Ein geringerer Leistungsbilanzüberschuss würde Klein- und Mittelunternehmen begünstigen

Von Gunther Schnabl am 19. August 2017
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Gunther Schnabl
Universität Leipzig

Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss lag 2016 mit knapp 300 Milliarden Dollar auf Weltrekordniveau. Das sorgt für internationalen Unfrieden. Manuel Macron kritisierte die deutsche Exportstärke als untragbar. Peter Navarro, Chefberater von US-Präsident Trump in Handelsfragen, sprach von einer Ausbeutung der USA durch einen „stark unterbewerten“ Euro. „Very Bad!“, kommentiert US-Präsident Trump.

Finanzminister Wolfgang Schäuble verteidigte den deutschen Handelsrekord als Ausdruck der hohen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen, „die sich aus der qualitativ hochwertigen, industriell geprägten und komplexen Güterstruktur ergebe“. Er lehnt jede politische Verantwortung für die Reduktion des deutschen Leistungsbilanzüberschusses ab.

Allerdings hat der Überschuss wenig mit der guten Qualität deutscher Produkte zu tun. Fast jeder auf der Welt würde gerne einen Porsche oder Mercedes fahren. Den meisten fehlen aber die ausreichenden Ersparnisse oder ein entsprechender Kredit. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene sind Leistungsbilanzüberschüsse damit nur möglich, wenn das Exportland auch in gleicher Höhe Kredite gewährt. Kurz: Deutschland exportiert Ersparnisse, die es den Handelspartnern erst ermöglichen deutsche Produkte zu erwerben. Die Handelspartner – insbesondere die USA, Frankreich und das Vereinigte Königreich – verschulden sich, um sich mehr privaten und öffentlichen Konsum leisten zu können.

Die Theorie besagt auch, dass die durch Leistungsbilanzüberschüsse erworbenen Forderungen in der Zukunft wieder zurückgezahlt werden. Die alternde deutsche Gesellschaft könnte sich dann in Zukunft mehr leisten. Dem ist allerdings nicht immer so. Beispielsweise lösten sich im Verlauf der US-Hypothekenmarktkrise die riesigen Vermögenswerte deutscher Landesbanken in Luft auf. Auch in Südeuropa waren bzw. sind viele Anlagen vom Ausfall betroffen bzw. bedroht. Große deutsche Unternehmen wie Thyssen (Brasilien), Mercedes (USA) oder BMW (Vereinigtes Königreich) haben in der Vergangenheit spektakuläre Übernahmen im Ausland mit hohen Verlusten bezahlt.

Diese sind quantifizierbar. Während seit der Jahrtausendwende die von Jahr zu Jahr aufaddierten Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands bis Ende 2016 auf 2600 Milliarden Dollar gestiegen sind, wird in der Statistik das Nettoauslandsvermögen mit nur noch 1600 Milliarden Euro ausgewiesen. Das entspricht einen Verlust von ca. 1000 Milliarden Euro, also mehr als 12.000 Euro pro Bürger! Hinzu kommen zweifelhafte Forderungen der Deutschen Bundesbank im Rahmen des Eurosystems in Höhe von ca. 800 Milliarden Euro (TARGET-Salden). Diese Verluste sind keine Ausbeutung der Handelspartner, sondern eine Subvention für übermäßigen Konsum im Ausland. Sie sind bestenfalls ein Glücksfall für die deutsche Exportindustrie, nicht aber für den deutschen Sparer, dessen Rücklagen für das Alter vernichtet werden.

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– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse – und damit die Ausfallrisiken auf den internationalen Finanzmärkten – könnten durch eine restriktivere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank sowie durch eine expansivere Finanzpolitik abgeschmolzen werden. Höhere Zinsen würden den Kapitalabfluss aus Deutschland eindämmen. Die Geldpolitik unterliegt aber der Kontrolle von Mario Draghi, der noch weit davon entfernt ist, die geldpolitischen Zügel ernsthaft zu straffen.

Höhere Staatsausgaben von Finanzminister Schäuble würden die Inlandsnachfrage stimulieren, wenn z.B. neue Straßen, bessere Brücken, schnellere Zugstrecken, schicke Kindergärten und architektonisch attraktive Innenstädte gebaut würden. Höhere Löhne im öffentlichen Sektor würden höhere Löhne im privaten Sektor nach sich ziehen und damit den privaten Konsum begünstigen. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss würde ebenso wie die internationale Kritik an Deutschland zurückgehen. In Deutschland würden Investitionen für die Zukunft gemacht, statt deutsche Ersparnisse der Entwertung auf den volatilen internationalen Finanzmärkten preiszugeben. Das wäre durchaus zum Wohle der Bürger.

Das würde in der Summe – wie oft befürchtet – auch keine Arbeitsplätze kosten. Lediglich die Wirtschaftsstruktur würde verändert. Dem Wachstum der (meist großen) deutschen Exportunternehmen würden zwar Grenzen gesetzt. Da aber der Konsum der Bürger wachsen würde, würde der Dienstleistungssektor (z.B. Restaurants, Hotels und Freizeitparks) profitieren. Bei einem Bauboom würde mit der Bauindustrie das Handwerk florieren.

Davon würden insbesondere Klein- und Mittelunternehmen in den Regionen profitieren, in denen sich die Exportunternehmen nicht konzentrieren. Eine Rückführung des deutschen Leistungsbilanzüberschusses wäre damit auch ein Beitrag zu einer regional ausgewogenen Wirtschaftsstruktur!

Blog-Beiträge zum Thema:

Norbert Berthold: Eine (un)endliche Geschichte. (Deutsche) Leistungsbilanzüberschüsse in der Kritik

Dieter Smeets: Zur Diskussion um die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse (1)

Dieter Smeets: Zur Diskussion um die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse (2)

Gunther Schnabl: Leistungsbilanzungleichgewichte. Was Trump wirklich will, und warum Deutschland leiden wird

Norbert Berthold: Deutschland am Pranger. Salden und Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz

Juergen B. Donges: Deutschland Leistungsbilanzüberschüsse in der Kritik. Worauf zu achten ist

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4 Reaktionen zu “Ein geringerer Leistungsbilanzüberschuss würde Klein- und Mittelunternehmen begünstigen”

  1. Norbert Berthold

    „Die Hypothese vom „stupid German money“ lässt sich folglich nicht halten und bildet daher auch kein Argument gegen deutsche Leistungsbilanzüberschüsse.“ Smeets, D., Zur Diskussion um die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse (2), in: Wirtschaftliche Freiheit v. 31. Mai 2017 (hier)

  2. Gunther Schnabl

    Die Argumente von Smeets sind einleuchtend, es gibt aber auch zwei Gegenargumente. Erstens, können TARGET-Salden und andere Nettokapitalflüsse nicht einfach addiert werden. Die TARGET sind oft Konsequenz bzw. Spiegel anderer Kapitalflüsse. Auch in der Zahlungsbilanz erscheinen die TARGET-Salden nicht als entsprechender Posten bei der Veränderung der offiziellen Devisenreserven und Forderungen. Zweitens, gibt es zahlreiche Fälle von beträchtlichen Bewertungsverlusten: Landesbanken im Verlauf der US-Hypothkenmarktkrise, Verluste bei Lehmann-Zertifikten, Verluste bei argentinischen Staatsanleihen, griechischer Schuldenschnitt, Übernahmen von Daimler, BMW und Thyssen im Ausland, etc. Die müssten bei der Berechnung von Renditen mit einberechnet werden. Oft sind die Verluste auch durch zeitliche Streckung der Forderungen (siehe Griechenland & Argentinien) einfach versteckt. Wenn die Hypothese des „Stupid German Money“ wirklich widerlegt werden soll, dann müssten erst einmal die beträchtlichen realisierten und nicht realisierten Verluste in der Nettoauslandsposition geklärt werden.

  3. M. Mohr

    Vergleicht man die Fluss-Bestands-Anpassungen nicht im Netto-Ergebnis sondern nach Aktiva und Passiva gesondert, so stellt man fest, dass sowohl deutsche Aktiva im Ausland als auch Anlagen von Ausländern in Deutschland (also die deutschen Passivposten) Gewinne aus der Fluss-Bestands-Anpassung verzeichnen (das sind zum Teil, aber nicht nur, Bewertungsgewinne). Indes sind letztere deutlich größer als erstere, so dass im Fluss-Bestands Vergleich netto ein „Verlust“ zustande kommt (Frey et al 2014; Busse/ Gros 2016 & 2017). Ein wesentlicher Faktor scheint hier die Verbuchung von einbehaltenen Gewinnen in den verschiedenen Bilanzwerken zu sein. Die Buchhaltungskonventionen bringen es mit sich, dass einbehaltene Gewinne von Firmen in Deutschland in der Kapitalverkehrsstatistik (und damit in der Zahlungsbilanz) nicht unmittelbar den ausländischen Anteilseignern zugerechnet werden und daher auch nicht als Kapitalexport erscheinen. Sie werden aber anteilmäßig dem Vermögen ausländischer Investoren in der Vermögensrechnung zugerechnet. (Senner/ Sornette 2017). Insofern ausländischen Anteilseignern deutscher Firmen mehr Vermögen über einbehaltene Gewinne deutscher Firmen zufließt als umgekehrt deutschen Anteilseignern ausländischer Firmen über deren einbehaltene Gewinne erscheint das dann in der Fluss-Bestands-Abgleichung als ein Netto-„Verlust“ deutscher Anteilseigner. Das dürfte wohl vor allem in den letzten Jahren zutreffen: Deutsche, nichtfinanzielle Unternehmen sind insgesamt zu Nettosparern geworden, wobei auf diese Weise ausländische Anteilseigner wohl erhebliche, in der Kapitalverkehrsbilanz unberücksichtigt gebliebene Vermögenszuwächse verzeichnet haben. Insgesamt erscheint es daher nicht offensichtlich zu sein, welche der beiden Hypothese – „stupid“ oder „smart German money“ in der deutschen Leistungsbilanzstatistik – als der zu widerlegende Benchmark anzusehen ist. Die möglicherweise mit den TARGET Salden verbundenen Risiken können m.E. sinnvoller unabhängig von der allgemeinen Frage der Werthaltigkeit der aggregierten Nettoauslandsforderungen diskutiert werden.

    Quellen:

    Frey/ Grosch/ Lipponer (2014) Fallstricke bei der Bestimmung von Vermögensverlusten deutscher Anleger im Ausland, Wirtschaftsdienst 2014/11.

    Busse/ Gros (2016) Verschwendet Deutschland seine Ersparnisse im Ausland? Ökonomenstimme 21. März 2016.

    Busse/ Gros (2017) Die Rendite auf deutsche Ersparnisse im Ausland: Welches Maß gilt? Ökonomenstimme 1. August 2017.

    Senner/ Sornette (2017) The ‚New Normal‘ of the Swiss Balance of Payments in a Global Perspective: Central Bank Intervention, Global Imbalances and the Rise of Sovereign Wealth Funds, Swiss Finance Institute Research Paper 17-22.

  4. Gunther Schnabl

    Es gibt natürlich sowohl „smart“ als auch „stupid“ money. Ebenso statistische Ungenauigkeiten. Diese taugen aber nicht, um zahlreiche Bankrotte von deutschen Banken vergessen zu machen. Zahlreiche deutsche Banken sind im Verlauf der Europäischen Finanz- und Schuldenkrise kollabiert (IKB, WestLB, Hypo Realestate, SachsenLB etc.) oder waren kurz vor dem Kollaps (Commerzbank). Der Grund lag nicht im Inland, sondern im Ausland. Deutsche Landesbanken haben durch Auslandsanlagen immense Verluste erlitten. Deutsche Gemeinden haben sich in undurchschaubaren Finanzanlagen im Ausland verspekuliert. Im Norden wackeln weitere Landesbanken (Bremer Landesbank und HSHNordbank) wegen Schiffskrediten. Die Verluste wären noch viel größer gewesen, wenn die Risiken in den heutigen südeuropäischen Krisenstaaten nicht in die Bilanz der Europäischen Zentralbank verschoben worden wären. Die sehr expansive Geldpolitik hat geholfen, die Risiken bzw. die Verluste zu verschleiern. Das ändert jedoch nichts daran, dass die deutschen Kapitalexporte im Ausland verkonsumiert bzw. verspekuliert wurden, sodass die Rückzahlwahrscheinlichkeit gering ist. Deshalb müssen wir wohl davon ausgehen, dass die Verluste de facto wohl noch größer sind, als die Statistik suggeriert.

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