Ultra-lockere Geldpolitik als Arbeitsbeschaffungsprogramm für Zentralbanker

Die Null- und Negativzinspolitik der EZB hält trotz guter Konjunktur an. Vor Herbst 2019 wird keine Zinserhöhung erwartet. Die umfangreichen Ankäufe von Staats- und Unternehmensanleihen werden bis zur deren Ende im Dezember einen Umfang von 2.600 Milliarden Euro erreicht haben. Derweil wird die Finanzmarktaufsicht der EZB im Rahmen des 2014 geschaffenen einheitlichen Bankenaufsichtsmechanismus (Single Supervisory Mechanism, SSM) immer umfassender. Zuletzt hat EZB-Vizepräsident Luis de Guindos angekündigt, die Vermögensverwalter neu ins Visier zu nehmen.

Zwischen 1999 und 2017 sind die jährlichen Gesamtausgaben der EZB von 132,2 Millionen auf 1085,9 Millionen € angeschwollen, seit 2012 mit Übernahme der Finanzmarktaufsicht um durchschnittlich 12,4% pro Jahr. Die Kosten für den luxuriösen Neubau der EZB in Höhe von 1,3 Milliarden Euro sind da noch nicht inbegriffen. Als Anteil des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts der Eurozone sind die Kosten seit 1999 um durchschnittlich um beachtliche 9,2% pro Jahr gewachsen (Israel 2018).

Der Hauptkostenpunkt sind die Personal- und Verwaltungskosten, die zusammen über 90% der Gesamtausgaben ausmachen und seit 2012 jährlich um 19,2% gestiegen sind. Die Anzahl der Vollzeitmitarbeiter hat sich seit 2012 von 1638 auf 3384 mehr als verdoppelt. Die durchschnittlichen Personalkosten pro Mitarbeiter sind von 83.364€ im Jahr 1999 auf 158.171€ 2017 angestiegen. Dies entspricht 3,6% jährlich. Die Abbildung zeigt, dass der Kostenanstieg stark mit der zunehmend lockeren Geldpolitik (repräsentiert durch den Schattenzins von Wu und Xia 2017[1]) korreliert ist. Warum?

Einen Erklärungsansatz liefert die ökonomische Theorie der Bürokratie von William Niskanen (1971). Diese geht davon aus, dass Verwaltungsinstitutionen ihr Budget erhöhen wollen, um ihre Macht, ihr Prestige und die Aufstiegschancen ihrer Mitarbeiter zu maximieren. Mit der europäischen Finanz- und Schuldenkrise hat die EZB eine zentrale Position in der supranationalen Finanzmarktaufsicht im Euroraum erhalten. Sie überwacht seither die 120 größten Banken des Eurogebiets.

Gleichzeitig beeinflusst die EZB über ihre geldpolitischen Entscheidungen die Finanzstabilität. Einerseits hat die EZB seit 2008 in Reaktion auf die europäische Finanz- und Schuldenkrise die Finanzmärkte durch die Öffnung der Geldschleusen zunächst beruhigt und stabilisiert. Andererseits hat sie – wie schon vor Ausbruch der Krise in den Jahren von 2003 bis 2007 – durch starke Zinssenkungen das Potenzial für ein übermäßiges Kreditwachstum geschaffen (siehe Schnabl 2017), das sie nun durch mehr Regulierung und höhere Eigenkapitalanforderungen an die Banken zu bremsen sucht.

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Ebenso treibt das billige Geld der EZB im nördlichen Euroraum Aktien- und Immobilienblasen, deren mögliches Platzen eine strengere Regulierung und Überwachung nötig machen. Schließlich drückt die ultra-lockere Geldpolitik die Zinsmargen im traditionellen Bankgeschäft, was zusammen mit den wachsenden Kosten der Regulierung insbesondere kleine und mittlere Banken in Bedrängnis bringt. Über diesen Prozess versucht die EZB im Zuge umfassender Stresstests die Übersicht zu behalten.

Kurzum: Während die ultra-lockere Geldpolitik der EZB große Risiken im Finanzsystem schafft, versucht die Finanzmarktaufsicht der EZB diese Risiken einzudämmen. Der wachsende Aufwand dieser Regulierung scheint nicht nur die Aufstockung beim Personal, sondern auch stattliche Lohnerhöhungen für die EZB-Mitarbeiter zu rechtfertigen.  Die ultra-lockere Geldpolitik kann damit auch als großes Arbeitsbeschaffungsprogramm für Zentralbanker gesehen werden, die damit der Politik der Institution besonders loyal sind.

Die Finanzierung der Ausgaben ist der EZB leichtgemacht. Andere Verwaltungsbehörden müssen ein höheres Budget bei übergeordneten Stellen beantragen, wo aufgrund knapper Mittel um jeden Euro gerungen wird. Hingegen ist die EZB nicht nur politisch, sondern auch finanziell unabhängig. Sie kann sich einfach aus den Seigniorage-Gewinnen der geldpolitischen Expansion bedienen. Es ist also kein Wunder, dass die Ausgaben der EZB genauso steil nach oben zeigen, wie der Leitzins nach unten gerichtet ist und die Anleihekäufe ausgedehnt werden.

Quellen:

Israel, Karl-Friedrich (2018): The Fiat Standard of the Euro Area: Does the Cost-Saving Argument still hold Water Today? (October 25, 2018). Available at SSRN.

Niskanen, William A. (1971): Bureaucracy and Representative Government, New Brunswick and London: Transaction Publishers

Schnabl, Gunther (2017): The Failure of ECB Monetary Policy from a Mises/Hayek Perspective. CESifo Working Paper 6388.

Wu, Jing Cynthia and Fan Dora Xia (2017): Time Varying Lower Bound of Interest Rates in Europe, Chicago Booth Research Paper 2017-06. Data updated in 2018: https://sites.google.com/view/jingcynthiawu/shadow-rates

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[1] Der Index der monetären Expansion entspricht bis zum Einsetzen der unkonventionellen Geldpolitik dem Hauptrefinanzierungssatz der EZB. Danach werden Maßnahmen der unkonventionellen Geldpolitik in Zinssenkungen umgerechnet, so dass der Zins stark ins Negative driftet. Die Achse ist invertiert, so dass eine steigende Linie eine zunehmende monetäre Expansion in Form sinkender Zinsen und Ankauf von Vermögenswerten repräsentiert.

Karl-Friedrich Israel und Gunther Schnabl
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