Theorie trifft Praxis
Geschäftsmodell Deutschland – Ein Auslaufmodell?

1. Einleitende Bemerkungen

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat Deutschland hart getroffen, sehr hart! Das Bruttoinlandsprodukt ist im letzten Jahr um 5% geschrumpft – der stärkste Einbruch in der Geschichte der Bundesrepublik. In der bislang schlimmsten Rezession, das war 1975 im Zuge der Ölkrise, sank die Wirtschaftsleistung um 0,9%, was im Vergleich zur Situation nach dem Lehman-Debakel fast noch moderat anmutet. Auch der Maschinen- und Anlagenbau, die Schlüsselbranche des Industriestandorts Deutschland, war von den Verwerfungen der letzten Monate massiv betroffen. So musste die Branche im letzten Jahr eine nie dagewesene Talfahrt in den Auftragseingängen hinnehmen. Auch die Kapazitätsauslastung sank auf ein historisches Tief, im Sommer 2009 lag sie unterhalb der 70%-Marke. Der Produktionsrückgang belief sich auf knapp 25%. Beim Branchenumsatz schließlich war ein Rückgang um 48 Milliarden Euro auf rund 160 Milliarden Euro zu verzeichnen. Für das Jahr 2010 ist bei der Produktionsprognose immerhin eine „schwarze Null“ in Sicht.

Auch wenn es angesichts dieser Schreckenszahlen zunächst fast wie ein Paradoxon erscheinen mag: Ich bin davon überzeugt, dass der deutsche Maschinen- und Anlagenbau strukturell beste Perspektiven hat. Das „Geschäftsmodell Deutschland“ hat Zukunft, was nicht zuletzt die jüngste Kritik etwa aus Frankreich beweist. Denn kritisiert wird eine spezifische Stärke, nämlich unsere Weltmarktorientierung, und damit ein Erfolgsmodell, das unser Nachbarland so nicht vorweisen kann. Aber auch hierzulande debattieren Ökonomen und jene, die sich dafür halten, über Fluch und Segen des Exports. Mancher Abgesang auf die Exportnation Deutschland wird dabei in erfreulich präziser Tonlage intoniert – den mangelhaften ökonomischen Sachverstand kann dann immerhin jeder raushören. Meine These ist: Wer in Deutschland Exportorientierung und Produktion zugunsten einer stärkeren Binnenorientierung und Konsumstärkung korrigieren will, der irrt und gefährdet unser Wohlstandsmodell (siehe auch Wittenstein (2010)).

2. Starke Industrie und Weltmarktorientierung

Deutschland ist eine Exportnation. Kontinuierlich hat sich die Exportquote der deutschen Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren erhöht, mittlerweile beträgt sie rund 45%. Im Exportsortiment wiederum sind Investitionsgüter stark vertreten. Überhaupt ist in Deutschland der Anteil der industriellen Produktion an der gesamten Wertschöpfung bis zuletzt wieder deutlich angestiegen. In anderen, ehemals großen Industrienationen war die Situation dagegen eine ganz andere – das Wort der De-Industrialisierung mag dort zutreffen, bezogen auf Deutschland ist es grundfalsch. Und dennoch ist es noch nicht lange her, da wurde das industrielle Rückgrat des Standorts als Auslaufmodell diskreditiert. Den Dienstleistungen gehöre die Zukunft, hieß es, und zwar so total, dass unsere Gesellschaft gleich zu einer solchen, zu einer Dienstleistungsgesellschaft, umetikettiert wurde. Immerhin, seit Herbst 2008 sind diese Dienstleistungsapologeten dann doch ziemlich leise geworden.

Zur deutschen Re-Industrialisierung hat der Maschinen- und Anlagenbau maßgeblich beigetragen. Allein in den Jahren 2003 bis 2008 konnte die Branche das Produktionsvolumen um 40% steigern und 120.000 qualifizierte Arbeitsplätze schaffen – zusätzliche und in Deutschland wohlgemerkt. Ende 2009 beschäftigte der Maschinen- und Anlagenbau rund 920.000 Menschen und ist damit größter industrieller Arbeitgeber. Wie die deutsche Volkswirtschaft insgesamt ist auch die Branche sehr exportstark, weltmarktorientiert trifft es vielleicht besser. Auf bemerkenswerte 75% beläuft sich die Exportquote. Kurzum: Investitionsgüter „Made in Germany“ sind weltweit das Maß der Dinge und stark nachgefragt – Technologie- und Marktführerschaft gehen dabei Hand in Hand.

Warum nun sind Deutschland und auch der Maschinen- und Anlagenbau so heftig von der Krise getroffen worden? Es liegt nahe, dass eine Weltwirtschaftskrise – außer in China brach die Nachfrage ja so gut wie überall auf der Welt ein – weltmarktorientierte Volkswirtschaften und Branchen besonders hart trifft. Die Nachfrage nach Investitionsgütern leidet zudem besonders unter Krisen auf den Finanzmärkten – insofern auch der Maschinen- und Anlagenbau. Letztlich sehen wir hier die Kehrseite der Medaille „Globalisierung“; wer international und branchenübergreifend stark vernetzt ist, kann besonders von der Globalisierung profitieren, ist aber eben auch besonders „störanfällig“, wenn weltweit Sand ins Getriebe kommt.

3. Eine Wende nach innen?

Aber soll der Maschinen- und Anlagenbau deshalb seine Weltmarktorientierung aufgeben? Definitiv nein. Denn die Branche kann nicht nur exportieren, sie muss es auch: Die Märkte für die oftmals hoch spezialisierten Produkte sind relativ klein bei gleichzeitig hohen Kosten für Forschung, Entwicklung und Konstruktion, einer hohen Kapitalintensität der Fertigung und hohen Ansprüchen an die Qualifikation der Mitarbeiter. Ein größeres Absatzvolumen auf dem Weltmarkt erschließt den Unternehmen Skaleneffekte und damit Kostensenkungspotenziale. Hinzu kommt die starke Betroffenheit der Investitionsgüterhersteller von der Zyklizität der Investitionsgüternachfrage: Über den Export in Regionen mit zeitlich versetzten Investitions- und Wachstumszyklen können sie sich global einen gewissen Ausgleich verschaffen und ihre lokale Produktion verstetigen. Den Export zu erschweren, hieße aber nichts anderes als das Aus für eine Vielzahl von Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus in Deutschland – sei es durch Aufgabe des Geschäfts, sei es durch einen massiven Exodus in andere Länder.

Auch muss sehr sorgfältig unterschieden werden zwischen einerseits konjunkturellen Bewegungen und andererseits strukturellen Perspektiven. Und hier ist ohne Übertreibung festzustellen: Die Perspektiven der Branche sind hervorragend, die Rückkehr auf einen langfristigen Wachstumspfad ist sicher! Nicht nur ist das Netzwerk deutscher Produktionstechnologie aus Industrie und Wissenschaft von weltweit einmaliger Qualität. Auch verlangen die Herausforderungen unserer Zeit nach Lösungen des Maschinen- und Anlagenbaus. Dies betrifft den Klima- und Umweltschutz genauso wie die Elektromobilität oder das Ermöglichen eines nachhaltigen Wachstums durch Effizienztechnologien. Die Krise werden wir überwinden, die fundamentalen Herausforderungen aber bleiben – rund um den Globus, für entwickelte und aufholende Volkswirtschaften gleichermaßen. Der Maschinen- und Anlagenbau kann und wird diese Märkte bedienen und so zur Wohlstandssicherung in Deutschland maßgeblich beitragen.

Schließlich: Wer soll eine Wende nach innen eigentlich exekutieren? Die Europäische Union, einzelne Mitgliedsstaaten oder die Bundesregierung? Und mit welcher Legitimation und welchen Instrumenten – mit Nachfrageprogrammen, Eingriffen in die Tarifautonomie oder Ausfuhrbeschränkungen? Wohl kaum. Im Übrigen schließt die Existenz erfolgreich auf den Weltmärkten agierender Investitionsgüterexporteure den Auf- und Ausbau stärker binnenorientierter, konsumnaher und weniger schwankungssensibler Branchen nicht aus. Ein Korrektiv wird aber nur dann gelingen, wenn Strukturen gefördert und geschaffen werden, die auch im internationalen Kontext wettbewerbsfähig sind. Im Klartext heißt das: Politische Maßnahmen zur Stärkung der Binnensektoren müssen an deren Innovations- und Investitonsfähigkeit ansetzen und nicht an der Kaufkraft der Konsumenten. Die stärken wir im Übrigen auch: Denn gerade die im Export besonders erfolgreiche Metall- und Elektroindustrie war in den vergangenen Jahren regelmäßig ein Bereich mit zum Teil weit überdurchschnittlichen Lohnsteigerungen. Metalllöhne sind Spitze.

4. Schlüsse ziehen, aber die richtigen

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich hat die Krise gerade im Maschinen- und Anlagenbau sehr schmerzlich gezeigt, dass eine global vernetzte Wertschöpfung hoch ansteckungsgefährdet ist. Auch wird der Anpassungsdruck für die Unternehmen generell zunehmen. Und Schocks wie die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise können in Zukunft durchaus häufiger vorkommen. Hier sehen wir den Preis, der zu bezahlen ist für die hohe Vernetzung und Dynamik, die von der Globalisierung ausgehen. Ein vollständiges Immunisieren wird nicht gelingen, aber ein Vorsorgen ist möglich und nötig. Den weltweit zunehmenden Volatilitäten und Anpassungslasten müssen entsprechende Anpassungskapazitäten entgegengesetzt werden – volkswirtschaftlich und auch auf unternehmerischer Ebene.

Zukunft ist weithin unkartiertes Gelände. Wie genau und mit welchen Lösungen sich der globale Wettbewerb gewinnen lässt, kann niemand mit Sicherheit vorhersagen. Doch Unternehmen sind genau in diesem Gelände Spezialisten; sie unternehmen Zukunft und sind bereit, das damit verbundene Risiko auf sich zu nehmen. Die Fähigkeit zur Vernetzung und Anpassung hilft bei dieser Expedition. Unternehmen müssen flexibel und schnell sein in einem sich ständig wandelnden Umfeld, und sie müssen Partner und Kunden begeistern können. Beim vorneweg Marschieren bewegen sie sich aber in einem komplexen sozio-ökonomischen Umfeld, sie hängen ab von Rahmenbedingungen. Die Bandbreite ist lang und reicht von der Steuer-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik über die Umweltpolitik bis hin zur Familien- und Migrationspolitik.

Und hier braucht es ein attraktives, ein intelligentes Setting, um eine zunehmend mobile Wertschöpfung an den Standort zu binden und neue Chancen in Wohlstand für Deutschland umzumünzen. Greifen wir exemplarisch die Innovationspolitik heraus. Forschung und Entwicklung gehören zu den wichtigsten Determinanten für die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Der Staat beeinflusst das Innovationsgeschehen in den Unternehmen keinesfalls nur durch seine originäre Wissenschafts- und Forschungspolitik. Steuerpolitik zum Beispiel ist auch Innovationspolitik.

Hinzu kommt, dass in relevanten Bereichen des Innovationssystems von Marktversagen auszugehen ist, was eine Innovationsförderung auch im Wirtschaftssektor rechtfertigen kann. Hier jedoch kennt Deutschland nur das Instrument einer direkten Forschungsförderung, vor allem die sogenannte Projektförderung, die ihre Berechtigung hat, aber stark selektiv wirkt. Zwei Drittel der OECD-Staaten und 15 EU-Mitgliedsstaaten setzen deshalb auch auf eine steuerliche Forschungsförderung. Dieses indirekte Instrument der Forschungsförderung überlässt es der freien unternehmerischen Entscheidung, welche Innovationsaktivitäten vorangetrieben werden. Sie ist breitenwirksam und weitgehend allokationsneutral. Zum erwähnten intelligenten Setting gehört die steuerliche Forschungsförderung. Sie einzuführen ist überfällig, zusätzlich zur wertschöpfungsorientierten Projektförderung und vorwettbewerblichen Industriellen Gemeinschaftsforschung wohlgemerkt.

Und vergessen wir nicht: Die Weichen, die heute gestellt werden, reichen weit über den Tag hinaus. Deshalb wäre Stillstand in Bildung, die zur Innovationspolitik gehört, gerade jetzt ein Rückschritt. Andere Volkswirtschaften investieren massiv und holen auf. Und Deutschland? Mit unseren Bildungsausgaben, laut OECD 4,8% des Bruttoinlandsprodukts, liegen wir im internationalen Vergleich sogar unter dem Durchschnitt. Die Bildungsrepublik Deutschland ist zu Recht der politische Anspruch, die Bildungsnotstandsrepublik vielerorts aber noch immer die traurige Realität. Der Politik muss endlich klar werden, dass Investitionen in mehr Qualität in der Bildung eine proaktive Innovationspolitik wären. Aber immer noch reden wir hier überwiegend im Konjunktiv. Die Bildungspolitik muss im Pflichtenheft von Bund und Ländern nach ganz oben rücken – als Imperativ!

Hinweis: Der Unternehmerstandpunkt von Dr. Manfred Wittenstein ist in der Fachzeitschrift WiSt (08/2010) erschienen.

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