Wie Zentralbanken unmoralisches Handeln befördern

„The importance of keeping the pigs in good health was all too obvious. So it was agreed without further argument that the milk and the windfall apples (and also the main crop of apples when they ripened) should be reserved for the pigs alone.“ (George Orwell, Animal Farm, 1989, S. 26)


Die politisch motivierten Markteingriffe der Zentralbanken im Zuge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise befördern „Moralische Wagnisse“ (englisch: „Moral Hazard“). Was ist unter Moralischen Wagnissen zu verstehen?

Ein Versicherungsnehmer, der eine Auto-Schadensversicherung abgeschlossen hat, parkt „schwungvoller“ in eine Parklücke ein als ein Autofahrer, der keine solche Versicherung besitzt. Der Grund: Der Versicherte wird für sein Fehlverhalten (teil-)entschädigt. Er geht daher bewusst höhere Risiken ein gegenüber einer Situation, in der er nicht versichert ist.

Moralische Wagnisse bedeuten, dass die negativen Konsequenzen (Kosten), die das eigene Handeln hat, nicht (vollends) vom Handelnden selbst getragen werden, sondern auf Dritte abgewälzt werden. Im freien Markt sind Moralische Wagnisse durch entsprechende Vertrags- und Prämiengestaltung (etwa für Versicherungsleistungen) in den Griff zu bekommen.

Anders verhält es sich auf Finanzmärkten, auf denen Zentralbanken eine „aktive Rolle“ spielen. Die Finanzmarktakteure erhalten hier Anreize in einer Weise zu handeln, wie sie unter den Bedingungen des freien Marktes aus Eigeninteresse heraus nicht handeln würden, weil sie davon ausgehen können, dass nicht sie selbst für ihre eigenen Fehlentscheidungen haftbar gemacht werden, sondern andere.

Wenn eine Zentralbank der Öffentlichkeit zusichert, sie werde den Zahlungsausfall eines strauchelnden Schuldners abwenden (etwa durch ein Ausweiten der Geldmenge), werden Investoren (ohne viel Nachdenken) bereit sein, die Schuldtitel des Kreditnehmers zu kaufen. Sie können nämlich darauf setzen, dass der Schuldtitel von der Zentralbank im „Notfall“ mit neu gedrucktem Geld zurückgezahlt wird – was zu Lasten der Geldhalter geht, denn deren Kaufkraft wird geschmälert. Ein Paradebeispiel hat der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, geboten, der bereits am 27. Juli 2012 kundtat, die elektronische Notenpresse werde angeworfen, wenn nötig, um den Euro zusammenzuhalten (zitieren ließ sich Herr Draghi mit den Worten: „And believe me, it will be enough“).

Investoren, die frühzeitig erkennen, dass die Zentralbank den Kurs eines Wertpapiers über den Kurs heben wird, der sich auf dem freien Markt eingestellt hat, winken nahezu risikolose Gewinne. Diesen Gewinnen stehen entsprechende Verluste derjenigen Investoren gegenüber, die die Papiere zu niedrigen Kursen verkauft haben, weil sie nicht erkannt haben (oder nicht frühzeitig genug darüber informiert wurden), dass die Zentralbank die Wertpapierkurse über ihren „Fair Value“ heben wird (etwa durch gezielte Käufe der Papiere).

Spannt die Zentralbank ein Sicherheitsnetz unter Staaten, Banken, ja die gesamte Konjunkturlage, werden Investoren Risiken eingehen, die sie ohne eine derartige Zentralbank-Versicherung nicht eingehen würden. Es kommt zu rücksichtslosem Investitionsverhalten, das für Spekulations-Blasen sorgt, die sich nachfolgend in Krisen entladen. Der Investor kann recht gelassen bleiben, weil er davon ausgehen kann, dass die Kurswerte seiner Papiere vor dem Verfall bewahrt werden: Die Zentralbank wird die Geldmenge ausweiten, um eine Rezession abzuwenden, und die Kosten dieser Politik hat wieder einmal der Geldhalter zu tragen.

In einem „Zentralbankregime“ steigt der Anreiz für Private, sich zu verschulden. Denn auch die Privaten werden (rasch) die Vorzüge erkennen, ihren Konsum verstärkt durch Kredit zu finanzieren. Weitet die Zentralbank nämlich die Geldmenge immer weiter aus, nimmt die Kaufkraft des Geldes ab. Der Sparer ist der Geprellte. Der Verschuldete ist der Begünstigte.

Versichert die Zentralbank den Staat gegen Zahlungsausfall, ist Misswirtschaft vorprogrammiert. Der Staat kann dann nicht nur Unnötiges und Unsinniges durch immer mehr Kreditaufnahme finanzieren, er dehnt sich auch immer weiter aus zu Lasten der Privatwirtschaft aus. Dank seiner wachsenden Finanzkraft finden sich immer mehr Gesellschaftsmitglieder, die sich nur allzu gern in die staatliche Abhängigkeit begeben: als seine Angestellten oder aber als Unternehmer, die von Staatsaufträgen profitieren. Die Gesellschaft wird aufgespalten in begünstigte Netto-Steuerempfänger und benachteiligte Netto-Steuerzahler.

Diejenigen, deren Einkommen eng mit den Finanzmarktgeschehnissen verbunden sind (Bank- und Finanzindustrie), aber eben vor allem auch diejenigen, die im Salär des Staates stehen, zählen zu den Begünstigten der politisch geschaffenen Moralischen Wagnisse. Diejenigen, die nicht auf Pump leben, sondern sparen, und die ihr Einkommen fernab des Staates erwirtschaften (beispielsweise als freie Handwerker und/oder freie Unternehmer), zählen im Zentralbanksystem tendenziell zu den Geschädigten.

Politisch induzierte Moralische Wagnisse unterwandern die Prinzipien des freien Marktes. Die Verantwortlichkeit für die Konsequenzen des eigenen Handelns schwindet, die Geschäftsmoral verkommt, die kooperativen und produktiven Kräfte der freien Marktwirtschaft werden geschädigt.

Die Zentralbanken haben mit ihrer Politik mittlerweile die Zinsmärkte entmachtet, geradezu lahmgelegt. Die Zinsen werden durch die (tatsächlichen oder erwarteten) Zentralbankpolitiken niedrig gehalten, sie sind vermutlich weit entfernt von den Niveaus, die sich in einem freien Marktgeschehen einpendeln würden. Der Zins dürfte folglich seine volkswirtschaftliche Lenkungsfunktion weitgehend eingebüßt haben, die Volkswirtschaften befinden sich folglich im Blindflug – sinnvolle Spar-, Konsum- und Investitionsentscheidungen werden geradezu unmöglich gemacht.

Viele Ökonomen sprechen mit Blick auf politisch geschaffene Moralische Wagnisse häufig von „unbeabsichtigten Konsequenzen“, die als „unerwünschte Nebenwirkung“ zwar bedauerlich, aber dennoch zu akzeptieren seien. Denn sie sind gewissermaßen der „Preis“, der zu zahlen ist, um einen noch größeren Missstand abzuwenden – wie etwa ein Zahlungsausfall von Staaten und Banken, der sich im Zuge einer freien Zinsbildung im Kapitalmarkt einstellen würde, mit all seinen wirtschaftlichen und politischen Folgen.

Überzeugen kann diese Argumentation nicht, sie erweckt eher den Eindruck, die tatsächliche Sach- und Interessenlage soll dadurch verschleiert werden. Wie dem auch sei, in jedem Fall sollte die Argumentation kritisch hinterfragt werden: Denn diejenigen, die für Marktinterventionen der Zentralbanken plädieren und damit Moralische Wagnisse heraufbeschwören, können sich schließlich irren – und zwar auch absichtlich.


Thorsten Polleit
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