Unter dem Titel „Kuren für Gebildete“ konnte man kürzlich im Spiegel[1] lesen, dass Mütter mit niedrigerem Schulabschluss geringere Chancen hätten, eine Kur bewilligt zu bekommen, als Mütter mit höherer Schulbildung. Die Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks hatte dazu angemerkt: „Frauen, die nicht so fit im Kopf sind wie andere Antragsstellerinnen oder einfach nicht wissen, was sie alles einfordern können, werden vom System diskriminiert.“ Als empirischer Beleg wurde angeführt, dass der Anteil der Kuren für Mütter mit Haupt- und Realschulabschluss in den vergangenen 10 Jahren um insgesamt 11 Prozentpunkte gesunken sei, während der Anteil der Abiturientinnen in Mütter- oder Mutter-Kind- Kurmaßnahmen um 15 Prozentpunkte stieg.
Im Begleitinformationsmaterial zur Pressekonferenz des Müttergenesungswerks – dem Datenreport 2014: Gesundheitsrisiko Mutter[2] – wurden die entsprechenden empirischen Belege geliefert (Abbildung 1).
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Tatsächlich ist der Anteil der Kuren von Müttern mit Haupt- und Realschulabschluss zurückgegangen im Gegensatz zum Anteil der Mütter mit Fachabitur/Abitur. Und, wie in der Überschrift der Abbildung zu entnehmen ist, sind Frauen mit Realschul- oder höherem Schulabschluss überdurchschnittlich im Vergleich zum Bundesdurchschnitt vertreten. Auf den ersten Blick scheinen die empirischen Belege die Aussage der Diskriminierung also zu stützen.
Allerdings lohnt ein zweiter Blick auf die Zahlen. Zunächst kann man sich die Frage stellen, wie denn eigentlich der „Bundesdurchschnitt“ bei den Schulabschlüssen – also der Vergleichswert – genau definiert ist. Die ausgewiesenen Quoten lassen vermuten, dass es sich nicht um den Bildungsstand von Müttern mit kleinen Kindern handelt, sondern um die Schulabschlüsse aller Deutschen im Jahr 2012. Dieses wird vom Müttergenesungswerk auch bestätigt. Somit darf allerdings bezweifelt werden, dass es sich um eine sinnvolle Vergleichsgröße handelt, da in diesem Fall das Durchschnittsalter der Personen, für die die Vergleichsschulabschlüsse ausgewiesen sind, etwa bei 50 Jahren liegen dürfte.[3] Das Müttergenesungswerk weist in seinem Begleitmaterial aber selber ein Durchschnittsalter der Mütter in den Kuren von 37 Jahren aus. Insofern werden 13 Jahre Veränderungen bei den Anteilen der Schulabschlüsse in dem dargestellten Vergleich ignoriert. Da in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich ein Trend zu höheren Schulabschlüssen stattgefunden hat, ist der dargestellte Vergleich wenig hilfreich, um daraus auf eine Diskriminierung zu schließen.
Die gleiche Kritik kann angeführt werden, wenn die Veränderungen der Anteile der kurenden Mütter nach Schulabschluss in den vergangenen 10 Jahren ausgewiesen wird: Wenn die Schulabschlüsse im Laufe der Zeit steigen, sollte auch der Anteil der Mütter mit höheren Schulabschlüssen unter den Kurteilnehmerinnen zunehmen. Ob der Effekt der gestiegenen Schulabschlüsse den Effekt der Veränderung der Anteile bei den Kuren nach Schulabschluss erklären kann oder nicht, kann auf der Datenbasis des Müttergenesungswerks nicht beurteilt werden.
Offensichtlich kann aus den vorgebrachten empirischen Belegen also nicht rückgeschlossen werden, ob Mütter mit niedrigerem Schulabschluss geringere Chancen haben, eine Kur bewilligt zu bekommen.[4] Insofern lohnt der Blick auf Daten, die der Beantwortung der Fragestellung deutlich näher kommen. Das Statistische Bundesamt hat in einer Sonderauswertung auf Basis des Mikrozensus[5] Daten zu Müttern nach Schulabschluss, Erwerbsbeteiligung und dem Alter des jüngsten Kindes für die Jahre 2002 bis 2012 berechnet. In Abbildung 2 sind die Anteile der Mütter mit jüngstem Kind im Alter bis unter 10 Jahren[6] differenziert nach Schulabschluss für die Jahre 2002 und 2012 dargestellt. Es lässt sich zum einen sehr gut erkennen, dass der Anteil mit mindestens Fachhochschulreife deutlich (um 12%-Punkte) gestiegen ist, während der Anteil der Mütter mit Volks- bzw. Hauptschulabschluss deutlich gesunken ist (um knapp 10%-Punkte). Zum anderen liegen die Anteile 2012 relativ dicht bei denen, die in Abbildung 1 für die Mütter bei einer Kur durch das Müttergenesungswerk ausgewiesen wurden. Allerdings liegen tatsächlich noch geringe Unterschiede vor.
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Es lohnt also eine zweite Betrachtung, die inhaltlich darauf fußt, dass das Müttergenesungswerk den Anteil der Mütter, die erwerbstätig sind, bei einer Kur mit 70% ausweist.[7] Der überwiegende Teil der Mütter ist also erwerbstätig. In Abbildung 3 sind die Anteile der erwerbstätigen Mütter mit jüngstem Kind im Alter bis unter 10 Jahren differenziert nach Schulabschluss für die Jahre 2002 und 2012 dargestellt. Es zeigt sich, dass bei dieser Auswertung die Anteile der jeweiligen Schulabschlüsse 2012 nahezu vollständig mit denen der Mütter, die 2013 an einer Kur teilgenommen haben (Abbildung 1), übereinstimmen.
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Es lässt sich somit schlussfolgern, dass die vom Müttergenesungswerk dargestellte Diskriminierung von Frauen mit niedrigerem Schulabschluss bezüglich der Chancen, eine Kur bewilligt zu bekommen, zumindest anhand der verfügbaren Zahlen nicht erkennbar ist. Die Aussage des Müttergenesungswerks basiert schlicht auf falschen Datenzusammenstellungen bzw. -interpretationen.
Fußnoten
[1] Spiegel 27/2014: 15.
[3] Durchschnittsalter der erwachsenen deutschen Bevölkerung 2012, Quelle: Statistisches Bundesamt; eigene Berechnungen.
[4] Das Müttergenesungswerk hat nach eigenen Aussagen keine Daten zu Anträgen und Bewilligungen von Kuren von Müttern differenziert nach Schulabschluss vorliegen, die alternativ die Frage nach einer entsprechenden Diskriminierung beantworten könnten.
[5] „Der Mikrozensus ist eine repräsentative Haushaltsbefragung der amtlichen Statistik in Deutschland. Rund 830 000 Personen in etwa 370 000 privaten Haushalten und Gemeinschaftsunterkünften werden stellvertretend für die gesamte Bevölkerung zu ihren Lebensbedingungen befragt. Dies sind 1 % der Bevölkerung, die nach einem festgelegten statistischen Zufallsverfahren ausgewählt werden. Die Befragung ist absolut vertraulich und die Daten werden nur für statistische Zwecke verwendet.“, siehe Statistisches Bundesamt
[6] Das Müttergenesungswerk weist das Durchschnittsalter der Kinder von kurenden Müttern mit 6,0 Jahren aus.
[7] Darüber hinaus wurden seitens der kurenden Mütter als stärkste Belastungen „ständiger Zeitdruck“ und „berufliche Belastung“ genannt.
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