Gastbeitrag
Eigentum als Ordnung – nicht als Privileg

Privateigentum ist kein verhandelbares Privileg, sondern eine zentrale Institution der Marktwirtschaft und eine Voraussetzung individueller Freiheit. Wird Eigentum politisch konditioniert oder moralisch relativiert, verliert die marktwirtschaftliche Ordnung ihre innere Logik – und der Raum gesellschaftlicher Selbstbestimmung wird enger. Eine freie Gesellschaft kann ohne gesichertes Eigentum und die freie Verfügung darüber nicht bestehen.

Die Diskussion um das Privateigentum hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschoben. Was lange als selbstverständlicher Bestandteil der marktwirtschaftlichen Ordnung galt, wird heute zunehmend als politisch disponibler Faktor behandelt: als verhandelbares Gut, als moralisch zu rechtfertigender Besitz, als sozial zu konditionierende Ressource. Eigentum erscheint nicht mehr als Ordnungsprinzip, sondern als Problemfall – je nach Größe, Herkunft oder Verwendung.

Diese Verschiebung wird häufig als Detailfrage verkannt. Es gehe, so heißt es, um Wohnraum, um Vermögenskonzentration, um soziale Gerechtigkeit oder um fiskalische Fairness. Tatsächlich aber steht weit mehr auf dem Spiel. Wer das Privateigentum relativiert, greift nicht einzelne Besitzstände an, sondern das institutionelle Fundament der Marktwirtschaft selbst – und damit zugleich eine zentrale Voraussetzung der freien Gesellschaft.

Eigentum als ordnungspolitisches Prinzip

Privateigentum ist keine Frage moralischer Bewertung, sondern eine institutionelle Regelung. Es ist eine Institution. Seine ordnungspolitische Bedeutung liegt nicht im „Haben“, sondern im Zusammenhang von Verfügung, Verantwortung und Haftung. Eigentum ordnet wirtschaftliches Handeln, indem es Entscheidungsmacht klar zuweist und die Folgen dieser Entscheidungen zurechenbar macht.

In einer marktwirtschaftlichen Ordnung bedeutet Eigentum:

  • dass Investitionen aus eigener Verantwortung erfolgen,
  • dass Erträge und Verluste nicht kollektiviert werden,
  • dass Planung, Innovation und Risiko untrennbar verbunden sind.

Ohne Eigentum gibt es keinen Rechnungszusammenhang. Wo Eigentum nicht gesichert ist, verlieren Preise, Investitionen und wirtschaftliche Entscheidungen ihren koordinierenden Charakter. Ohne diese Verknüpfung zerfällt wirtschaftliches Handeln in politische Zwecksetzung und individuelle Entlastung. Wo nicht der Eigentümer entscheidet, entscheidet jemand anderes – meist unter Bedingungen, die weder Haftung noch langfristige Verantwortung kennen.

Eigentum ist daher kein Anhängsel der Marktwirtschaft, sondern ihr tragendes Element. Märkte funktionieren nicht, weil Güter getauscht werden, sondern weil klar ist, wem sie gehören und wer über sie verfügen darf. Diese Ordnung wirkt weit über die Ökonomie hinaus: Sie begründet einen Bereich individueller Selbstbestimmung, der sich politischer Verfügung entzieht und damit konstitutiv für eine freie Gesellschaft ist.

Eigentum und Freiheit

Die Bedeutung des Eigentums erschöpft sich nicht in ökonomischer Effizienz. Es ist zugleich eine zentrale Voraussetzung individueller Freiheit. Freiheit ohne Eigentum bleibt abstrakt. Sie existiert als formales Recht, verliert aber ihre praktische Wirksamkeit.

Eigentum schützt individuelle Lebensentwürfe vor politischer Zugriffsmacht. Es ermöglicht Unabhängigkeit, nicht im Sinne von Autarkie, sondern im Sinne von Nicht-Verfügbarkeit. Wer über Eigentum verfügt, kann planen, vorsorgen, investieren, auch wider den Zeitgeist oder gegen politische Opportunitäten. Eigentum schafft einen Raum, in dem Entscheidungen nicht ständig neu legitimiert werden müssen.

Historisch betrachtet ist dieser Zusammenhang eindeutig: Gesellschaften mit schwach gesichertem Privateigentum neigen zur Politisierung wirtschaftlicher Entscheidungen. Was dann als „soziale Steuerung“ beginnt, endet regelmäßig in Verteilungskämpfen, Machtkonzentration und wirtschaftlicher Stagnation. Märkte werden nicht effizienter, sondern abhängiger; Freiheit wird nicht gerechter verteilt, sondern administriert.

Die schleichende Erosion des Eigentums

Die gegenwärtige Gefährdung des Privateigentums erfolgt selten offen. Enteignungen im klassischen Sinne sind die Ausnahme. Weitaus wirksamer ist die schrittweise Konditionierung: Eigentum bleibt formal bestehen, verliert aber seine Substanz.

Typische Formen dieser Erosion sind:

  • politische Zweckbindungen,
  • regulatorische Überformung,
  • Sonderabgaben und selektive Besteuerung,
  • moralische Delegitimierung bestimmter Eigentumsformen.

In all diesen Fällen wird Eigentum nicht abgeschafft, sondern seiner ordnenden Funktion beraubt. Die Verfügungsmacht des Eigentümers wird eingeschränkt, ohne dass die Verantwortung vollständig übertragen würde. Entscheidung und Haftung fallen auseinander.

Damit verändert sich die Logik der Marktwirtschaft grundlegend. Investitionen werden zurückhaltender, Risiken politisiert, Innovationen verzögert. Vor allem aber entsteht Unsicherheit: nicht über Marktbedingungen, sondern über politische Eingriffe. Wo Eigentum jederzeit neu justiert werden kann, verliert langfristiges Handeln seinen Sinn.

Entscheidend ist: Diese Entwicklung trifft nicht nur „große Vermögen“ oder einzelne Branchen. Sie betrifft die institutionelle Erwartung, dass Eigentum geschützt ist – unabhängig von politischer Mehrheitslage oder moralischer Konjunktur.

Eigentum verteidigen heißt Ordnung verteidigen

Die Verteidigung des Privateigentums ist keine Lobbyangelegenheit und kein reflexhafter Schutz bestehender Vermögensverhältnisse. Sie ist eine ordnungspolitische Notwendigkeit. Wer Marktwirtschaft will, muss Eigentum prinzipiell schützen – nicht nur im Einzelfall, nicht nur solange es politisch opportun erscheint.

Eine marktwirtschaftliche Ordnung lebt von der Verlässlichkeit ihrer Institutionen. Eigentum gehört zu ihren unverzichtbaren Grundlagen. Wird es relativiert, moralisiert oder politisch disponibel gemacht, verliert die Marktwirtschaft ihre innere Logik – auch wenn ihre äußeren Formen erhalten bleiben. Zugleich wird der Raum individueller Freiheit enger, weil wirtschaftliche Selbstbestimmung ohne gesichertes Eigentum nicht bestehen kann.

Eigentum ist kein Privileg, das gewährt oder entzogen werden kann. Es ist eine Ordnung, die Freiheit, Verantwortung und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit miteinander verbindet. Wo diese Ordnung aufgegeben wird, bleibt am Ende weder eine funktionierende Marktwirtschaft noch eine freie Gesellschaft – sondern politische Verfügung über ökonomisches und individuelles Handeln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.