Chefvolkswirt
Das Euro-Drama
Die Parallelwährung als Lösungsweg

1. Einleitung

Jubel, Sekt und Feuerwerk: So wurde vor zehn Jahren zu Silvester die Einführung der Euro-Münzen und Scheine gefeiert. Europa wächst zusammen. Heute ist die Euro-Party einer Katerstimmung gewichen. Für 2013 wird für die Euro-Zone ein Rückgang des BIP um 0,3 Prozent prognostiziert (vgl. Eurostat, 2013). In Griechenland wird das Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich um 20 Prozent unter dem Wert von 2008 liegen. Mehr noch: Die unterschiedlichen Krisenreaktionspfade in den Mitgliedsländern führen zu Schlagzeilen, die weniger die Gemeinsamkeiten als die Divergenzen betonen.

Dabei galt der Euro als ein weiterer Schritt zur Integration. Wie kommt es, dass ausgerechnet das Einigungsprojekt Währungsunion zu einer Entfremdung zwischen den Völkern beiträgt? Und gibt es einen Weg zwischen Austritt und Deflationszenario? Dieser Beitrag setzt sich mit den Vorschlägen für eine Parallelwährung auseinander, die in einzelnen Mitgliedsstaaten neben dem Euro die Einführung einer weiteren Währung vorsehen.

2. Die Ursachen der Euro-Krise

2.1. Ein Gedankenexperiment – Zwei Königreiche Westfalen und Rheinland

Zum Einstieg in die Argumentation dient das – historisch fragwürdige – Gedankenexperiment mit zwei Königreichen Westfalen und Rheinland. Beide Könige geben in ihren Ländern eigene Papierwährungen aus. Die Königreiche handeln miteinander, aber akzeptieren als Tauschwährung nur Gold. Angenommen, im leichtlebigen Rheinland steigen Preise und Löhne in heimischer Währung schneller als im bedächtigen Westfalen. Nun sind, eine weitere Annahme, beide Könige weise und haben sich darauf geeignet, dass die Handelsbilanz zwischen beiden Ländern ausgeglichen sein soll: Kein Land soll dauerhaft Exportüberschüsse im Handel mit dem anderen Land erzielen. Wie kann das erreicht werden, obwohl im Rheinland die Güterpreise schneller steigen als in Westfalen? Die Lösung liegt in einer entsprechenden Abwertung der rheinischen Währung gegenüber dem Gold. Dies bedeutet dann beispielsweise, dass der westfälische Importeur von rheinischen Waren für eine Unze Gold nicht mehr zehn rheinische Währungseinheiten erhält, sondern elf. So wird die unterschiedliche Preisentwicklung in den Königreichen ausgeglichen, und es kommt nicht zu preisgetriebenen Ex- oder Importüberschüssen. Im Fachjargon heißt es, die Kaufkraftparität sei erfüllt.

Mit diesem System entwickeln sich beide Königreiche hervorragend, bis sich – ganz schicksalshaft – der Prinz von Westfalen und die Prinzessin aus dem Rheinland ineinander verlieben. Sie heiraten unter der Zustimmung ihrer Eltern, schaffen das gemeinsame Königreich Rheinland-Westfalen und führen eine gemeinsame Währung ein.

Im Rheinland sinken durch die Währungsunion die nominalen Zinsen auf das Niveau Westfalens. Dies befeuert die Konjunktur in dieser Region, Löhne und Preise für nicht handelbare Güter steigen schneller als in dem anderen Landesteil. Aber für den Handel sind plötzlich rheinische Produkte nicht mehr konkurrenzfähig. Dennoch erhöht sich zunächst das Bruttovermögen der Menschen im Rheinland, denn Produkte aus Westfalen werden auf Kredit gekauft. Aus dem Handelsbilanzgleichgewicht wird ein Ungleichgewicht.

2.2. Ein Gedankenexperiment – Die Lösung der Krise in Rheinland-Westfalen

Bevor aber die Verschuldung der Rheinländer höher als der Kahle Asten wird, suchen die jungen Regenten nach einer Lösung. Die Optionen lauten:

  1. Ende der Währungsunion: Rheinland-Westfalen löst die Währungsunion zwischen den Landesteilen auf und führt den früheren Abwertungsmechanismus wieder ein. Aber das wollen die beiden Königskinder nicht, weil sie immer noch unzertrennlich sind.
  2. Inflation in Westfalen: Löhne und Preise in Westfalen sollen steigen, wie es die westfälischen Gewerkschaften empfehlen. Aber die Mehrheit der geschäftstüchtigen Westfalen lehnt diesen Weg ab, da sie um den realen Wert ihrer Sparguthaben fürchten. Außerdem weiß niemand am Königshof, wie man Inflation gezielt erzeugen und steuern könnte.
  3. Deflation im Rheinland: Löhne und Preise im Rheinland sinken. Dazu muss die Güternachfrage kleiner als das Angebot sein. Der Anpassungsprozess impliziert eine Rezession mit sinkendem Konsum und steigender Arbeitslosigkeit. Die Mehrheit der lebenslustigen Rheinländer lehnt diesen Weg ab.
  4. Die Einführung einer temporären Parallelwährung als Kompromiss: Dabei würde die Währungsunion bestehen bleiben und gleichzeitig eine zweite Währung im Rheinland eingeführt werden, auf die alle inländischen Stromgrößen umgestellt werden. Eine Abwertung der rheinischen Währung gegenüber der Gemeinschaftswährung wäre möglich, der Abwertungsmechanismus würde so “durch die Hintertür” zurückkehren.

2.3. Der Teufelskreis der Euro-Krise

Diese Geschichte erzählt eine Analogie zur Entwicklung der Euro-Zone. Durch deren Einfachheit werden zwei Aspekte besonders hervorgehoben:

  1. Weder die Bevölkerung des einen noch des anderen Landes ist “schuld” an dem Dilemma. Es ist das Zusammenspiel von Löhnen und Preisen von handelbaren und nicht handelbaren Gütern, das zu den Divergenzen führt.
  2. Die Geschichte wurde ohne Staatsverschuldung und ohne Bankinsolvenzen erzählt. In der Realität verstärken sich mehrere Kriseneffekte gegenseitig (vgl. Abb. 1).

Schema der Dreifachkrise in der Währungsunion
– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

3. Die Idee der Parallelwährung

3.1. Einordnung und Literaturüberblick

Für die Eurozone existieren etwa 30 neuere unterschiedliche Vorschläge für eine Parallelwährung (vgl. Schuster, 2012). Dabei fließen mehrere Literaturströmungen zusammen. Einen Gesamtüberblick über alternative Geldkonzepte gibt Degens (2013).

  • Die Theorie der Regiogelder, die auch als Komplementär- oder Kommunalwährungen diskutiert werden. Dabei handelt es sich um lokal ausgegebene Ersatzwährungen, mit denen i.d.R. über eine höhere Umlaufgeschwindigkeit der heimische Güterumlauf stimuliert werden soll. Die Übertragung des Regiogeld-Gedankens auf Griechenland diskutieren seit 2011 mehrere Autoren (vgl. Behrens, 2011; Bossone / Sarr, 2011; Kennedy / Schuster, 2011), über Erfahrungen mit dem Ovolos in Griechenland berichtet Sotiropoulou (2011). Ein Ideengeber für diesen Literaturstrang ist Silvio Gesell („Freigeld“).
  • Aus der währungspolitischen Literatur stammen Beiträge zu “currency boards” und “currency substitution”. Die Währungssubstitution umfasst dabei auch die Analyse der offiziellen oder inoffiziellen Parallel-Nutzung von ausländischen Währungen im Inland (vgl. BIS, 2003, S. 22 ff.).
  • Als in den 1970er Jahren eine einheitliche europäische Währung erstmalig ernsthaft diskutiert wurde, spielten die Parallelwährungen eine Rolle (vgl. Graumann, 1979; Optica, 1976; Vaubel, 1978).
  • Aus geldpolitischer Sicht wird die Frage diskutiert, ob und wie ein negativer Nominalzins erzielt werden kann (vgl. Goodfriend, 2000; van Suntum et al, 2011). Eine Möglichkeit ist die Trennung von Recheneinheit und Zahlungsmittelfunktion des Geldes, d.h. eine neue Währung wird als numeraire eingeführt. Als Begründer dieses Ansatzes gelten Robert Eisler und Luigi Einudi.

Die aktuellen Vorschläge zur Lösung der Euro-Krise unterscheiden sich nach Emittent der Parallelwährung (Banksystem, Staat, Regierung oder Zentralbank), Unterlegung der Emission, möglichen geldpolitischen Maßnahmen, Konvertibilität, Wechselkursregime, Dauer der Parallelwährung und ggfs. Rückführung. Eine Parallelwährung kann in den wirtschaftlich starken Ländern eingeführt werden. Eine “Guldenmark” könnte über eine Währungskonkurrenz auf alle Länder disziplinierend wirken (vgl. Kerber, 2012). Andere Autoren befürworten die Einführung einer Parallelwährung in den Krisenländern. Für Griechenland wird exemplarisch die Einführung einer Neuen Drachme vorgeschlagen (vgl. Vaubel, 2012; Lucke, 2012; Vogelsang, 2012). Diese Vorschläge formulieren das Ziel, durch die Parallelwährung die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Andere Motivationen sind die Schonung der Euro-Liquidität, die leichtere Finanzierung von staatlichen Aufgaben oder die Senkung des Zinsniveau auf dem Kapitalmarkt (vgl. Schuster, 2012). Eine dritte Variante ist ein System von nationalen Parallelwährungen (vgl. Meyer, 2012; ten Dam, 2012).

— Den gesamten Beitrag und die dazugehörige Literatur finden Sie in WiSt – Wirtschaftswissenschaftliches Studium, Heft 8, 43. Jg. (2013), S. 445-449. —

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.