Hilft nicht, schadet nur
Zentralbanken machen trotzdem weiter

„A world-system of payments, however, which relies to a large proportion on credit money, is subject to rapid deflation, if this airy credit structure is once shaken and crushed down.“ (Gottfried Haberler, 1996, Money and the Business Cycle, S. 59).

 

I.

Lässt sich der Wohlstand einer Volkswirtschaft mehren, wenn die Geldmenge ausgeweitet wird? Nein. Geld hat nur eine Funktion, und das ist die Tauschmittelfunktion. Alle übrigen Funktionen – die Recheneinheits- und Wertaufbewahrungsfunktion – sind lediglich Unterfunktionen der Tauschmittelfunktion. Alles, was ein Ausweiten der Geldmenge bewirkt, ist ein Schwinden der Kaufkraft des Geldes – im Vergleich mit einer Situation, in der die Geldmenge unverändert bleibt.

Jede gerade verfügbare Geldmenge ist ausreichend, jede beliebige Menge an Gütern und Dienstleistungen umzusetzen. Bei einer größeren Geldmenge fallen die Güterpreise höher aus, bei einer kleineren Geldmenge entsprechend geringer. Um den Tauschverkehr abwickeln zu können, ist es daher unerheblich, ob die Geldmenge groß oder klein ist. Nicht die Höhe der Geldmenge ist ökonomisch bedeutsam, sondern vielmehr ihre Veränderung.

Steigt die Geldmenge, sind diejenigen, die das neu geschaffene Geld als erste erhalten, die Begünstigten. Sie können Güter zu noch unveränderten Preisen kaufen. Diejenigen, die das neu geschaffene Geld erst später erhalten (oder nichts von ihm abbekommen), sind die Geschädigten: Sie können die Güter nur noch zu erhöhten Preisen kaufen. Das Anwachsen der Geldmenge begünstigt die Erstempfänger auf Kosten der Spät- beziehungsweise der Nicht-Empfänger.

Ein Ausweiten der Geldmenge berührt die Preise unterschiedlicher Güter zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in unterschiedlichem Umfang. Wenn die Wirkung einer Geldmengenerhöhung sich voll entfaltet hat, wird die Einkommens- und Vermögensverteilung anders aussehen im Vergleich zur Situation, die vor der Geldmengenausweitung bestand. Ein Ausweiten der Geldmenge ist daher niemals „neutral“, weder für die Preisrelationen noch für die Einkommens- und Vermögensverteilung der Menschen in der Volkswirtschaft.

II.

Wenn Kredite vergeben werden, denen keine echte Ersparnis zugrunde liegt, stellen sich Verzerrungen in der Produktions- und Beschäftigungsstruktur ein. Der Marktzins fällt nämlich unter den „natürlichen Zins“ (das ist der Zins, der sich einstellt, wenn die Geldmenge nicht per Kreditvergabe ausgeweitet wird). Das Sparen nimmt ab, der Konsum steigt, und gleichzeitig belebt der gesunkene Zins die Investitionsnachfrage.

Die Volkswirtschaft erfährt einen Schein-Aufschwung („Boom“), der nachfolgend in sich zusammenfallen, in einen Abschwung („Bust“) münden muss. Denn nicht alle Investitionen, die durch den gesenkten Zins angeregt wurden, lassen sich fertigstellen. Nachdem der Einschuss des zusätzlichen Geldes seine Wirkung entfaltet hat, kehren Sparen und Konsum auf ihre ursprüngliche Relation zurück, und der Marktzins steigt auf sein natürliches Niveau.

Die Unternehmen merken nun, dass ihre Investitionsrechnung falsch war. Der gesunkene Zins hat ihnen vorgegaukelt, es gäbe ein erhöhtes Sparangebot. Doch das war nicht der Fall, und nun müssen sie die Mittel zur Fertigstellung ihrer Investitionen teurer einkaufen, als sie es ursprünglich geplant hatten. Sie schränken ihre Nachfrage nach Produktionsmitteln ein, liquidieren Investitionsprojekte. Arbeitsplätze gehen verloren. Der Boom schlägt in einen Bust um.

III.

Was aber, wenn die Geldmengenausweitung per Kreditvergabe in einer Situation erfolgt, in der Unterbeschäftigung herrscht? Eine solche Situation erklärt sich aus Fehlern der Vergangenheit: Unternehmer und Arbeitnehmer haben die Nachfrage falsch eingeschätzt. Wenn Warenvorräte sich anhäufen und Arbeitslosigkeit herrscht, so liegt das daran, dass Unternehmer nicht bereit sind, ihre Produkte zu niedrigeren Preisen zu verkaufen, und dass Arbeitnehmer nicht bereit sind, zu geringeren Löhnen zu arbeiten.

Man nehme einmal an, die Bauwirtschaft sei unterausgelastet. Wenn man meint, das ließe sich durch eine Ausweitung der Kredit- und Geldmenge „beheben“, so müsste man davon ausgehen, dass die Absatzpreise der Baugüter und die Löhne der in der Bauwirtschaft Beschäftigten unberührt bleiben, während alle übrigen Preise und Löhne der Volkswirtschaft steigen. Nur so würde die preisliche Situation wiederhergestellt, um die Bauwirtschaft wettbewerbsfähig zu machen.

Damit die Nachfrage nach den Erzeugnissen der Bauwirtschaft steigt, bedarf es eines Zuwachses an Kapitalgütern in anderen Sektoren. Das ist nur bei erhöhter Spartätigkeit (also einer Verringerung des Konsums) möglich. Wird aber nicht mehr gespart, und steigt die Nachfrage in den anderen Sektoren nur deshalb, weil Unternehmer ihre Ausgaben erhöhen als Folge der Kredit- und Geldmengenausweitung, der keine echte Ersparnis zugrunde liegt, kommt es genauso zur Kapitalfehllenkung und zu Boom und Bust, wie vorangehend beschrieben wurde.

Die Vorstellung, eine Unterauslastung der Volkswirtschaft könne eine Kredit- und Geldmengenexpansion „aus dem Nichts“ rechtfertigen, weil sie die Reste der älteren Kapitalfehllenkung „saniere“ und für produktive Zwecke nutzbar mache, ist nicht richtig. Eine monetäre Manipulation der Marktzinsen führt vielmehr immer und notwendigerweise – ob nun Voll- oder Unterauslastung herrscht – zu Wirtschaftsstörungen.

IV.

Die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken sorgt dafür, dass Produktion und Beschäftigung nicht mehr auf die Erfüllung der dringlichsten Bedürfnisse ausgerichtet, sondern systematisch fehlgelenkt werden. Der „Boom“ führt zu einer Verschwendung knapper Ressourcen (weil sie keiner anderen Verwendungen mehr zugeführt werden können, wie dies beispielsweise bei „Bauruinen“ der Fall ist). Er macht die Volkswirtschaften ärmer, als sie es ohne den Boom sein würden. Und je länger der „Boom“ andauert, desto größer fällt die Kapitalfehllenkung aus, und je schwerer wird der „Bust“ sein.

Geldpolitische Zinsmanöver und das Auftreten von „glücklichen Umständen“ (wie zum Beispiel einkommenssteigernde technologische Neuerungen) mögen das ein oder andere Mal einen Bust „abwehren“ und in einen neuerlichen „Boom“ ummünzen können. Das ist auch der Grund, warum die Zentralbanken weitermachen mit ihrer Politik, die Kredit- und Geldmengen immer weiter anschwellen zu lassen. Das sollte aber nicht hoffen lassen, man werde dem Bust, der auf den Boom folgen muss, auf ewig entkommen können. Es deutet nur an, dass der Geldwert, die Ersparnisse, erst noch ruiniert werden, bevor es zum Bust kommt.

Thorsten Polleit

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Universität Bayreuth
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