200 Jahre Friedrich Wilhelm Raiffeisen
Es gab nicht nur Karl Marx

Der 200. Wiederkehr des Geburtstages von Karl Marx wird öffentlichkeitwirksam gedacht. Auch Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist 1818 geboren. Zwar wird auch ihm im „Raiffeisenjahr“ die gebührende Referenz erwiesen, wenngleich die Aktivitäten zu seinem Jahrestag deutlich bescheidener sind. In Ziel dieses Beitrages ist es nicht, die beiden gegeneinander auszuspielen. Dies wäre die posthume Konstruktion einer Kontroverse, die zu Lebzeiten nicht stattgefunden hat. Sie haben ihre Aussagen und Aktivitäten nicht aufeinander bezogen und waren auch nicht in einer Diskussion miteinander. Während Leben und Werk von Karl Marx umfangreich dokumentiert und analysiert wurde, stellt sich dies bei Raiffeisen anders dar. Daher werden im Folgenden einige Facetten seines Schaffens aufgezeigt, auch um zu demonstrieren, dass Karl Marx kein Monopol auf Vorschläge zur Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände in seiner Zeit hatte.

Triste Rahmenbedingungen

Wie Karl Marx ist auch Friedrich Wilhelm Raiffeisen geprägt von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seiner Zeit. Diese ließen für die Menschen in seinem ländlichen Umfeld als Bürgermeister in mehreren Gemeinden des Westerwalds kaum positive Perspektiven zu. Weitreichende Mängel in der  Infrastruktur machten es unmöglich die Abgeschlossenheit in räumlicher, sozialer und menschlicher Hinsicht zu überwinden. Eine weitgehend ungeschützte Abhängigkeit von natürlichen Gegebenheiten, Armut, Hungersnöte, Verschuldung sowie fehlende Grundlagen, um funktionierende Wirtschaftskreisläufe aufzubauen, waren die Ingredienzien für eine negative Entwicklungsdynamik. Es fehlten Verkehrsanbindungen an Wirtschafts- und Handelszentren, ebenso – der Zeit entsprechend – Institutionen der sozialen Absicherung, die über ein Minimum an privater und öffentlicher Wohltätigkeit für akute Notfälle hinausging. Ähnlich rudimentär war das Schul- und Ausbildungssystem. Insgesamt waren dies triste Gegebenheiten. In den Worten von Raiffeisen: „Es ist wirkliche Noth, große Noth vorhanden, größere Noth als die den unteren Volksschichten ferner Stehenden glauben mögen: es fehlt an Geld, welches bei den gegenwärtigen Verhältnissen dem kleineren Gewerbe und dem platten Lande immer mehr entzogen wird.“ (Raiffeisen, 1866, 1). Dass die Bedrohung der physischen und der ökonomischen Existenz vieler Einzelner zur Zerstörung von regionalen Wirtschaftsräumen und in der Folge zur Destabilisierung von Gesellschaften führte, veranlasste ihn zum Handeln.

Institutionelle Innovation

In diesem Umfeld gelang ihm eine institutionelle Innovation mit großer und nachhaltiger Ausstrahlung. Sie ist unter der Bezeichnung „Genossenschaft“ bekannt geworden und untrennbar mit den Namen Friedrich Wilhelm Raiffeisen verbunden. Diese Zuschreibung soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte weitere genossenschaftliche Pioniere kennt, die jeweils zu ihrer Zeit, auch gleichzeitig und vor Raiffeisen, und in ihrem Aktivitätsfeld zur Entstehung und Verbreitung  dieser Innovation beigetragen haben. Dies schmälert jedoch nicht seine Leistungen. Raiffeisen regte zur Gründung genossenschaftlich organisierter Vereine an und gründete selbst solche. Im Vordergrund seines Schaffens standen die Darlehenskassen-Vereine, die Vorläufer der Genossenschaftsbanken, da er im fehlenden Zugang zu Finanzdienstleistungen eine der Ursachen für den Entwicklungsrückstand und die damit verbundenen Probleme sah. „Die in vielen Gegenden auffallend zunehmende Verarmung der ländlichen Bevölkerung erheischt kräftige Abhilfe. Erfahrungsgemäß ist dazu zweierlei nöthig: Geld und die Kenntnisse, solches möglichst nutzbar anzuwenden.“ (Raiffeisen, 1866, I). Dem Entwicklungsstand der Volkswirtschaften entsprechend wurden von den Darlehenskassen-Vereinen nur wenige Finanzdienstleistungen (Kredite und Einlagen) angeboten und – damals völlig unüblich – eine Fristentransformation von kurzfristigen Einlagen in längerfristige Kredite durchgeführt. Dies erforderten jedoch die landwirtschaftlichen Produktionszyklen. Heute beeindruckt nicht nur, dass die fehlenden Finanzdienstleistungen als Hemmnis für selbsttragende Entwicklungsprozesse erkannt wurden, sondern auch dass die Maßnahmen direkt an diesen Gegebenheiten ansetzen.

Ausdifferenzierung und Verbreitung

Bald kam es nicht nur zu einer Gründungswelle auf lokaler Ebene, sondern zu einer Verbreitung weit über den Westerwald hinaus in die angrenzenden Volkswirtschaften, später in viele Staaten der Welt. Noch zu Lebzeiten Raiffeisens erfolgten auch eine Ausdifferenzierung und zunehmende Institutionalisierung der genossenschaftlichen Prinzipien. Die Darlehenskassen-Vereine bildeten im Wirkungsbereich Raiffeisens den Nukleus für die Gründung weiterer ländlicher und landwirtschaftlicher Genossenschaften zur Schaffung einer Kooperationsrente in der landwirtschaftlichen Wertschöpfung sowie in der Organisation von kollektiv nutzbaren Gütern. Beispiele dafür sind Winzer- und Molkereigenossenschaften sowie Viehversicherungsgenossenschaften, später kamen Landmaschinengenossenschaften, aber auch die Genossenschaften in Handwerk und Gewerbe hinzu. Die ländlichen Genossenschaften und die Genossenschaftsbanken werden heute als ein sehr wichtiger Faktor für den Entwicklungsprozess der ländlichen Regionen im Umfeld Raiffeisens und in vielen anderen Regionen gesehen. Er entwarf Musterstatuten, an denen sich die Gründer orientierten und die die Idee der Kooperationsrente umzusetzen helfen sollten: „Das, was dem Einzelnen nicht möglich ist, kann aber durch vereinte Kräfte erreicht werden.“ (Raiffeisen 1887, 28). Doch eine Ausweitung geschah nicht nur in den Anwendungsfeldern, sondern auch in der kollektiven Organisation von Leistungen, die alle Genossenschaften nachfragten, ein Prozess, der von Raiffeisen sehr aktiv vorangetrieben und begleitet wurde.

Genossenschaftliche Wertschöpfungsnetzwerke

So entstanden allmählich die Konturen von genossenschaftlichen Wertschöpfungsnetzwerken wie sie auch heute noch bestehen, ein Prozess der vertikalen Ausdifferenzierung durch zusätzliche Ebenen der genossenschaftlichen Kooperation. Zurückblickend sind dies die Anfänge von Zentralbanken, Unternehmen mit speziellen Aufgaben und Verbänden. Die Vernetzung der entstandenen Genossenschaften in inhaltlicher und regionaler Sicht hielt Raiffeisen für eine unabdingbare Voraussetzung, um die Leistungsfähigkeit der einzelnen Genossenschaften zu erhöhen: „Schon bei den ersten Vereinen hat sich deshalb das bei jeder derartigen Genossenschaft vorhandene Bedürfniß herausgestellt, eine Verbindung herbeizuführen, um jederzeit überflüssiges Geld anlegen und jederzeit den nöthigen Geldbedarf decken zu können.“ (Raiffeisen 1887, 117). In mehreren Etappen entstanden regionale Ausgleichskassen – Zentralkassen – in den einzelnen Provinzen und später – die Dreistufigkeit begründend –  für das damalige Reichsgebiet. Nicht nur der Liquiditätsausgleich der Banken-Primärgenossenschaften sollte sichergestellt werden, sondern auch ein System der Interessenvertretung, das auch vielfältige Beratungsaufgaben sowie die Wirtschaftsprüfung für die Genossenschaften und die Verbreitung des Genossenschaftswesens zu leisten hatte. Dies geschah über die Errichtung sogenannter Anwaltschaftsverbände.

Bewältigung der Informationsprobleme

Raiffeisen hat mit der Genossenschaft und den genossenschaftlichen Netzwerken ein Kooperationsmodell mit speziellen Governancemechanismen entwickelt. Er war sich der inhärenten Informations- und Anreizprobleme solcher Kooperationen sehr bewusst. Die Informationsasymmetrien konnten alles zerstören. Seine Antwort bestand darin, den Eigentümerkreis klein und den Aktivitätsraum lokal zu halten. Die lokale Verankerung der Darlehenskassen-Vereine begründete er explizit mit ihren Informationsvorteilen. Diese waren auch deswegen von großer Bedeutung, weil damals die unbeschränkte Solidarhaftung der Mitglieder galt. Im Ergebnis entstanden kleine und überschaubare Organisationen, für deren Begrenzung Raiffeisen auch eine Empfehlung parat hatte: „Die Pfarreien oder Kirchspiele sind in politischer und religiöser Beziehung die ältesten Verbände. Durch deren geringen Umfang, sowie durch den fortwährenden Verkehr der Pfarreingesessenen untereinander, wozu gemeinschaftliche Angelegenheiten und namentlich der Kirchenbesuch häufig Gelegenheit geben, durch die verwandt- und freundschaftlichen Verbindungen haben die Einwohner bezügl. der Familien- und Vermögensverhältnisse, sowie auch bezügl. der persönlichen Eigenschaften eine ganz genaue Kenntniß untereinander.“ (Raiffeisen 1887, 14). Mit einer Verringerung der Informationsprobleme kann auch der Kreis der Personen mit Leitungsfunktionen sowie die Eigentums- und Managementstrukturen der gemeinsamen Unternehmen auf der zweiten und dritten Stufe begründet werden.

Bewältigung der Anreizprobleme

Was die Identifizierung von Anreizproblemen betrifft, durchlief Friedrich Wilhelm Raiffeisen eine höchst bemerkenswerte Entwicklung, begründet in seiner Person, wirksam in seinem Werk. Dies betrifft die Eigentümer der Genossenschaften und die Interpretation der Selbsthilfe, einem ihrer konstituierenden Merkmale. So ist es wohl Raiffeisens christlicher Verankerung zuzuschreiben, dass sich die Selbsthilfe anfangs eher als ein Instrument von Nächstenliebe und Wohltätigkeit herausbildete. Dies manifestierte sich darin, dass er ursprünglich wohlhabendere Bürger dazu gewinnen konnte als Mitglieder der Darlehenskassen-Vereine Kapital aufzubringen, aus denen der notleidenden Bevölkerung Kredite gewährt wurden. Deren Verpflichtung zur Rückzahlung wurde in einem sehr engen Sinne als Selbsthilfe interpretiert. Doch die daraus resultierende Anreizstruktur führte bei Raiffeisen zunehmend zur Ernüchterung: „Warum wurden die Mitglieder lau und interessenlos? Alle wirkten wohl uneigennützig aus Nächstenliebe, manche blieben auch nur mir zuliebe, aber sie mußten nichts einsetzen und beanspruchten auch nichts. Der Grundsatz der Selbsthilfe ist nur insofern vorhanden, indem kein Schuldner etwas geschenkt bekommt und unnachsichtig zur Zurückzahlung von Kapital und Zinsen angehalten wird. … Offenbar ist es auf die Dauer nicht möglich, die Menschen dazu zu bringen, ohne eigennützige Motive und Profit ihre Arbeitskraft und ihr Geld einzusetzen.“ (Raiffeisen, zitiert nach Arnold/Lamparter 1985, 113f.) Es ist diese Erfahrung, die zu einer geänderten Interpretation von Selbsthilfe durch Raiffeisen führt.

Genossenschafts-Governance: Ergebnis eines Lernprozesses

Nun setzte er sie konsequent um, auch in der genossenschaftlichen Mustersatzung. So musste jeder Kreditnehmer nun auch Mitglied sein, die Mitglieder hatten Geschäftsanteile zu zeichnen, es konnten Dividenden ausgeschüttet werden. Erst mit dieser Wendung wurde das Prinzip der kollektiven Selbsthilfe vollständig umgesetzt. Raiffeisen war nun überzeugt, dass nur sie einzelwirtschaftliche und darüber hinausgehende gesellschaftliche Verbesserungen in ausweglos scheinenden Situationen ermöglichen kann. Nicht der Ruf nach dem Staat und Hilfe von außen war das Rezept, sondern eigenständige Lösungen und die Bereitschaft dafür Verantwortung zu übernehmen. Menschen in Not waren offensichtlich in der Lage und bereit mehr Verantwortung zu übernehmen, als Raiffeisen ursprünglich von ihnen erwartet hatte. Zusätzlich zeigten sich auch die Grenzen der Organisation von Wohltätigkeit, die noch am Beginn der genossenschaftlichen Aktivitäten in den ländlichen Gemeinden des Westerwalds Bedeutung hatte. Um überlegene Anreizstrukturen zu schaffen, waren nicht die Fördernden, sondern die Geförderten zu den Eigentümern der Genossenschaften zu machen. Erst auf diese Weise konnten die Vorteile der Anreizkonsistenz genutzt werden, die aus der Personalunion der Mitglieder als Eigentümer, Entscheidungsträger und Nutzer der gemeinsam organisierten Leistungen entsteht. Dies war ein Meilenstein in der Entwicklung der genossenschaftlichen Identität, zu der Raiffeisen wesentlich beigetragen hat.

Ein Macher mit Verantwortungsbewusstsein

Friedrich Wilhelm Raiffeisen war kein Theoretiker, eher ein Macher. Obwohl er nicht für sich in Anspruch genommen hätte, ein Ökonom zu sein, hat sein Zugang zur Initiierung von Entwicklungsprozessen, zur Gestaltung einer anreizkompatiblen Governance und zur Bewältigung von Informations- und Anreizproblemen auch vor dem aktuellen Stand der Entwicklungsökonomik und der Institutionenökonomik Bestand. Er setzte auf Eigeninitiative und Privateigentum, er wollte im Rahmen der vorherrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung Verbesserungen schaffen, nicht aber die Rahmenbedingungen zerstören. Bezüglich der einzelnen Gesellschaftsgruppen plädierte Raiffeisen explizit für ein „verständnisvolles Miteinander“ und nicht für das Gegeneinander von Klassen. Raiffeisen rief durch die Gründung von Genossenschaften zusätzliche Unternehmer hervor und wollte die wirtschaftliche Basis kleiner Unternehmen verbessern. In der bestehenden Wirtschaftsordnung sollte ein kleinteilig organisiertes Gegengewicht die bestehenden Unternehmen disziplinieren. Dieser Ansatz war erfolgreich, erfolgreicher als reine Theorien mancher Zeitgenossen und erfolgreicher als manche ihrer gesellschaftspolitischen Revolutionen und er hatte nachhaltigen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft. Es ist geboten, 2018 Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu feiern.

Hinweis:

Die Direktzitate stammen aus der ersten (1866) und zweiten Auflage (1867) von Raiffeisen, Friedrich Wilhelm, Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter. Praktische Anleitung zur Bildung solcher Vereine, gestützt auf sechszehnjährige Erfahrung als Gründer derselben, Neuwied, (Titel der ersten Auflage).

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Weitere Literatur:

Theurl, Theresia (Hrsg.): Raiffeisen 2018. Ökonomische Innovation – Gesellschaftliche Orientierung, Wiesbaden 2018.

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