Superreiche, Demographie und Rente

Kürzlich war der Schatzmeister eines Ortsverbands der Partei DIE LINKE von einem Interview des WDR-Fernsehens derart aufgebracht, dass er eine erboste E-Mail an die Redaktion schrieb. Anlass war der Hinweis, dass die GroKo-Rentenpläne die Lasten der demographischen Veränderungen allein auf die junge Generation schiebt. Eine solche Argumentation sei „dümmlich und falsch“, so der Schatzmeister. Dass sie sich dennoch jemand zu eigen macht, war für ihn offenbar nur so zu erklären: Der Interviewte „ist (sic!) ein Lobbyist der Wirtschaft“. Darauf hinzuweisen habe der WDR unterlassen und es daher „versäumt […], seiner journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen.“ Stattdessen falle er herein auf das „widerwärtige Vorgehen der Wirtschaft (und Politik), Jung gegen Alt auszuspielen um die Privilegierten, Wohlhabenden und (Super-)Reichen zu schützen.“ Aus den grundlegenden Einsicht der „Mackenroth-These“ folge nämlich, dass das Finanzierungsproblem der Rentenversicherung im Wesentlichen nichts mit Demographie zu tun habe, sondern der „ungerechte[n] Vermögens(zuwachs)verteilung in unserem Land“ geschuldet sei. Abschließend riet er den gescholtenen Journalisten ebenso wie dem „im Dienste der Kapitaleigentümer stehenden“ Interviewten, über die Mackenroth-These nachzudenken – „wenn es nicht zu anstrengend ist.“

Strengen wir uns also an. Gerhard Mackenroth hatte 1952 darauf hingewiesen, dass jeder Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode stammen muss. Aber was hat das mit der Vermögensverteilung zu tun? Stellen wir diese Frage für einen Moment zurück und widmen uns zunächst der Frage, ob sich das Demographieproblem der umlagefinanzierten Rente tatsächlich in Luft auflöst, sofern wir uns zu einer geeigneten Umverteilung des Vermögens durchringen. Eine der dazu gehörenden Einsichten ist zunächst diese: Wenn eine Generation für ihren Ruhestand vorsorgen möchte, dann muss sie in der aktiven Zeit entweder für eine hinreichend hohe Zahl an Nachkommen sorgen, aus deren Einkommen sie dann einen Teil für ihre Rente abzweigen kann; oder sie muss einen hinreichend hohen Bestand an Realvermögen aufbauen, um sich im Alter aus dessen Rendite zu bedienen. Haben wir also ein Demographieproblem, wonach es ja aussieht, dann fehlt es an Nachkommen, und daher muss man entweder auf Alterseinkommen verzichten oder das Alterseinkommen aus der Rendite eines Vermögens beziehen. Hat man selbst keins, dann kann man rein rechnerisch auch das Vermögen anderer nehmen. Ob man das dann gerecht oder ungerecht findet, steht auf einem anderen Blatt und kann man mit wissenschaftlichen Methoden nicht bestimmen.

Nehmen wir zum Beispiel an, zwei Menschen hätten ein je gleiches Einkommen bezogen und einer davon hätte brav einen Teil zum Vermögensaufbau zurückgelegt, während der andere nach dem Motto des englischen Fußballhelden George Best gelebt habe, der resümierte: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.“ Nehmen wir alternativ an, dass ein mächtiger Kapitalist seinen Arbeitnehmer rücksichtslos ausgebeutet und gerade davon sein Vermögen aufgebaut habe, während der Arbeitnehmer von der Hand in den Mund leben musste und nie auch nur einen Cent zum Ansparen übriggehabt hatte. Zur Verrentung verlangt nun der jeweils Vermögenslose vom Vermögenden einen Anteil am angesparten Vermögen, damit auch der letztere etwas für die Alterssicherung zur Verfügung hat. Auch wenn jeder dieser klischeehaft zugespitzten Fälle ein recht eindeutiges Urteil nahelegt, so wird es doch niemals ein objektives Urteil sein, weil wir uns so oder so im Bereich der Wertungen befinden. Die Realität wird aber ohnehin – wie so oft – irgendwo zwischen den skizzierten Extremen liegen, und das wird noch eine Rolle spielen. Lassen wir aber auch das für später und wenden uns zunächst der These des erbosten Linkspartei-Schatzmeisters zu, dass grundsätzlich genügend Vermögen da sei, um damit das Problem der fehlenden Nachkommen zu kompensieren – womit es kein Problem mehr wäre. Stellen wir hierzu eine kleine Überschlagsrechnung an, so finden wir: Der Mann hat Recht.

Betrachten wir zunächst nur die Altersrenten, und zwar bis zum Jahre 2050. Ende 2016 hatten wir 18,13 Mio. Altersrentner. Wenn wir diese Zahl für die Zwecke unseres groben Überschlags mit der Prognose über die Entwicklung der Altersgruppe der über 67-jährigen fortschreiben, dann bekommen wir für den Zeitraum bis 2050 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 1,6 Prozent. Damit läge die Zahl der Altersrentner im Jahre 2050 bei 26,54 Mio. Legen wir für das Jahr 2018 die durchschnittliche Altersrente von 850 € zugrunde und multiplizieren diese mit der jeweils prognostizierten Zahl an Rentnern, dann finden wir für jedes Jahr von 2018 bis 2050 die Ausgaben des Rentensystems, die nötig wären, um die durchschnittliche Rente von 850 € über den gesamten Zeitraum stabil zu halten. Für das Jahr 2018 finden wir auf diese Weise 154 Mrd. €, und für 2050 finden wir 207 Mrd. €. Nun sollen die Rentner natürlich an der Einkommensentwicklung beteiligt werden. Nehmen wir dazu der Einfachheit halber an, dass die Erwerbseinkommen pro Jahr um zwei Prozent steigen. Dann müssen wir die Renten pro Jahr ebenfalls um zwei Prozent steigen lassen, ausgehend von 850 € im Jahre 2018. Im Ergebnis wird man 2050 nicht 207 Mrd. € für die Altersrenten ausgeben müssen, sondern 360 Mrd. €. So weit wäre das kein Problem, denn der Anteil an den Erwerbseinkommen bliebe immer gleich, wenn die demographische Struktur ebenfalls gleichbliebe. Bleibt sie aber nicht. Und genau das müssen wir nun mit Hilfe einer geeigneten Vermögensumverteilung ausgleichen.

Wir brauchen hierzu nur noch den Rückgang der Zahl der Beitragszahler zu berücksichtigen, denn den Zuwachs an Rentnern haben wir ja schon. Den Rückgang der Zahl der Beitragszahler schätzen wir aus der Entwicklung der Größe der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, also zwischen 15 und 67. Aus dem Verhältnis der Zahl der Rentner und der Zahl der Beitragszahler finden wir für jedes Jahr einen demographischen Faktor. Nun nehmen wir die anfänglichen 850 € und lassen sie mit zwei Prozent pro Jahr für die Rentenanpassung wachsen. So finden wir für jedes Jahr einen Auszahlungsbetrag. Dann multiplizieren wir diesen mit dem demographischen Faktor und erhalten einen zweiten Betrag. Ziehen wir den zweiten Betrag vom ersten ab, dann finden wir einen jährlichen Fehlbetrag, der anfänglich null ist und bis zum Jahre 2050 auf 160 Mrd. € ansteigt.

Nun wollen wir ja einen Vermögenswert finden, den wir von den Reichen und Superreichen an das Rentensystem umverteilen müssen, um die Fehlbeträge auszugleichen. Hierzu müssen wir alle künftigen Fehlbeträge von 2018 bis 2050 abzinsen und addieren. Aber welchen Diskontsatz soll man da nehmen? Wenn wir uns der „goldenen Regel der Kapitalakkumulation“ bedienen, dann müsste der Marktzinssatz dem Wirtschaftswachstum entsprechen. Wenn das wiederum dem Wachstum der Erwerbseinkommen gliche und wir keinen Grund sähen, als Diskontsatz etwas Anderes zu nehmen als den Marktzinssatz, dann müssten wir einen Diskontsatz von zwei Prozent ansetzen. Tun wir das, dann liegt der Barwert aller Fehlbeträge bis 2050 bei 1.529 Mrd. oder knapp 1,53 Bio. €. Doch dürfte der Diskontsatz von zwei Prozent schon aus verschiedenen Gründen zu niedrig gewählt sein. Den Marktzinssatz können wir als Alternative schon deshalb nicht nehmen, weil er im Moment noch einmal niedriger liegt. Wollten wir dagegen eine Realkapitalrendite zugrunde legen, dann müssten wir einen deutlich höheren Satz wählen. Nehmen wir also einmal 5 Prozent. Dann beträgt unser Fehlbetrag 851 Mrd. €. Bleiben wir also dabei.

Sollte es also möglich sein, einen Betrag in dieser Größenordnung von den Reichen und Superreichen zu den Rentnern umzuverteilen, dann könnten wir das durchschnittliche Rentenniveau von 850 € pro Altersrentner bis 2050 halten, ohne dass die Beitragszahler auch nur einen Cent mehr einzahlen müssten. Mehr geht allerdings nicht. Denn die Grundrente, die Mütterrente II, die Renten, die nicht Altersrenten sind, sowie weitere Kostentreiber der jüngsten Rentenreformen haben wir noch nicht berücksichtigt; ganz zu schweigen von den Demographieproblemen der Gesetzlichen Krankenversicherung sowie der allgemein als völlig unzureichend befundenen Pflegeversicherung und schließlich auch deren Demographieanfälligkeit. Rechnen wir für alle diese Dinge noch einmal einen Pauschalbetrag von anfänglich 400 € pro Rentner hinzu. Damit wäre dann praktisch alles einmal abgegolten, was es an demographierelevanten Ausgaben der Sozialversicherungen für Rentner künftig geben wird, womit jeder Rentner zwischen 2018 und 2050 versorgt wäre – allerdings auch keine weiteren Ansprüche mehr hätte. Dann kommen wir zu einem barwertigen Fehlbetrag von rund 3 Bio. €, den es auszugleichen gilt.

Kann uns das gelingen? Nach der optimistischsten Variante der jüngsten DIW-Schätzungen über die Vermögensverteilung[1] in Deutschland betrug das Nettovermögen der Deutschen Haushalte im Jahre 2014 knapp 9,5 Bio. €, also etwas mehr als das Dreifache dessen, was wir brauchen; allerdings bereits mehr als das Achtfache des Gesamtvermögens der 200 reichsten Familien Deutschlands, gemessen an der Liste des Manager-Magazins, nach der jede dieser Familien im Durchschnitt ein Vermögen von 1,91 Mrd. € hat,[2] was sich zu 382 Mrd. € summiert. Allein damit kommen wir also nicht hin. Nehmen wir stattdessen das oberste Vermögensdezil, also die reichsten zehn Prozent aller Haushalte, dann kommen wir nach der DIW-Studie auf 6 Bio. €, so dass allein die Hälfte davon schon ausreichen würde. Das oberste Vermögensdezil umfasst rund 4,1 Mio. Haushalte, so dass jeder von ihnen im Durchschnitt ein Vermögen von 1,47 Mio. € hat. Das ist natürlich nicht wenig. Andererseits: So viel, dass wir sie als Superreiche bezeichnen müssten, ist es nun auch wieder nicht. Natürlich kann man sehr zurecht einwenden, dass es innerhalb dieser Gruppe Haushalte mit deutlich mehr als das gibt, zum Beispiel die Superreichen aus der 200er Liste des Manager-Magazins, die ja auch dazu gehören. Aber dafür gibt es auch andere, die immer noch zu den reichsten zehn Prozent gehören und doch deutlich weniger haben als 1,47 Mio. €. Für diejenigen, die im unteren Bereich des obersten Vermögensdezils liegen, wird in manchen Gegenden Deutschlands gerade noch ein Reihenhaus bleiben, wenn man ihnen die Hälfte ihres Vermögens wegnimmt. Rein rechnerisch kann man das natürlich trotzdem machen. Klar ist nur, dass man damit längst nicht mehr nur die Superbonzen trifft.

Schrecken wir davor zurück und bleiben bei den obersten fünf Prozent der Einkommen, so kommen wir auf immerhin noch 4,8 Bio. €, die uns zur Verfügung stehen. Dennoch müssten wir ihnen schon knapp zwei Drittel wegnehmen, damit wir die 3 Bio. € zusammenbekommen, die wir brauchen. In dieser Gruppe hätte jeder Haushalt nach der DIW-Schätzung im Durchschnitt 2,36 Mio. €. Nehmen wir einem durchschnittlichen Mitglied dieser Gruppe zwei Drittel weg, dann bleiben einem solchen Haushalt noch 787.000 €. Haushalten unterhalb des Durchschnitts bliebe entsprechend weniger. Übrigens sind hier viele Selbstständige und Freiberufler dabei, die keine Gesetzliche Rente beziehen werden und daher ganz allein auf ihr Vermögen angewiesen sind. Bedenken wir, dass die 787.000 € unter den von uns getroffenen Annahmen in etwa dem Barwert der Pension eines Gymnasiallehrers entspricht. Die ist zwar zweifellos großzügig, macht den Lehrer aber auch noch nicht zu einem Superreichen. Natürlich könnten wir die Enteignungsquoten auch staffeln, keine Frage. Dann müssten wir aber sehr zügig zu sehr hohen Enteignungsquoten übergehen, weil wir ja im Durchschnitt der oberen 5 Prozent schon eine Quote von zwei Dritteln brauchen. Kann man aber alles machen, rein rechnerisch.

Halten wir also fest: Erstens stimmt es, dass das Nettohaushaltsvermögen der Deutschen hinreichen würde, um die anstehenden Löcher zu stopfen, die das demographische Problem reißt. Zweitens aber müsste man doch ziemlich drastisch zugreifen, um dieses Vermögen zu diesem Zweck nutzbar zu machen. Dabei gilt: Je höher das Vermögen ist, ab dem wir ansetzen, desto drastischer muss man enteignen. Und je niedriger man ansetzt, desto stärker greift man Vermögen an, die so dramatisch hoch gar nicht sind. Was man damit an Anreizproblemen für diejenigen schafft, die sich für die Zukunft daranmachen, ein Vermögen aufzubauen, haben wir dabei noch nicht einmal in Erwägung gezogen; und was unsere Verfassung dazu sagt, auch nicht. Wir haben nur ein bisschen gerechnet.

Aber abgesehen davon können wir feststellen, dass es wohl reichen würde. Genau genommen funktioniert die Enteignung der Vermögenden sogar präzise so wie eine private Altersvorsorge nach dem Kapitaldeckungsverfahren. Wir erinnern uns: Bei der privaten Altersvorsorge verzichtet ein junger Mensch über Jahrzehnte auf den Konsum eines bestimmten Teils seines Einkommens. Mit diesem Verzicht bildet er jenes Vermögen, von dem er dann im Alter lebt. Bei der Enteignung der Reichen geht das ganz ähnlich, abgesehen davon, dass wir zunächst zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern unterscheiden müssen. Tun wir das, dann können wir das folgende Szenario entwerfen: Die Ausgebeuteten werden über Jahrzehnte zum Verzicht auf einen Teil des ihnen eigentlich zustehenden Lohns gezwungen – den Marx’schen Mehrwert, wie Eingeweihte wissen. Mit diesem Verzicht bilden die Ausbeuter ein Vermögen, und von diesem Vermögen leben dann die Ausgebeuteten im Alter; freilich erst, nachdem sie die Ausbeuter enteignet haben. Die Systeme funktionieren also auf exakt die gleiche Weise. So gesehen ist die Marx’sche „Expropriation der Expropriateure“ nichts Anderes als die in die Begrifflichkeit des historischen Materialismus übersetzte Version einer Kapitallebensversicherung. Wer hätte das gedacht?

Wenn das aber stimmt, dann stimmt auch das Folgende: Sofern die Mackenroth-These ein überzeugender Einwand gegen die private Altersvorsorge ist, wie es unser erboster E-Mail-Autor von den LINKEN nahelegt, dann gilt sie auch für die „Expropriation der Expropriateure“. So ein Ärger. Aber worüber ärgern wir uns? Gerhard Mackenroth wollte mit seiner These sagen, dass es nicht hilft, Vermögen aufzubauen, um damit Renten zu finanzieren, wenn zugleich die Bevölkerung schrumpft. Und warum? Na, weil doch jeder Sozialaufwand eines Jahres aus dem Volkseinkommen desselben Jahres getragen werden muss und weil daher für das real konsumierbare Einkommen der laufend produzierte Güterstrom zählt und nicht der Bestand an Vermögenswerten. Was aber bedeutet das praktisch? Nun: Das Vermögen der Reichen liegt nicht auf irgendwelchen Girokonten und kann daher nicht einfach auf das Konto von Rentnern überwiesen werden. Vielmehr besteht es – etwas klischeehaft ausgedrückt – aus Villen und sonstigen Immobilien, Jachten, Lear-Jets, schnellen Autos mit vielen Zylindern sowie aus zahlreichen anderen Dingen mehr; und natürlich aus Wertpapieren aller Art. Wie macht man daraus Altersrenten?

Nehmen wir wie Gerhard Mackenroth einmal an, wir lebten alle in einer geschlossenen Volkswirtschaft. Eine ziemlich drastische Möglichkeit wäre nun, das gesamte Vermögen zu konfiszieren, um es zu verkaufen und den Erlös sodann an die Rentner auszuzahlen. Das wären in unserem Beispiel laut DIW Vermögensgegenstände und Wertpapiere im Wert von knapp 9,5 Bio. €. Haben wir das alles einmal enteignet, dann stellt sich allerdings die Frage: Wer soll das kaufen? Und wovon, nachdem wir doch die 9,5 Bio. € eingezogen hatten? Das geht also nicht. Was aber geht, ist dies: Wir könnten einfach 9,5 Bio. € drucken und es auf das Konto der Rentner überweisen. Die könnten davon nun die Jachten und Villen vom Staat kaufen, der sie zuvor enteignet hatte. Kann man machen, kein Problem. Aber die meisten Rentner bräuchten ja gar keine Jacht und keine Villa, sondern im Wesentlichen Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Nur: Wo sollten die auf einmal herkommen, wenn sie nicht auch ohne die enteigneten Villen und Jachten schon da gewesen wären? Wenn sie umgekehrt auch ohne die enteigneten Villen und Jachten schon da gewesen wären, und wenn wir die 9,5 Bio. € ohnehin drucken können, wozu soll es dann überhaupt gut sein, die Villen und Jachten zu konfiszieren? Aus Prinzip, könnten wir verlangen, aber wem hilft das?

Mit dieser Frage haben wir abschließend alles beisammen, was die Problematik der Mackenroth-These ausmacht, über die nachzudenken uns der Schatzmeister der lokalen LINKEN so vehement angeraten hatte; und zwar in der folgenden Form: Die Dinge, die die Leute brauchen, sind nicht die Villen und Jachten, sondern es sind Dinge, die „aus dem laufenden Volkseinkommen“ ständig neu erzeugt werden müssen. Was nützt es aber, die Villen und Jachten zu konfiszieren, wenn aus demographischen Gründen keiner mehr da ist, der jene Dinge produziert, die die Rentner brauchen?

Richtig, es nützt nichts. Allerdings nur so lange, wie die Mackenroth-These wahr und bedeutsam ist. Glücklicherweise ist sie zwar immer wahr, aber nicht immer bedeutsam. Denn eine Volkswirtschaft in der Realität einer bedeutsamen Welt ist nicht geschlossen, wie es die Mackenroth-These annimmt. In der für die Realität bedeutsamen Welt kann man das Eigentumsrecht an einer Villa oder einer Jacht nach China oder in die USA oder wohin auch immer verkaufen. Dafür bekommt man dann internationales Geld, also Devisen; und für die kann man dies und das importieren, was man zum täglichen Leben so braucht. Ist das also alles Quatsch mit der Mackenroth-These? Nicht ganz, denn erstens kann man längst nicht alles importieren, vor allem ausgerechnet viele jener Dienstleistungen nicht, auf die Ältere besonders angewiesen sind. Und zweitens hätte es Rückwirkungen auf den Marktwert der Vermögensgüter, wenn ein Land Vermögen im Werte von mehreren tausend Milliarden Euro am Weltmarkt zu verkaufen versuchte. Und schließlich: 2050 ist nicht das Ende der Welt. Jedenfalls wollen wir das doch hoffen. Danach gibt es die demographischen Probleme aber immer noch; das Vermögen ist aber irgendwann alle.

Also ist das mit dem Konfiszieren eine ebenso radikale wie unsinnige Lösung. Dass sie schon verfassungsrechtlich nicht zulässig ist, mag ein Freund der Linkspartei „legalistisch“ finden und sei deshalb nur am Rande vermerkt. Eine andere Möglichkeit wäre es natürlich, das Vermögen nicht zu enteignen, sondern seine Erträge zu besteuern. Das hätte den Vorteil, dass man es nicht verkaufen muss und dass es in einem gewissen Rahmen auch vereinbar mit der Verfassung und sogar mit marktwirtschaftlichen Grundsätzen ist. Allerdings tun wir das längst. Zumindest grundsätzlich wäre es also nichts Neues. Wenn wir beispielsweise ein Vermögen von einer Mio. € nicht zur Hälfte einfach konfiszieren wollen, und wenn dieses Vermögen einen Ertrag von 10 Prozent brächte, dann brächte eine Steuer von 50 Prozent jährliche Einnahmen von 50 Tsd. €, die wir für die Rentenkasse verwenden könnten. Auf die ganz lange Sicht haben die 50 Tsd. € bei einem Ertragssatz von 10 Prozent wiederum einen Barwert von einer halben Mio. €, so dass die Steuer exakt einer Enteignung von 50 Prozent des Vermögens entspricht. Das wir damit allein schon bei den oberen zehn Prozent der vermögensreichen Haushalte ungefähr hinkommen, hatten wir schon gesagt.

Aber wie gesagt werden solche Erträge bereits besteuert. Man mag es ja mit dem LINKEN-Schatzmeister beklagen, dass sie zu wenig besteuert würden; und dass sich vor allem auch nicht ganz wenige einer Besteuerung gänzlich entziehen. Darüber kann man ja reden – und streiten. Aber die 50 Prozent, von denen hier die Rede ist, kommen auf jeden Fall noch hinzu zu dem, was im Durchschnitt auch jetzt schon gezahlt wird. Und wenn das dann alles wirklich eingefordert wird, dann kommen wir doch leicht wieder in einen Bereich, der konfiskatorisch wirkt – und zwar nicht nur bei den Superreichen, sondern auch bei solchen Haushalten, die so schrecklich viel dann auch wieder nicht haben. Die werden wir nämlich alle mit einbeziehen müssen, damit es überhaupt passt. Und wie gesagt, finanzieren nicht wenige allein daraus ihre eigene Altersvorsorge.

Gar so einfach liegen die Dinge mit der Einbeziehung der Reichen und Superreichen also doch nicht. Man muss kein Lobbyist im Dienste der Kapitaleigner sein, um das zu sehen. Es hilft aber vielleicht, ein Populist sein, wenn man es nicht sehen will.

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[1] Bach, S.; A. Thiemann; A. Zucco (2018), Looking for the Missing Rich: Tracing the Top tail of the Wealth Distribution, Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, S. 21.

[2] Ebenda, S. 8.

Thomas Apolte

Thomas Apolte

Westfälische Wilhelms-Universität Münster
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