Junge Ordnungsökonomik
Zu viele Banken, zu viele Kredite?
Eine kritische Würdigung des Finanzsektors

„It is not by augmenting the capital of the country, but by rendering a greater part of that capital active and productive than would otherwise be so, that the most judicious operations of banking can increase the industry of the country.“(Adam Smith)

Nationale Regierungen über den gesamten Globus hinweg formulieren eine klare Erwartungshaltung an den Finanzsektor: Durch eine Ausweitung der Kreditvergabe soll die Wirtschaftsleistung angekurbelt werden. Die Zentralbanken unterstützen diesen Kurs, wollen sie doch durch eine historisch lockere Geldpolitik der sich vielerorts abzeichnenden zarten wirtschaftlichen Erholung weiter an Kraft verleihen. Und um sicherzustellen, dass die Banken der ihnen zugeordneten Rolle auch mit großem Eifer nachkommen, suggerieren Staaten und Regulatoren dies- und jenseits des Atlantiks durch einen Flickenteppich unterschiedlichster regulatorischer Maßnahmen, die „besseren Banker“ zu sein. Dabei existieren alleine in Deutschland und den USA genügend prominente Beispiele für Kreditinstitute, die in der zurückliegenden Finanzkrise trotz staatlicher Steuerung nahezu ungebremst gegen den Eisberg, bestehend aus komplexen Finanzprodukten sowie zu hohen Risiken bei zu geringer Kapitalausstattung, prallten.

Die jüngste Fortsetzung des „quantitative easing“ durch die Europäische Zentralbank wurde von zahlreichen Vertretern aus Wissenschaft und Bankenbranche gleichermaßen kritisiert: Eine Steigerung der Kreditvergabe sei über diesen Weg kaum zu erzielen. Unabhängig davon, dass viele Argumente für die Richtigkeit der These der Kritiker sprechen, drängt sich allerdings eine Diskussion grundsätzlicher Natur auf. Ist eine Ausdehnung der Kreditmenge aus ordnungspolitischer Sicht überhaupt ratsam? Oder wird die von Adam Smith formulierte Prämisse, dass nur von der Vernunft geleitete Bankgeschäfte wirtschaftliches Wachstum stimulieren, durch die aktuelle politische Stoßrichtung ad absurdum geführt?

Finanzsektor als Motor der Wirtschaft

Die zentrale Rolle des Finanzsektors als Motor der Wirtschaft wird in der Literatur ausgiebig und erschöpfend behandelt. Dass ein leistungsfähiges Finanzsystem eine wesentliche Voraussetzung für ökonomische Stabilität und wirtschaftliches Wachstum darstellt, ist demgemäß kaum zu bestreiten. So führten schon Walter Bagehot und John Hicks die Vorreiterrolle Englands bei der Industrialisierung im 18. Jahrhundert nicht etwa auf einen technologischen Vorsprung zurück, sondern identifizierten den fortgeschrittenen britischen Kapitalmarkt als wesentlichen Wettbewerbsvorteil. Joseph A. Schumpeter konkretisierte die Theorie zur ökonomischen Wirkungsweise des Finanzsektors zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Ein funktionierender Kapitalmarkt evaluiert die Erfolgsaussichten unterschiedlicher Investitionsmöglichkeiten und sorgt demzufolge für eine bestmögliche Allokation des knappen Produktionsfaktors Kapital. Erst durch die Intermediationsleistung der Banken werden demzufolge die Realisierung aussichtsreicher Investitionen und die Entwicklung neuartiger Technologien ermöglicht. Die Existenzberechtigung für die Kreditinstitute ergibt sich dabei aus der Tatsache, dass der Markt die Voraussetzung der Vollkommenheit der neoklassischen Theorie nicht erfüllt und somit ohne Banken zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis gelangen würde. Die jüngere Literatur folgt bei der theoretischen Herleitung des ökonomischen Nutzens des Finanzsektors im Wesentlichen fünf Argumentationssträngen:

  1. Vereinfachung des Warenaustauschs durch Zahlungs­verkehrs­dienstleistungen
  2. Mobilisierung, Bündelung und Verwaltung von Ersparnissen
  3. Akquisition und Auswertung von Informationen über Unternehmen bzw. anderen Investitionsmöglichkeiten
  4. Durchführung, Überwachung und Kontrolle von Investitionen sowie ggf. Eingriff in die Unternehmenssteuerung zur Sicherstellung der Rückführung von Krediten
  5. Diversifizierung und Reduzierung von Liquiditätsrisiken sowie Transformation von Fristen.

Die grundsätzliche Notwendigkeit und der Nutzen des Finanzsektors sind demzufolge unstrittig. Weit weniger klar ist allerdings, wie viel Finanzintermediation für eine funktionierende Wirtschaftsordnung erforderlich ist. So zeigte die Empirie bis etwa zur Jahrtausendwende einen eindeutig und kontinuierlich positiven Zusammenhang zwischen der Größe des Finanzsektors und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auf. Mehr Banken bzw. mehr vergebene Kredite waren demzufolge rund um den Globus gleichzusetzen mit höheren Raten für das Wirtschaftswachstum. Dieses Bild trübte sich mit den beiden großen Krisen in den 2000er Jahren allerdings deutlich ein. Die Hypothese, dass der Finanzsektor ab einer gewissen Größe keinen zusätzlichen Nutzen mehr stiftet bzw. sogar negativ auf das wirtschaftliche Wachstum wirken kann, gewann zunehmend an Gewicht. Der Literatur folgend können hierfür drei wesentliche Wirkungsmechanismen verantwortlich gemacht werden.

Punkt 1: Schon Mitte der 1980er Jahre erläuterte Hyman P. Minsky, dass mit einer Ausdehnung des Finanzsektors Spekulationsblasen wahrscheinlicher und darauf folgende Krisen heftiger werden. Unter der gesteigerten Verfügbarkeit von Krediten leidet demzufolge ab einem gewissen Grad die Qualität der getätigten Investitionen. Der Finanzsektor verliert somit sein eigentliches Ziel – die optimale Allokation des Produktionsfaktors Kapital – aus den Augen. Die Liste empirischer Werke, welche eine gesteigerte Kreditvergabe als wesentlichen Indikator für aufkeimende Krisen identifizieren, ist lang. Komplexe Finanzprodukte, welche die Entkopplung von Handlung und Haftung durch die Weitergabe von Risiken ermöglichten, entfalteten in diesem Zusammenhang eine fatale Anreizwirkung. Und auch der Staat hat sich durch implizite und teilweise sogar explizite Bestandsgarantien für Großbanken prominent in das System falsch kalibrierter Verantwortlichkeiten eingereiht.

Punkt 2: Zudem entwickelten sich die Geschäftsmodelle zahlreicher Banken in den vergangenen Jahrzehnten weiter. Die klassischen Aufgaben zur Bereitstellung von Zahlungsverkehrsdienstleistungen und zur Versorgung der Wirtschaft mit Krediten rückten bei vielen Banken zunehmend in den Hintergrund. Welch negative wirtschaftliche Auswirkungen allerdings eine stetig ansteigende private und staatliche Verschuldung haben können – um nur zwei der alternativen Geschäftsfelder der Banken zu benennen – haben das Platzen der US-Immobilienblase und die europäische Schuldenkrise eindrucksvoll verdeutlicht. Demzufolge wirkt sich eine Ausdehnung des Finanzsektors nur so lange positiv aus, wie das Wachstum im Kontext der realwirtschaftlichen Entwicklung entsteht.

Punkt 3: Das letzte häufig in der Literatur anzutreffende Argument bezieht sich auf den Produktionsfaktor Humankapital. So führt die Fokussierung einzelner Länder auf den Finanzsektor insbesondere in Verbindung mit überdurchschnittlichen Vergütungen dazu, dass der übrigen Wirtschaft schlicht der talentierte Nachwuchs entzogen wird. Durch diese suboptimale Ressourcenallokation wird die Entwicklung alternativer Branchen und eine dadurch stärker diversifizierte und krisenresistentere Wirtschaftsleistung beeinträchtigt. Mit Rückblick auf die vergangene Krise scheinen Großbritannien, die Schweiz, Zypern, Island und auch Irland gute Beispiele für eine zu sehr vom Finanzsektor abhängige Wirtschaft zu sein.

Für die Bewertung der ökonomischen Wirkungsweise des Finanzsektors ist es also von entscheidender Bedeutung, in welchem Verhältnis dieser zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung eines Landes steht.

Einige empirische Fakten

Der Finanzsektor hat in den vergangenen Jahrzehnten rund um den Globus an Bedeutung bzw. Größe gewonnen. Diese weit verbreitete Erkenntnis lässt sich mit Blick auf die empirischen Fakten leicht untermauern. Eine in der Forschung weit verbreitete Kennzahl zur Messung der Größe des Finanzsektors sind die liquiden Verbindlichkeiten in Relation zum BIP einer Volkswirtschaft. Die liquiden Verbindlichkeiten ergeben sich hierbei aus den Geldbeständen sowie sämtlichen Sicht- und anderen verzinslichen Einlagen bei den Finanzintermediären eines Landes. Verlässliche Daten bezüglich dieser Kennzahl sind für eine Vielzahl unterschiedlicher Nationen von Beginn der 1960er bis zum Jahre 2011 verfügbar. Wie in Abbildung 1 veranschaulicht, hat sich der Durchschnitt über alle Länder hinweg in diesem Zeitraum von etwas über 30% auf rund 65% mehr als verdoppelt. Die Tendenz zu einem, relativ betrachtet, bedeutender werdenden Finanzsektor ist dabei über die Nationen sämtlicher Einkommensgruppen hinweg zu beobachten. Dennoch wird anhand von Abbildung 1 schnell deutlich, dass vor allem die hoch entwickelten OECD-Länder mit der größten Steigerung zu diesem Wachstum beitrugen. Alleine von 1998 bis zum Jahr 2009 vergrößerten sich ihre Finanzsektoren im Mittel von rund 70% auf nahezu 120% des BIPs. Auffällig ist weiterhin, dass in den wenig entwickelten Volkswirtschaften bis etwa zum Jahr 2000 eine allenfalls marginale Vergrößerung der nationalen Finanzzentren in Relation zur Wirtschaftsleistung zu beobachten ist. Erst in der darauffolgenden Dekade ist auch in den Entwicklungsländern eine Tendenz analog zu den übrigen Nationen zu erkennen.

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Da die relative Größe des Finanzsektors, wie in Abbildung 1 dargestellt, allerdings vergleichsweise abstrakt wirkt, ist eine Betrachtung der von den Banken ausgegebenen Kreditmenge sinnvoll. Erst eine solche Kennzahl erscheint in dem eingangs erläuterten theoretischen Kontext des Finanzdienstleistungssektors und der Wirtschaftsleistung eine gewisse Aussagekraft zu besitzen. In Abbildung 2 ist zu diesem Zwecke die von den Banken an den privaten Sektor ausgegebene Kreditmenge in Relation zum BIP veranschaulicht. Die grundlegende Aussage bleibt allerdings auch bei Betrachtung dieser alternativen Kennzahl bestehen: Der Finanzsektor hat in den zurückliegenden 50 Jahren massiv an Bedeutung gewonnen.  So stieg die ausgegebene Kreditmenge im Mittel über alle Länder hinweg von rund gut 20% auf ca. 54% der jährlichen Wirtschaftsleistung. Der Abstand der OECD-Staaten auf die übrigen Nationen erweist sich als noch eklatanter: Die ausgegebene Kreditmenge sollte sich von Beginn der 1960er Jahre von knapp über 30% auf über 130% des BIPs im Jahr 2009 mehr als vervierfachen. Und auch hier ist das größte Wachstum in der Dekade nach dem Jahrtausendwechsel zu beobachten.

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Dass eine solch massive Ausdehnung der Kreditmenge allerdings keineswegs eine zwangsläufige und alternativlose Begleiterscheinung ökonomischen Fortschritts ist, wird anhand von Abbildung 3 verdeutlicht. So weisen die Daten für Deutschland, Finnland und die Schweiz von Beginn der 1990er Jahre allenfalls ein sehr moderates Wachstum der ausgegebenen Kreditmenge aus. Die USA, welche anders als häufig angenommen nicht für einen überdimensionalen Finanzsektor steht, verzeichnet in den beiden zurückliegenden Dekaden sogar einen leichten Rückgang der Kreditvergabe in Relation zur Wirtschaftsleistung. Eine gänzlich andere Entwicklung ist hingegen für die übrigen EU-Staaten – also ohne Deutschland und Finnland – zu beobachten. Hier sollte sich die ausgegebene Kreditmenge alleine von knapp 50% in 1998 bis auf über 140% im Jahre 2009 fast vervierfachen. Bezogen auf das Jahr 2011 belegen Zypern, Spanien und Irland mit 284%, 209% bzw. 208% an ausgegebenen Krediten in Relation zum BIP die „Spitzenpositionen“ innerhalb der EU.

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Neben den beiden bis hierhin verwendeten Kennzahlen bietet die Weltbank eine Fülle vergleichbarer Indikatoren zur Messung der relativen Wichtigkeit des Finanzsektors an – die dargestellten grundlegenden Aussagen und Tendenzen sind gegenüber einem Austausch der Kennzahl dabei äußerst robust. Alleine allerdings die Erkenntnis, dass der Finanzsektor mit wenigen Ausnahmen rund um den Globus massiv an Bedeutung gewonnen hat, lässt noch keinen Rückschluss auf seine ökonomische Wirkungsweise zu. In Abbildung 4 ist daher die Verbindung der Größe des Finanzsektors und des Wirtschaftswachstum anhand von einfachen Streuungsdiagrammen abgetragen. Zur Glättung von konjunkturbedingten Effekten sowie zur Reduzierung der Auswirkung etwaiger Ungenauigkeiten bei der Datenerhebung ist es ökonometrischer Standard, in einem solchen Kontext den Durchschnittswert über fünf Jahre zu nutzen. Bis inklusive der Zeitperiode von 1991 bis 1995 ist eine positive Korrelation zwischen den liquiden Verbindlichkeiten in Relation zum BIP und dem realen Wirtschaftswachstum zu erkennen. Ein größerer Finanzsektor geht demzufolge mit einem höheren Wirtschaftswachstum einher. Über den Zeitverlauf hinweg verschwindet dieser positive Zusammenhang allerdings und dreht in der letzten Dekade des Beobachtungs­zeitraums schließlich ins Negative.

Finanzsektor und Wachstum
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Der dargestellte Zusammenhang ist robust gegenüber einem Austausch der verwendeten Kennzahl zur Messung der Bedeutung des Finanzsektors. Um dies zu verdeutlichen, ist in Abbildung 5 die relative Kreditmenge der untersuchten Länder in Verbindung mit dem realen Wirtschaftswachstum pro Kopf dargestellt. Zur Erhöhung der Übersichtlichkeit sind die Perioden bis einschließlich des Jahres 1995 stark verdichtet dargestellt. Der empirische Befund ist eindeutig: Die positive Wirkungsweise einer Steigerung der ausgegebenen Kreditmenge verschwindet, um schließlich in den 2000er Jahren ins Negative zu drehen.

Kreditmenge und Wachstum
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Auf der Basis der bisher dargestellten empirischen Erkenntnisse stellt sich die Frage, ob der Finanzsektor in den zurückliegenden Jahren eine grundsätzlich negative ökonomische Wirkungsweise angenommen hat. Zur Beantwortung dieser Fragestellung wird das Streuungsdiagramm in Abbildung 6 nach dem jeweiligen Entwicklungsstand der untersuchten Nationen differenziert. Auf diese Weise wird offensichtlich, wie unterschiedlich der Finanzsektor in den untersuchten Ländern wirkt. In den hoch entwickelten Industrieländern (grün) ist die Korrelation bereits bis 1995 durchweg niedriger als in den übrigen Nationen (blau). Die negative Korrelation ist im weiteren Verlauf bereits eine Periode früher (1996-2000) zu beobachten als noch bei Betrachtung des gesamten Samples in der vorhergehenden Abbildung. Im Gegensatz hierzu weisen die Nationen der mittleren bis unteren Einkommensgruppen einen vollkommen anderen Zusammenhang aus: Die Korrelation der ausgegebenen Kreditmenge mit dem realen Wirtschaftswachstum bleibt kontinuierlich positiv. Der Finanzsektor scheint in diesen Nationen also noch seinen eingangs beschriebenen originären Aufgaben der Wirtschaftsförderung nachzukommen, während in den Industrienationen zunächst eine Sättigung bis hin zu einer schädlichen Wirkung eines zu großen Finanzsektors zu beobachten ist. Naturgemäß lässt sich anhand von einfachen Streuungsdiagrammen weder ein kausaler Wirkungszusammenhang nachweisen noch eine Scheinkorrelation ausschließen. Der hier dargestellte Befund lässt sich allerdings auch unter Anwendung ausgefeilter ökonometrischer Methoden und wissenschaftlich etablierter Wachstumsmodelle nachweisen (vgl. Gründler / Weitzel (2013); ferner sei auf Acharya et al. (2014) für einen aktuellen Überblick über die neuere empirische Literatur verwiesen, in der sich der hier dargestellte empirische Befund ebenfalls widerspiegelt).

Kreditmenge und Wachstum
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Aus europäischer Sicht ist es zudem spannend, die hoch entwickelten Nationen nochmals weiter zu untergliedern. Zu diesem Zweck sind in Abbildung 7 die EU-Staaten (grün) und die übrigen Nationen der obersten Einkommensgruppe (blau) dargestellt. Wenn auch die Ergebnisse aufgrund des kleinen Samples mit großer Vorsicht zu interpretieren sind, so scheint das Wirtschaftswachstum der EU-Nationen in der Dekade nach dem Jahr­tausend­wechsel doch deutlich stärker unter den überdimensionierten Finanzsektoren zu leiden als in den übrigen hoch entwickelten Staaten.

Kreditmenge und Wachstum
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Ursachen bekämpfen statt Symptome behandeln

Der empirische Befund verdeutlicht, dass der Bankensektor in seiner derzeitigen Ausgestaltung und Größe weit weniger schützenswert ist, als vielfach durch geschickte Lobbyarbeit Glauben gemacht wird. Die Regulatorik scheint sich in diesem Zusammenhang eher mit den Symptomen einer zu einflussreichen Finanzbranche zu beschäftigen, als die grundlegende Frage, wie groß ein Finanzsektor sein sollte um gesamtwirtschaftlichen Nutzen zu stiften, mit der notwendigen Ernsthaftigkeit zu thematisieren. Klar ist allerdings auch, dass der Finanzsektor in Nationen, in denen er deutlich näher an seinem ursprünglichen Mandat – dem Zusammenführen von Ersparnissen und Investitionen – agiert, noch immer positiv auf die Wirtschaft wirkt. Es ist daher wohl kaum als Zufall zu interpretieren, dass die Bundesrepublik mit einem funktionierenden Zusammenspiel von Mittelständlern und regionalen Banken, welche stark auf das Kreditgeschäft mit einer von ihnen beherrschbaren Komplexität fokussiert sind, besser durch die Krise kam als der überwiegende Rest des europäischen Kontinents. Für die Ausgestaltung der Finanzmarktregulatorik auf europäischer Ebene ergeben sich in diesem Zusammenhang einige ungenutzte Potenziale, welche das Zusammenspiel von Finanzbranche und Realwirtschaft nachhaltig verbessern könnten. Die drei vielversprechendsten Ansätze seien an dieser Stelle kurz angerissen:

i.          Deutlich höhere Eigenkapitalanforderungen würden helfen, verantwortungsvolles Handeln und die daraus resultierende Haftung wieder verstärkt in Einklang zu bringen. Die durch Basel III implementierten Veränderungen wirken lediglich aus Sicht der Banken und unter Berücksichtigung des ohnehin schon geringen Eigenkapitalniveaus in der Finanzbranche als streng. Eine Kombination aus risikogewichteter und absoluter Eigenkapitalunterlegung scheint dabei der Herausforderung, eine angemessene Risikoorientierung bei gleichzeitiger Vermeidung von, absolut betrachtet, zu hoch verschuldeten Finanzinstituten herzustellen, am besten gewachsen zu sein. Die Abschaffung der kaum begründbaren steuerlichen Bevorzugung von Fremd- gegenüber Eigenkapital würde zudem den betriebswirtschaftlichen Anreiz der Banken zu überhöhten Fremdkapitalquoten massiv eindämmen.

ii.         Die Klassifizierung staatlicher Schuldtitel als risikofreie Anlage scheint ein längst überholtes Relikt zu sein. Eine angemessene Risikogewichtung ist nicht unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Vernunft erforderlich, sondern trägt auch zu einer effizienteren Allokation des Produktionsfaktors Kapital bei.

iii.        Bei einer näheren Betrachtung von Einzelinstitutsdaten wird schnell ersichtlich, dass das massive Wachstum der globalen Finanzzentren vor allem durch die großen, systemrelevanten Institute beschleunigt wurde. Eine progressive Besteuerung der Größe von Finanzinstituten im Sinne einer Pigou-Steuer wäre deutlich leichter umzusetzen und wirksamer, als ein wenig glaubhafter und komplexer Abwicklungsmechanismus, an dessen Ende der Haftungskaskade noch immer der Steuerzahler steht. Nicht nur, dass der Abwicklungsfonds mit 55 Mrd. für den gesamten Euro-Raum deutlich zu klein dimensioniert ist – alleine der Wille zur tatsächlichen Schließung nationaler Ikonen der Finanzdienstleistungsbranche wird den jeweiligen Regierungen in der nächsten Krise fehlen.


Die Finanzdienstleistungsbranche hat ihre Aufgabe als Finanzintermediär und Motor der Wirtschaft in den hoch entwickelten Industrienationen seit den 1990er Jahren in zunehmendem Maße aus den Augen verloren. Das Wachstum der Banken verlief weitestgehend losgelöst von der realwirtschaftlichen Entwicklung – über eine verstärkte Krisenanfälligkeit sowie eine suboptimale Allokation der Produktionsfaktoren sollte sich schließlich sogar eine negative Wirkung auf das Wirtschaftswachstum einstellen. Die Politik konzentriert sich gegenwärtig allerdings durch die Beibehaltung unrealistisch geringer Risikogewichte für öffentliche Schuldtitel sowie einer ultralockeren Geldpolitik auf die Sättigung des schier endlosen Hungers nach staatlichen Schulden. Die kritische Berücksichtigung der negativen Auswirkungen ausufernder Haushaltsdefizite bei gleichzeitiger Bildung von Blasen an Aktien- und Immobilienmärkten ist dabei scheinbar zu viel verlangt. Zudem ist der Finanzmarkt weit davon entfernt, tatsächlich ein „Markt“ zu sein, wie ihn sich beispielsweise Adam Smith oder Joseph A. Schumpeter gewünscht hätten. Die Größe entspricht nicht Angebot und Nachfrage, der Eintritt neuer Marktakteure wird durch die zunehmende regulatorische Komplexität quasi unmöglich, das Ausscheiden aus dem Markt ist bei hinreichender Größte bzw. Systemrelevanz nicht erst seit der jüngsten Krise ebenso unwahrscheinlich.


Acharya, V. / Boot, A. / Brunnermeier, M. / Buch, C. / Hellwig, M. / Langfield, S. / Pagano, M. / Sapir, A. / van den Burg, I. (2014):  Is Europe Overbanked? (Reports of the Advisory Scientific Committee No. 4 / June 2014). Frankfurt: European Systemic Risk Board.

Admati, A. / Hellwig, M. (2013): The Bankers‘ New Clothes. Princeton: Princeton University Press.

Bagehot, W. (1873): Lombard Street – A Description of the Money Market. London: Henry S. King and Co.

Beck, T. (2008): The Econometrics of Finance and Growth (Policy Research Working Paper No. 4608). Washington: The World Bank.

Beck, T. / Demirgüç-Kunt, A. / Levine, R. (2009): Financial Institutions and Markets across Countries and over Time – Data and Analysis (Policy Research Working Paper No. 4943). Washington: World Bank.

Gründler, K. / Weitzel, J. (2013): The Financial Sector and Economic Growth in a Panel of Countries (Diskussionspapier Nr. 123). Würzburg: Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät.

Hicks, J. (1969): A Theory of Economic History. Oxford: Oxford University Press.

Minsky, H. P. (1986): Stabilizing an Unstable Economy. New York: McGraw-Hill.

Schumpeter, J. A. (1912): Theorie der Wirtschaftlichen Entwicklung. Leipzig: Dunker & Humblot.

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