer den Mittelstand beschädigen, bliebe das nicht ohne Folgen für den industriellen Sektor. Ein wichtiger Stabilisator der Industrie käme ins Wanken. Der sektorale Strukturwandel würde beschleunigt, die Industrie weiter verlieren.
Gefahr von „rust belts“?
Die deutsche Industrie ist geclustert. Wichtige Branchen – Auto, Maschinenbau, Chemie, Pharma – sind regional konzentriert. Das gilt auch für einen großen Teil ihrer Netzwerke an Zulieferern. Der Niedergang einer Branche bringt nicht nur Unternehmen (Endproduzenten, Zulieferer) in Schwierigkeiten. Es besteht auch die Gefahr regionaler Abwärtsspiralen. Der bekannteste Fall ist der irreversible Niedergang der industriellen Basis in den USA der 80er Jahre. Ein wichtiger Auslöser war die globalisierte, billigere chinesische Konkurrenz. Grundstoffindustrien (Kohle, Stahl) gingen verloren. Die Autoindustrie kollabierte (GM, Chrysler, Ford). Massenarbeitslosigkeit entstand. Ein Prozess der Abwanderung setzte ein. Ganze Städte (Detroit, Cleveland, Pittsburgh, Youngstown) erlebten einen sozialen Kollaps (Armut, Drogen, Radikalisierung).
Endet die De-Industrialisierung auch hierzulande in „rust belts“? Eine Zutat für eine solche Entwicklung wäre der massive Verlust von Arbeitsplätzen in der Industrie. Der Verlust ganzer Branchen ist aber wenig wahrscheinlich. Nach dem neusten Urteil des Bundesverwaltungsgerichts bin ich mir aber nicht mehr sicher („highway to hell“). Die Qualifikation der Arbeitnehmer ist hoch. Mismatch-Arbeitslosigkeit ist möglich, Langzeitarbeitslosigkeit eher nicht. Der allgemeine Fachkräftemangel entlastet. Eine weitere Zutat für „rust belts“ wäre die regionale Cluster-Bildung wichtiger Industrien. Ein Zusammenbruch ganzer Netzwerke steht (noch) nicht an. Sich selbst verstärkende regionale Abwärtsbewegungen sind wenig wahrscheinlich. Eine dritte Zutat wäre die Angst vor dem sozialen Abstieg. Qualifikation und Sozialstaat verhindern aber das Schlimmste. Trotzdem ist zu beobachten, dass dort wo die De-Industrialisierung besonders heftig ausfällt, extreme Parteien von links (Die Linke) und rechts (AfD) politisch Honig saugen.

Die Politik kann einiges tun, um zu verhindern, dass die De-Industrialisierung außer Kontrolle gerät. An den Lasten aus dem marktgetriebenen Strukturwandel lässt sich wenig ändern. Sie lassen sich nicht mehr verhindern. Wenn es dumm läuft, werden China (Mehrproduktion) und Trump (Zölle) sie noch verstärken. Da hat sich einiges aufgestaut. Dieser Stau löst sich gerade auf. Arbeitnehmer müssen die Lasten über flexible Löhne und eine höhere regionale, sektorale und berufliche Mobilität tragen, Unternehmen über Abschreibungen auf ihre Investitionen. Die Lasten aus dem politikgetriebenen Strukturwandel sind dagegen nicht gottgegeben. Dieser politische Unfug ist reversibel. Wichtig ist: Die Politik muss in der Energie- und Klimapolitik grundlegend umsteuern. Und sie muss einen der wichtigsten Kostentreiber, den wenig effizienten und auch nicht gerechten Sozialstaat, in den Griff bekommen.
Politik für den Strukturwandel
Der Dreisatz einer effizienten Politik für den Strukturwandel lautet: (Marktgetriebenen) Strukturwandel nicht behindern, (heimischen) Standort attraktiver gestalten, (sektorale) Friktionen sozial abfedern. Der sektorale Strukturwandel in Deutschland hat sich aufgestaut. Es macht keinen Sinn, den Abbau des Strukturstaus zu behindern. Die Industrie muss weiter schrumpfen, der Dienstleistungssektor weiter wachsen. Notwendig ist, politische Lasten abzubauen, unter denen große Teile der Industrie leiden: Die Klimapolitik ist gescheitert. Der europäische Emissionshandel muss effizienter und gerechter werden. Das erfordert in einer Welt, die klimapolitisch nicht (ausreichend) kooperiert, reziproke C02-Preise, also geringere Klimaziele (hier). Die „grüne“, ideologiegetriebene Energiepolitik ist krachend gescheitert. Das Land braucht einen neuen Energie-Mix: EE, Gas (grundlastfähig) und Kernkraft (grundlastfähig). Kurzfristig müssen die zuletzt stillgelegten sechs AKW reaktiviert werden. Die energiepolitische Umkehr hilft dem Strukturwandel, dem Geldbeutel und dem Klima.
Anpassungslasten zu verringern ist das eine, adäquat auf sektorale Schocks zu reagieren, ist das andere. Die Anpassung an neue Gegebenheiten gelingt am besten, wenn relative Preise auf Güter- und Faktormärkten flexibel, Arbeit und Kapital sektoral, regional und beruflich mobil sind. Hilfreich ist: Sklerotisierte Märkte öffnen, wuchernde Bürokratie abbauen, nicht wettbewerbsfähige Steuern und Abgaben senken, den lähmenden Sozialstaat reformieren, privates Unternehmertum aktivieren. Statt Industriepolitik sollte man auf Standortwettbewerb setzen (hier). Ein Standort prosperiert, wenn er im Kampf der (national) immobilen um (international) mobile Faktoren erfolgreich ist (Herbert Giersch). Eine richtig konzipierte Angebotspolitik sorgt für ein effizientes Angebot an öffentlichen Gütern, ein günstiges Preis-Leistungsverhältnis bei Steuern und staatlichen Leistungen und attraktive institutionelle Regelungen.
Strukturwandel ist notwendig und sinnvoll. Aber er ist nicht umsonst. Arbeit und Kapital im industriellen Sektor verlieren. Es ist Aufgabe des (Sozial)Staates, den Verlierern zu helfen. Verluste an Realkapital sind unternehmerische Risiken. Staatlicher Hilfe bedarf es im Regelfall nicht. Das ist bei Humankapital anders. Staatliche Hilfen sind angesagt. Es geht nicht darum, industrielle Arbeitsplätze zu retten, es geht um Hilfen für Arbeitnehmer, die durch den Strukturwandel arbeitslos wurden. Notfall-Hilfe ist ein Element: (Versicherungsadäquate) Arbeitslosenversicherungen und (anreizkompatible) Grundsicherungen leisten Hilfe zur Selbsthilfe. Es braucht aber mehr: Eine effiziente aktive Arbeitsmarktpolitik (Beratung, Vermittlung, Qualifizierung) zählt ebenso dazu, wie klug konzipierte finanzielle Hilfen für flexible Einstiegslöhne von Arbeitslosen und eine wirksame Förderung der (beruflichen, sektoralen und regionalen) Mobilität. Ein fehlender Sozialstaat hat in den USA „rust belts“ begünstigt.
Fazit
Man muss für alles bezahlen, früher oder später. In Deutschland hat sich der (sektorale) Strukturwandel über lange Zeit aufgestaut. Nun brechen alle Dämme. Und die Politik hat nichts Besseres zu tun, als Öl ins Feuer zu gießen. Eine selten „dumme“ Energie- und eine verfehlte Klimapolitik bürden der Ökonomie immer neue Lasten auf, für klimapolitisch (fast) Nichts. Darunter leidet vor allem der industrielle Sektor. Damit nicht genug. Der Sozialstaat wächst, die Bürokratie wuchert, Regulierungen fesseln, Steuern und Abgaben steigen, Gewerkschaften halten an alten lohn- und tarifpolitischen Ritualen des Verteilungskampfes fest. Deutschland wird immer mehr zum gefesselten Riesen (Gulliver), der nicht mehr adäquat auf den strukturellen Wandel reagieren kann (hier). Die Politik ist völlig von der Rolle. Sie erhöht die Anpassungslasten und verringert die Anpassungskapazitäten. Das muss sich ändern. Sonst drohen amerikanische Verhältnisse („rust belts“), ökonomisch und politisch. Ob die Politik das schnallt? Ansonsten werden die Wähler reagieren.
Blog-Beiträge zum Thema:
Norbert Berthold (JMU, 2022): Das „Geschäftsmodell Deutschland“ in Zeiten der Krise. De-Globalisierung, Ukraine-Krieg und Energie-Embargo
Norbert Berthold (JMU, 2023): De-Industrialisierung ante portas? Politik für den Strukturwandel statt Strukturpolitik mit der Gießkanne
Norbert Berthold (JMU, 2024): De-Industrialisierung nimmt Fahrt auf. Geschäftsmodelle, De-Globalisierung und ruinöse Politik
Podcast zum Thema:
Deutschland im Umbruch. Droht De-Industrialisierung?
Prof. Dr. Norbert Berthold (JUM) im Gespräch mit Prof. Dr. Oliver Holtemöller (IWH)
- De-Industrialisierung in Deutschland
Strukturwandel, Politikversagen, Rostgürtel - 12. Februar 2026 - Wie „gerecht“ ist das denn?
Einkommen, Demographie, Vermögen - 23. Januar 2026 - Vermögensungleichheit – Ein non-issue?
Empirie, Ursachen, Handlungsbedarf - 30. Dezember 2025
