Die EZB und die Genossenschaftsbanken

Von Theresia Theurl am 7. Juli 2016
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Theresia Theurl
Westfälische-Wilhelms-Universität Münster

Viele Aspekte der aktuellen EZB-Politik werden tiefgehend analysiert. Eher im Hintergrund geblieben sind bisher die monetären Wirkungen auf Wirtschafts- und Branchenstrukturen. Die aktuelle Zins- und Liquiditätspolitik verursacht jedoch solche Kollateraleffekte. Hier soll nur einer davon angesprochen werden. Dies sind die Auswirkungen auf das bewährte Drei-Säulen-Bankensystem in Deutschland, werden doch heute gerade jene Banken am stärksten unter Druck gebracht, die seit jeher ihre Kredite überwiegend der Realwirtschaft anbieten und die vergleichsweise geringe Risiken eingehen. Diese Konstellation folgt aus ihrem Geschäftsmodell, es sind die Genossenschaftsbanken. Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich auf sie, wobei die meisten Überlegungen auch für Sparkassen gelten.

„Draghis Zange“

Genossenschaftsbanken sind heute deutlich besser aufgestellt als noch vor Jahren und als viele andere Banken. Sie sind überdurchschnittlich gut durch die Finanzmarktkrise gekommen und wurden immer wieder dafür gelobt, auch wegen ihres konkreten Geschäftsmodells, das realwirtschaftlich verankert und risikoarm ist. Dennoch sehen sie sich heute gleich von zwei Seiten in die Zange genommen, die in der EZB angesiedelt ist. Erstens sind es vor allem die kleineren Banken, die überproportional von den gestiegenen Regulierungsvorgaben getroffen werden. Sie sind mit schnell wachsenden einmaligen und laufenden Verwaltungskosten belastet, die auf die fehlende Proportionalität der Bankenregulierung zurückzuführen sind. Während die Regulierung zusätzliche Kosten verursacht, drücken die niedrigen Zinssätze (ebenso wie ein plötzlicher Zinsanstieg) auf Zinseinkommen und Zinsmargen. Die Erträge der Banken für langfristige Kredite verschlechtern sich deutlich. Insgesamt resultieren daraus für jene Banken, deren Ergebnisse zinsgetrieben sind, sinkende Gewinne und eine Abnahme der Möglichkeiten Kapitalpuffer aufzubauen. Beides verschlechtert langfristig die Perspektiven der so betroffenen Banken.

Sonntagsreden versus Regulierungsrealität

Das Geschäftsmodell der Genossenschaftsbanken und ihre Zusammenarbeit in einem dezentral organisierten Finanznetzwerk werden zwar von Politik und Regulierungsbehörden häufig positiv hervorgehoben. Nüchtern betrachtet sind entsprechende Aussagen jedoch in die Kategorie der Sonntagsreden einzuordnen, ihnen folgen bislang kaum Konsequenzen. Einer punktuellen bankenaufsichtsrechtlichen und regulatorischen Berücksichtigung des genossenschaftlichen Geschäftsmodells gehen aufwändige und nur manchmal – wie zuletzt im Zusammenhang mit dem Kreditregister Anacredit – erfolgreiche Aktivitäten der „political communication“ voraus. Die Orientierung aller regulatorischer Maßnahmen bleiben nach wie vor die international tätigen Groß- und Privatbanken, die Global Systemically Important Banks. Dabei darf nicht verkannt werden, dass die arbeitsteilige Gruppenstruktur der genossenschaftlichen FinanzGruppe deutlich schwerer zu kommunizieren und die Anwendung regulatorischer Maßnahmen auch komplizierter ist als bei den hierarchisch organisierten Bankkonzernen. Die Forderung nach Proportionalität der Bankenregulierung beruht nicht auf dem Wunsch nach Milde und Schonung, sondern nach einer fairen Berücksichtigung der dem Bankgeschäft zugrundeliegender Geschäftsmodelle. Selbstverständlich ist zu berücksichtigen, dass dem „too big to fail“, das es zu verhindern gilt, ein „too many to fail“ entgegengesetzt werden kann, dessen Gefahren nicht vernachlässigt werden dürfen. Doch vernachlässigt diese verbale Retourkutsche Vieles, was eine Finanzgruppe ausmacht, nämlich eine austarierte risikosenkende Arbeitsteilung ebenso wie alle internen Sicherungs-, Solidaritäts- und Regulierungselemente.

„Small Banking Box“

Dieses Kürzel steht neuerdings für die Berücksichtigung entsprechender Forderungen und Vorschläge, mit denen regulatorische Erleichterungen für kleinere Banken ausgelotet werden sollen. Noch gibt es wenig konkrete Ergebnisse. Dabei gilt es festzuhalten, dass Genossenschaftsbanken weitgehend in der Lage sind, die allgemeinen Kapital- und Liquiditätsquoten einzuhalten. Doch erhebliche und wohl auch unangemessene Belastungen entstehen aus organisatorischen Vorgaben wie dem Risikomanagement und einem äußerst ausführlichen Melde- und Beauftragtenwesen sowie umfangreichen Reportingvorgaben über Kredite und Bankstatistiken. Dazu kommt der Verbraucherschutz. Genossenschaftsbanken leiden unter Doppelgleisigkeiten unterschiedlicher – auch profilierungsorientierter – Behörden sowie den Inkonsistenzen einer „kumulierten Regulierung“, die bislang kaum problematisiert wurden. Akzeptable und begründete Intentionen werden nicht selten durch die konkreten Umsetzungsvorschriften ambitionierter Behörden zu bürokratischen Ungetümen gemacht oder europäische Vorgaben werden national verschärft. Die aktuellen Planungen für Kapitalvorgaben für potenzielle Zinsänderungsrisiken für nicht systemrelevante Banken sind ein sehr beredtes Beispiel dafür. Blickt man in die Zukunft scheint der „Regulierungsgipfel“ für Genossenschaftsbanken noch nicht erreicht und neue anspruchsvolle und kostenintensive Aktivitäten stehen bevor, z.B. die Wohnimmobilienkreditrichtlinie (Hinterlegung von Immobilienkrediten mit Eigenkapital sowie intensive Datenmeldungen) oder Mifid II (EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente).

Und dazu ein geldpolitischer Fußtritt

Genossenschaftsbanken werden jedoch auch von der aktuellen Geldpolitik der EZB besonders – und zwar negativ – betroffen. Dies hängt mit ihren Aktivitätsschwerpunkten zusammen. Genossenschaftsbanken – neben Deutschland auch in anderen EU-Staaten – vergeben mehr Kredite an die Realwirtschaft als andere Banken, sie halten und managen also Risiken wie es von Banken erwartet werden kann (vgl. Abbildung 1) und wie es sich dann auch in der Bedeutung des Zinsüberschusses für die Bankergebnisse niederschlägt (vgl. Abbildung 2). In beiden Abbildungen zeigt sich, dass die Werte für die meisten Genossenschaftsbanken in Deutschland, Frankreich, Niederlande und Österreich über jenen nicht-genossenschaftlicher Institute liegen. Werden nun die durchschnittlichen Einlagen- und Kreditzinssätze im Neugeschäft als gewichteter Durchschnitt für alle deutschen Banken betrachtet liefert die Zinsmarge ein deutliches Bild (vgl. Abbildung 3), das die Betroffenheit der Genossenschaftsbanken demonstriert. Werden zusätzlich die Zinssätze für neue Kredite mit jenen für Bestandskredite verglichen, wird die Perspektive noch dramatischer (vgl. Abbildung 4). Die Profitabilität deutscher Banken sinkt im Niedrigzinsumfeld und bei weiter sinkenden Zinsen (vgl. Abbildung 5 für mehrere Stressszenarien, durchgeführt von der Deutschen Bundesbank). Zwar verfügen die Genossenschaftsbanken, wie bereits angeführt, insgesamt über eine starke Kapitalposition und Reserven, dennoch können damit die zu befürchtenden weiteren Ertragseinbußen nicht für beliebige Zeiträume abgefedert werden.

Die Flucht nach vorne

Wird berücksichtigt, dass auch die Genossenschaftsbanken mit zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert sind, die nicht nur strategische Entscheidungen, sondern auch größere Investitionen erfordern, so z.B. den Transfer des genossenschaftlichen Geschäftsmodells in die digitale Welt, stellt sich die Frage nach den verfügbaren Optionen. Genossenschaftsbanken könnten grundsätzlich in höhere Risiken gehen, was allerdings im Widerspruch zu den Regulierungszielen und zu der Forderung nach Proportionalität der Regulierung stehen würde. Zusätzlich könnte es eine Gefahr für die anerkannte Stabilität der Genossenschaftsbanken bedeuten. Realistischerweise würden die Risiken einzelner Banken in die Gruppe getragen, auch dies im Widerspruch zu den Regulierungszielen. Das Bemühen die wegbrechenden Zinserträge durch Erträge aus anderen Quellen (vor allem Provisionserträge) zu kompensieren führt die Genossenschaftsbanken hingegen weg von ihrer realwirtschaftlichen Ausrichtung. Die Kosten als Ansatzpunkt zu wählen, Personalkosten zu senken und Filialen zu reduzieren, verringert die traditionale lokale Präsenz, eine wesentlicher Bestandteil des genossenschaftlichen Geschäftsmodells. Die Zentralisierung diverser Serviceleistungen wird – gerade nach den Fusionen der genossenschaftlichen IT-Spezialisten und der Zentralbanken – weiter zunehmen, sofern dies die Regulatorik zulässt. Doch auch dies hat seine Grenzen. Am intensivsten diskutiert und konkret vorbereitet allerdings werden Fusionen von Genossenschaftsbanken, um mit „Draghis Zange“ fertig zu werden. Auch hier stellt sich allerdings die Frage nach einem Widerspruch zur genossenschaftlichen Governance und weshalb eigentlich erfolgreiche Banken regulatorisch getrieben fusionieren sollen.

Fazit

Die Geldpolitik der EZB, ergänzt durch die regulatorischen und bankenaufsichtsrechtlichen Maßnahmen der zuständigen Behörden, zu denen auch die EZB zählt, setzen derzeit den Genossenschaftsbanken gehörig zu. Ihre negative Betroffenheit zählt zu jenen strukturellen Kollateraleffekten, die nicht prominent diskutiert werden. Dies sollten sie aber, denn es ist nur schwer zu akzeptieren, dass ein bewährtes und das Bankwesen insgesamt stabilisierendes Geschäftsmodell durch ein „Experiment mit im besten Fall unsicheren Ausgang“ zerstört werden soll.

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2 Reaktionen zu “Die EZB und die Genossenschaftsbanken”

  1. Leonhard Knoll

    Noch schlimmer wird das Ganze angesichts der epidemischen Beschleunigung des geistigen Verfalls hinter dem Zinschaos. Wenn man daran denkt, dass der BaFin-Chef Felix Hufeld die deutschen Kreditinstitute jüngst aufgefordert hat, sich von zinslosen Kulturen wie dem Islam inspirieren zu lassen, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir uns entweder in überwunden geglaubten Dimensionen von Propaganda befinden oder sich die ökonomische Vernunft in den zuständigen staatlichen Institutionen mittlerweile vollends aufgelöst hat.

  2. Kleine Presseschau vom 8. Juli 2016 | Die Börsenblogger

    […] Wirtschaftliche Freiheit: Die EZB und die Genossenschaftsbanken […]

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