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Patrik Schellenbauer und Daniel Müller-Jentsch: Der strapazierte Mittelstand

Mythos Mittelschicht: Steht die Ampel für das Rückgrat der Bevölkerung auf Rot? Rot ist die Leitfarbe des Buches „Der strapazierte Mittelstand – Zwischen Ambition, Anspruch und Ernüchterung“, das die Mittelschicht – in der Schweiz ist Mittelstand ein Synonym – unter die Lupe nimmt. Die Beiträge unterschiedlicher Autoren und Wissenschaftler lassen allerdings auch den Schluss zu, dass die Zukunft der mittleren Einkommensschichten nicht schwarz aussehen muss.

Einerseits: „Die Schweiz hat es bisher wie kaum ein zweites Land geschafft, ihren hohen Wohlstand breit zu verteilen und damit sehr integrierend zu wirken, und zwar schon bevor der Staat umverteilend eingreift.“ Andererseits: „Viele Angehörige des Mittelstands haben das Gefühl, dass ihre Arbeit, ihre Anstrengungen und auch ihr Konsumverzicht nicht mehr richtig belohnt würden.“ Gerhard Schwarz, Direktor des Ko-Herausgebers Avenir Suisse, macht in seinem Vorwort deutlich, dass es eine deutliche Diskrepanz zwischen der tatsächlichen und gefühlten Verfassung der Schweizer Mittelschicht gibt. Doch Fakt ist auch, dass externe Kräfte und eine diffuse Umverteilung des Staates die mittleren Einkommensgruppen schwächen.

Die Schweizer Mittelschicht ist spitze

Die Beiträge zweier Autorenteams der Universitäten St. Gallen und Zürich untermauern diese Thesen mit vielen empirischen Analysen, die größtenteils deskriptiver Natur sind. Wenn die Schweizer Mittelschicht eine Fußball-Mannschaft wäre, würde sie bei Weltmeisterschaften regelmäßig um den Titel mitspielen. Deutschland müsste dagegen zumindest um die Qualifikation für die K.o.-Runde bangen. Dies belegen OECD-Vergleiche von mittleren Einkommen, Erwerbsquote und Privatvermögen. Auch bei der Ungleichheit schneidet die Schweiz, gemessen am Gini-Koeffizient, deutlich besser ab als die großen Nachbarländer Deutschland, Frankreich und Italien. Als eine Ursache nennt Ko-Herausgeber Daniel Müller-Jentsch „flexible Arbeitsmärkte und Sozialsysteme, die mehr auf Arbeitsanreize als Alimentierung ausgerichtet sind.“ (S. 36)

Damit unterscheidet sich die Schweiz von den nordischen Ländern, die eine geringe Einkommensspreizung durch ein hohes Maß an staatlicher Umverteilung erkaufen. Die Eidgenossen sind allerdings bislang – übrigens ähnlich wie die Deutschen – nicht so stark mit Immobilien abgesichert. Das belegen die im europäischen Vergleich niedrigen Wohneigentumsquoten, wiewohl die Tendenz steigend ist. Dafür ist das kapitalgedeckte Rentensystem in der Schweiz – anders als in Deutschland – längst eine tragende Säule, was künftig eine leichtere Anpassung an die demografische Entwicklung ermöglichen dürfte. Auch die Wirtschafts- und Finanzkrise ging scheinbar spurlos an der Schweiz vorbei. Der Immobilienmarkt kollabierte nicht; die Beschäftigung stieg zwischen 2007 und 2011 sogar an.

Die Schweizer Mittelschicht ist unzufrieden

Dass die Schweizer Mittelschicht dennoch nicht mit ihrer Situation zufrieden und damit in guter Gesellschaft zu anderen Ländern ist, zeigt das dritte Kapitel auf. Als externe Faktoren nennt Müller-Jentsch die Verdopplung des weltweiten Arbeitskräftepools durch die Globalisierung und den kompetenz-basierten technischen Fortschritt. Mit letzterem meint der Autor die Verschiebung der Arbeitsnachfrage von Routinearbeiten hin zu kreativen Tätigkeiten mit einem hohen Abstraktionsvermögen (S. 68). Neben der Nachfrage nach Hochqualifizierten stieg in den meisten Ländern (darunter auch Deutschland und die Schweiz) die Nachfrage nach Niedriglohnjobs. Begründet wird dies in der Literatur mit dem zunehmenden Verlangen nach Basisdiensten, für die einfache Qualifikationen ausreichen.

Damit wird die Mittelschicht von zwei Seiten in die Mangel genommen. Ob durch diese Entwicklung die Lohnungleichheit gleichermaßen zunimmt, hängt allerdings von der Anpassungsfähigkeit des Arbeitsangebotes ab. Hoffnung dürfte dem Rückgrat der Bevölkerung auch machen, dass „ein erheblicher Teil des neuen Arbeitskräftereservoirs über die letzten 20 Jahre in die globale Wirtschaft integriert worden ist und sich das Lohngefälle zwischen Industrie- und Schwellenländern langsam schliesst.“ (S. 85)

Reallöhne sind deutlich gestiegen

Von der weiten Welt zurück ins Schweizer Milieu: Im vierten und fünften Kapitel wird die eidgenössische Mittelschicht als solches näher untersucht. Die wichtigste Einkommensquelle dieser großen Bevölkerungsgruppe ist das individuelle Arbeitseinkommen. Auch wenn die Reallöhne in den letzten zwei Jahrzehnten in der Schweiz insgesamt immerhin um 20 Prozent gestiegen sind, weist die Lohnentwicklung eine U-Form auf, was einen relativen Rückfall der mittleren Einkommensgruppen bedeutet. Begründet wird dies unter anderem mit einer Stagnation der Bildungsprämie der Sekundarstufe II. Ein Teil des relativen Lohnrückgangs dieser Stufe kann jedoch damit erklärt werden, dass es ambitionierte Absolventen einer Berufsausbildung zunehmend an Universitäten und Fachhochschulen zieht:

„Das Mittelstandsparadox besteht darin, dass sich in der Mitte der Gesellschaft der Eindruck breit macht, man falle zurück, obwohl das eigene Wohlstandsniveau absolut gestiegen ist und obwohl einem erheblichen Teil des Mittelstands sogar der Aufstieg gelungen ist.“ (S. 147)

Umverteilung schadet der Mittelschicht

Von diesem Paradox wissen auch die Deutschen ein Lied zu singen. Genau wie der deutsche Mittelschichtler sieht sich zudem auch das Schweizer Pendant einer bisweilen „unkoordinierten Fiskal- und Transferpolitik“ gegenüber. „Im ungünstigsten Fall führen diese Umwälzungen zu einem alimentierenden Sozialstaat, der oft jenem Bevölkerungsteil schadet, dem die Unterstützung ursprünglich galt – dem arbeitenden Mittelstand.“ (S. 150) Um diesen eklatanten Missstand zu unterstreichen, haben die Herausgeber zu einer ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen. Auf dem Umschlag-Rücken des Buches sind anstatt des Abstracts die Einkommensverteilungen der Haushalte im Erwerbsalter vor und nach staatlicher Umverteilung abgetragen. Während der Verlauf vor Umverteilung einer typischen Schweizer Berg-Silhouette gleicht, wirkt die zackige Spitze des Verlaufs nach Abgaben und Erhalt von Staatsleistungen wie der Mount Everest im deutschen Voralpen-Flachland. Irgendwie fehl am Platz. Als Erklärung heißt es auf der Rückseite: „Der Staat drückt grosse Teile des erwerbstätigen Mittelstands an die Grenze zur Unterschicht. Die massive Belastung durch Steuern, Abgaben und Sozialbeiträge wird von den realen und finanziellen Leistungen des Staates für die aktive Bevölkerung nicht aufgewogen.“

Nach Umverteilung verliert sich die heile Welt

Die beiden Autoren des Kapitels über die staatliche Umverteilungsmaschinerie und deren Folgen für die Mittelschicht bedienen sich der sogenannten Inzidenzanalyse, die die Wirkung der Staatstätigkeit auf die Haushaltseinkommen beschreibt. Wie nicht anders zu erwarten, erhöhen sich die Einkommen vor Transfers von Quintil zu Quintil. Nach Umverteilung sieht die (heile) Welt indes anders aus: Die drei unteren Einkommensfünftel unterscheiden sich bei den Einnahmen nach Abgaben und Transfers kaum. Während die Abgabenquote entlang der Quintile leicht fällt, kommen die Staatsleistungen primär dem ersten Einkommensfünftel zugute:

„Gemäß der Inzidenzanalyse profitiert der Mittelstand somit viel weniger als die Unterschicht und kaum mehr als die Reichsten von den staatlichen Leistungen, trägt aber selber einen grossen Teil zu deren Finanzierung bei.“ (S. 155)

Bedenklich ist auch, dass Haushalte mit sehr geringen Einkommen vor Transfers durch die Umverteilung in höhere Einkommensquantile aufsteigen können, und umgekehrt. Es findet also auch eine Verschiebung der Positionen in der Einkommensskala statt:

„Da die Einkommensunterschiede im Mittelstand relativ gering sind, haben die staatlichen Transfers in diesem Bevölkerungsanteil viel grössere Auswirkungen auf die relative Position. Im Mittelstand ist nicht so sehr das Vortransfereinkommen entscheidend für die Position nach der Umverteilung, sondern das Ausmass, in dem ein Haushalt von staatlichen Leistungen profitieren kann.“ (S. 160)

Ängste der Mittelschicht gleichen sich

Ökonomische Analysen bilden das Herzstück des Buches. Garniert ist es mit Essays zum Selbstverständnis der eidgenössischen Mittelschicht, einem Round-Table-Gespräch mit Experten sowie einer Untersuchung der Milieus und ihrer räumlichen Verteilung. Die Leitfarbe des Buches ist wie eingangs erwähnt rot. Sie ist auch notwendig, um bei der Bandbreite der Themen und Autorenschaft nicht den roten Faden zu verlieren. Ansonsten ist das Buch – nicht zuletzt wegen der vielen aufschlussreichen Grafiken – auch für den Nicht-Schweizer eine lesenswerte Lektüre. Denn die Ängste der Mittelschicht sind in vielen westlichen Ländern ähnlich gelagert.

Die eidgenössische Mittelschicht ist sicherlich ein Sonderfall, da sie aufgrund der gesunden Wirtschaftsstruktur und Offenheit der Schweiz in guter Verfassung ist. Aber auch im Alpenstaat sind die mittleren Einkommen in den vergangenen 20 Jahren deutlich weniger gestiegen als die Verdienste der oberen Gruppe. Macht das eine Mittelstandspolitik notwendig? Ko-Herausgeber Patrik Schellenbauer gibt in seinem Fazit eine eindeutige Antwort:

„Eine massgeschneiderte Politik für den Mittelstand ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zu unscharf ist die Abgrenzung, zu unterschiedlich sind die Ansprüche und Interessen, zu heterogen sind die Lebenslagen und –ziele.“ (S. 267)

Hinweise: Sämtliche als Zitate gekennzeichnete Abschnitte sind entnommen aus: Patrik Schellenbauer, Daniel Müller-Jentsch: Der strapazierte Mittelstand (Zürich: Avenir Suisse und Verlag Neue Zürcher Zeitung).

Eine Antwort auf „BücherMarkt
Patrik Schellenbauer und Daniel Müller-Jentsch: Der strapazierte Mittelstand

  1. Trotz des Fazits sollte es Aufgabe der Politik sein die Mittelschicht nicht aus den Augen zu verlieren, da auch für diese Unternehmen gemeinsame Nenner gefunden werden können.

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