„The show must go on“!?
Sportökonomische Hintergründe zum Bundesliga Neustart in Zeiten von Covid-19

Bild: Capri23auto auf Pixabay

Status Quo

Am 11. März 2020 fand im Borussia-Park in Mönchengladbach das vorerst letzte Spiel der 1. Bundesliga statt, zu diesem Zeitpunkt bereits als sog. „Geisterspiel“, d.h. ohne Zuschauer. In den darauffolgenden Wochen versuchte der Bezahlfernsehsender Sky, die mit enormen Einschränkungen des Alltagslebens verbundene Zeit für Fußballanhänger so erträglich wie möglich zu gestalten, und rief zu diesem Zweck eine „historische Konferenz“ ins Leben. Der fußballinteressierte Betrachter konnte dabei sicherlich das ein oder andere „Aha-Erlebnis“ längst vergessener Ereignisse feststellen, allerdings fehlte die entscheidende Komponente, die die Faszination Wettkampsport im Allgemeinen und den Profifußball im Besonderen auszeichnet. In der sportökonomischen Literatur wird oftmals davon ausgegangen, dass die Nachfrage nach dem Produkt Fußball insbesondere durch die sog. „Uncertainty of Outcome“ (als Überblick Daumann 2019) determiniert wird. Fußball ist ein live-Sport, der Konsumnutzen entsteht beim Zuschauer regelmäßig erst durch die mit dem Spiel verbundene Unsicherheit hinsichtlich des Ausgangs. Während künstlerische Unterhaltungsprodukte – etwa Konzerte, Opern oder Theaterstücke dem Konsumenten auch beim wiederholtem Hören oder Sehen einen Nutzen stiften können und dieser möglicherweise durch das aufgebaute Konsumkapital (zur Konsumkapitaltheorie siehe Becker und Stigler 1977; Becker und Murphy 1988; Flatau und Emrich 2016) sogar zunimmt, verliert ein einzelnes Fußballspiel seinen Reiz, wenn das Ergebnis a priori feststeht.

Am 6. Mai 2020 entschieden die politischen Verantwortlichen, dass die Bundesliga unter strengen Sicherheits- und Hygienevorschriften ab Mitte Mai weitergeführt werden soll. Die Debatte um die Sinnhaftigkeit der verschiedenen Regelungen im Rahmen der Covid-19-Pandemie wird – insbesondere im Internet – bisweilen äußerst emotional geführt. Der vorliegende Beitrag möchte sich dem nicht anschließen und verfolgt daher nicht das Ziel, die Notwendigkeit des Bundesliga-Neustarts zu beurteilen. Die Priorisierung unterschiedlichster und divergierender Ziele macht eine Wertung notwendig, was die Wissenschaft nur selten leisten kann. Allerdings lohnt es im Kontext der Entscheidung, sich die (sport-)ökonomischen Rahmenbedingungen der Fußballindustrie genauer vor Augen zu führen.

Meisterschaftsproduktion und Abhängigkeiten

Es ist kaum zu bestreiten, dass der Neustart für die Mehrzahl der Klubs überlebenswichtig ist. Insbesondere die mediale Verwertung macht einen Großteil der Erlöse der Bundesligavereine aus (etwa Follert 2018): So gibt der Bundesliga Report (DFL, 2020, S. 10) für die Saison 2018/19 den Anteil der Einnahmen aus Ticketing an den Gesamteinnahmen der Profiklubs der 1. und 2. Bundesliga mit durchschnittlich rund 13% an. Zwar kann diese Lücke nach dem Neubeginn der Liga geschlossen werden, allerdings bleibt der Umsatzrückgang durch nichtverkaufte Stadiontickets (hierzu etwa Quitzau 2020). Das Lobbying der DFL, um die Interessen des deutschen Profifußballs durchzusetzen und den Neustart zu ermöglichen, dürfte entsprechend energisch gewesen sein. Andernfalls wäre es womöglich zu finanziellen Schieflagen gekommen, die in letzter Konsequenz den sportpolitischen und sportwirtschaftlichen Standort Deutschland gefährdet hätten, insbesondere weil die 50+1-Regel „Finanzspritzen“ durch sog. „sugar daddies“ (Franck 2010) verhindert. Dass möglicherweise Insolvenzen nur mit Mühe abgewendet werden konnten, lässt allerdings Implikationen im Hinblick auf die in hohem Maße von TV-Geldern abhängige Ertragsstruktur der meisten Bundesligaklubs zu (in der Saison beliefen sich diese Einnahmen auf etwa 37% der Gesamteinnahmen der Klubs der 1. und 2. Bundeliga; DFL (2020, S. 10)). Zukünftig werden sich die Klubs mit der Frage beschäftigen müssen, ob es ökonomisch und unter Risikogesichtspunkten sinnvoll sein könnte, die Geschäftsmodelle stärker zu diversifizieren, bspw. durch e-Sport oder etwa ein fußballunabhängiges Dienstleistungsangebot.

Die aktuelle Situation zeigt jedoch auch die institutionellen Besonderheiten einer Sportliga im Allgemeinen und der Fußball Bundesliga im Speziellen auf (hierzu im Folgenden Franck 1995; Daumann 2019). Eine moderne Sportliga ist dadurch charakterisiert, dass die beteiligten Mannschaften nicht lediglich einzelne Spiele, sondern zusätzlich das Rennen um die Meisterschaft produzieren und am Markt anbieten. Dieses Produktionssystem erfordert die Interaktion zwischen den teilnehmenden Klubs. Auf der ersten Produktionsstufe kann keine Mannschaft ein Spiel alleine austragen. Auf der zweiten Ebene genügt auch eine kleine Gruppe nicht, um eine gesamte Meisterschaft so auszutragen, dass sie ein vermarktbares Produkt darstellt. Somit ist es nachvollziehbar, dass auch die Spitzenklubs, etwa der FC Bayern oder Borussia Dortmund, ebenfalls ein Interesse am Überleben der zahlreichen finanziell weniger gut ausgestatteten Vereine haben, sodass auch ligainterne Hilfsgelder und Fondszuführungen anhand des Eigennutzaxioms erklärbar scheinen. Dieser Einsatz für die Bundesliga kann nutzentheoretisch auch mit den niedrigen Opportunitätskosten der Spitzenklubs begründet werden, da die internationalen Reisbeschränkungen den Wert der „Superliga“ als aktuelle Alternative reduzieren (zur Superliga siehe Follert 2019; Drewes und Rebeggiani 2019; Follert und Emrich 2020). Demnach sind staatliche Hilfen weder notwendig noch marktwirtschaftlich geboten: So stellt der Profi-Fußball keinen Ausnahmebereich dar und kann auch an den ausufernden staatlichen Rettungsprogrammen (insbesondere bei der Erleichterung des Kurzarbeitergeldes und der Ausreichung von Krediten) partizipieren. Muss die ordnungsökonomische Sinnhaftigkeit dieser Maßnahmen bereits in Frage gestellt werden, so käme eine darüber hinaus gehende staatliche Unterstützung des Profifußballs einem ordnungsökonomischen Sündenfall gleich. Es gilt vielmehr: Der Fußball kann und wird sich selbst helfen (hierzu Daumann in https://www.deutschlandfunk.de/sport-in-der-coronakrise-der-sport-muss-sich-zuerst-selber.892.de.html?dram:article_id=474457).

Mannschaftsproduktion und Humankapital

Franck (1995) unterscheidet neben dieser ersten Transaktionsebene noch eine zweite Stufe des Produktionsprozesses, die sog. Mannschaftsproduktion. Nach den bisherigen Regeln des Fußballspiels benötigt ein Team grundsätzlich elf Spieler, um als Mannschaft ein Spiel austragen zu können. Bereits diese Größenanforderung unterscheidet das Spiel bspw. von anderen Mannschaftssportarten, wie etwa Basketball. Dieses Kriterium erschwert die Situation in Zeiten, in denen Gruppengrößen mit mehr als fünf Personen als problematisch angesehen werden. Hinsichtlich der Spieler kann sportökonomisch noch von einer weiteren Besonderheit ausgegangen werden. Profisportler üben eine überwiegend körperliche Tätigkeit aus. In Anlehnung an Becker (1964) kann das Training eines Sportlers als Humankapitalinvestition verstanden werden. Kennzeichen der Investition in Humankapital ist bei der überwiegenden Zahl der Sportarten die praktische Ausübung, während in Berufen, die auf geistige Tätigkeiten abzielen, ein Literaturstudium, ein Webinar o.ä. regelmäßig eine Kompensation der praktischen Übung ermöglicht. Trainiert ein Sportler hingegen nicht praktisch, nimmt sein Bestand an Humankapital sukzessive ab. Dies zeigt sich auch gegenwärtig in den sog. Marktwerten der Plattform transfermarkt.de. Diese Kennzahl kann als aggregierte Einschätzung der Leistungs- und Vermarktungsfähigkeit eines Spielers verstanden werden (Ackermann und Follert 2018). Während bspw. die Vermarktungsfähigkeit durch Social-Media-Aktivität via Instagram signalisiert werden kann, was sich positiv auf den Marktwert auswirkt (Frenger, Follert, Richau, Emrich 2019), leidet die Einschätzung der sportlichen Leistungsfähigkeit.

Im Gegensatz zu vielen Sportarten, wie bspw. einem Marathonlauf, wird die Ausübung einer Ballsportart durch die Aktivitäten der Gegenspieler direkt beeinflusst. Dies führt dazu, dass ein Großteil der Humankapitalbildung durch Spielpraxis erfolgt. Hierzu ist jedoch wie oben gezeigt eine Gruppenbildung unerlässlich, während ein „gegen die Zeit“ antretender Marathonläufer seine Laufpraxis auch in der gegenwärtigen Situation tendenziell ungehindert ausüben kann und sein Humankapital so konstant halten kann. Einem Fußballspieler ist dies nicht problemlos möglich. Zwar kann er den unspezifischen Anteil am Humankapital – etwa seine Grundlagenausdauer, seine Schnelligkeit oder seine Kraft – auch unabhängig von anderen Personen fördern, allerdings wird sich der fußballspezifische Teil mit fortwährender Dauer der Spielpraxispause reduzieren. Innerhalb einer Liga ist dies insofern weniger problematisch, da die Marktwerte sämtlicher Spieler sinken und insofern von einem sog. Fahrstuhleffekt (Stützel 1979) ausgegangen werden kann. Da der Arbeitsmarkt für Profifußballer jedoch international ist (etwa Berthold und Neumann 2005; zum europäischen Fußballarbeitsmarkt Frick 2007), führt eine nationale Beschränkung zu einem Wettbewerbsnachteil.

Schlussbemerkungen

Die Politik hat die Weiterführung der Bundesliga unter hohen Sicherheits- und Hygieneanforderungen gestattet. Diese Entscheidung dürfte einerseits mit einem Vertrauensvorschuss seitens der Exekutive einhergehen und andererseits kann das durch die DFL vorgelegte Konzept als Pilotstudie für andere Sportligen und Veranstalter der Unterhaltungsbranche dienen. Der Fußball sollte diese Verantwortung ernstnehmen und professionell agieren. Das Spiel nach dem Neustart wird nicht dieselbe Unbeschwertheit aufweisen, wie vor dem 11. März, insbesondere Fangesänge und innige Jubelszenen werden fehlen. Jedoch könnte der Neubeginn der Bundesliga für viele Fußballanhänger zumindest eine willkommene Alternative zum derzeit beschränkten Alltag darstellen.

Literatur

Ackermann, Phil und Follert, Florian (2018), Einige bewertungstheoretische Anmerkungen zur Marktwertanalyse der Plattform transfermarkt.de. Sciamus – Sport und Management 9(3), 21–41.

Becker, Gary S. (1964), Human capital. A theoretical and empirical analysis with special reference to education. New York: Columbia University Press.

Becker, Gary S. und Murphy, Kevin M. (1988), A Theory of Rational Addiction. Journal of Political Economy 96, 675–700.

Berthold, Norbert und Neumann, Michael (2005), Globalisierte Spielermärkte: Ein Problem für den deutschen Profifußball? List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik 31, 231–249.

Daumann, Frank (2019), Grundlagen der Sportökonomie, 3. Aufl., München: UKV Verlag.

DFL (2020), Wirtschaftsreport 2020, o. O.

Drewes, Michael und Rebeggiani, Luca (2019), Die European Super League im Fußball: Mögliche Szenarien aus sport- und wettbewerbsökonomischer Sicht. Sciamus – Sport und Management 10(4), 127–142.

Flatau, Jens und Emrich, Eike (2016), Exzessiver passiver Sportkonsum – Ist die Sucht nach Stadionfußball rational? Diskussionspapier des Europäischen Instituts für Sozioökonomie Nr. 18, abrufbar unter: https://publikationen.sulb.uni-saarland.de/bitstream/20.500.11880/26978/1/EIS_Workingpaper_18_2016.pdf.

Follert, Florian (2018), Ökonomisierung des Fußballs. Das Wirtschaftsstudium 47, 668–670.

Follert, Florian (2019), Europäische Fußball-Superliga aus sportökonomischer Sicht. Wirtschaftsdienst 99, 148–150.

Follert, Florian und Emrich, Eike (2020), Was wäre wenn…? – Ein mikroökonomisches Gedankenexperiment zu einer Superliga im europäischen Fußball. List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik 45, 347–359.

Franck, Egon (1995), Die ökonomischen Institutionen der Teamsportindustrie, Wiesbaden: DUV.

Franck, Egon (2010), „Zombierennen“ und „Patenonkel“ – Warum deutsche Fußballklubs in der Champions League regelmäßig den Kürzeren ziehen. Schmalenbachs Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, Sonderheft 62, 1–13.

Frenger, Monika, Follert, Florian, Richau, Lukas, Emrich, Eike (2019), Follow me … on the relationship between social media activities and market values in the German Bundesliga. Diskussionspapier des Europäischen Instituts für Sozioökonomie Nr. 32, abrufbar unter: http://soziooekonomie.org/fileadmin/soziooekonomie.org/pdf/EIS_Workingpaper_32_2019.pdf.

Frick, Bernd (2007), The Football Players’ Labor Market: Empirical Evidence from the Major European Leagues. Scottish Journal of Political Economy 54, 422–446.

Quitzau, Jörn (2020), Folgen der Corona-Krise: Gehaltsverzicht? Ja – Salary Cap? Nein. Fußball-Ökonomie, abrufbar unter: http://fussball-oekonomie.de/2020/03/27/folgen-der-corona-krise-gehaltsverzicht-ja-salary-cap-nein/.

Stigler, George J., & Becker, Gary S. (1977). De Gustibus Non Est Disputandum. The American Economic Review 67, 76–90.

Stützel, Wolfgang (1979), Paradoxa der Geld- und Konkurrenzwirtschaft. Aalen: Scientia Verlag.

2 Antworten auf „„The show must go on“!?
Sportökonomische Hintergründe zum Bundesliga Neustart in Zeiten von Covid-19

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.