Leistungsbilanzungleichgewichte
Was Trump wirklich will, und warum Deutschland leiden wird

Von Gunther Schnabl am 10. Februar 2017
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Gunther Schnabl
Universität Leipzig

Viele wundern sich, warum Peter Navarro, Chefberater von US-Präsident Trump in Handelsfragen, Deutschland eines unterbewerteten Euro bezichtigt. Für die einen sind die Vorwürfe absurd, andere sprechen dem Harvard-Absolventen den ökonomischen Sachverstand ab. Doch Navarro dürfte wohl verstehen, dass Deutschland wenig Einfluss auf den Eurokurs hat. Das lässt nur die Schlussfolgerung zu, dass er ablenken will!

Das Muster ist nicht neu und geht in die 1980er Jahre zurück (siehe McKinnon 2013). Damals hatte Präsident Ronald Reagan mit einer expansiven Ausgabenpolitik hohe Kapitalzuflüsse und damit ein Leistungsbilanzdefizit der USA verursacht. Diesem stand ein Leistungsbilanzüberschuss von Japan entgegen, das in der US-Industrie viele Arbeitsplätze vernichtete. Die US-Regierung beschwichtigte, indem es Japan einer merkantilistischen Handelspolitik beschuldigte. Das sogenannte Japan Bashing machte in Presse und Populärwissenschaft die Runde.

Mit dem Plaza-Abkommen (Sept. 1985) wurde Japan genötigt, den Yen stark aufwerten zu lassen, um das Leistungsbilanzungleichgewicht zu beseitigen. Dieser Versuch scheiterte zwar kläglich. (Japans Leistungsbilanzüberschuss besteht heute noch!) Aber die amerikanische Regierung stellte ihren Handlungswillen unter Beweis. Zudem wurde Japan als wirtschaftlicher Konkurrent ausgeschaltet. Denn die Aufwertung des Yen um 50% gegenüber dem Dollar hatte Japan in die Krise gestürzt, so dass sich die Bank von Japan zu starken Zinssenkungen gezwungen sah. Diese befeuerten eine Blase auf den Aktien- und Immobilienmärkten, deren Platzen das Land der aufgehenden Sonne in eine bis heute nicht endende Rezession schickte.

Es folgte das China-Bashing. Inzwischen erwirtschaftete China einen hohen Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den USA. Da China seine Währung eng an den Dollar gebunden hatte, wurde die chinesische Währungspolitik als merkantilistisch angeprangert. Auch China gab dem Druck der USA nach und ließ ab dem Jahr 2005 seinen Wechselkurs (kontrolliert) aufwerten. Da die USA seit der Jahrtausendwende durch eine expansive Geldpolitik den Aufwertungsdruck auf den Renminbi erhöhten, konnte man mit Wetten auf den Renminbi hohe Spekulationsgewinne einfahren. Da aber Kapitalverkehrsschranken im Wege standen, wurden die spekulativen Kapitalzuflüsse von den Exportunternehmen als hohe Exporterlöse getarnt. Das suggerierte einen drastischen Anstieg des chinesischen Leistungsbilanzüberschusses, was ein gefundenes Fressen für die „China-Runtermacher“ war.

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– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Auch dem Reich der Mitte haben die immensen spekulativen Kapitalzuflüsse aus den USA nichts Gutes gebracht. Es wurden große Überkapazitäten in der Industrie aufgebaut, die mit Hilfe von subventionierten Krediten in den USA exportiert werden mussten, wo erneut viele Arbeitsplätze in der Industrie verloren gingen. Die Frustration der Betroffenen hat Trump politisch nach oben gespült. Navarro sagt, was Trumps Wähler gerne hören.

Nachdem seit 2014 die Überkapazitäten das Wachstum Chinas wie ein Mühlstein nach unten ziehen, ist nun Deutschland an der Reihe. Das ist nicht unbegründet, weil sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss seit Ausbruch der europäischen Finanz- und Schuldenkrise von den europäischen Partnerländern ab- und den USA zugewendet hat.  Nur eines ist anders. Bisher hatte die Fed noch keine expansive Geldpolitik signalisiert.

Doch Zinssenkungen der Fed, die Yen und Yuan unter Aufwertungsdruck brachten, waren bisher das wichtigste Druckmittel im währungspolitischen Kräftemessen. Das billige Geld spülte zudem große Gewinne in die Kassen der Wall Street, während man die Opfer in der Industrie mit starken Sprüchen gegen die Handelspartner abspeiste. Es könnte sein, dass sich Trump diese Politik nun wieder zu eigen macht. Mit den markigen Aussagen erzeugt Navarro Druck auf die Fed, die geldpolitischen Zügel locker zu lassen. Ein schwacher Dollar sei im Interesse der Mittelschicht, so die Message! Die Währungen der beschuldigten Währungsmanipulatoren haben seit den Äußerungen von Navarro bereits aufgewertet.

Deutschland wird wohl zweimal bluten. Einerseits, weil die deutschen Kapitalexporte mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder vernichtet werden. Andererseits, baut sich bereits jetzt aufgrund der Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank eine Blase auf den deutschen Aktien- und Immobilienmärkten auf. Fließt aufgrund von Abwertungserwartungen des Dollars viel Kapital in die Eurozone zu, dann dürften sich die Kapitalzuflüsse auf das derzeit konjunkturstarke Deutschland konzentrieren. Das würde für die nächsten Jahre die Blase nochmals deutlich anheizten. Wenn sie eines Tages platzt, dann dürfte Deutschland als nächstes Opfer auf dem Schlachtfeld des Währungskriegs liegen.

Literatur

McKinnon, Ronald (2013): The Unloved Dollar Standard: From Bretton Woods to the Rise of China. Oxford, Oxford University Press.

Blogbeiträge zum Thema:

Norbert Berthold: Deutschland am Pranger. Salden und Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz

Juergen B. Donges: Deutschlands Leistungsbilanzüberschüsse in der Kritik: Worauf zu achten ist

Norbert Berthold: Deutschland auf der Anklagebank. Der Euro verzerrt die Leistungsbilanzsalden

Gunther Schnabl: Deutschland ist stark. Und soll es bleiben! Die Leistungsbilanzüberschüsse als Achillesferse wirtschaftlicher Stabilität

Gunther Schnabl: Vier Generationen von Leistungsbilanzungleichgewichten

Michael Grömling: Nicht von ungefähr – Zum Zusammenhang von Wirtschaftsstruktur und Leistungsbilanz

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5 Reaktionen zu “Leistungsbilanzungleichgewichte
Was Trump wirklich will, und warum Deutschland leiden wird

  1. Christoph Sprich

    Bisher ist die FED unter Yellen noch nicht auf Expansionskurs. Hoffen wir, dass sie dort bleibt und den markigen Worten nicht nachgibt.

  2. Kleine Presseschau vom 10. Februar 2017 | Die Börsenblogger

    […] Wirtschaftliche Freiheit: Leistungsbilanzungleichgewichte: Was Trump wirklich will, und warum Deutschland leiden wird […]

  3. Arne Krueger

    Die Frage ist nur ob die 1980iger so wiederholt werden können. Trump will Staatsausgaben erhöhen, was zu einem höheren Zins und stärkerem Dollar führen wird. Die Frage ist nur ob der höhere Zins dann noch tragbar ist. Ich schätze mal die Zentralbank darf dann monetarisieren. Trump ist ein Diktator, ganz schlicht und einfach. Ihm sind andere Meinungen egal, er benutzt die Menschen nur. Aber wäre es unter einer anderen Führung anders ? Ich behaupte mal, den Leuten in den USA sind die Hände gebunden. Die Staatsbilanz diktiert die Politik. Und genauso wie die Sowjetunion „zusammengebrochen“ ist, passiert es auch in den Staaten. Es ist schlicht eine Verkleinerung der globalen Plattform. Was Deutschland anbelangt: tja … 🙂 viel Luft um nichts. Die Deutschen haben keine klare, positive Vorstellung von der Zukunft. Nur post-faktisches Bashing und Historiengedusel. Die Franzosen lagen schon nicht ganz falsch: die Deutschen sind politisch infantil. Aufpassen sage ich !

  4. Beate

    „Nettokapitalexporte, die wegen des Prinzips der doppelten Buchführung gleich den Leistungsbilanzüberschüssen sind, zeigen keine Geldabflüsse, sondern in Wahrheit eine erhöhte Ersparnis. Nettokapitalexporte erhöhen aber das Geldvermögen einer Volkswirtschaft, sie führen also zu mehr und nicht zu weniger Mitteln. Und diese Mittel können selbstverständlich für alle möglichen Ausgaben verwendet werden.“

    Um den Ersparnisüberhang abzubauen müssen die Löhne stärker steigen.

    Ich schlage vor den Mindestlohn auf 15 Euro zu erhöhen.

  5. Arne Krueger

    Ich wäre eher dafür ne Art Dividende zu zahlen, quasi ne Volksdividende. Keine Ahnung wie man das rechtlich machen kann und vor allem wer das dann im Detail bekommt, aber einfach zusagen Löhne hoch ist mir dann doch zu schwammig und hat mit der Sache nichts zu tun. Aber was weiss ich schon, irgendwie schwant mir, dass dieses Papiergeldspiel ganz übel enden wird; nämlich im kompletten moralischen Verfall der Sitten. Und das perverse daran ist, dass das alles mehr oder minder geplant bzw. vorhersagbar ist. Die germanische Seele ist was sowas anbelangt ziemlich Hühnerbrustmäßig unterwegs. Lasst euch nicht verwirren ! Mehr Mindestlohn oder weniger … letztlich ist das nur ein Taschenspielertrick.

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