Doping: Bekämpfung oder Liberalisierung?

Das Phänomen dopender Sportler wird nicht nur im Radsport zunehmend als Problem erkannt. Aus ökonomischer Sicht stellen sich die Fragen, warum dopen Athleten und – unterstellen wir einmal, man sollte das verhindern – was kann man tun, um Doping wirksam zu unterbinden.

Gehen wir zunächst einmal davon aus, es ließe sich genau abgrenzen, was Doping sei, nämlich der Einsatz von Maßnahmen zur Verbesserung der Leistungen eines Sportlers, die aus sportethischen Gesichtspunkten verwerflich sind. Betrachten wir zwei Sportler in einem Wettkampf einer Individualsportart und nehmen wir vereinfachend an, es gebe kein Dopingverbot. In diesem Wettkampf werde ein Preisgeld von 100 Euro verteilt und die Siegchancen seien, wenn keiner der beiden Sportler dopt, jeweils 50%. Gehen wir weiterhin davon aus, daß durch Doping dem Athleten Kosten etwa in Form eines schlechten Gewissens, von Gesundheitsschäden und durch den Kauf der Dopingmittel in Höhe von 10 Euro entstehen. Und zu guter Letzt wollen wir folgendes annehmen: Wenn beide Sportler dopen, dann sei ihre jeweilige Gewinnchance ebenfalls wieder 50%; wenn allerdings nur einer dopt, dann solle der Sünder eine höhere Gewinnchance haben (hier: 90%) und der „saubere“ Athlet eben 10%. Damit können wir folgende Auszahlungsmatrix identifizieren (die Auszahlungen des Sportlers B sind kursiv gesetzt):


Betrachten wir den Athleten A: Im Falle B dopt nicht, ist es für A sinnvoll zu dopen, da er seine Auszahlung aufgrund der gestiegenen Siegchancen durch Doping von 50 Euro auf 80 Euro erhöht. Sollte B dopen, dann wäre es für A ebenfalls wieder sinnvoll zu dopen, denn auch hier könnte A seine Auszahlung erhöhen, nämlich von 10 Euro auf 40 Euro. Das gleiche läßt sich für den Sportler B zeigen. Doping ist demzufolge für die Sportler eine dominante Strategie: In einer Situation ohne Verbot ist der Anreiz zu dopen sehr hoch. Es würden also beide Sportler dopen, obgleich sie sich besser stellen könnten, wenn sie beide darauf verzichteten. Selbst wenn wir unser einfaches Modell an die Realität etwa durch häufige Wiederholung des Spiels, Wechsel der Teilnehmer etc. an die Realität anpassen, können wir feststellen, daß die sehr starken Anreize zu dopen bleiben.

Wir wollen wieder eine Annahme treffen: Es sei wünschenswert, Doping im Sport zu unterbinden. Als Gründe werden hier häufig die Vorbildfunktion des Sports oder der Gesundheitsschutz der Athleten benannt. Um dieses Ziel zu erreichen, bieten sich verschiedenen Maßnahmen an. Das favorisierte Instrument ist dabei das strafbewehrte Dopingverbot auf Grundlage einer Negativliste, auf der sich die verbotenen Substanzen und Methoden wiederfinden: Athleten werden getestet, ob sie eine sich auf der Negativliste befindliche Substanz einsetzen. Falls dies der Fall ist, werden sie bestraft (Startsperren etc.). Auf diese Weise sollen die Dopingkosten für die Athleten so erhöht werden, daß sich die Strategie Doping für sie nicht mehr lohnt. In unserem Beispiel müßten also die vom Athleten erwarteten Kosten des Dopings den Schwellenwert von 40 Euro überschreiten. Diese Maßnahme hat jedoch zwei gravierende Mängel: den Anreiz zur Umgehung der Liste und die Mängel der Tests.

Eine Negativliste regt die Sportler an, Verfahren einzusetzen, die sich leistungssteigernd auswirken und die nicht auf der Liste genannt werden; mit deren Einsatz haben die dopenden Athleten keine Sanktionen zu befürchten. Dieser Innovationsanreiz führt dazu, daß stets nach neuen leistungssteigernden Substanzen gesucht wird, um durch deren Verwendung einen zeitlich begrenzten Monopolgewinn einzufahren. Ist die Liste wieder aktualisiert und der entsprechende Tests entwickelt, verschwindet der Vorsprung. Um dieses Problem zumindest teilweise zu entschärfen, bietet sich die Einführung eines Innovationsbonus an: Jeder, der eine leistungssteigernde Substanz anmeldet, die sich nicht auf der Dopingliste befindet, erhält einen Bonus ausgezahlt. Dadurch läßt sich die Dauer der Monopolgewinne reduzieren; die Mängel der Tests werden jedoch auf diese Weise nicht beseitigt: Neben den aus der Statistik bekannten Fehlern der 1. und der 2. Art (Doper werden nicht erkannt bzw. Nicht-Doper werden als vermeintliche Doper identifiziert) ist das größte Problem in diesem Zusammenhang das Fehlen wirksamer Tests. So hat beispielsweise lange ein entsprechender Test auf Epo gefehlt, was etwa die nun aufgedeckten Dopingvergehen im Radsport begünstigte. Dieses Problem läßt sich jedoch nicht mit vertretbarem Aufwand beseitigen. Insgesamt erscheinen damit die Möglichkeiten der Dopingbekämpfung nicht besonders günstig.

Vor diesem Hintergrund muß die Frage nach einer Liberalisierung des Doping erlaubt sein, zumal die für ein Verbot angeführten Gründe wenig stichhaltig sind: So kann kaum von einer Vorbildfunktion des Spitzensports gesprochen werden, wenn der Zuschauer davon ausgehen kann, daß ein Gutteil der Athleten dopt. Ebenso erweist sich das Argument des Gesundheitsschutzes bei mündigen Athleten als inkonsistent, denn in nahezu allen anderen Lebensbereichen ist die Möglichkeit, im Sport als Doping deklarierte Substanzen einzunehmen, ohne große Einschränkungen gegeben. Eine Freigabe würde Doping entkriminalisieren und dazu führen, daß die Wirksamkeit und die Gesundheitsschädigung von Dopingmitteln mit wissenschaftlichen Methoden geprüft würden. Eine höhere Transparenz würde die Athleten veranlassen, qualitativ hochwertiger zu dopen und auf qualitativ minderwertige Substanzen, also Substanzen, die kaum Wirkung hätten oder extreme Gesundheitsgefährdungen nach sich zögen, zu verzichten. Eine Liberalisierung erfordert jedoch flankierende Maßnahmen des Jugendschutzes etwa in Form der Verschreibungspflicht, um auf diese Weise den Einsatz von Dopingmitteln bei unmündigen Sportlern zu verhindern. Insgesamt könnte sich durch eine Freigabe die Situation im Vergleich zum heutigen Zustand verbessern und wäre damit zumindest eine Handlungsoption, über die man nachdenken sollte.

Literatur

Breivik, G. (1987), The Doping Dilemma – Some game theoretical and philosophical considerations, in: Sportwissenschaft, 17. Jg., S. 83 – 94.
Daumann, F. (2008), Die Ökonomie des Dopings, Hamburg 2008.
Wagner, G. (1994), Wie können die Doping-Zwickmühlen überwunden werden?, in: Bette, K.-H. (Hrsg.), Doping im Leistungssport – sozialwissenschaftlich beobachtet, Stuttgart, S. 101 – 130.

3 Antworten auf „Doping: Bekämpfung oder Liberalisierung?“

  1. Eine, sagen wir, interessante Argumentation. “Weil alle dopen, muß Doping erlaubt sein.” Starten wir doch mal eine Umfrage in der nächstbesten JVA – danach können wir große Teile des StGB streichen, weil, machen ja eh’ alle.

    Wenn die Vorbildfunktion des Spitzensportes darunter leidet, daß die Spitzensportler dopen, warum sollte man gerade dann Doping legalisieren? Und wohlgemerkt, nur im Spitzensport ist Doping so gang und gebe, eben weil sich damit – so die Hoffnung der Sportler – hohe Gewinne erzielen lassen.

    Unter Amateursportlern, also denjenigen, auf die die Vorbildfunktion wirken soll, ist Doping nun nicht unbekannt, aber – auch weil der Umgang mit entsprechenden Substanzen so stark reglementiert ist – eher selten. Die meisten Menschen betreiben Sport, in Freizeit oder im Wettkampf, als Herausforderung, den eigenen Körper, so wie er sich natürlich entwickelt hat oder sich entwickeln kann – einzusetzen.

    Mit der natürlich erlangten Leistungsfähigkeit steigt auch die Robustheit des Körpers. Die Sportler können mehr leisten, in Freizeit und im Beruf, sind seltener krank. Und dafür wollen wir die Vorbildfunktion: Um Menschen anzuregen, aus dem eigenen Körper mit körpereigenen Mechanismen mehr zu machen, zum eigenen Vorteil, und auch zum Vorteil anderer.

    In meinem Bekanntenkreis gibt es aber zwei Kandidaten, die sich aus falsch verstandenem Ehrgeiz illegalen, leistungssteigernde Dopingmittel besorgt haben. Beide waren erwachsen, zumindest laut Gesetz. Und beide wussten über mögliche Folgen Bescheid. Da ist keine weitere Aufklärung nötig.

    Die beiden haben ihre Gesundheit mit den Mitteln solide zerschossen. Gut, ein knappes Jahrzehnt haben sie erstaunliche Leistung abgeliefert. Freilich ohne, daß sie auch nur in die Nähe des Profispprts kamen – dazu hat die Leistung nicht gereicht.

    Heute sind die beiden Krüppel. Und sie werden es bleiben, für den Rest ihres Lebens. Schwach, zerbrechlich, anfällig. Arbeitsfähig? Nur auf niedrigstem Niveau. Wer, bitte, trägt dafür die Kosten? Ich vielleicht, als nicht-dopender Sportler? Wenn wir Doping schon frei geben, dann sollten solche Menschen auch jeglichen Leistunsanspruch seitens der Krankenkassen und Sozialsysteme verlieren.

    Und mit nur zwei Bekannten dieser Art halte ich aktuell einen (traurigen) Rekord. Wieviele Krüppel wollen wir in Zukunft in unserem Freundeskreis regelmäßig finden? Zwei? Oder jeder Zweite?

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