Wärme, Wasser, Waldbrände
In der Klimapolitik wird die Anpassung vernachlässigt

„Reducing the losses associated with disasters that will happen in coming decades is almost entirely a matter of effective adaptation policies. Using disasters to advocate for mitigation policies is misguided at best and misleading at worst. […] There are indeed very good reasons to advocate for a decarbonization of the global economy. Nevertheless […] decarbonization policies are not particularly appropriate means of modulating the impacts of future disasters.“ (Roger Pielke jr)

„Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ Die Antwort auf diese humorvolle Frage von Rudi Carell aus den 70er Jahren ist ernster. Dieser Sommer ist, wie schon einige in den letzten Jahren, glutheiß, staubtrocken und brandgefährlich. Vor allem die Länder des (europäischen) Südens leiden unter wochenlangen Hitzewellen, Niedrigwasser in Flüssen, Überschwemmungen nach Unwettern und verheerenden Waldbränden. Die Unannehmlichkeiten des Sommers treffen immer öfter auch Deutschland. Südeuropa hat gelernt, mit den schlechten Seiten des Sommers zu leben, es passt sich an, pragmatisch. Deutschland ist anders, grundsätzlicher. Es will an die Wurzel des Übels, den weltweiten Klimawandel. Der müsse gestoppt werden, besser heute als morgen, koste es was es wolle. Wer jetzt nichts oder zu wenig tue, werde dafür morgen teuer bezahlen. Es gelte im Kampf gegen den Klimawandel eine Schippe draufzulegen. Viel helfe viel.

Unannehmlichkeiten des Sommers

Der weltweite Klimawandel ist eine Tatsache. Ob menschengemacht oder nicht, ist zwar umstritten, aber unerheblich. Die Empirie ist eindeutig: Der Klimawandel verstärkt die Unannehmlichkeiten des Sommers. Extreme Hitzewellen waren ohne Klimawandel seltener und kühler. Europa erwärmt sich als Region besonders stark. Auch am öfter auftretenden Niedrigwasser ist der Klimawandel beteiligt. Er führt zu extremen Temperaturen, verstärkt die Verdunstung und trocknet Böden und Flüsse schneller aus. Und der Klimawandel begünstigt Waldbrände. Er erzeugt häufiger und intensiver „Feuerwetter“ (Hitze, Trockenheit, Wind). Brände entzündet er allerdings nicht, das tun meistens Menschen. Aber er sorgt dafür, dass sich Waldbrände leichter massiv ausbreiten können. Der Klimawandel ist ein wichtiger Treiber für mehr Unannehmlichkeiten des Sommers, wenn auch nicht der einzige.

Weltweiter Klimawandel verursacht Lasten, wie Hitze, Niedrigwasser, Waldbrände. Die Klimapolitik hat zwei Möglichkeiten zu reagieren. Sie kann versuchen, die Ursachen des Klimawandels (Treibhausgase) zu verringern (Mitigation) und/oder die Fähigkeit von Haushalten und Unternehmen zu erhöhen, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen (Adaptation). Auf dem ersten Weg versucht sie, die C02-Emissionen (Anpassungslasten) zu verhindern. Dabei nutzt sie (effiziente) marktliche Instrumente, wie das EU-Emissionshandels-System, und (ineffiziente) interventionistische, wie Subventionen und das Ordnungsrecht. Der andere Weg ist, die Menschen in die Lage zu versetzen, sich besser, billiger und schneller an die negativen Folgen des Klimawandels anzupassen (Anpassungskapazität). Der Schwerpunkt der Klimapolitik liegt auf der Vermeidung, nicht auf der Anpassung.  

Ineffiziente Vermeidung

Die traditionelle Klimapolitik – marktlich und interventionistisch – setzt an den Ursachen des Klimawandels an, den C02-Emissionen. Klimatische Anpassungslasten sollen erst gar nicht entstehen, die Folgen, wie Unannehmlichkeiten des Sommers, heute und morgen vermieden werden. Daraus wird aber nichts. Klimapolitik ist nur erfolgreich, wenn sie global agiert. Die (größten) Emissionsländer weltweit müssten kooperieren. Das ist bisher (eher) nicht der Fall. Die EU ist die Ausnahme. Der Anreiz für jedes Land, klimapolitisch Trittbrett zu fahren, ist (noch) zu groß. Nationale (europäische) Klimapolitik ist wenig erfolgreich. Ihr Beitrag zur weltweiten C02-Reduktion ist gering. Schlimmer noch: Es droht ein „grünes Paradoxon“ (Hans-Werner Sinn). Unilaterale Klimapolitik läuft Gefahr, dass energieintensive Industrien in Länder abwandern, in denen C02-intensiver produziert wird.

Selbst wenn es gelänge, das internationale Kooperations-Problem heute zu lösen, hätte eine weltweite Klimapolitik einen (sehr) langen Bremsweg (Pfadabhängigkeit des Klimas). Treibhausgase verweilen lange in der Atmosphäre (Roger Pielke). Es geht nicht um Jahre, sondern eher um Jahrzehnte. Bereits in der Atmosphäre und den Ozeanen gespeicherte Wärme, Bodenfeuchte Zirkulationsmuster, regionale Faktoren (z.B. weniger Aerosole) u.a. bestimmen das Wettergeschehen. Die Vorteile einer effektiven Mitigation sind räumlich und zeitlich diffus und über Generationen verteilt. Für Menschen, die heute oder in den nächsten 20 – 30 Jahren leben, sind sie kaum spürbar. Es besteht wenig Hoffnung, dass (auch) eine erfolgreiche Politik der Mitigation auf absehbare Zeit, spürbare Entlastungen bei Hitze, Niedrigwasser und Waldbränden bringen werden. Wir werden damit auf absehbare Zeit leben müssen.

Vernachlässigte Anpassung

Wenn es nicht (internationales Kooperations-Problem) oder erst viel später (Pfadabhängigkeit des Klimas) gelingt, klimatische Anpassungslasten zu verringern, muss (viel) stärker auf eine bessere (private und staatliche) Anpassung an den Klimawandel gesetzt werden. Eine effiziente Strategie der Adaptation könnte die Unannehmlichkeiten des Sommers verringern. Wichtige Elemente beim Schutz vor Hoch- und Niedrigwasser: Hochwasserschutz, Flussgebietsmanagement, angepasste Logistik (z.B. flachgehende Binnenschiffe). Beim Schutz vor Hitzewellen wäre etwa städtebauliche Begrünung, Entsiegelung, Kühlinfrastruktur, Anpassungen im Gesundheits- und Arbeitsschutz u.a. sinnvoll. Die Gefahr von Waldbränden könnten durch forstwirtschaftlichen Umbau (Mischwälder statt Monokulturen), Totholzmanagement, Früherkennungssysteme, verbesserte Feuerwehrlogistik u.a. verringert werden.

Im Gegensatz zu den Strategien der Vermeidung von Klimalasten leidet der Kampf gegen die Folgen des Klimawandels nicht (kaum) unter dem Kollektivgut-Dilemma. Sie sind lokal anreizkompatibel (Roger Pielke). Sie orientieren sich (stärker) an den Präferenzen vor Ort, sind (vorwiegend) regional konzentriert, sie wirken (relativ) schnell und sie genießen eine hohe Akzeptanz. Die Gefahren des Trittbrettfahrens sind eher gering, die Nutzenverläufe der Anpassungsmaßnahmen sind nicht stark zeitversetzt. Und noch etwas macht solche Aktivitäten sinnvoll: Sie verringern die Gefahr von „Maladaptation“. Ohne ausgeklügelte Anpassungsstrategien erzwingen Extremereignisse (Hitze, Wasser, Brände) oft ad hoc getroffene Entscheidungen. Damit steigt aber die Wahrscheinlichkeit, dass Maßnahmen ergriffen werden, die sich bei rationaler Betrachtung als ineffizient erweisen. Geldverschwendung ist programmiert.

Neue Schwerpunkte in der Klimapolitik

Die Klimapolitik muss ihre Schwerpunkte anders setzen. Solange es nicht gelingt, das internationale Kooperations-Problem in den Griff zu bekommen, muss eine Politik der regionalen (effizienteren) Adaptation den Vorrang vor einer nationalen Politik der (ineffizienten) Mitigation erhalten. Das eine geht aber nicht ohne das andere. Konzentriert sich die unilaterale Klimapolitik weiter auf die Vermeidungsstrategie erhöht sie nicht nur die Anpassungslasten („grünes Paradoxon“), sie bremst auch die regionale Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Die nationale (europäische) Klimapolitik hat starke Risiken und Nebenwirkungen. Hohe Kosten ineffizienter Klimapolitik sind das eine, die beschleunigte Deindustrialisierung ist das andere. CBM löst das Problem nicht. Mit sinkendem Wohlstand entzieht sie der Anpassung die erforderlichen finanziellen Mittel. Sie verringert die klimapolitische Anpassungskapazität.

Die missratene Energiewende verschärft das Problem. Der Verzicht auf Kernenergie, der Rückgriff auf Kohle und Gas bewirkt zweierlei: Zum einen erhöht er die klimatischen Anpassungslasten. Wegen des geringen Gewichts ist allerdings der Einfluss auf das Weltklima vernachlässigbar. Nicht vernachlässigbar ist zum anderen der Einfluss auf die Anpassungskapazität. Der Ausbau der EE mit einem Parallelsystem fossiler Energie verursacht hohe Energie- und Transformationskosten, bindet enorme finanzielle und technische Ressourcen, verschlechtert die internationale Wettbewerbsfähigkeit, beschleunigt den Prozess der Deindustrialisierung. Es fehlen die Ressourcen, die für die akute Anpassung an den Klimawandel benötigt werden. Die Energiewende wirkt zwar kaum als Brandbeschleuniger für Hitzewellen, Niedrigwasser und Waldbrände. Sie verschlechtert aber Ausstattung und Aktionsradius der „Klimafeuerwehr“.

Fazit

Die Unannehmlichkeiten des Sommers – Hitzewellen, Niedrigwasser, Überschwemmungen, Waldbrände – sind gekommen, um (lange) zu bleiben. Der anhaltende Klimawandel wird sie weiter befeuern. Er erhöht die klimatischen Anpassungslasten. Von der Klimapolitik der C02-Vermeidung ist keine (schnelle) Hilfe zu erwarten. Das internationale Koordinations-Problem ist ungelöst und wird es auch bleiben. Selbst wenn sich die Weltpolitik (wider Erwarten) schnell einigen würde, der klimatische Bremsweg einer Politik der Mitigation ist lang, jahrzehntelang. Eine Klimapolitik der Vermeidung verringert die klimatischen Anpassungslasten auf absehbare Zeit nicht. Schlimmer noch: Ein „weiter so“ schwächt die Anpassungsfähigkeit der Gesellschaften an den Klimawandel. Die Wachstums- und Wohlstandsverluste (Deindustrialisierung, Energie- und Transformationskosten) sind hoch. Damit fehlen die notwendigen Ressourcen für eine Politik der Adaptation. Die Energiewende verschärft die Verschwendung von Ressourcen. Viele weitere Sommer werden sein wie heute, glutheiß, wasserarm, überschwemmend und brandgefährlich. Zur akuten Gefahrenabwehr stehen den Nationalstaaten in den nächsten Jahrzehnten nur Maßnahmen der klimapolitischen Anpassung zur Verfügung. Halten die gegenwärtigen Handlungsblockaden der Weltpolitik an, ist der Zeitraum noch länger. Kurz und gut: Die Adaptation muss ein viel größeres Gewicht in der nationalen (regionalen) Klimapolitik erhalten.

Literatur

Matthew G. Burgess, Patrick T. Brown, Matthew E. Kahn and Roger Pielke Jr. (2026), The economics of climate adaptation optimism

Podcast zum Thema:

Hitzewelle und Klimapolitik. Anpassung an den Klimawandel

Dr. Jörn Quitzau (Bergos AG) und Prof. Dr. Norbert Berthold (JMU) im Gespräch.

Hitzewelle und Klimaschutzziele. Kühlen Kopf bewahren

Dr. Jörn Quitzau (Bergos AG) im Gespräch mit Prof. Dr. Manuel Frondel (RWI)

Blog-Beiträge zum Thema:

Norbert Berthold (JMU, 2026): Weniger nationale Vermeidung, mehr lokale (regionale) Anpassung. Subsidiarität, fiskalische Äquivalenz, Gemeinschaftsaufgabe

Norbert Berthold (JMU, 2026): Industrie und Klima. Eine verhängnisvolle (deutsche) Beziehung?

Norbert Berthold (JMU, 2026): Die (deutsche) Energiewende. Macht oder ökonomisches Gesetz?

Norbert Berthold (JMU, 2025): Klima im Wandel. Wende in der (europäischen) Klimapolitik?

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