Kurz kommentiert
Ökonomen als Kriegstreiber?

Man reibt sich die Augen: Ausgerechnet die Vertreter einer Zunft, die sich mit Vorliebe mit dem friedfertigen Tausch zum gegenseitigen Nutzen beschäftigt, sprechen sich im Angesicht von Putins Angriff auf die Ukraine in großer Zahl für harte Wirtschaftssanktionen gegen Russland und sogar ein Embargo russischer Öl- und Gaslieferungen aus. Eine mögliche Verschärfung der Spannungen zwischen Russland und dem Westen empfinden sie als hinnehmbar. Sind die Ökonomen, vor allem die liberalen unter ihnen, unter die Kriegstreiber gegangen, wie ihnen derzeit vor allem in den sozialen Medien vorgeworfen wird?

„Wer Handel miteinander treibt, schießt nicht aufeinander“, beschied einst Helmut Schmidt US-Präsident Jimmy Carter, nachdem er Ende der 1970er Jahre einen Vertrag mit der Sowjetunion über deutlich höhere Gasimportmengen nach Deutschland abgeschlossen hatte. Zwischen den Zeilen kann man diese Aussage als eine vereinfachte Version des Konzepts des „kapitalistischen Friedens“ lesen. Die Opportunitätskosten eines Krieges steigen mit dem Grad wirtschaftlicher Verflechtung, denn diese erzeugt Handelsgewinne, die im Falle eines Konflikts mit einhergehenden Einschränkungen der wirtschaftlichen Beziehungen reduziert oder ganz wegfallen würden. Ein Krieg wird dadurch ökonomisch (zu) teuer und unterbleibt. Die lange Friedensphase in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg dürfte eine Menge mit dieser Logik zu tun gehabt haben. Gerade liberale Ökonomen haben in der Regel viel Sympathie für diese Sichtweise.

Viele genau dieser Ökonomen sprechen sich nun jedoch für ein hartes Sanktionsregime gegen Russland aus, also dafür, ein zwar wirtschaftlich nicht übermäßig großes, aber doch relevantes Land aus der globalen Ökonomie auszuschließen und dafür erhebliche Kosten für die eigenen Volkswirtschaften zu akzeptieren. Dass sie dies tun, hat allerdings wenig mit Kriegstreiberei zu tun, auch wenn Kritiker schnell dabei sind, absurde Argumentationsketten von den Wirtschaftswissenschaften über einen vermeintlichen Neoliberalismus und Autoritarismus zum Militarismus zu konstruieren.

In Wahrheit dürften zwei, eng miteinander verbundene Aspekte eine zentrale Rolle bei den Überlegungen der Ökonomen spielen. Zum einen geht es um ganz traditionelle Kosten-Nutzen-Abwägungen, zum anderen um eine – durchaus auch normativ angehauchte – Bewertungsfrage, was eigentlich die relevanten Kosten und Nutzen sind und welche Zeithorizonte dabei betrachtet werden sollten.

Vor allem für liberale Ökonomen spielt sich dabei das Kosten-Nutzen-Kalkül vor einem längeren Zeithorizont ab. Sie sehen die hohen Kosten der Sanktionsmaßnahmen in der kurzen Frist sehr wohl, etwa die Reallohneinbußen der Beschäftigten im Inland, die durch eine höhere Inflation aufgrund stark steigender Energiepreise ausgelöst werden. Im Vergleich jedoch zu dem, was längerfristig auf dem Spiel steht, wirken diese Kosten für sie wie das kleinere Übel.

Die langfristigen Kosten bestimmen sich dabei – im günstigeren Fall – durch u.a. anhaltende Unsicherheit, Flüchtlingsströme und die Notwendigkeit von deren Integration in Westeuropa, die Lieferung von Militärgütern an die Ukraine und die eigene Aufrüstung. Im ungünstigeren Fall entstünde durch einen russischen Sieg in der Ukraine eine unmittelbare Bedrohung des Westens und ein dauerhaftes, sehr teures „Leben im Schatten des Konflikts“. Schlimmer noch: die sich einstellende geopolitische Lage wäre auch eine massive Herausforderung des liberalen, demokratischen Gesellschaftsmodells des Westens.

Vor diesem Hintergrund dürfte der Nutzen des Sanktionsregimes gegenüber Russland aus der Perspektive von liberal gesinnten Ökonomen in der Abwehr von Gefahren für die bestehende Ordnung liegen, die langfristig massive Kosten verursachen würden. Die kurzfristigen Kosten, ein mögliches „Frieren für den Frieden“, verblassen dagegen. Mit Kriegstreiberei hat dies nichts zu tun – es ist vielmehr eine ökonomisch fundierte Einstellungsfrage, bei der allerdings die hohe Wertschätzung des demokratisch-liberalen Gesellschaftsmodells in das Kosten-Nutzen-Kalkül eingeflossen sein dürfte. Ökonomen ausgerechnet hierfür zu kritisieren, ist mindestens befremdlich, wenn nicht sogar verwerflich.

Tim Krieger

Tim Krieger

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Tim Krieger

2 Antworten auf „Kurz kommentiert
Ökonomen als Kriegstreiber?“

  1. Ob über das aktuelle Maß hinausgehende Sanktionen kriegstreibend, was hier am Ende heißt ATOMKRIEGSTREIBEND, sind, weiß niemand mit Sicherheit. Wenn die erste Rakete auf Nato-Territorium einschlagen sollte, wären alle langfristigen Kosten-Nutzen-Kalküle der beschriebenen Art Kokolores. Wir befinden uns auf einer Eisfläche, deren Dicke wir nur grob abschätzen können. Nicht nur insofern sollten Befürworter wie Kritiker weiterer Sanktionen vorsichtig sein, sich befremdliches bis verwerfliches Verhalten vorzuwerfen, und lieber darüber nachdenken, auf welcher Basis ihre Argumente beruhen.

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