Wider die absolute Wahrheit
Das Konzept der Wirtschaftsstile

Von Rainer Hank am 29. August 2009
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Wie kommt es, dass die einen überall nur Marktversagen wittern (vor allem vor und in der Krise) und andere ihre Aufmerksamkeit vor allem auf Staatsversagen (vor allem in und nach der Krise) richten? Warum fuhren viele Ökonomen vor noch nicht  allzu langer Zeit auf die Allwissenheit der Märkte („efficient market hypothesis“, EMH) ab, während andere offenbar ein anderes Menschenbild haben und die irrationalen Regungen („animal spirits“) der handelnden Akteure betonen? Warum galten Kartelle in Deutschland lange Zeit als Ausdruck erwünschter Kooperation zwischen Unternehmen, während Amerika darin eine Verschwörung auf den Rücken der Verbraucher erblickte?


Wahrheitsfanatiker werden auf ein Entweder/Oder dringen. Demnach wären Kartelle von übel, die EMH nichts als Hybris und Märkte wären Staaten bei der Bedürfnisbefriedigung der Menschen turmhoch überlegen. Diese Auflösung mag ich (in aller Holzschnitzerei) auch gar nicht bestreiten: Gleichwohl bleibt auf diese Weise unerkannt, wie und warum kluge Menschen dazu kommen können, das Gegenteil zu glauben, ohne dass man ihnen gleich üble Motive unterstellen müsste. Wenn es also eine zyklische Entwicklung von Pro-Markt (bis zu extrem libertarian) und Pro-Staat (bis zum Sozialismus) gibt, dann könnte das nicht nur mit unterschiedlichen Aufgeklärtheiten der menschlichen Gattung, sondern auch mit unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen zu unterschiedlichen Zeiten zusammen hängen. Mit anderen Worten: Wie die Architektur zu einer Zeit Romanik, dann Gotik und später wieder Neo-Romanik trägt, so trägt die Wirtschaftwelt erst Marx, dann Keynes, später Friedman, und dann wieder Neo-Keynes. Eine stetige Höherentwicklung in Fortschritt und Wahrheitsbewusstsein? Wohl kaum.

Die historische Schule der  Nationalökonomie (Gustav von Schmoller) hatte für die Abfolge der Glaubensbekenntnisse das Konzept der „Wirtschaftsstile“ entwickelt: „Stil ist die in verschiedenen Lebensgebieten einer Zeit sichtbare Einheit des Ausdrucks und der Haltung“ (Alfed Müller-Armack). Der Wirtschaftsstil abstrahiert also – in Absetzung von Wirtschaftssystemen und Wirtschaftsordnungen – vom absoluten Geltungsanspruch der Ökonomie und zwar in der Absicht historischen Verstehens und mit dem Versprechen, die Gründe und historischen Bedingtheiten unterschiedlicher ökonomischer Präferenzen zu deuten. Der Stilbegriff weiß, dass auch „die Theorien der Nationalökonomie immer durch ihre zeitlichen oder geographischen Umstände gezeichnet“ sind (Arthur Spiethoff) und kritisiert das Konzept einer allgemeingültigen und immer wahren Volkswirtschaftslehre. Es war nicht zuletzt John Maynard Keynes – darauf weist Bertram Schefold hin -, der den Einfluss kulturell bedingter „irrationaler“ Momente auf das Wirtschaftsleben betont hat: Dies beeinflusst Investitionsbereitschaft, Sparverhalten, Spekulations-Thrill und vieles mehr.

Entlehnt wurde der Stilbegriff erkennbar aus der Kunst- und Architekturgeschichte. Dort bezeichnet er „charakteristische Ausprägungen“ unterschiedlich gestalteter Räume oder Kunstwerke. Stile sind großzügig und dulden Widersprüche: Um 1900 koexistieren Jugendstil, Impressionismus und Naturalismus. Analog konnten in den 70er Jahren Kommunismus und Kapitalismus in Ost- und Westdeutschland und kommunistische und marktwirtschaftliche Ideen im selben Universitätsseminar nebeneinander bestehen. Heute ist der kommunistische Stil (außer in Kuba und Nordkorea) ein bisschen außer Mode gekommen. Ein Stil verkörpert den Geist einer Zeit, das ist mehr als nur eine Mode: es geht um historisch sich wandelnde wirtschaftliche Weltanschauungen, um kollektive Überzeugungen oder, wenn man so will, die politische Ökonomie von Lehrmeinungen. Mit anderen Worten: Analyse und Kritik der Wirtschaftsstile, fördern die verdeckten, kulturell bedingten Grundüberzeugungen wirtschaftlicher Theorien zu Tage.

Die Freiburger Schule war sich uneins, was sie vom Stilbegriff halten sollte. Dass Müller-Armack das Konzept des Wirtschaftsstils gut fand, ist kein Wunder, lässt sich doch die Soziale Marktwirtschaft selbst als Amalgam zweier Wirtschaftsstile interpretieren: Das Leistungsprinzip vereint sich mit dem Prinzip der Umverteilung im (vermeintlichen) Interesse sozialer Gerechtigkeit. Rein ökonomisch (oder philosophisch) ist der Widerspruch zwischen den beiden Prinzipien, zwischen „equity and equality“ (Arthur Okun) schwer auszuhalten. Historisch ist das fragile Verhältnis der beiden Prinzipien aber das Geheimnis (und die Krux) des deutschen Wohlfahrtsstaates seit Gründung der Bundesrepublik. Was als Prinzipienstreit betrachtet nur wie ein Widerspruch darstellbar ist, erscheint dem Stilkritiker als Symbiose unterschiedlicher kulturell bedingter Ziele: einem auf Wohlstandsmehrung und einem auf Sicherheit gerichteten.

Walter Eucken schmähte den Stilbegriff: Ganz offensichtlich war er ihm zu wischiwaschi. Es fehle ihm die Theorie, weil das Ordnungsgefüge der Wirtschaft nicht herausgearbeitet werde, also die je historische Verteilung der Eigentumsrechte und Lenkungsbefugnisse. Damit hat Eucken gewiss recht. Es kommt aber darauf an, was man will. Der Stilbegriff will nicht Theorie, sondern kulturelle Unterschiede zum Ausdruck bringen. Er will zeigen und verstehen, warum sich Epochen und Ökonomen so und nicht anders verhalten haben, auch wenn das aus heutiger Sicht unklug, ineffizient oder widersprüchlich erscheinen mag.

Als „anschauliche Theorie“ charakterisiert der Basler Ökonom Edgar Salin (1892 bis 1974) das Konzept der Wirtschaftsstile (vgl. dazu den schönen Aufsatz von Bertram Schefold: Nationalökonomie als Geisteswissenschaft – Edgar Salin und das Konzept einer Anschaulichen Theorie. In: List Forum, Band 18, 1992, Seite 3003 bis 324). Danach verdankt sich die Ökonomik dem Erbe der antiken Philosophie und der scholastischen Theologie. Sie verstand sich ursprünglich als Geistes- und nicht als Naturwissenschaft (vgl. meinen Beitrag vom 22. Juli: Metapher statt Prophetie. Was Ökonomen von Geisteswissenschaftlern lernen können). Die Ökonomik wäre dann Bestandteil der Kulturwissenschaften im weiteren Sinn; zur ihren Ausdrucksformen gehört die Mathematik als eine Sprache der Geisteswissenschaften, aber eben nicht als die privilegierte Sprache der Ökonomie. Das entließe die Ökonomik aus der Falle der Mathematisierung, relativierte ihren Unfehlbarkeitsanspruch (ohnehin gibt es bekanntlich bei drei Ökonomen mindestens vier Lehrmeinungen) und brächte sie zurück in die Welt wie eine Partitur interpretierende Orchester geisteswissenschaftlicher Enzyklopädie.

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Eine Reaktion zu “Wider die absolute Wahrheit
Das Konzept der Wirtschaftsstile

  1. bommel

    Lieber Herr Hank,

    Im letzten Teil ihres Textes erwähnen Sie eine zunehmende Mathematisierung der
    Ökonomie, Sie sprechen gar von einer „Falle der Mathematisierung“.
    Zweifelsohne nimmt die Zahl computerbasierter Marktmodelle (insb. Finanzmärkte) zu, wobei dies eher mit den zunehmend leistungsfähiger werdenden Computeranlagen zu tun hat – die Mathematik dazu existiert schon seit Jahrzehnten.
    Zu dieser Entwicklung mag man stehen wie man will, das möchte ich eigentlich gar nicht bewerten. Aber wenn Sie von einer Falle reden, dann sollten Sie sich vielleicht das folgende Argument überlegen:
    Mathematik ist eine (sehr präzise) Sprache, die, wie alle anderen Sprachen, inhärent kein ausgezeichnetes Anwendungsgebiet kennt. Es liegt auf der Hand, dass es aber Wissenschaften gibt (Naturwissenschaften), die sich durch diese Sprache sehr gut ausdrücken lassen, d.h. sie sind aus ihren Vorausetzungen heraus gut zu Mathematisieren. Das liegt einfach daran, dass diese Voraussetzungen, die die Natur vorgibt, scharf definierbar und scharf messbar sind. Und schließlich sind es diese scharf definierbaren Tatsachen, die es dann erlauben, die entsprechende Wissenschaft in einer ebenso präzisen Sprache auszudrücken.
    Das ist sicherlich für die Sozialwissenschaften, also auch für die Ökonomik, nicht der Fall. Die Annahmen hier sind viel schwammiger, sprich weniger klar definierbar und messbar. Ergo steht und fällt die Mathematisierung von bspw. der Ökonomik mit der Definition der Annahmen, die man im wirtschaftlichen Geschehen beobachtet oder glaubt zu beobachten. Erst ‚danach‘ fängt die Mathematik an und keinen Schritt davor.
    Dies wiederum bedeutet für den „Unfehlbarkeitsanspruch“, den sie gen Ende des Artikels bemühen, dass dieser mitnichten auf die Mathematik oder die Mathematisierung zurückgehen kann. Die Mathematik, so man denn ihre wenigen Axiome akzeptiert hat, bietet ein geschlossenes Gedankengebäude an, das dahingehend „unfehlbar“ ist, da jede von den Annahmen abgeleitete Aussage erst aus dem logischen Kalkül heraus bewiesen werden muss, um überhaupt als Teil dieses Gebäudes angesehen zu werden. Auch die Mathematisierung einer Wissenschaft ist so gesehen unfehlbar, sofern man denn die benötigte Anzahl an widerspruchsfreien Annahmen zur Hand hat um einen für die besagte Wissenschaft charakteristischen Bereich zu beschreiben. Aber dass diese Annahmen „realistisch“ sind, dass garantiert ihnen kein Mensch und keine Mathematik.
    Kurzum, die Falle der Mathematisierung bezieht sich imho weder auf die Mathematik noch auf die Mathematisierung. Sie ergibt sich erst dann, wenn man die eigentliche Fehlerquelle, nämlich die Erarbeitung von präzise definierbaren Annahmen außer Betracht zieht und anfängt der mathematischen oder ökonomischen Einfachheit halber Annahmen nicht weiter zu hinterfragen, sondern beginnt sie einfach zu glauben.

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