Das Fracking-VerbotWann prüft der Deutsche Bundestag die Angemessenheit?

Deutschland ist in massiver Weise von Erdgasimporten abhängig. Dies ist spätestens seit dem Stopp der russischen Erdgaslieferungen nach Deutschland durch die Nord-Stream-Pipeline allen bewusst. Ohne diese Importe muss Deutschland nun etwa die Hälfte seines Gasverbrauchs von ehemals rund 95 Milliarden Kubikmetern pro Jahr aus anderen Quellen decken. In Windeseile versucht nun die Bundesregierung, dieses enorme Defizit durch den Import an verflüssigtem Erdgas (liquefied natural gas, LNG) auszugleichen, da der Bau neuer Pipelines zur Erhöhung des Gasangebots aus anderen Ländern viele Jahre in Anspruch nehmen würde. Verflüssigtes Erdgas hat noch einen weiteren Vorteil: Es erleichtert die Diversifikation der Importe, denn verflüssigtes Erdgas kann von einer Vielzahl an Ländern aus Übersee bezogen werden, etwa Australien, Kanada und den USA.

Weil Deutschland bis vor kurzem noch über keine LNG-Terminals zur Anlandung und Regasifizierung von verflüssigtem Erdgas verfügte, investiert die Bundesregierung mehrere Milliarden Euro in die Errichtung von fünf schwimmenden Speicher- und Regasifizierungs-Anlagen (Floating Storage and Redasification Units, FSRU). Die erste FSRU wurde mit einer Jahreskapazität von rund 5 Milliarden Kubikmetern nach sehr kurzer Umsetzungszeit schon im Dezember 2022 in Wilhelmshaven in Betrieb genommen, Ende 2023 soll dort ein zweites Terminal ähnlicher Größe folgen. Auch in Stade und Lubmin ist für Ende 2023 die Fertigstellung zweier derartiger Terminals vorgesehen, in Brunsbüttel ist mittlerweile ein weiteres Terminal in Betrieb. Zudem sollen bis zum Jahr 2026 zwei stationäre LNG-Terminals errichtet werden. Diese Bestrebungen zeigen, wie sehr Deutschland in den kommenden Jahren auf verflüssigtes Erdgas setzen möchte.

Ebenso wichtig wie der Aufbau der Infrastruktur ist bei diesen Bestrebungen die Beschaffung ausreichender Mengen an LNG auf dem Weltmarkt. Die im Dezember 2022 mit Katar geschlossene Vereinbarung, die ab dem Jahr 2026 die Lieferung von bis zu 2,8 Milliarden Kubikmetern jährlich für mindestens 15 Jahre vorsieht, ist ein erster Schritt, aber in ihrer Größenordnung nicht sehr bedeutend. LNG-Importe aus anderen Ländern, insbesondere aus den USA, werden daher in den kommenden Jahren in großen Mengen nötig sein.

Die zunehmende Abhängigkeit von LNG wird für die Verbraucher wohl mit höheren Kosten verbunden sein: Die Preise für verflüssigtes Erdgas dürften in der Regel höher sein als für Erdgas, das per Pipeline importiert wird, da die Verflüssigung von Erdgas bei Temperaturen unter -160 Grad Celsius und der Transport von LNG sehr energieintensiv sind und damit auch kostenintensiv. Daher geht das EWI (2022) davon aus, dass die Erdgaspreise in Deutschland im Jahr 2030 dreimal so hoch sein werden wie in den USA, wenn die Gaslieferungen aus Russland nicht wieder aufgenommen werden und die Erdgasnachfrage nicht um ein Drittel des Verbrauchsniveaus von vor der Energiekrise zurückgeht. Im Gegensatz dazu waren die Preise vor der Energiekrise „nur“ doppelt so hoch wie die US-Preise.

Neben den höheren Kosten sind mit dem Import von LNG weitere Nachteile verbunden. So erfordert die Gasverflüssigung und der Import von LNG per Tanker, beispielsweise aus den USA, einen beträchtlichen Energieeinsatz und verursacht dadurch nicht unerhebliche Mengen an Treibhausgasen, da Verflüssigung und Transport bislang auf Basis fossiler Brennstoffe erfolgen. Daher wäre es umweltfreundlicher, wenn Deutschland wieder selbst mehr Erdgas gewinnen würde. Dazu könnte Deutschland seine laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR 2016: 13) beträchtlichen, in Schiefergestein lagernden Gasreserven mit Hilfe von hydraulischen Verfahren (Fracking) ausbeuten. Auf diese Weise wird in den USA seit vielen Jahren in großem Umfang Erdgas gewonnen. Die USA ist durch die Erdgasförderung auf Basis von Fracking zum größten Erdgasproduzenten der Welt avanciert.

Nachdem für Deutschland allerspätestens seit der Sabotage der von Russland nach Deutschland führenden Nord-Stream-Pipelines feststeht, dass russisches Pipeline-Gas eine wenig wahrscheinliche Option für die nahe Zukunft ist, sollte die Möglichkeit einer heimischen Förderung von Erdgas aus Schiefergestein nun ernsthaft diskutiert werden. Bis vor dem russischen Angriff auf die Ukraine konnte man diese Möglichkeit aufgrund des schier unbegrenzt erscheinenden Angebots an russischem Pipeline-Gas leicht mit dem Hinweis auf die vermeintlichen Risiken abtun, die mit dieser Technologie verbunden seien.

Doch die Risiken, die mit Fracking in Deutschland verbunden sind, sind der vom Deutschen Bundestag eingesetzten Expertenkommission Fracking (2021) zufolge weit weniger gravierend, als dies in den Medien oftmals dargestellt wird. So bewertete diese Kommission die Auslösung eines schädlichen Erdbebens durch Fracking, eines der beiden häufig genannten Risiken, die mit dieser Technologie in Zusammenhang gebracht werden, als äußerst gering. Das Risiko einer Grundwasserverschmutzung, das zweite häufig genannte Risiko, schätzte die Kommission ebenso als gering ein. Nach Ansicht der sechs Experten der unabhängigen Kommission würde Fracking in Deutschland ein vertretbares Risiko darstellen, wenn entsprechende Standards eingehalten werden. Wohlgemerkt: Zu dieser Kommission gehören Expertinnen und Experten, die der interessierten Parteinahme für Fracking unverdächtig sein sollten, unter anderem eine Vertreterin des Umweltbundesamtes, ein Vertreter des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung Leipzig, ein Vertreter eines Landesamtes für Geologie, das nicht für die Zulassung von Erprobungsmaßnahmen für Fracking zuständig ist, und eine Vertreterin einer für Wasserwirtschaft zuständigen Landesbehörde, die ebenfalls nicht für die Zulassung von Erprobungsmaßnahmen zuständig ist.

Die Förderung heimischer Schiefergasvorkommen könnte vor diesem Hintergrund dazu beitragen, Deutschlands Importabhängigkeit bei Erdgas wesentlich zu verringern: Laut einer Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR 2016: 13) aus dem Jahr 2016 könnten die Schiefergasvorkommen etwa das Zehnfache des jährlichen Gasverbrauchs in Deutschland decken. Dies würde allerdings voraussetzen, dass Deutschland das im Jahr 2017 verhängte Fracking-Verbot, das lediglich Erprobungsversuche erlaubt, aufhebt. Nach Einschätzung der Expertenkommission Fracking hätte die Prüfung des Deutschen Bundestages zur Angemessenheit des Verbots von Fracking in unkonventionellen Lagerstätten (nach § 13a Absatz 1, Wasserhaushaltsgesetz) bereits auf Basis ihres Berichts aus dem Jahr 2021 erfolgen können. Es stellt sich die Frage, warum diese Prüfung trotz Energiekrise und Gasknappheit bislang noch immer nicht vorgenommen wurde.

Kritiker des Frackings führen neben den nach der Expertenkommission sehr begrenzten Risiken weitere Argumente gegen einen möglichen Einsatz von Fracking in Deutschland ins Feld, die allerdings allesamt wenig stichhaltig sind. So würde erstens der Aufbau der Infrastruktur für die Schiefergasförderung viele Jahre in Anspruch nehmen. Daher würde dies keine Option sein, um in der aktuellen Engpasssituation zu helfen. Das Beispiel der in Windeseile errichteten LNG-Terminals zeigt jedoch, wie schnell Infrastruktur aufgebaut werden kann, wenn der entsprechende politische Wille und die energiewirtschaftliche Notwendigkeit vorhanden sind.

Zweitens wird oftmals argumentiert, dass aufgrund klimapolitischer Notwendigkeiten Erdgas schon bald kein erhebliches Gewicht mehr im deutschen Energiemix spielen dürfe und daher getrost auf die heimische Gewinnung von Erdgas verzichtet werden könne. Dass Erdgas bald keine nennenswerte Bedeutung mehr haben wird, ist allerdings eher klimapolitisches Wunschdenken angesichts der Tatsache, dass die Wärmeerzeugung im Gebäudesektor noch immer zu etwa der Hälfte auf Erdgas beruht und sich Erdgasheizungen aufgrund von Lebensdauern von bis zu mehreren Jahrzehnten auch noch im nächsten und übernächsten Jahrzehnt in großer Zahl im Gebäudebestand befinden werden.

Drittens befürchten Kritiker einen Lock-in-Effekt, weil eine Schiefergasgewinnung, wenn sie denn in Deutschland tatsächlich in Gang gesetzt würde, über einen längeren Zeitraum betrieben werden würde, damit sich die nötigen Investitionen auszahlen. Dieses Argument greift jedoch nicht: Die Kritiker von Fracking sollten anerkennen, dass bis zur endgültigen Erreichung der Klimaneutralität, die in Deutschland für das Jahr 2045 vorgesehen ist, die Nutzung fossiler Energieressourcen auch weiterhin erforderlich sein wird, wenn unser Wohlstand aufrechterhalten werden soll. Zur Deckung des nach wie vor enormen Energiebedarfs Deutschlands ist Erdgas die sauberste Alternative unter den fossilen Brennstoffen: Die Verbrennung von Erdgas ist nur mit etwa der Hälfte der Kohlenstoffemissionen der Braunkohleverbrennung verbunden. Der Verzicht auf diese relativ emissionsarme Energiequelle ist für die europäische Wirtschaft eindeutig keine Option, solange nicht in ausreichendem Maße Alternativen wie Wasserstoff kostengünstig zur Verfügung stehen. Die Erschließung der beträchtlichen heimischen Schiefergasreserven könnte Deutschland daher zu einem wichtigen Akteur auf dem europäischen Gasmarkt werden lassen und helfen, den Wohlstand in Deutschland zu erhalten oder gar zu mehren.

Das größte Hindernis für die Aufhebung des Fracking-Verbots scheint vor diesem Hintergrund die Befürchtung der Politik zu sein, dass eine kleine, aber lautstarke Minderheit der deutschen Bevölkerung aus ideologischen Gründen gegen die Schiefergasförderung durch Fracking demonstrieren würde. Dies darf jedoch kein Grund sein, sich einer rationalen Entscheidung zu entziehen, denn die Förderung von Schiefergas in Deutschland könnte sowohl die heimische Wertschöpfung als auch die Versorgungssicherheit erhöhen und zugleich die Umweltbelastungen, insbesondere die Treibhausgasemissionen, reduzieren, die mit dem Import an verflüssigtem Erdgas aus fernen Ländern wie den USA, Katar oder gar Australien verbunden sind. Es wäre angesichts möglicher Gasknappheiten auch in den kommenden Wintern an der Zeit, diese Option zur Ausweitung des knappen Energieangebots in Deutschland zum Gegenstand einer unvoreingenommen sachlichen gesellschaftlichen Diskussion zu machen.

Referenzen:

BGR (2016) Schieferöl und Schiefergas in Deutschland. Potenziale und Umweltaspekte. Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover.

EWI (2022) Szenarien für die Preisentwicklung von Energieträgern, Endbericht im Auftrag des Akademienprojekts »Energiesysteme der Zukunft« (ESYS), Juli 2022, Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln. https://www.ewi.uni-koeln.de/de/aktuelles/esys/

Expertenkommission Fracking (2021) Bericht der Expertenkommission Fracking. https://expkom-fracking-whg.de/bericht

Manuel Frondel

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