Gastbeitrag
Arbeitsmarkt: Chancen der Migration nutzen

Die internationale Migration hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Dabei sind die Motive vielfältig: Viele Menschen verlassen ihre Heimatländer, um sich  als Arbeitnehmer oder Selbständige eine neue Existenz aufzubauen. Andere wollen studieren oder eine Ausbildung machen. Und schließlich suchen viele Menschen aus Krisengebieten Asyl. 2015 sind weit mehr als eine Million allein nach Deutschland zugewandert. Dies hat neben der Frage, wie diese Menschen möglichst schnell registriert und versorgt werden können, auch eine Diskussion um die ökonomischen Chancen und Herausforderungen von Migration ausgelöst: Bringt die Migration Vorteile, z.B. die Auswirkungen des demografischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt abzumildern, oder belastet Migration letztendlich die Steuerzahler durch Zuwanderung in den Wohlfahrtsstaat? Um die Chancen der Zuwanderung zu nutzen, sollten Flüchtlinge mit Bleibeperspektive und anerkannte Asylsuchende so schnell wie möglich Zugang zum Arbeitsmarkt bzw. zu Schul- und Ausbildung erhalten. Dazu müssen bestehende Hürden abgebaut werden. Daneben sollten die Bedingungen für Arbeitsmigration so ausgestaltet werden, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte gut positioniert ist. Dazu ist eine bedarfsgerechte Steuerung der Zuwanderung notwendig.

Mit knapp 1,1 Millionen registrierten Asylsuchenden sowie weiteren Einwanderern, insbesondere aus EU-Mitgliedstaaten, betrug die Nettoeinwanderung nach Deutschland 2015 knapp 2 Prozent der deutschen Bevölkerung. Dies ist in internationaler historischer Perspektive ein hoher Wert. Entscheidend für eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern ist deren Teilnahme am Arbeitsleben. Eine rasche Aufnahme von Arbeit erlaubt es Zuwanderern, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und an Wachstum und Wohlstand zu partizipieren. Zudem hängt auch die Frage, ob Migration zu einer Be- oder Entlastung der Sozialkassen führt, entscheidend davon ab, wie gut

Zuwanderer in den Arbeitsmarkt integriert werden. Neben rechtlichen Hürden sind Sprachkenntnisse und Qualifikation die Schlüsselfaktoren für Beschäftigung. In Deutschland sind 20 Prozent der Erwerbspersonen ohne berufsqualifizierenden Abschluss arbeitslos. Die Arbeitslosenquote bei Personen mit Berufsabschluss liegt nur bei 5 Prozent, bei Personen mit Hochschulabschluss sogar nur bei 2,5 Prozent.

Erste Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und von Befragungen von Asylbewerbern aus Integrationsprogrammen deuten darauf hin, dass etwa zwei Drittel der derzeitigen Zuwanderer keinen Berufsabschluss haben. Im Vergleich dazu haben nur 14 Prozent der Personen ohne Migrationshintergrund in Deutschland keinen berufsqualifizierenden Abschluss. Daher sollten diejenigen, die in Deutschland eine Bleibeperspektive haben, so schnell wie möglich die notwendigen Sprachkenntnisse erwerben, um am täglichen Leben und insbesondere am Arbeitsmarkt teilnehmen zu können. Dazu ist ein flächendeckendes Angebot an Sprachkursen notwendig. Zudem müssen bestehende Hürden beim Zugang zum Arbeitsmarkt abgebaut werden. Wartefristen und die Vorrangprüfung, d.h. die Überprüfung, ob für die zu besetzende Stelle Deutsche oder Bürger aus einem anderen EU-Land zur Verfügung stehen, sollten abgeschafft werden. Zudem sollte der Zugang zu Zeitarbeit für geringer Qualifizierte schneller möglich sein – bisher besteht eine Wartezeit von 15 Monaten. Keine Chance auf Integration in den Arbeitsmarkt werden diejenigen haben, deren Produktivität unterhalb des Mindestlohns von 8,50 Euro in der Stunde liegt. Für gering qualifizierte Zuwanderer und die Sozialkassen birgt der Mindestlohn damit große Gefahren. Die für Einstiegsqualifikationen oder Langzeitarbeitslose geltende Ausnahmeregelung sollte daher auch auf Flüchtlinge angewandt werden.

Besonders wichtig ist zudem die Ausbildung von Flüchtlingen: Über die  Hälfte der Flüchtlinge, die in den letzten beiden Jahren nach Deutschland gekommen sind, sind jünger als 25 Jahre. In vielen der Herkunftsländer ist das Bildungssystem so schlecht ausgebaut, dass sie aufgrund mangelnder Bildung nur unzureichend am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilnehmen können. 2015 betrug der Anteil der syrischen 8-Klässler, die lediglich über elementare Lesefähigkeiten verfügen und nur auf Grundschulniveau rechnen können, 65 Prozent. In Deutschland betrug dieser Anteil lediglich 16 Prozent. Das durchschnittliche

Leistungsniveau syrischer Schüler liegt um vier bis fünf Schuljahre unter demjenigen gleichaltriger deutscher Schüler. Damit junge Migranten eine Chance haben, weitere Bildungsstufen zu erreichen, sollten sie besondere Unterstützung z. B. durch Ausbildungsbegleiter erhalten. Auch könnten Ausbildungen, die stärker auf praktische als auf theoretische Aspekte abstellen, den Migranten den Weg in den Arbeitsmarkt erleichtern. Um Unternehmen ausreichend Anreize zu geben, Flüchtlinge auszubilden, sollte garantiert werden, dass sie ihre Ausbildung unabhängig vom Ausgang des Asylverfahrens beenden können.

Die erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt ist die entscheidende Stellschraube dafür, dass Migration ökonomisch positive Wirkungen entfalten kann. Daher sollten alle diejenigen, die eine gute Bleibeperspektive in Deutschland haben, schnell und umfassend dabei unterstützt werden, die notwendigen Sprachkenntnisse und Qualifikationen zu erwerben. Zudem sollten bestehende rechtliche Hürden für die Arbeitsaufnahme abgebaut werden. Um auch perspektivisch die notwendigen Fachkräfte nach Deutschland zu holen, ist darüber hinaus eine bedarfsgerechte Steuerung der Zuwanderung im Rahmen eines Zuwanderungsgesetzes notwendig.

Hinweis: Dieser Policy Brief entstand auf Grundlage des ECONWATCH-Meetings „Ökonomische Chancen und Herausforderungen der Migration“ mit Prof. Panu Poutvaara, Ph.D. (ifo Institut) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin.

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