Armes Deutschland?

Ein Achtel aller Bundesbürger lebt in Armut. Ohne staatliche Transfers wäre es sogar ein Viertel. Dies ist die zentrale Botschaft des jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. In den Augen vieler hat die Armut in Deutschland mittlerweile eine Größenordnung erreicht, die den sozialen Frieden gefährdet und auf längere Sicht sogar den Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft bedroht. Politisches Gegensteuern sei deshalb nicht nur im Interesse der Armen, sondern auch der Gesellschaft insgesamt erforderlich.

Niemand mag ernsthaft bestreiten wollen, dass die Ungleichheit in Deutschland zugenommen hat und dass die Nettoeinkommen von Geringverdienern seit einer Reihe von Jahren real sogar rückläufig sind. Gleichwohl sind zwei methodische Anmerkungen angezeigt, die den Befund des Armuts- und Reichtumsberichts besser nachvollziehbar machen und die seine politische Brisanz ein wenig relativieren.

Die erste Anmerkung bezieht sich darauf, das Armut im allgemeinen Sprachverständnis als absoluter, im Bericht der Bundesregierung dagegen als relativer Begriff verstanden wird. Nach der Definition des Armuts- und Reichtumsberichts gilt als arm, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Für Alleinlebende liegt diese Grenze derzeit bei 781 Euro netto pro Monat, für eine Familie mit zwei Kindern bei 1.640 Euro. Wenn es gelingen sollte, durch höheres Wirtschaftswachstum alle Einkommen steigen zu lassen, so wäre damit keineswegs ein Rückgang der so gemessenen Armut garantiert. Würden sich beispielsweise alle Einkommen verdoppeln, dann würde sich auch die Armutsgrenze verdoppeln, und die Armutsquote in der Gesellschaft bliebe unverändert.

Dies ist mehr als nur ein semantisches Problem: In der öffentlichen Diskussion geht die Unterscheidung zwischen relativer und absoluter Armut vollkommen unter. Dort wird die Zunahme der relativen Armut in einem Atemzug mit den exorbitanten Gehältern von Spitzenmanagern, den Steuerhinterziehungen in Liechtenstein und dem rüden Arbeitsplatzabbau bei Nokia und Siemens/BenQ genannt und unkritisch in das Arsenal der Argumente gegen die Marktwirtschaft eingereiht. Entsprechend undifferenziert wird dann nach Abhilfe durch die Politik gerufen.

Wie verbreitet diese Fehlinterpretation ist, zeigt eine aktuelle Studie von McKinsey, die zur Armutsbekämpfung eine umfassende Wachstumsstrategie empfiehlt. Dass bei einem Erfolg einer solchen Strategie die absolute Armut reduziert würde, ist wohl unstrittig, doch wie auf diese Weise die relative Armut und das angebliche Verschwinden der Mittelschicht bekämpft werden soll, beantwortet die Studie nicht.

Selbst Wirtschaftsminister Michael Glos ist offenbar nicht ganz gefeit vor diesem Trugschluss. Er wirft dem Bericht, der im Wesentlichen im Hause von Minister Olaf Scholz erarbeitet wurde, vor, mit den Daten des Jahres 2005 zu argumentieren, während die Aufschwungphase der Jahre 2006 und 2007 doch ganz merklich zur Armutsreduzierung beigetragen habe. Ja, Herr Minister, zur Reduzierung der absoluten Armut schon, aber wohl kaum zur Reduzierung der relativen Armut, da auch nach 2005 die oberen Einkommen rascher als die unteren gestiegen sind.

Ergänzend sei noch darauf hingewiesen, dass die relative Armut in Europa ausgeprägter ist als in Indien, wo es zwar eine sehr gut verdienende Oberschicht gibt, die aber im Vergleich zu den vielen Armen, die alle nicht weit über dem Existenzminimum leben, statistisch nicht so stark ins Gewicht fällt.

Die zweite methodische Anmerkung bezieht sich auf das Konzept des “bedarfsgewichteten Äquivalenzeinkommens”: Da die Kosten der Haushaltsführung pro Kopf in Mehrpersonenhaushalten niedriger sind als in Einpersonenhaushalten, werden die im Armutsbericht ausgewiesenen Pro-Kopf-Einkommen nicht durch einfaches Aufsummieren aller im Haushalt anfallenden Einkommen und anschließendes Dividieren durch die Anzahl der Haushaltsmitglieder ermittelt, sondern der Haushaltsvorstand wird mit dem Faktor 1, jedes weitere erwachsene Haushaltsmitglied mit 0,5 und jedes Kind mit 0,3 gewichtet.

Dieses Verfahren hat durchaus seine Logik, aber es führt zu bemerkenswerten Ergebnissen, wenn sich die Haushaltsgrößen ändern. Leben beispielsweise zwei Erwachsene mit je 15.000 Euro Jahreseinkommen in einem Haushalt, dann beträgt ihr bedarfsgewichtetes Äquivalenzeinkommen pro Kopf 20.000 Euro (30.000 : 1,5). Wenn sie sich trennen und zwei Einzelhaushalte gründen, sinkt ihr Äquivalenzeinkommen auf 15.000 Euro, obwohl sich an den tatsächlichen Einkommen nichts geändert hat. Wie eine bisher noch unveröffentlichte Studie der OECD zeigt, hat der Trend zum Single-Haushalt ganz maßgeblich zum Anstieg der statistisch gemessenen relativen Armut in Deutschland und zum vermeintlichen Verschwinden der Mittelschicht beigetragen.

Auch bei dieser Anmerkung geht es vor allem um die politischen Schlussfolgerungen, die in der öffentlichen Debatte aus dem Armutsbericht gezogen werden. Dort wird aus dem Befund einer steigenden Armutsquote ganz unmittelbar auf sozialpolitischen Korrekturbedarf geschlossen. Doch soweit der Anstieg der statistisch gemessenen Armutsquote aus veränderten Lebensgewohnheiten und daraus folgenden veränderten Haushaltsgrößen resultiert, ist ein kompensierendes Eingreifen der Sozialpolitik wohl kaum angezeigt.

In der Tagespolitik müssen die Ergebnisse des Armuts- und Reichtumsberichts sogar dafür herhalten, die angebliche Notwendigkeit eines flächendeckenden Mindestlohns zu untermauern. Dass ein Mindestlohn, der vielen Geringqualifizierten den Zugang zum Arbeitsmarkt endgültig versperren würde, die relative (und absolute) Armut in Deutschland eher vergrößern als verkleinern würde, kann diese Argumentation offenbar nicht stören. Doch vollends verwirrt ist der geneigte Beobachter, wenn die gleichen Personen, die einen Mindestlohn zur Armutsbekämpfung einfordern, zugleich nach Branchen differenzierte Mindestlöhne für notwendig halten. Das Argument, weshalb relative Armut von der Branchenzugehörigkeit abhängen soll, muss erst noch erfunden werden.

 

Henning Klodt

Henning Klodt

Institut für Weltwirtschaft in Kiel (bis 2017)
Henning Klodt

3 Antworten auf „Armes Deutschland?“

  1. Herr Klodt stellt drei Thesen auf, von denen die erste richtig, die zweite fragwürdig und die dritte falsch ist.

    These 1: Relative Armut ist nicht absolute Armut. Das ist natürlich richtig und auch dass viele Zeitungsleser absolute Armut verstehen, selbst wenn explizit von einer Zunahme der relativen Armut geschrieben wird. Oft wurde aber das relativ weggelassen, dann ist das Missverständnis noch wahrscheinlicher.

    These 2: Fragwürdig ist jedoch die Annahme, dass die absolute Armut nicht zugenommen hat, wenn die relative Armut zugenommen hat (was Herr Klodt ja zugesteht). Zwar gab es ein eher geringes Wachstum in den letzten Jahren, aber ist dieses Wachstum wirklich unten angekommen. Vor allem wenn man berücksichtigt, dass Mehrwertsteuer, Energiepreisanstieg, Inflation bei den Lebensmitteln etc. gerade die Unterschicht belastet haben dürfte.

    These 3: Herr Klodt schreibt: “Leben beispielsweise zwei Erwachsene mit je 15.000 Euro Jahreseinkommen in einem Haushalt, dann beträgt ihr bedarfsgewichtetes Äquivalenzeinkommen pro Kopf 20.000 Euro (30.000 : 1,5). Wenn sie sich trennen und zwei Einzelhaushalte gründen, sinkt ihr Äquivalenzeinkommen auf 15.000 Euro, obwohl sich an den tatsächlichen Einkommen nichts geändert hat.”
    Natürlich hat sich ihr Einkommen nicht geändert, aber dennoch ihre Situation. Ein Paar bezahlt i.d.R. weniger pro Kopf an Miete als zwei Singles, vor allem aber weniger Heizenergie. Auch viele Güter (Kühlschrank, Fernseher, eventuell auch Auto) benötigt ein Paar weniger als zwei Singles. Da sich sicherlich niemand freiwillig in Armut stürzen wird, hat die Zunahme an Singlehaushalten durchaus auch wirtschaftliche Gründe.
    Reichte früher ein Lohn für die Ernährung eines Paares (oder gar Familie) aus (i.d.R. der Ehemann), müssen es heute zwei Einkommen sein. Da aber die Paare meistens nicht im gleichen Ort einen angemessen Job finden, ziehen viele Paare den Jobs hinterher und gründen dann zwei Singlehaushalte. Auch da muss dann die Sozialpolitik helfen (z.B. mit mehr Unterstützung für Alleinerziehende).

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