Gastbeitrag
China – Vom Wachstumsmotor zum Risikofaktor

Die Volksrepublik China war viele Jahre der Motor für das globale Wachstum und den internationalen Handel. Von 2000 bis 2014 trug China 30 % zum globalen Wachstum bei, während der Anteil an den weltweiten Exporten von 4 % im Jahr 2000 auf 14 % im Jahr 2015 stieg. China stieg so zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hinter den USA auf.

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Auch für Deutschland spielt der Aufstieg Chinas eine große Rolle. Im Jahr 2021 war die Volksrepublik zum sechsten Mal in Folge Deutschlands wichtigster Handelspartner. Insgesamt wurden zwischen beiden Ländern Waren im Wert von 246,1 Mrd. Euro gehandelt. Mit Blick auf die Importe und Exporte zeigt sich, dass die USA als Absatzmarkt die Hauptrolle spielen, während China vor allem als Lieferant für die deutsche Volkswirtschaft eminent wichtig ist. Der Wert aller aus China importierten Waren lag im vergangenen Jahr bei 142,4 Milliarden Euro.

Es sind aber nicht nur die beeindruckenden Zahlen der Gesamtimporte und -exporte, die China für Deutschland – und für Europa – zu einem wichtigen Handelspartner machen. Die Volksrepublik liefert in bedeutendem Umfang Rohstoffe und Vorleistungen für wichtige deutsche Industriezweige und für Technologien, die als besonders zukunftsträchtig eingestuft werden. Gemäß der Europäischen Kommission liegt der Anteil der aus China in die EU importierten Rohstoffe für die Produktion von Elektromotoren bei 65 %, für Windturbinen bei 54 % und für die Photovoltaik-Technologie bei 53 %.

Laut einer Umfrage des ifo Instituts (Februar 2022) beziehen 46 % der Industrieunternehmen und 40 % der Unternehmen im Handel wichtige Vorleistungen aus China. Heruntergebrochen auf die einzelnen Branchen sind vor allem die Unternehmen der Automobilindustrie (75,8 %), Datenverarbeitungsgeräte (71,6 %) und Elektrische Ausrüstung (70,6 %) auf Vorleistungen aus China angewiesen.

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Das Erfolgsmodell hat ausgedient
Inzwischen spricht viel dafür, dass der chinesische Boom dauerhaft vorüber ist. Die Wachstumskräfte erlahmen, die staatlichen Stimuli verlieren an Wirkung, Übertreibungen und Verzerrungen sind zu korrigieren und somit fällt China als Wachstumslokomotive für die Weltwirtschaft wohl aus. Genau genommen ist es erstaunlich, dass der Wirtschaftsboom überhaupt so lange anhalten konnte. Im Sinne der Konvergenzhypothese war durchaus zu erwarten, dass sich China im Rahmen eines wirtschaftlichen Aufholprozesses den Industrienationen von unten annähert. Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren von der Möglichkeit, sich die Erfolgsrezepte der wohlhabenden Industrienationen abschauen zu können. Allein durch Adaption und Imitation können relativ schnell Wohlstandszuwächse verzeichnet werden. Im Zeitablauf gehen aber oft die Auftriebskräfte verloren, sodass weiteres Wachstum immer schwerer zu realisieren ist. China hat es dennoch lange Zeit verstanden, die Wachstumsraten außerordentlich hoch zu halten – nicht zuletzt mit zweifelhaften Methoden wie Produktpiraterie und erzwungenem Technologie-Transfer. Mit der massiven Subventionierung der eigenen Unternehmen verschaffte sich China zudem unfaire Vorteile im internationalen Wettbewerb.

Letztlich war der wirtschaftliche Aufstieg das Ergebnis eines eigentümlichen Wirtschaftsmodells, das marktwirtschaftliche Prozesse mit starken Elementen einer Zentralverwaltungswirtschaft kombiniert. Einige Beobachter hatten darin schon eine Alternative zum Kapitalismus amerikanischer Prägung gewittert. Doch nach und nach zeigen sich immer mehr Schwachstellen dieses Systems.

Die staatlichen Investitionsausgaben, mit deren Hilfe die ambitionierten Wachstumsziele erreicht werden sollten, haben teilweise zu massiven Übertreibungen zum Beispiel im Immobiliensektor geführt. Die chinesische Führung hat versucht, einige der Exzesse in den Griff zu bekommen. Durch strengere Vorschriften für den Bausektor sollte der Überschwang eingedämmt werden. Nun entweicht seit einiger Zeit die Luft aus dem Immobilienmarkt, allerdings mit den üblichen Nebenwirkungen. Die Binnenwirtschaft und das Finanzsystem werden in Mitleidenschaft gezogen. Die negativen Vermögenseffekte belasten den Konsum und konterkarieren damit die staatlichen Bemühungen, den Konsum zu stärken. Dadurch gerät die Regierung in die Zwickmühle: Wie können die Erwartungen für den Immobilienmarkt erneut ins Positive gedreht werden, ohne direkt wieder übertriebene Euphorie auszulösen?

Insgesamt spricht viel dafür, dass das Wachstum vorerst stark eingetrübt bleibt. Auch wegen der rigiden Corona-Politik dürfte das Wachstum in diesem Jahr lediglich knapp 3 % erreichen und im nächsten Jahr auf knapp 4 % steigen. Das sind Werte deutlich unter denen der letzten zwei Dekaden mit phasenweise zweistelligem Wirtschaftswachstum. Auch längerfristig dürfte moderates Wachstum die neue Normalität sein. Das ist kein Absturz, aber eine echte Wachstumslokomotive ist China damit eben auch nicht mehr.

Politische Unwägbarkeiten
Mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist das Thema noch nicht zu Ende: China entwickelt sich auch politisch zu einem Risikofaktor. Der Taiwan-Konflikt macht dies aktuell besonders deutlich. Sollte dieser Konflikt eskalieren, hätte die Weltwirtschaft ein weiteres ernsthaftes Problem. Doch selbst wenn sich der China-Taiwan-Konflikt wieder beruhigen sollte, bleibt China für den Rest der Welt eine Herausforderung.

Inzwischen ist klar, dass es zwischen den westlichen Industrienationen und China nicht nur um punktuell unterschiedliche Ansichten in der Außen-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik geht. Es geht um einen regelrechten Systemwettbewerb mit China. Hier sind von westlicher Seite dicke Bretter zu bohren. Wie stellt man sich handelspolitisch zu einem Land, das seine Unternehmen staatlich massiv subventioniert und so im internationalen Wettbewerb unfaire Wettbewerbsvorteile verschafft? Wie geht man um mit einem Land, das Menschenrechte mit Füßen tritt und das Verhalten seiner Bevölkerung mithilfe eines Sozialkredit-Systems strikt überwacht. Eine wertebasierte Außenpolitik kann schnell an ihre Grenzen stoßen, wenn Länder wirtschaftlich eng miteinander verflochten sind, politisch aber diametral unterschiedliche Vorstellungen haben. Unter normalen Umständen ist China für Deutschland ein nicht wegzudenkender Handelspartner. Aber sind die Umstände noch normal?

Neuer Blick auf die Globalisierung
Tatsache ist, dass sich der Blick auf die Globalisierung in den letzten Jahren grundlegend verändert hat. Seit Anfang der neunziger Jahre wurde die Globalisierung primär unter Effizienzgesichtspunkten gesehen. Es ging darum, durch internationale Arbeitsteilung die Wohlstandsgewinne einzufahren, die in jedem Lehrbuch zur Außenwirtschaftstheorie ausführlich beschrieben werden. Die Schattenseiten der Globalisierung – Verteilungsprobleme, Abhängigkeiten, Fragilität – wurden lange Zeit als nachrangig eingestuft oder gleich ganz ignoriert.

Doch mit Donald Trump als US-Präsident im Jahr 2016 zerbrach die scheinbar heile Welt der Globalisierung. Mit seiner „America first“-Idee lenkte Trump im Wahlkampf die Aufmerksamkeit auf die Globalisierungsverlierer. Zudem ging er nach der Amtsübernahme gegenüber China in die Offensive und zettelte später einen Handelskrieg an. Zum damaligen Zeitpunkt war es noch ein regelrechter Schock für die Finanzmärkte. Das Vorgehen Trumps war eine Zäsur für die Handelspolitik. Heute ist eine kritische Sicht auf China in Washington D.C. weit verbreitet.

Mit der Corona-Pandemie ist die Globalisierung noch aus ganz anderen Gründen unter Druck geraten: Nun stand die Versorgungssicherheit im Mittelpunkt der Diskussion. Die hochgradig vernetzte Weltwirtschaft mit langen internationalen Lieferketten war plötzlich ein Risiko für die Versorgungssicherheit eines Landes. Schon machten Schlagwörter wie „Near-Shoring“ und „De-Globalisierung“ die Runde.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verschärfte diese kritische Sicht auf den internationalen Handel, da im Zuge des Krieges die Preise für Nahrungsmittel und insbesondere für Energie international in ungeahnte Höhen schossen. Zudem bekam die Idee vom „Wandel durch Handel“, wonach sich autoritäre Regime durch den Handel mit demokratischen Systemen politisch und gesellschaftlich öffnen, mindestens tiefe Kratzer. Nun machte das Schlagwort des „Friend-Shoring“ die Runde. Demnach soll es zwar weiter internationale Arbeitsteilung geben, aber nur noch mit befreundeten Staaten, die ähnliche Werte teilen.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine reagieren viele Beobachter noch einmal deutlich sensibler auf China. Vorbei sind die Zeiten, in denen China in erster Linie als billiger Produktionsstandort angesehen wurde. Jetzt richtet sich der Blick auf die Risiken, die von der Volksrepublik ausgehen – wirtschaftlich, gesellschaftlich und inzwischen auch sicherheitspolitisch. Letztlich hat es beim Blick auf China eine 180-Grad-Wende gegeben. Die lange bekannten, aber oft vernachlässigten Besonderheiten des autokratischen Systems werden nun notgedrungen einer erneuten, diesmal wohl sehr viel kritischeren Analyse unterzogen. Unternehmen haben damit begonnen, ihr China-Engagement zu reduzieren.

Der 20. Parteitag der Kommunistischen Partei ab dem 16. Oktober, auf dem Staatspräsident Xi Jinping seine Macht weiter festigen wird, rückt all diese Unwägbarkeiten in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit. Eine Volksrepublik China, die nach einer internationalen Machtposition strebt, hätte wohl viel früher anders betrachtet werden müssen als durch unsere modelltheoretische Ökonomen-Brille, bei der Handel im Regelfall ganz harmonisch zum beiderseitigen Nutzen stattfindet.

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