Die deutsche Industrie lebt nicht nur vom Außenhandel

Im Gefolge der weltweiten Wirtschaftskrise kam es zu einem Rückgang der Warenexporte und der Industrieproduktion in Deutschland in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Dies führte zum stärksten Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg und sorgte für eine ausgeprägte Kritik an der Struktur der deutschen Wirtschaft. Dabei wurde das relativ hohe Industriegewicht kontrovers diskutiert, das im Gegensatz zum internationalen Trend seit 1995 stabil blieb und vor der Krise sogar noch leicht angestiegen war. Im Fokus stand dabei vor allem die starke Weltmarktorientierung der deutschen Industrie. Vor diesem Hintergrund wird kritisiert, dass Deutschland im vorhergehenden Aufschwung vor allem aufgrund der positiven Wachstumsbeiträge des von der Industrie getragenen Außenhandels gewachsen sei.

Zur Erklärung der Entwicklung der Wertschöpfung insgesamt, einzelner Branchen oder Gütergruppen kann auf die Erkenntnisse über den sektoralen Strukturwandel zurückgegriffen werden:

“¢ Die Veränderungen im Branchengefüge einer Volkswirtschaft können teilweise durch Veränderungen bei der inländischen Endnachfrage erklärt werden. Die inländische Nachfrage nach Industrieprodukten verliert möglicherweise langfristig an Bedeutung, weil sich mit steigendem Wohlstand die Nachfrage hin zu Dienstleistungen verschiebt.

“¢ Eine fortschreitende intersektorale Arbeitsteilung, wie sie beispielsweise mit dem Vorleistungsaustausch zwischen Firmen und Branchen gemessen wird, kann ebenfalls die Wertschöpfungsveränderungen mit erklären. In der langen Sicht wurde zum Beispiel ein Teil der industriellen Wertschöpfung zunehmend in Dienstleistungsfirmen ausgelagert (Outsourcing).

“¢ Und nicht zuletzt kann die Globalisierung im Sinne einer stärkeren internationalen Arbeitsteilung den Außenbeitrag und somit die Wertschöpfung eines Produktionsbereichs beeinflussen – sei es durch eine relativ starke Importkonkurrenz oder eine besonders ausgeprägte Exportorientierung.

Die Wertschöpfungsentwicklung auf Branchenebene kann insgesamt durch die inländische Endnachfrage, die Vorratstätigkeit, den Vorleistungssaldo und den Außenbeitrag erklärt werden. Im Folgenden werden fünf Industrie- oder Güterbereiche ausgewählt: Fahrzeuge, Maschinen, Elektrogüter, Metallgüter und chemische (einschließlich pharmazeutische) Produkte. Bei diesen Gütergruppen ist eine vergleichsweise hohe Exporttätigkeit und Weltmarktorientierung zu beobachten. Um dieses Konzept für Deutschland umzusetzen, wurde mit den Input-Output-Tabellen (IOT) des Statistischen Bundesamts gearbeitet. Diese liegen bis zum Jahr 2007 vor und liefern Daten, um die produktions- und gütermäßigen Verflechtungen innerhalb einer Volkswirtschaft darzustellen.

Beim Blick auf den aktuellen Rand – also die Jahre 2004 bis 2007 – muss die These der vermeintlich überzogenen Exportorientierung der deutschen Wirtschaft relativiert werden (siehe Abbildung).

Abbildung: Wachstumsbeiträge im Aufschwung 2004 bis 2007

Wachstumsbeitrag
– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Anmerkung: Wachstumsbeiträge der einzelnen Nachfragekomponenten zur Veränderung der nominalen Bruttowertschöpfung im Zeitraum 2004 bis 2007 in Prozentpunkten.
Privater und staatlicher Konsum (C), Anlageinvestitionen (AI), Vorratsinvestitionen (VI), Vorleistungssaldo aus Vorleistungslieferungen (VLL) und Vorleistungskäufen (VLK), Außenbeitrag (X – M) aus Exporten (X) und Importen (M).
Quellen: Statistisches Bundesamt; Institut der deutschen Wirtschaft Köln

“¢ Gesamtwirtschaftlich spielt der Außenbeitrag als Wachstumstreiber keine dominierende Rolle – und wird sogar klar von dem der heimischen Endnachfrage überwogen. Während die heimische Endnachfrage im Zeitraum 2004 bis 2007 einen Wachstumsbeitrag von über 8 Prozentpunkten zum Zuwachs der nominalen Bruttowertschöpfung von rund 12 Prozent lieferte, trug der Außenhandel nur gut 4 Prozentpunkte bei. Dahinter steht nicht zuletzt, dass der deutsche Dienstleistungshandel – anders als der industrielle Warenhandel – ein Handelsbilanzdefizit aufweist, also höhere Importe als Exporte.

“¢ Bei den Maschinen zeigte sich dagegen eine klare Dominanz des Außenbeitrags. Doch steht dahinter vor allem die Rolle der Maschinen als Investitionsgüter, die gerade in den aufstrebenden Schwellenländern stark nachgefragt wurden.

“¢ Demgegenüber spielt der Außenhandel als Motor des Wachstums bei den Metallprodukten kaum eine Rolle. Vor allem, weil hier die Zuwächse der Wertschöpfung in erster Linie daraus resultieren, dass sich die inländischen Vorleistungslieferungen deutlich besser als die Vorleistungskäufe entwickelt haben. Da die Rolle der Metallprodukte als Zuliefergüter dominiert, hat der Vorleistungssaldo stark zum Wachstum beigetragen.

“¢ Bei den Industriegütern insgesamt, den Fahrzeugen sowie den Chemie- und den Elektroprodukten hat der Außenhandel zwar durchaus starke Wachstumsimpulse gegeben. Doch sind diese nicht sehr viel größer als jene der übrigen Komponenten, unter denen die heimische Endnachfrage die wichtigste Rolle spielt.

Auch in der längerfristigen Betrachtung 1995 bis 2007 des Strukturwandels zeigt sich bei den meisten Produktgruppen ein ähnliches Bild wie zwischen 2004 und 2007. Die Wachstumsbeiträge der heimischen Endnachfrage sind zwar klar positiv, werden aber durch einen starken negativen Effekt des Vorleistungssaldos übertroffen. Denn in der Tendenz überwiegen oft steigende Vorleistungskäufe und damit die Auslagerung von Wertschöpfung (Outsourcing). Dies gilt vor allem für die Industriegüter insgesamt sowie Maschinen und Fahrzeuge, aber nicht für Elektro- und Metallprodukte.

Ohne die positiven Wachstumsimpulse des Außenhandels wäre es zu starken Einbrüchen bei der nominalen Bruttowertschöpfung wichtiger Produktgruppen gekommen. Der Außenhandel hat also wesentlich dazu beigetragen, dass die deutsche Industrie nicht wie in vielen anderen Ländern deutliche Anteilsverluste verbuchen musste. Vor allem in den Krisenjahren 2001 und 2002 verhinderte ein starker positiver Wachstumsbeitrag des Außenhandels einen massiven Einbruch bei der Wertschöpfung der Industrieprodukte.

Hinweis: Jürgen Matthes ist beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln Experte für Internationale Wirtschaftsordnung.

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