Frieden braucht Eigentum

Von Thorsten Polleit am 28. Mai 2016
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Thorsten Polleit
Universität Bayreuth

„Eine jede Handlung ist recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann.“ (Immanuel Kant (1724 – 1804))

Wären Güter nicht knapp, gäbe es keine zwischenmenschlichen Konflikte. Beispielsweise würde mein Verzehr eines Apfels mir keinen Verzicht auf einen Apfel in der Zukunft abverlangen. Auch einer anderen Person würde durch meinen Apfelverzehr weder heute noch künftig etwas entgehen. Weil aber in der Welt, in der der Mensch lebt, Güter knapp sind, gibt es Rivalität um sie. Wie lässt sich diese Rivalität in zivilisierter Weise in den Griff bekommen?

Eine plausible Antwort wäre: Jeder muss den Unterschied zwischen Mein und Dein akzeptieren. Denn wenn ich weiß, was deins ist, und du weißt, was meins ist, lassen sich Konflikte vermeiden – und wenn sie dennoch auftreten, ist es prinzipiell möglich, sie zu schlichten. Das unbedingte Respektieren des Eigentums stellt also ein für alle akzeptables Zusammenleben der Menschen in der Gemeinschaft in Aussicht.

Doch halt: Ist nicht das Eigentum (an Boden) eine ganz und gar willkürliche Einrichtung, die, wie zum Beispiel der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) es seinen Lesern glauben machen will, gewissermaßen erst das Unheil in die Welt gebracht hat? Es braucht nicht viel, um diese Position zu entkräften.

Als handelnde Menschen können wir uns die Kategorie Eigentum nicht wegdenken, ohne in einen logischen Widerspruch zu verfallen. Wer sagt, dass das Eigentum „unnatürlich“ oder „verzichtbar“ sei, der unterstellt mit dieser Aussage, dass er Eigentum an seiner Person hat, dass er über Eigentum an eigenen Körper (Selbsteigentum) verfügt. Ansonsten hätte er diese Aussage gar nicht machen können. Das Eigentum ist für uns Menschen ein a priori: eine nicht widerspruchsfrei bestreitbare Erkenntnis.

Aus dem Selbsteigentum folgt, dass jede Person das Recht hat, seinen Körper zu erhalten, sich knappe Güter zu beschaffen (wie zum Beispiel Nahrung, Kleidung, Behausung). Weil aber Güter knapp sind, braucht man eine Norm, um die dabei zwangsläufig auftretenden Rivalitäten zu entschärfen. Mehr noch: Man braucht eine ethische Norm: Eine, die für alle Menschen gleichermaßen und überall gilt, und die zudem sicherstellt, dass die Menschen, die ihr Handeln an dieser Norm ausrichten, überleben können.

Das Eigentum erweist sich als das zentrale Element der gesuchten ethischen Norm. Dazu führt man sich am besten einmal vor Augen, wie Eigentum an Gütern konfliktfrei in die Welt kommt. Dies kann nur auf drei Wegen geschehen: (1) Durch Landnahme („Homesteading“), durch Inbesitznahme von natürlichen Ressourcen, die nachweislich zuvor von keinem anderen in Besitz genommen wurden; (2) durch Produktion, durch das „Vermischen“ der eigenen Arbeitsleistung mit natürlichen Ressourcen; und (3) durch freiwilliges Tauschen und Verschenken.

Menschliches Handeln, das sich durch den unbedingten Respekt vor dem Eigentum auszeichnet, ist eines, das für alle gleichermaßen und unabhängig von Ort und Zeit gelten kann, und es stellt zudem auch sicher, dass die menschliche Existenz bewahrt wird. Diese Überlegungen lassen sich zum „Nicht-Aggressionsprinzip“ zusammenfassen: Demnach handelt der ethisch, der das Eigentum seiner Mitmenschen respektiert.

Genau das ist der Fall in einer freien Marktwirtschaft. Eigentum an Gütern wird hier in nicht-aggressiver Weise durch freiwilliges Handeln erworben. (Selbstredend wäre auch in einer freien Marktwirtschaft mit zum Beispiel Diebstahl, Betrug und Geldfälschung zu rechnen. Aber solche Taten würden als Regelverstöße geahndet und entsprechend sanktioniert.)

Eine freie Marktwirtschaft setzt produktive Kräfte frei, weil die Menschen ihrem natürlichen Drang zur Arbeitsteilung nachkommen können: Ein jeder erstellt das, was er am vergleichsweise besten kann. Selbst diejenigen, die alles besser können als andere, werden die Kooperation mit den weniger Leistungsfähigen suchen; das ist eine Erkenntnis, die der englische Ökonomen Richard Ricardo (1772 – 1823) unter dem Begriff „Theorie der komparativen Kosten“ bekannt gemacht hat.

Doch führt das nicht dazu, dass die, die Eigentum besitzen – insbesondere die, die Land und Unternehmen ihr Eigen nennen –, gegenüber denen, die derartiges Eigentum nicht besitzen, ungerechterweise bevorteilt werden? Die Antwort ist nein. In einer freien Marktwirtschaft erwirbt derjenige Eigentum an Gütern, der die Nachfragewünsche seiner Mitmenschen bestmöglich erfüllt.

Erfolgreiche Unternehmen machen Gewinne, weil sie etwas anbieten, was die Nachfrager wollen, und sie ihre Produkte zu einem Preis verkaufen, der über den Produktionskosten liegt. Gelingt es dem Unternehmer nicht, die Kundenwünsche zu erfüllen, macht er Verluste. Sein Eigentum geht an andere Produzenten über, die aus Sicht der Kunden erfolgreicher wirtschaften als er.

Zudem können viele Menschen, die weniger unternehmerisch ausgerichtet sind, ein Einkommen erzielen, an das sie ohne den erfolgreichen Unternehmer gar nicht gelangen würden. In einer freien Marktwirtschaft, in der es Konkurrenz um die Arbeitskraft gibt, gewinnen folglich auch die Arbeitnehmer, wenn Unternehmer erfolgreich wirtschaften.

Man mag nun beklagen, dass die einen schneller sind als die anderen; dass einige größer sind als die anderen; dass manche viele gute Ideen haben, vielen aber kaum Nützliches in den Sinn kommt. Menschen sind aber nun einmal unterschiedlich. Wären sie gleich, so könnten sie rein gar nichts miteinander anfangen! Eine freie Marktwirtschaft wäre unmöglich – und die Lebensbedingungen für die meisten Menschen, die das überleben würden, wären extrem miserabel.

Der unbedingte Respekt vor dem Eigentum – dem Selbsteigentum am eigenen Körper und dem Eigentum an den rechtmäßig erworbenen Gütern – stellt folglich eine praktikable ethische Norm für das Zusammenleben in der Gemeinschaft dar. So gesehen führen alle politischen Bestrebungen, das Eigentum zu relativieren oder gar abzuschaffen, zu Unfrieden und Ungerechtigkeit, die letztlich den materiellen Wohlstand der Gemeinschaft verschlechtern oder gar zerstören.

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4 Reaktionen zu “Frieden braucht Eigentum”

  1. Sybille

    Gegen ein bisschen mehr Robert Nozick und etwas weniger John Rawls im deutschen Liberalismus wäre in der Tat nichts einzuwenden. Nur sollte man die verschiedenen Ethiken dann auch beim Namen nennen.

  2. Andreas H.

    Servus,
    ich kann ihrem Artikel nur zustimmen!
    Eine Einschränkung habe ich aber dennoch,
    der „Adel“ wie kam dieser zu seinem „Eigentum“?
    Raub,Unterdrückung,Sklaverei ist die Antwort!
    Siehe britisches Königshaus,diese Familie……besteht nicht einmal aus Homo Sapiens……Homo Reptilia trifft es besser so wundert es auch nicht wie dieser „Adel“ zu Reichtum/Eigentum gekommen ist!

  3. Andreas

    Wenn man Nozick (ungenannt) bemüht, sollte man auf eine Art des Eigentumserwerbs hinweisen, den er – und auch Rawls – sehr kritisch sah: Die Erbschaft. Wer erbt, hat weder etwas Nützliches erstellt oder geleistet, ist weder klüger noch einfallsreicher noch schneller. Er hat schieres Glück gehabt. Und es sind Erbschaften, nicht herausragende Leistungen, die die Vermögensungleichheit nicht nur zementieren, sondern verschärfen. Große Erbschaften sind leistungsfeindlich und sollten in einer liberalen Gesellschaft abgelehnt werden.

  4. Nikodemus

    Dass Eigentum natürlich ist bzw. dass es natürlich ist, etwas sein Eigen zu nennen, sollte jedem spätestens dann klar werden, wenn man sieht, wie ein zweijähriges Kind seinen Bauklotz gegenüber einem anderen Kind verteidigt. Allerdings erzeugt Eigentum an sich keine Konflikte, sondern die Art und Weise, wie Eigentum entsteht und verteilt wird. Es gibt genug Geld für alle, ausreichend Nahrungsmittel, Bekleidungsmittel, Wohnunterkünfte etc. Konflikte entstehen dadurch, dass diese keinesfalls zu knappen Ressourcen wenigen Privilegierten zugute kommen, und zwar durch einen politisch und ideologisch erzeugten und gelenkten Markt, der keineswegs frei oder natürlich ist.

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