Die Werte der Wirtschaft (5)
Mitverantwortung – Warum verhalten wir uns solidarisch im öffentlichen Raum?

Unsere freiheitliche marktwirtschaftliche Ordnung lebt davon, dass Menschen verantwortlich für sich selbst handeln (siehe auch: Die Werte der Wirtschaft (4)), aber auch Mitverantwortung für andere Menschen und für die Gesellschaft übernehmen. Gerade in einer freien Marktwirtschaft ist es ein zentrales Gebot, auch im öffentlichen Raum anderen zu helfen, Solidarität zu zeigen mit jenen, die sich nicht selbst helfen können. Personen, die in einer Marktwirtschaft selbst ihre Existenzgrundlage nicht sicherstellen können, benötigen diese Hilfe. Zwar kann ein funktionierendes Gemeinwesen diese Hilfeleistungen teilweise übernehmen, doch ist dafür erst ein willentlicher Akt der Solidarität erforderlich, um solche Hilfeleistungen in ausreichender Weise und Höhe auf der Ebene des Gemeinwesens zu verankern. Versagt das Gemeinwesen bei der Hilfestellung, ist wiederum der Einzelne gefordert, Mitverantwortung zu übernehmen.

Wenn Menschen solche Mitverantwortung im öffentlichen Raum tragen, so folgt dies selten aus biblischer Nächstenliebe, sondern erklärt sich aus einem Amalgam an unterschiedlichen Motiven. Ansehen, Respekt oder Freundschaft sind etwa soziale Gründe für die Hilfe gegenüber dem Mitmenschen. Gemeinnütziges Verhalten kann aber auch durch den Wunsch motiviert sein, Verachtung der Anderen zu vermeiden oder soziale Anerkennung zu erhalten. Sozialer Druck, Schuldgefühle, Sympathie oder die Sehnsucht nach einem Warm-Glow spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung zu solidarischem Verhalten. Warm-Glow Giving beschreibt solidarisches Verhalten, das nicht aus reinem Interesse am Wohlergehen der anderen Menschen herrührt, sondern aus der Motivation, dass die sich solidarisch zeigende Person von einem positiven emotionalen Gefühl des Gebens profitiert. Menschen verhalten sich insofern eingeschränkt altruistisch, da ihnen auf der emotionalen Ebene auch ein eigener Nutzen zukommt (Andreoni, 1990).

Um herauszufinden, ob sich auch in anonymen Marktbeziehungen solidarisches Verhalten manifestiert, wurden verschiedene spieltheoretische Modelle entwickelt. Beispiele hierfür sind das Ultimatumspiel oder das Solidaritätsspiel. Letztes wurde vom Nobelpreisträger Reinhard Selten und den an der Universität Köln lehrenden Ökonomen Axel Ockenfels (1998) entwickelt (Ockenfels, 1999). Es führt zu einem für den an Rationalität und Eigennutz gläubigen Ökonomen zu einem überraschenden Resultat:

Das Solidaritätsspiel wird in einer Gruppe mit drei Spielern gespielt. Jeder der Spieler kann unabhängig voneinander in einer Zufallsentscheidung einen Geldbetrag gewinnen. Die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen beträgt für jeden Spieler 2/3, die Gegenwahrscheinlichkeit zu verlieren beträgt 1/3. Jeder Spieler muss vor der Zufallsentscheidung verbindlich eine konditionale Abgabe festlegen, nämlich ob er und wie viel er bereit ist an seine Mitspieler abzugeben, falls er gewinnt und einer oder beide Mitspieler in der Zufallsentscheidung verlieren. Falls alle Mitglieder in der Gruppe per Zufallsentscheidung gewinnen, entfällt die konditionale Abgabe. Die individuellen Auszahlungen an die Gewinner ergeben sich aus dem Gewinn abzüglich der selbst festgelegten konditionalen Abgaben. Die drei Spieler dürfen nicht miteinander kommunizieren. Sie interagieren anonym. Es handelt sich um ein One-Shot Game – positive oder negative Vergeltung können also ausgeschlossen werden.

Ein solches Solidaritätsspiel führten Selten und Ockenfels an der Universität Bonn an zwei Tagen mit jeweils 60 Versuchspersonen durch. Charakter und Zielsetzung des Spiels blieben den Spielern unbekannt. Hatte sich ein Student zur Teilnahme entschieden, zog er einen Umschlag aus einer Urne, der die Instruktionen des Spiels enthielt. Des Weiteren enthielt der Umschlag ein Entscheidungsformular und eine Karte mit einem Decknamen. Die Versuchspersonen erhielten einen Umschlag, begaben sich hinter Stellwände, füllten das Entscheidungsblatt aus, steckten es zurück in den Umschlag und behielten die Karte mit ihrem Decknamen, um später über einen Auszahlungsnachweis zu verfügen. Den Umschlag erhielt der Spielleiter, woraufhin die Versuchsperson unter Aufsicht würfelte und das Ergebnis auf dem Umschlag vermerkt wurde. Danach wurde der Umschlag in eine Urne gesteckt. Teilnehmer, die eine eins, zwei, drei oder vier gewürfelt hatten, gewannen 10 DM. Jene, die eine fünf oder sechs würfelten, verloren. Nachdem die Umschläge eingesammelt waren, wurden zufällig Gruppen mit je drei Spielern gebildet. Für jeden Spieler wurde dann die Auszahlung in Abhängigkeit von Zufallsentscheidung und zuvor festgelegten konditionalen Ausgaben in der Gruppe berechnet.

Die deutliche Majorität der Spieler zeigte sich solidarisch. Die Spieler teilten ihren Gewinn. Dabei entschieden sich die meisten Versuchspersonen für Abgaben mit einem runden Betrag. Lediglich 25 der 120 Versuchspersonen folgten der Grundannahme des Homo Oeconomicus: Sie maximierten ihre eigene Auszahlung. Ihre konditionale Abgabe an die Mitspieler, die in der Zufallsentscheidung verloren, war null. 97 Mitspieler zeigten sich hingegen solidarisch mit den Verlierern. Dabei darf allerdings auch den 25 Spielern, die eine Abgabe von Null festlegten, nicht zwingend unterstellt werden, sie seien nicht altruistisch veranlagt. Als Grund für eine Abgabe von Null kann nämlich auch gelten, dass risikoneutrale und altruistische Spieler angesichts der gleichen Erwartungen auf einen Gewinn keinen Grund dafür sahen, positive Abgaben zu leisten, um die lediglich ex post eingetretene Ungleichheit auszumerzen. Denn jeder Spieler hatte ja ex ante identische Auszahlungserwartungen in Höhe von 2/3 von 10 DM zu erwarten.

Der Mittelwert der Abgaben bei einem Verlierer lag bei 2,46 DM. Bei zwei Verlierern betrug er 1,56 DM. Dies bedeutet, dass ein einzelner Verlierer, der Abgaben von zwei Gewinnern erhält, mit 4,92 DM eine mehr als dreimal so hohe Auszahlung erwarten konnte wie einer von zwei Verlierern mit 1,56 DM. 36 Prozent der Versuchspersonen gaben sogar dieselben kumulierten Abgaben in beiden Verliererzuständen. Es ist also anzunehmen, dass die Personen zuerst entscheiden, wie viel sie insgesamt abzugeben bereit sind, und danach erst den Betrag auf die Verlierer aufteilen. Demzufolge gaben diese Personen doppelt so viel an einen einzelnen Verlierer wie an jeden von zwei Verlierern. Würden alle Gruppenmitglieder diesem Verhaltensmuster folgen, so würde ein einzelner Verlierer eine viermal höhere Auszahlung erhalten als jeder von beiden Verlierern. Hieraus kann geschlossen werden, dass nicht die Reduzierung von Ergebnis-Ungleichheit die treibende Motivation für das altruistische Verhalten dieser Versuchspersonen ist, sondern eher das Gefühl einer gesellschaftlichen Verpflichtung, bestimmte Teile eines Gewinnes der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Nur eine Minderheit von 19 Teilnehmern war bereit, denselben Betrag an jeden Verlierer abzugeben, unabhängig davon, ob es einen oder zwei Verlierer gab (Ockenfels, 1999, S. 54).

Menschen – dies ist das spannende Ergebnis dieses Spiels – engagieren sich nicht unbedingt aus Altruismus, Nächstenliebe, sozialem Druck oder sozialer Anerkennung. Sie zeigen vielmehr dem Altruismus ähnliche Verhaltensweisen, weil sie sich wie ihre Mitmenschen verhalten wollen. Ihre Erwartungen über das Verhalten der Mitmenschen sind oft positiv mit den eigenen Verhaltensweisen korreliert. Der Mensch ist davon überzeugt, dass andere sich prinzipiell ähnlich verhalten wie er selbst. Psychologen bezeichnen dies als false consensus bias (Ross et al., 1977). Dieser Bias hat enorme Konsequenzen auf die Entscheidung, wie viel Menschen abgeben, wenn sie erwarten, dass eine Zahlung bereits von einem anderen Gewinner in beträchtlicher oder in geringfügiger Höhe geleistet wird. Unterstellt man, die Abgaben an die Verlierer wären rein altruistisch motiviert, so wäre für den Gewinner das Wohlergehen der Verlierer von zentraler Bedeutung. Folglich müsste der Gewinner dann viel abgeben, wenn er erwartet, der andere Gewinner gäbe wenig ab. Selten und Ockenfels bringen in ihrem Experiment jedoch auf den Punkt, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Die Korrelation zwischen tatsächlichen eigenen und erwarteten Abgaben anderer Gewinner ist hochsignifikant positiv. Die Abgaben erklären sich also weder aus reinem Altruismus noch aus erwarteter Reziprozität (diese wurde durch den Charakter des Spieles als One-Shot Spiel ausgeschlossen), sondern aus dem menschlichen Bedürfnis heraus, sich so verhalten zu wollen wie andere.

Damit dürfte auch das bürgerschaftliche Engagement im öffentlichen Raum stark von dieser Motivation geprägt sein: Menschen engagieren sich für die Gesellschaft, weil andere Menschen dies auch machen. Solidarität mit dem unbekannten Mitmenschen kann damit in einer Gesellschaft pfadabhängig sein: Menschen engagieren sich, weil sich andere engagieren. Steigendes Engagement oder fallendes Engagement kann so schnell in einer Spiralwirkung enden. In Westdeutschland engagieren sich derzeit circa 37 Prozent der Menschen, in Ostdeutschland hingegen nur 31 Prozent. Allerdings ist der Anteil Engagierter in den neuen Bundesländern in den letzten zehn Jahren leicht angestiegen von 28 Prozent auf 31 Prozent. Bürgerschaftliches Engagement hängt zudem ab von Alter, Geschlecht, Bildungsstand, Einkommenshöhe oder Beruf. Personen, die gesellschaftlich gut integriert sind, über ein relativ hohes Einkommen und einen hohen Bildungsstand verfügen, engagieren sich besonders häufig. Arbeitslose und Menschen mit niedrigem Sozial- und Bildungsstatus sind eher selten gesellschaftlich engagiert. Gerade zwischen Einkommen und Engagement besteht ein auffallender Zusammenhang.

Das bürgerschaftliches Engagement für die Gesellschaft lässt sich abfragen, und es lässt sich auch für verschiedene Bereiche quantifizieren: Die meisten Bürger übernehmen Mitverantwortung im Bereich Sport und Bewegung, nämlich mehr als zehn Prozent der Bevölkerung (Stand: Jahr 2009). Ebenfalls von Bedeutung sind das Engagement Kirche und Religion, für Schule und Kindergarten sowie für Kultur und Musik (mit zwischen fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung), für Freizeit und Geselligkeit (mit knapp fünf Prozent) sowie für Soziales (ebenfalls rund fünf Prozent). Allerdings ist der Anteil der sich engagierenden Bevölkerung in den Bereichen Sport und Bewegung sowie Freizeit und Geselligkeit rückläufig. Das Engagement in den Bereichen Soziales, Gesundheit, Kultur, Umwelt, Kirche/Religion sowie Jugendarbeit ist hingegen seit 1999 angestiegen. Insgesamt ist die Engagementquote (Anteil Engagierter an der Wohnbevölkerung) im Zeitablauf seit 1999 stabil – gut jeder Dritte übernimmt in der einen oder anderen Form Mitverantwortung für die Gesellschaft (Deutscher Bundestag, 2012, S. 64).

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Eltern mit jüngeren Kindern kommt eine tragende Rolle im bürgerschaftlichen Engagement zu: In der Altersgruppe 40-44 Jahre engagierten sich im Jahr 2009 43 Prozent der Menschen, was den höchsten Wert in den Altersgruppen darstellt. Dies liegt möglicherweise daran, dass die Erfahrung über das Engagement anderer über den Kontakt mit anderen Eltern hier besonders ausgeprägt ist und die Pfadabhängigkeit daher größer ist, kann aber auch im höheren sozialen Druck begründet sein. In der Altersgruppe 25-29 Jahre engagierten sich 34 Prozent der Menschen, in der Altersgruppe 65-69 Prozent waren 37 Prozent engagiert. Beachtlich ist die Quote der 14- bis 24-Jährigen: Sie beträgt 35 Prozent. Die jüngere Generation ist bereit, Mitverantwortung zu übernehmen. Es ist sogar zu beobachten, dass die Bereitschaft zum Engagement jüngerer Menschen im Zeitablauf ansteigt (Deutscher Bundestag, 2012). Ob dies ein nachhaltiges Signal dafür ist, dass die für die marktwirtschaftliche Ordnung unerlässliche Bereitschaft zur Übernahme von Mitverantwortung im öffentlichen Raum weiterhin in hohem Maße in unserer Gesellschaft vorhanden bleiben wird, ist allerdings mit den heute zur Verfügung stehenden Umfragen nicht zu beantworten.

Literatur

  1. Andreoni, J. (1990): Impure altruism and donations to public goods: a theory of „warm-glow“ giving, The Economic Journal, Vol. 100, Issue 401, S. 464-477
  2. Deutscher Bundestag (2012): Erster Engagementbericht 2012 – Für eine Kultur der Mitverantwortung, Drucksache 17/10580, Köln und Berlin
  3. Ockenfels, A. (1999): Fairness, Reziprozität und Eigennutz, Tübingen
  4. Ross, L., D. Greene und P. House (1977): The „False Consensus Effect“, An Egocentric Bias in Social Perception and Attribution Processes, Journal of Experimental Social Psychology, Vol. 13, No. 3,S. 279-301

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