Markt und Moral werden oft als Gegensätze gesehen: hier der kalte, vermeintlich von Egoismus getragene, rationale Markt, dort die warmherzige, altruistische und werteorientierte Moral. Dies ist die Sichtweise der zahlreichen Marktkritiker. Dabei gerät die gegenseitige Bedingtheit aus dem Blick. Der Markt benötigt nämlich die Moral als Fundament – denn ohne Vertrauen und Rechtssicherheit kann kein Handel existieren und sich kein Markt etablieren. Umgekehrt benötigt die Moral die Effizienz des Marktes, um den Wohlstand zu erwirtschaften, der ein würdevolles Leben und eine gerechte Güterverteilung überhaupt erst ermöglicht.
Zentrale Fragen sind: Welche Gesetze steuern das menschliche Verhalten? Ist Moral marktimmanent oder wie kann man durch organisatorische Steuerungsmechanismen den Markt zu einem effizienten Diener moralischer Werte machen? Ist der Markt ein Helfer oder Partner der Moral oder vielmehr ein Gegner, wie moderne Marktkritiker behaupten? Was ist dran an den Argumenten der Marktkritiker? Was für Beziehungen bestehen zwischen ökonomischem Handeln und Moral? Welche Antworten hat die ökonomische Wissenschaft auf diese Fragen parat? Und wie ist die Sicht der Philosophie? Was sagt die Wirtschaftsethik zu den Beziehungen zwischen Ethik und Wirtschaft? Lassen sich die drei Sichtweisen verknüpfen?
Der Ausgangspunkt: Adam Smith und die ökonomische Klassik
Adam Smith, der Gründervater der Marktwirtschaft, war nicht nur Ökonom, sondern auch Moralphilosoph. Nach den Erkenntnissen des im Jahre 1990 verstorbenen Finanzwissenschaftlers und profunden Smith-Interpreten sowie Smith-Übersetzers Horst Claus Recktenwald dachte Adam Smith in den Kategorien einer umfassenden Wirtschafts-, Wissenschafts-, Kultur-, Natur-, Ideen- und Menschheitsgeschichte. Er war also weit mehr als der geistige Vater der Volkswirtschaftslehre, wie er oft auch von Experten der Ideengeschichte dargestellt wird, die ihn auf diese Rolle verkürzen. Die im Jahr 2023 zum 300. Geburtstag von Adam Smith erschienenen Beiträge aus dem Ökonomenlager zielen meist mit Schwerpunkt auf die Pionierleistungen Smith`s für die Entwicklung der ökonomischen Wissenschaft ab. Dabei war Smith ein Universalgelehrter. Im Urteil des ökonomischen Nobelpreisträgers Milton Friedman war Adam Smith „ein vom ‚Staunen‘ getriebener Wissenschaftler, der…Einzelphänomene zu einer Kette zusammenfügen trachtete, um durch ihre Verknüpfung mit etwas Vorangegangenen den gesamten Ablauf des Universums zu einem sinnvollen Ganzen zu machten“ (Milton Friedman 1985, S.219). Adam Smith glaubte an eine göttliche Ordnung hinter den Dingen. Diese breite Orientierung und Weitsicht ist der heutigen reduktionistischen und vorwiegend mathematisch ausgerichteten Ökonomie, die zu guten Teilen zur esoterischen Priesterwissenschaft mutiert ist, fremd.
Adam Smith’s Werk ist dreigeteilt. Es setzt sich zusammen aus dem „Wohlstand der Nationen“, der „Theorie der ethischen Gefühle“ und den Aufsätzen über philosophische Themen („Essays on Philosophical Subjects“. Wie Horst Claus Recktenwald gezeigt hat, muss man alle Werke als architektonische Einheit sehen, um den wirtschaftenden Menschen als Hauptfigur im „Wohlstand der Nationen“ sachgerecht interpretieren und Märkte richtig würdigen zu können. Tut man das, betrachtet man also den wirtschaftlichen Akteur auf Märkten durch die Brille oder aus der Perspektive der „Theorie der ethischen Gefühle“, löst sich das sogenannte „Adam-Smith-Problem“ als vermeintliche Unvereinbarkeit beider Werke in Wohlgefallen auf. In der „Theorie der ethischen Gefühle“ steht hingegen der im Privatleben – also in Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft – agierende Mensch im Mittelpunkt, der sowohl von Herz als auch Verstand geleitet ist. Auf Märkten hingegen dominiert die Ratio, zumal es dort um Effizienz und Wohlstand für alle oder auch um eine möglichst breite Basis für soziales Handeln geht und somit Altruismus fehl am Platz oder eher störend ist.
Im „Wohlstand“ gelangt Smith zu der Schlussfolgerung, dass es automatisch der Gesellschaft nutzt oder dem Gemeinwohl dient, wenn der Mensch auf Märkten sein natürliches Selbstinteresse verfolgt. Privates Handeln zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation wird wie von einer „Unsichtbaren Hand“ gesteuert in Allgemeinwohl transformiert. Dieses auf Märkten verfolgte Eigeninteresse darf aber nicht mit Egoismus verwechselt werden, wie Horst Claus Recktenwald nachdrücklich betont hat. Er hätte Peter Bofinger, der im Zusammenhang mit Adam Smith „vom Segen des Egoismus“ sprach, wohl vehement widersprochen.
Das Eigeninteresse ist vielmehr geläutert. Denn in der „Theorie der ethischen Gefühle“ charakterisiert Adam Smith den Menschen als soziales und mitfühlendes Wesen, dessen Eigeninteresse durch Einfühlungsvermögen (Sympathie oder, modern formuliert, Empathie) und die moralische Instanz des „unparteiischen Beobachters“- es entspricht dem Gewissen bei Kant – diszipliniert wird. Bei Smith entspringt dieses Denkkonstrukt eines neutralen Richters, der das eigene Verhalten bewertet, der menschlichen Imaginationskraft. Es ist – im Gegensatz zum eher metaphysischen Gewissen – real, da es von jedermann erfahrbar ist.
Die Ethik ist nach Adam Smith also auch bei Marktprozessen systemimmanent. Sie konstituiert die sogenannten Sekundärtugenden, ohne die Märkte nicht funktionsfähig wären, weil die Transaktionskosten ins Unermessliche steigen würden und weil Tauschakte Vertrauensvorschuss voraussetzen, der wiederum auf moralischem Handeln gründet. Auch hat bei Adam Smith das Streben des Menschen nach Anerkennung durch die Mitmenschen einen ebenso hohen Rang wie das Streben, durch materielle Güter seine Lebenssituation zu verbessern. Der Mensch ist also weder ein rücksichtsloser, selbstsüchtiger Egoist noch ein platter Materialist, sondern ein im Spiegelkabinett menschlicher Beziehungen und Bewertungen interagierendes soziales Wesen, dem Verhaltensbeschränkungen auferlegt sind.
Handelt der Mensch in der privaten Sphäre, also in der Familie, im Freundeskreis und in der Nachbarschaft, sind die in der Natur des Menschen verankerten moralischen Leitplanken ausreichend für ein harmonisches Zusammenleben und es ist Raum für Hilfsbereitschaft und Altruismus. Auf anonymen Märkten hingegen herrscht Distanz zwischen Menschen. Als Realist erkannte Adam Smith, dass unter den Bedingungen der Anonymität weitere Korrektive in das System der natürlichen Freiheit eingebaut werden müssen, um auf Nummer sicher zu gehen, dass bei unvollkommenen Menschen das Eigeninteresse nicht degeneriert, also in Rücksichtslosigkeit und Gewinnsucht umschlägt oder in Faulheit oder Fahrlässigkeit etc. Denn wenn sich der Mensch unbeobachtet wähnt, wenn also die Missbilligung durch Mitmenschen fehlt, verhält er sich anders, als wenn er unter Aufsicht steht. Dann ist der „unparteiische Beobachter“ als moralische Leit- und Kontrollinstanz in der Regel zu schwach. Das ist wie in der Hundeforschung: Die auf dem Tisch liegende Wurst wird gefressen, wenn das Herrchen den Raum verlassen hat. Es bedürfte schon der Moral oder Disziplin eines Blindenhundes, wenn dies nicht der Fall wäre.
In anonymen Großgesellschaften und auf Märkten bedarf es also der staatlichen Normen (Gesetze), die Fehlverhalten unter Strafe stellen sowie der Aufsichtsbehörden, die gewissermaßen für den außer Kraft gesetzten „Unparteiischen Beobachter“ einspringen. Ferner ist die disziplinierende Kraft des Wettbewerbs erforderlich, um zu verhindern, dass Anbieter überhöhte Preise verlangen und sich Laschheit breit macht und die Kosten ins Kraut schießen. Diese drei Schranken für das Eigeninteresse werden im „Wohlstand der Nationen“ thematisiert, während die ersten beiden (Sympathie oder Mitgefühl und Regeln der Ethik) in der „Theorie der ethischen Gefühle“ abgehandelt werden. Wenn der Staat den nötigen Rechtsrahmen schafft und für funktionsfähigen Wettbewerb sorgt, dann ist es so, dass mit mittelmäßigen Menschen, die naturgemäß erst an sich und dann erst an andere denken, beste Ergebnisse für die Allgemeinheit erzielt werden. Unter diesen Bedingungen ist automatisch dem Gemeinwohl gedient, wenn der Mensch sein eigenes Interesse verfolgt. Berühmt ist der Satz, dass wir unser Essen nicht dem Wohlwollen, sondern dem Eigeninteresse des Bäckers, Metzgers oder Brauers verdanken.
Die Schranken oder moralischen Leitplanken, die dem wirtschaftenden und auf Märkten agierenden Menschen gesetzt sind, gleichen also gewissermaßen einem Netz und doppelten Boden. Das erste Sicherheitsnetz besteht aus Mitgefühl und Regeln der Ethik. Der doppelte Boden besteht aus dem normativen Ordnungsrahmen und den dazu gehörigen Institutionen des Staates und dem Wettbewerb. Schädigungen Dritter oder externe Kosten haben im moralisch fundierten ganzheitlichen System von Adam Smith keinen Platz.
Horst Claus Recktenwald hat gezeigt, dass mit dem „Wohlstand der Nationen“ und der „Theorie der ethischen Gefühle“ eine natürliche und freiheitliche Ordnung für das harmonische Zusammenleben von Menschen entdeckt worden ist. Das Smith’sche Ordnungsmodell fußt auf drei Grundpfeilern: dem Markt, der Ethik und dem Staat, der die Regeln setzt. Die Freiheit des einzelnen wird durch die Rechte von Mitmenschen beschränkt. Erlaubt ist alles, was deren Rechte nicht verletzt. Das Dreigestirn Markt, Staat und Ethik bildet eine höhere Funktionseinheit. Die drei Elemente harmonieren miteinander und sind natürliche Komplementaritäten, die sich gegenseitig befruchten. Horst Claus Recktenwald sprach von der Smith`schen Trilogie. Für Adam Smith war das natürliche System der Freiheit gottgewollt.
Der soziale und moralische oder menschliche Mensch nach dem Weltbild von Adam Smith wird heutzutage durch die moderne Verhaltensökonomie wiederentdeckt Diese empirische Forschungsrichtung, für die stellvertretend Namen wie Ernst Fehr, Daniel Kahnemann und Tania Singer stehen, bestätigt die Richtigkeit des Menschenbildes bei Adam Smith. Die Verhaltensökonomie zeigt, dass der Mensch besser ist als sein Ruf, den er in der modernen reduktionistischen und mathematisierten Ökonomie genießt, die Marktmängel in den Mittelpunkt rückt und Akteure am Markt kriminalisiert, während sie die Akteure in der Politik idealisiert.
Die Abspaltung der Ökonomie von der Morallehre
Im 19. und 20. Jahrhundert erfolgte eine Abspaltung der Ökonomie von der Moralphilosophie. Dies führte zu einer Auflösung des komplexen Menschenbildes, das dem Ordnungssystem von Adam Smith zugrunde lag. Der Mensch war nicht länger ein Wesen, das von Vernunft und Mit-Gefühl sowie Bauchgefühl gesteuert war und das in einer Welt unvollkommener Informationen und von Transaktionskosten lebt. Sondern er wurde auf die reine Ratio und den Eigennutz reduziert und hatte alle Informationen, die kostenlos verfügbar waren. Ideengeschichtlich erfolgte also eine konzeptionelle Entkoppelung von Markt und Moral. Und menschliches Verhalten wurde so angepasst, dass es mathematisch modellierbar und prognostizierbar war. Der Mensch verwandelte sich in eine kalkulierbare zweibeinige Rechenmaschine mit Ohren.
Der Homo Oeconomicus von John Stuart Mill als analytisches Kunstkonstrukt
Aus der historischen Verengung ging das modellanalytische Konstrukt des Homo Oeconomicus hervor, eines kühlen Rechners, der nach Eigennutz strebt. Diese auf John Stuart Mill zurückgehende Modellfigur, die der neoklassischen Theorie zugrunde liegt, ist fälschlicherweise oft Adam Smith zugerechnet worden. Sie geht von drei Prämissen aus: Erstens wird das strikte Rationalprinzip unterstellt. Beim Maximumprinzip realisiert der Akteur mit gegebenen Mitteln den maximalen Ertrag, beim Minimumprinzip strebt er ein gegebenes Ziel mit dem geringsten Mitteleinsatz an. Zweitens wird Nutzenmaximierung unterstellt, also ein individuelles Handlungskalkül, bei dem der einzelne den subjektiven Nutzen maximiert und die Kosten minimiert. Dies kann als das Streben nach dem höchstmöglichen materiellen oder finanziellen Vorteil interpretiert werden. Drittens wird angenommen, dass die Präferenzen des Akteurs geordnet und kurzfristig stabil sind.
In diesem Handlungskalkül bedeutet Wirtschaftlichkeit eine reine Zweck-Mittel-Rationalität. Sie ist nach Max Weber wertneutral, also frei von Werturteilen. Handlungsoptionen werden nicht nach den moralischen Kategorien von „gut“ oder „böse“ eingestuft, sondern von „effizient“ und „ineffizient“. Die Ziele oder Wünsche der Individuen werden in der Ökonomie nicht von einer moralischen Warte heraus hinterfragt und bewertet. Es spielt keine Rolle, ob der einzelne eine Luxusjacht erwirbt oder für eine Krebsklinik spendet oder Geld für den Denkmalschutz ausgibt. So gesehen ist das neoklassische Modell moralisch blind. Der Markt ist also in diesem Sinne ausschließlich ein anonymer unpersönlicher Entdeckungs- und Koordinationsmechanismus oder ein Erfüllungsgehilfe von Konsumentenwünschen, die nicht moralisch bewertet werden.
Wird eine Verhaltensänderung angestrebt, kann das nicht über moralische Appelle geschehen, die auf eine Korrektur der Präferenzen abzielen. Vielmehr müssen politische Instanzen eine Korrektur der Restriktionen anpeilen, die der einzelne bei seiner Entscheidung beachten muss. Darunter fallen das verfügbare Einkommen, die relativen Preise oder gesetzliche Gebote und Verbote. Strategische Variablen, um das menschliche Verhalten in moralisch wünschenswerte Bahnen zu lenken, sind also die Anreizstrukturen. Um umweltbewusstes Verhalten zu fördern, bietet sich etwa die Verteuerung von fossiler Energie an.
Appendix: Moral ist in die neoklassische Ökonomie integrierbar
Oft ist Kritik an der Neoklassik und am Homo Oeconomicus geübt worden, weil man das Menschenbild für verzerrt hielt und glaubte, John Stuart Mill habe einen gefühlskalten Egoisten und Rechner im Auge, der ausschließlich von der Ratio geleitet ist. Tatsächlich ist die Annahme der Rationalität aber zutreffend für die am Markt handelnden Menschen. Tatsächlich steht Handeln aus dem Bauchgefühl heraus auch nicht im Widerspruch zur Rationalität. Vielmehr ist Bauchgefühl mit Rationalität bei unvollkommener Information und bei der Existenz von Transaktionskosten gleichzusetzen. Tatsächlich lässt sich Sympathie oder Mitgefühl als sozialer Kitt bei Adam Smith im nüchternen ökonomischen Modell als das Ausbleiben externer Kosten erfassen oder modellieren. Tatsächlich ist der Mensch der Neoklassik auch nicht der selbstsüchtige Materialist, sondern der durch Schranken disziplinierte Mensch, der sein natürliches Selbstinteresse verfolgt und damit unbeabsichtigt zur maximalen allgemeinen Wohlfahrt beiträgt. Und tatsächlich sind das neoklassische Rechengerüst und der Modellrahmen so flexibel handhabbar, dass auch altruistisches Handeln in die neoklassische Wohlfahrtstheorie integrierbar ist, wie Egon Sohmen gezeigt hat. Dann geht das Wohl des anderen als Argument in die individuelle Nutzenfunktion ein. Ebenso lässt sich auch modellieren, dass der Mensch nicht nur Nutzen aus materiellen Gütern, sondern auch aus sozialer Anerkennung zieht.
Kurzum: Der Homo Oeconomicus als Modellbild des wirtschaftenden und auf Märkten agierenden Menschen hat nach wie vor Bestand. Er ist nicht „out“, wie die Empathieforscherin Tania Singer und ihre Mitstreiter aus dem wissenschaftlichen Lager der „Caring-Economics“ fälschlicherweise meinen. Es sind dies der ehemalige Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, und der im Dienste des Dalai Lama stehende buddhistische Mönch und Chemiewissenschaftler Matthieu Ricard. Der Homo Oeconomicus gleicht vielmehr einer mit wenigen Pinselstrichen erstellten Karikatur des wirtschaftenden Menschen, der erkennbar ist, obwohl er auf einer Photographie oder in echt natürlich anders aussieht. Die Karikatur war erforderlich, um das wohltätige Wirken einer „Unsichtbaren Hand“ auf Wettbewerbsmärkten mathematisch beweisen zu können. Die Ökonomen Kenneth Arrow und Gerard Debreu haben im Jahr 1954 in ihrer Nobelpreisarbeit nachgewiesen, dass bei vollkommener Konkurrenz und geregelten Eigentumsrechten der Marktmechanismus ein Höchstmaß an Effizienz herbeiführt. Sie haben also den mathematischen Konsistenzbeweis für das Wirken der „Unsichtbaren Hand“ hinter dem Marktpreismechanismus und Wettbewerbs erbracht, die die Dinge zum Guten hinlenkt. Der nach Adam Smith „geläuterte“ Homo Oeconomicus ist also gewissermaßen ein Spezialfall innerhalb einer allgemeinen Verhaltenslehre, wie sie von den modernen Verhaltensforschern wiederentdeckt wird. Sie war bei Adam Smith bereits fest verankert.
Die Sicht der modernen Ökonomie: Marktmängel und Kollisionen mit der Moral
Neuere Strömungen in der Ökonomie und Weiterentwicklungen der Wirtschaftswissenschaften haben zu Ergebnissen geführt, die dem bisher Gesagten widersprechen, wonach Eigennutz und Allgemeinwohl harmonieren. Es wurden reduktionistische Modelle konstruiert, in denen das individuelle Streben nach Eigennutz paradoxerweise zu Resultaten führt, die weder moralisch wünschenswert noch aus kollektiver Warte heraus ökonomisch effizient sind. Die Spieltheorie hat gezeigt, dass es zum sogenannten Gefangenendilemma kommen kann. Darunter ist die kollektive Selbstschädigung durch individuellen Eigennutz zu verstehen. Dabei werden Entscheidungssituationen analysiert, in denen der Erfolg des einzelnen vom Verhalten anderer abhängig ist.
Angenommen zwei konkurrierende Unternehmen stehen vor der Entscheidung, freiwillig Umweltauflagen einzuhalten, oder die Umwelt rigoros auszubeuten, um die Kosten zu minimieren und den Gewinn zu maximieren. Kollektiv wünschenswert wäre, wenn sich beide für den teuren Einsatz umweltsparender Technologie entscheiden würden. Wenn Unternehmen A den Umweltschutz wählt, Unternehmen B aber nicht, riskiert A, aus dem Markt herauskonkurriert zu werden. Wählt B ebenso den Umweltschutz, wäre dies ökologisch und aus gesellschaftlicher Warte heraus optimal. Doch es ist unwahrscheinlich, dass es zu diesem Ergebnis kommt, weil keines der beiden Unternehmen das Risiko eingehen kann, vom Konkurrenten unterboten zu werden.
Die mathematische Lösung dieses Spiels ist, dass beide Unternehmen die Umwelt verschmutzen. Sie wird in der ökonomischen Theorie als sogenanntes „Nash-Gleichgewicht“ bezeichnet. Das aus diesem Modell heraus zu ziehende Fazit lautet: Ohne übergeordnete Regeln führt die Summe individuell rationaler Eigennutz-Entscheidungen zu einem kollektiv irrationalen und moralisch verwerflichen Ergebnis.
Bei der Würdigung dieser Theorie ist zu betonen, dass sich die individuellen Akteure fundamental vom Menschenbild bei Adam Smith unterscheiden. Es handelt sich um skrupellose Egoisten, die den Planeten ausbeuten und ihre Zeitgenossen sowie nachkommende Generationen schädigen. Eine inhärente Ethik, die im Smith’schen System der „unparteiische Beobachter“ – das Analogon zum eher metaphysischen Gewissen bei Kant – sicherstellt, ist dieser mathematischen Modellwelt völlig fremd. Auch wird im rechtsfreien Raum argumentiert, während im Ordnungsmodell von Adam Smith für Recht und Gerechtigkeit und Strafen für Fehlverhalten gesorgt ist, also für den staatlichen Ordnungsrahmen. Deshalb ist der in diesem spieltheoretischen Modell auftretende Widerspruch zwischen individueller Ratio und Moral logisches Ergebnis der Abstraktion von Moral sowie von einem geeigneten Rechtsrahmen, etwa einer Haftungsregel und einer flächendeckenden Eigentumsabgrenzung im Sinne Walther Euckens. Was als Marktversagen angeprangert wird, ist im Grunde Ergebnis eines reduktionistischen Modells, das die Dinge aus dem Ganzheitszusammenhang reißt. Es liegt ein Modellmangel vor oder ein Ausdruck von Wissenschaftsversagen. Gleichwohl wird das richtige Fazit gezogen, wonach es der übergeordneten Regeln bedarf, damit der Markt gut funktionieren kann.
Das spieltheoretische Dilemma führt direkt zur Theorie der externen Effekte und zu der Lehre vom Marktversagen. Externe Effekte liegen vor, wenn von den Konsum- und Produktionsentscheidungen privater Akteure Wirkungen auf Dritte ausgehen, die im Marktpreis nicht abgegolten werden. Bei externen Nutzen oder Erträgen bieten Private zu wenig von einem volkswirtschaftlich und gesellschaftlich wichtigem Gut an, weil ihr Honorar zu niedrig ist. Ein Beispiel ist die Grundlagenforschung, wo staatliche Förderung und der Einsatz von Steuergeldern unabdingbar sind. Im Extremfall des öffentlichen Gutes kommt gar kein privates Angebot zustande wie etwa bei der Herstellung von Rechtssicherheit und kodifizierter Gesetzgebung.
Bei externen Kosten ist die private Aktivität gesellschaftlich unerwünscht, weil sie mit schädlichen Nebenwirkungen einhergeht. Ein Beispiel ist wieder die Umweltverschmutzung. Leitet ein Unternehmen giftige Abwässer in einen Fluss, um Kosten zu sparen und die Wettbewerbsposition und Gewinnmarge zu sichern, handelt es im Rahmen der zugrundeliegenden ökonomischen Theorie absolut systemkonform. Doch kollidiert das Ergebnis mit der Moral und Effizienz, weil die Kosten der Allgemeinheit aufgebürdet werden. Die negativen Außenwirkungen bestehen im Sterben von Fischbeständen, gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Anwohner und Verunreinigung des Trinkwassers.
Ganz allgemein spiegelt bei externen Kosten der freie Marktpreis die ökologischen und sozialen Folgekosten nicht korrekt wieder. Ökonomische Rationalität und Marktprinzipien können also in die moralische und gesellschaftliche Krise führen. Ein bedingungsloses Vertrauen in die „Unsichtbare Hand“ scheint nach dieser Theorie also verfehlt zu sein und es scheinen Korrekturen durch die sichtbare Hand des Staates erforderlich zu sein. Es wird postuliert, dass der Marktpreismechanismus als Koordinationsmechanismus dort an seine Grenzen stößt, wo die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens betroffen sind.
Nachdem in der bisherigen Analyse das Ökonomische im Mittelpunkt stand und die Ethik eine eher begleitende Rolle spielte, soll nunmehr die moralphilosophische Sichtweise ins Zentrum gerückt werden. Von dieser Warte heraus soll gefragt werden, wie die Ethik normativer Richter oder korrigierende Instanz für dem Markt oder das Wirtschaftsleben sein sollte. Lassen wir nun die Philosophen zu Wort kommen, bevor wir uns den moralischen Leitplanken der Wirtschaftsethiker zuwenden.
Das System von Immanuel Kant
Der deutsche Philosoph Immanuel Kant hat keine eigenständige Wirtschaftstheorie entwickelt. Seine Wirtschaftsethik ist aus seiner Rechts- und Moralphilosophie heraus ableitbar. Zentral ist der Gedanke, dass wirtschaftliches Handeln von moralischen Pflichten getragen sein sollte und die Freiheit des Menschen sowie den Schutz des Eigentums voraussetzt. Der Staat hat die Aufgabe, das Eigentum zu schützen und das Recht zu sichern sowie das Überleben der ärmeren Bevölkerung zu gewährleisten.
Kant kritisiert das Prinzip der Nutzenmaximierung. Er stellt Pflichten oder moralisch gute Absichten vor Nutzen und kritisiert die Auffassung, dass eine Handlung schon deshalb moralisch gut sein soll, weil sie Nutzen stiftet und Wohlstand schafft. Es kommt ihm zufolge für die moralische Bewertung nicht auf die Folge einer Handlung an, sondern auf die intrinsische Motivation, die einer generalisierbaren Verhaltensregel folgt. Der kategorische Imperativ besagt, dass sich Menschen an Maximen ausrichten sollen, die als allgemeines Gesetz gelten könnten. Nach der Kant’schen Pflichtenethik handelt ein Händler also nicht moralisch, wenn er einen Kunden nur aus der Angst heraus, ihn sonst zu verlieren, nicht betrügt. Vielmehr muss es aus der Überzeugung heraus passieren, dass eine Gesellschaft von Betrügern nicht tragfähig ist.
Neben der moralischen Pflicht ist die Würde ein konstitutiver Eckpfeiler im Kant`schen System. Waren haben ihm zufolge einen Preis, der Mensch aber hat eine Würde. Menschen dürfen nicht zu reinen Werkzeugen degradiert werden. Das ist seiner Meinung nach der Fall, wenn aus dem Mensch der Produktionsfaktor Arbeit oder das Humankapital wird, deren Preise und Kosten es zu minimieren gilt. Kant wäre vermutlich ein engagierter Verfechter des Lieferkettengesetzes, von Sozialstandards und von Mindestlöhnen.
Die Kritik am Kant’schen System ist auf die Tatsache gerichtet, dass Pflichten kollidieren können. So kann etwa die Pflicht, nicht zu lügen, mit der Pflicht, Leben zu schützen, unvereinbar sein. Zweitens ist es aus der Sicht der Verantwortungsethik (Max Weber, Herbert Giersch) heraus nicht nachvollziehbar, dass negative Folgen des gut gemeinten Handels für die moralische Bewertung irrelevant sein sollen, zumal das Gegenteil von gut oft nicht böse, sondern gut gemeint ist (Karl Kraus). Drittens ist das, was mit der Menschenwürde vereinbar ist, wohl kaum absolut und allgemeingültig festlegbar, sondern raum- und zeitabhängig. Die Maßstäbe verschieben sich mit dem Entwicklungsstand. Wo bei uns Kinderarbeit als unmoralisch gewertet wird, ist sie unter der Bedingung krassester Armut für die Familie mitunter die einzige Möglichkeit, zu überleben und ein Schulbesuch liegt in weiter Ferne des wirtschaftlich Möglichen. Ein gut gemeintes Lieferkettengesetz, das Kinderarbeit ausschließt, treibt die Kinder nicht in die Schule, sondern vielmehr in halblegale oder kriminelle Erwerbszweige, weil man ihnen eine ehrliche Option zum Überleben beschnitten hat. Freilich sind Fair-trade-Initiativen seitens der Konsumenten reicher Länder ebenso begrüßenswert, wie Reisen in diese Länder mit Schulspenden und Kauf von in Heimarbeit erstellter Produkte.
Der Utilitarismus
Diese philosophische Strömung ist der Kant’schen Sichtweise von der Pflichtenethik diametral entgegengesetzt, da für die moralische Bewertung primär die Folgen des individuellen Handelns relevant sind und nicht die Handlungsmotive. Diese sogenannte Nutzenethik geht auf Jeremy Bentham und John Stuart Mill zurück. Die Verwandtschaft mit der neoklassischen Theorie ist augenfällig.
Allerdings gibt es einen fundamentalen Unterschied. Während die Neoklassik verteilungsblind ist und im Pareto-Optimum im Extrem einer alles besitzen kann und die restliche Bevölkerung hungert, strebt der Utilitarismus “ das größte Glück für die größte Zahl“ an. Es wird also der These Rechnung getragen, dass der Grenznutzen des Geldes mit steigendem Einkommen abnimmt. Ein Euro stiftet demnach in den Händen eines Millionärs oder Milliardärs deutlich weniger Nutzen als in den Händen eines Armen. Ungleichheit geht damit mit einem reduzierten Gesamtnutzen für die Bevölkerung einher. Zielgröße für den Utilitarismus ist nicht die Maximierung des Sozialprodukts, sondern die Maximierung des Wohlbefindens und die Minimierung von Leid. Geht Wirtschaftswachstum einher mit Stress und Entfremdung, ist es moralisch abzulehnen.
Freilich sind die Grenzen von staatlich erzwungener Umverteilung, die das größte Glück für die größte Zahl herbeiführen möchte, offensichtlich. Denn aufgrund negativer Anreizwirkungen sinkt die Verteilungsmasse und materielle Basis, was das Streben nach Wohlstand konterkariert. Auch ist die These vom abnehmenden Grenznutzen des Geldes nicht immer plausibel: So gehen etwa einem Elon Musk die Investitionsprojekte nicht aus.
Die Marktkritik von Michael Sandel
Der amerikanische Philosoph Michael Sandel kritisiert in seinem Buch „what money can’t buy: the moral limits of markets“ das Eindringen marktwirtschaftlicher Prinzipien in Lebensbereiche wie die Gesundheit, das Bildungswesen, die Politik oder die persönlichen Beziehungen. Er beklagt die Omnipräsenz des Ökonomischen und behauptet, dass der Markt die Moral verdrängt, wenn an die Stelle des Motivs, Gutes zu tun, das Motiv, Geld zu verdienen tritt. Auch hält er es für unfair, wenn Geld über die gesellschaftliche Teilhabe und die fundamentalen Lebenschancen bestimmt. Sandel fordert eine Begrenzung der Marktwirtschaft durch Verbote der Käuflichkeit bestimmter Sachverhalte wie z. B. Stimmenkauf, Leihmutterschaft oder Blutspenden und vermehrter Investitionen in den öffentlichen Raum z.B. für Parks, Nahverkehr, öffentliche Schulen und Bibliotheken). Er wünscht mehr öffentliche Diskussionen über moralische Werte und mehr Institutionen, die an den Gemeinsinn appellieren.
Gegen Sandels Ansichten lassen sich Gegenargumente anführen: Wo die Zuteilung von knappen Gütern und Diensten nicht über den Preis erfolgt, entscheiden Beziehungen und Bürokratie als wesentlich intransparentere und vermutlich ungerechtere Verfahren. Verbote von Märkten sind weiterhin unvereinbar mit der Freiheit von Individuen, einvernehmlich Verträge abschließen zu können. Ferner fehlt die empirische Evidenz, dass finanzielle Anreize moralische Grundlagen aushöhlen. Man kann genauso gut argumentieren, dass sich Moral dort entfaltet, wo sie alimentiert wird. Und dass finanzielle Ressourcen erforderlich sind für wirksame Hilfe. Ein auf Märkten produzierter Rollstuhl nutzt einem Behinderten mehr als das grenzenlose Mitgefühl oder Mitleid eines mittellosen buddhistischen Mönchs. Oft bedarf es auch des finanziellen Anreizes, um chronische Knappheiten (etwa von Blutkonserven) zu mindern. Richtig ist Sandels Einschätzung, dass gesellschaftliche Teilhabe eine sozialpolitische Aufgabe des Staates ist, um die die marktwirtschaftliche Verteilung von Gütern nach Kaufkraft flankiert und ergänzt werden muss. Denn eine Gesellschaft ist nur heil, in der auch die ärmeren Mitglieder unter menschenwürdigen Bedingungen leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Adam Smith`s sozialer Kitt – die Sympathie – wird zerstört, wenn sich die soziale Schere zu weit öffnet.
Fazit aus der moralphilosophischen Betrachtung: Die Relevanz der Wirtschaftsethik
Die Kritik der Morallehre an Märkten zeigt, dass diese keine moralfreien Räume sein können, sondern vielmehr in ein normatives Wertesystem eingebettet sein müssen. Wenn der nationale oder globale Wettbewerb dazu zwingt, Abstriche von der Individualmoral machen zu müssen, weil ethisches Handeln einen Wettbewerbsnachteil bedeutet und das Überleben am Markt gefährdet, dann wird die Frage nach der organisatorischen Gestaltung der Rahmenbedingungen und Spielregeln für Märkte umso wichtiger. Was muss eine Gesellschaft tun, damit Markt und Moral harmonisiert werden? Die moderne Wirtschaftsethik hat Antworten parat.
Die Ordnungsethik von Karl Homann
Nach der Ordnungsethik oder Institutionenlehre von Karl Homann kommt dem Staat die fundamentale Rolle zu, dafür zu sorgen, dass die moralische Handlungsoption die attraktivste ist. Oder anders: Die Anreizstrukturen sind so zu verändern, dass Ausbeutung von Menschen oder von Natur unrentabel wird. Es müssen also Gebote oder Anreize für moralisches Verhalten bestehen und Verbote oder Strafen für unmoralisches. So ist etwa ein Preis für die Umweltnutzung erforderlich. Normative Instrumente sind Qualitätsstandards oder Umweltschutzauflagen. Diese Auflagen müssen verbindlich für alle gelten, damit Gefangenendilemma-Situationen ausgeschlossen sind. Ferner müssen kriminelle Handlungen wie Betrug, Raub, Erpressung, Korruption, Preisabsprachen und Kartellbildung unter Strafe gestellt werden. Außerdem muss die Rahmenordnung so liberal konzipiert sein, dass sich die kreativen Kräfte des Marktes besonders gut entfalten können. Um für Innovationen zu sorgen, darf das Regelsystem nicht zu engmaschig sein. Der Staat sollte sich somit nicht zu sehr in die Inhalte einmischen, sondern muss die reibungslosen Abläufe garantieren. Erforderlich für Wirtschaftsaktivitäten sind ferner Eigentumsschutz und ein verlässlicher Rechtsrahmen, damit Private Verträge abschließen. Eine wichtige ordnungspolitische Funktion bei der Durchsetzung fairer Löhne kommt den Gewerkschaften zu, die freilich auch in der Verantwortung stehen, nicht zu überziehen, um die Wettbewerbsposition nicht zu gefährden.
Der Schweizer Wirtschaftsethiker Peter Ulrich kritisiert, dass Karl Homann die Moral ausschließlich im Ordnungsrahmen verortet und die Individuen gewissermaßen aus der moralischen Verantwortung entlässt. Für Peter Ulrich sollte der Markt kein wertfreies neoklassisches Subsystem sein wie bei Homann, sondern eine inhärente Ethik besitzen. Unternehmen und Konsumenten sollen sich als moralische Akteure betrachten.
Damit schließt sich der Kreis, denn wir sind wieder bei Adam Smith angelangt, unter dessen geistiges Dach sowohl die Ideen von Karl Homann als auch Peter Ulrich passen. Die bisherige Analyse hat gezeigt, dass man an Adam Smith nicht vorbeikommt, dass Adam Smith nach wie vor höchst aktuell ist und dass die moderne Wissenschaft Lehren aus seinem ganzheitlichen System ziehen sollte. Eine- Adam-Smith-Renaissance erscheint nötiger denn je. Und nötig erscheint auch eine Rückbesinnung auf den monumentalen Beitrag von Horst Claus Recktenwald zur richtigen Smith-Interpretation, der in der jüngeren Adam-Smith-Forschung im deutschen Sprachraum weitgehend ausgeblendet wird.
Warum der Markt ein soziales System mit einer ethischen Dimension ist.
Nach all der Marktmängelanalyse und der behaupteten moralischen Defizite, die Marktkritiker auf der Basis reduktionistischer Modelle mit realitätsfremden Annahmen bei der Marktwirtschaft und dem Wettbewerb verorten – den Mangel an Nachhaltigkeit und Verteilungsgerechtigkeit, die Ausbeutung von Arbeitskräften und die Verletzung der Menschenwürde – erscheint es abrundend erforderlich, Märkte ins rechte Licht zu rücken und zu rehabilitieren. Denn de facto sitzen der Markt und der auf Märkten agierende Mensch auf der Anklagebank, nicht nur im Urteil moralisierender Intellektueller, sondern auch seitens der neueren Strömungen innerhalb der ökonomischen Wissenschaft. Im Zeitalter des Internets schießen die von marktfeindlichen Ökonomen gegründeten Netzwerke oder Labels für neue Forschungszweige wie Pilze aus dem Boden. Zu nennen sind etwa die „plurale Ökonomik“, die „post-autistische Ökonomie“ und die „Real World Economics“. Im Urteil der Neuen Züricher Zeitung NZZ vertreten diese Gruppen das gemeinsame Credo, „…dass der Markt für alles Übel und der Staat für alles Gemeinwohl verantwortlich ist“ (NZZ 2015).Typisch für die neue Bewegung ist die „…Ablehnung freier Märkte und die Überzeugung, dass es eigentlich kein Zuviel an Regulierung geben kann“. Das ihren Theorien zugrunde gelegte Menschenbild ist ein Zerrbild der Realität und auch die Annahmen mathematischer Wirtschaftsmodelle sind meist weltfremd.
Reale Märkte mögen mit Mängeln behaftet sein. Man sollte jedoch die Realität nicht an modelltheoretischen Utopien messen, wie dies in der Lehre von den Marktmängeln Usus ist. Fakt ist, dass kein anderes System historisch einen so breiten Wohlstand hervorgebracht hat wie die Marktwirtschaft. Die Marktwirtschaft befreit die Menschen von den Fesseln der Armut und ermöglicht erst, dass sich Humanität entfalten kann. Die Marktwirtschaft überspringt tagtäglich die Knappheitshürden. Sie ist kreativ und wohltätig. Fakt ist, dass der Markt materiellen Wohlstand und dass materieller Wohlstand Verteilungsmasse und Hilfsbereitschaft generiert. Typisch für reiche und florierende Volkswirtschaften ist ein hohes Maß an Wohltätigkeit und privater Spendenbereitschaft. Man darf bei der moralischen Bewertung der Marktwirtschaft nicht nur darauf blicken, wie die Einkommen und Vermögen verteilt sind, sondern vor allem darauf, wie sie verwendet werden. Gegen hohes Produktivvermögen, das Arbeitsplätze schafft und die Produktivität der arbeitenden Menschen und damit deren Verdienstmöglichkeiten erhöht, ist gar nichts einzuwenden. Es ist, ganz im Gegenteil, moralisch höchst positiv zu bewerten.
Auch die Verteilung der Einkommen nach Leistung genügt Gerechtigkeitsmaßstäben. So erscheint es gerecht, dass der, der mehr leistet und zur Wertschöpfung beiträgt, auch mehr Geld erhält. Zumal die weniger funkelnde Rückseite der Gerechtigkeitsmedaille in höheren Opfern wie Freizeit- und Konsumverzicht und Inkaufnahme von Verlustrisiken besteht. Wer dem Tüchtigen etwas wegnehmen will, um es dem Faulen zu geben, hat nicht unbedingt die Moral auf seiner Seite.
Die Marktwirtschaft sichert die Freiheit und fördert somit die freie Entfaltung der Persönlichkeit und Eigeninitiative. Sie hilft den Menschen, die in ihnen schlummernden Talente zu entdecken und schöpferisch aktiv zu sein. Sie ist somit die Organisationsform, die am besten mit der Menschenwürde vereinbar ist, die der Philosoph Immanuel Kant so hoch gehalten hat.
Nicht zuletzt ist es so, dass die Marktwirtschaft die sogenannten Sekundärtugenden hervorgebracht hat wie Vertragstreue, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Fleiß, Disziplin, Höflichkeit und Ordnungsliebe. Diese Regeln der Ethik sind – wie der staatliche Ordnungsrahmen und der Wettbewerb auch – Funktionsbedingungen für die Marktwirtschaft.
Abrundend ist festzuhalten: Märkte sind nicht nur effizient, sondern auch zutiefst moralisch. Und die auf Märkten agierenden Menschen sind weit besser als ihr Ruf. Freilich gibt es immer ein paar schwarze Schafe, wobei es aber Aufgabe des Staates ist, Kriminalität und rechtswidriges Verhalten zu minimieren. In der Marktmängeltheorie stehen jedoch alle Individuen pauschal unter Kriminalitätsverdacht und bekommen die Scheuklappe der kurzfristigen Gewinnmaximierung und des alleinigen Schauens auf den Preis und den eigenen materiellen Vorteil aufgesetzt. Tatsächlich aber zahlt sich tugendhaftes Verhalten auf lange Sicht aus und tatsächlich gilt die Devise: ehrlich währt am längsten. Moralisches Verhalten (faire Arbeitsbedingungen, Umweltschutz) zieht qualifizierte Arbeitskräfte an und steigert langfristig den Marktwert des Unternehmens.
Wenn etwas angreifbar ist, dann ist es nicht der wirtschaftende Mensch mit seinen angeblichen moralischen Defekten, sondern es sind die realitätsfremden Annahmen, die der Marktmängeltheorie zugrunde liegen.
Vor allem in der privaten Sphäre, also in der Familie, im Freundeskreis und in der Nachbarschaft gilt die Regel, dass moralisches Verhalten in Form von Altruismus und Hilfsbereitschaft kein „Draufzahlgeschäft“ ist, sondern –jetzt oder später – erwidert wird. Auf lange Sicht gibt es also kein einseitiges Geben oder Aufopfern für den Nächsten, was die Vertreter einer „Mitgefühls-Wirtschaft“ oder der „Caring-Economics“ wohl zum moralischen Imperativ erklären, sondern ein marktwirtschaftliches do-ut-des. Moral ist nicht nur ein hoher Wert, sondern auch eine rentable Strategie, also ein ökonomisch effizientes Verhalten. Dabei erscheint müßig, darüber zu diskutieren, ob der Mensch nun gibt, damit ihm gegeben wird, ob er also aus einem intertemporalen Sicherheitskalkül heraus handelt oder ob er selbstlos hilft, ohne eine spätere Gegenleistung oder Unterstützung zu erwarten.
Abrundend sei noch betont, dass es in die Irre führt, den altruistischen Menschen für die Wirtschaft zu fordern, wie die „Caring-Ökonomen“ dies tun. Hier muss mit spitzem Bleistift gerechnet werden, damit mehr übrig bleibt für das knappe Gut der Nächsten- und Fernstenliebe (Herbert Giersch). Der Markt ist und bleibt das Spielfeld für den „geläuterten“ Homo Oeconomicus.
Appendix: Der starke Ordnungs-Staat als integraler Bestandteil des Systems der natürlichen Freiheit
Wie wir gesehen haben, sind Markt und Moral siamesische Zwillinge oder Vorder- und Rückseite derselben Medaille. Das gilt allerdings nur dann, wenn die dazu komplementäre Ordnungspolitik stimmt: also die Rahmenbedingungen, Spielregeln und Anreiz- und Strafmechanismen, die staatlicherseits zu implementieren sind. Hier bedarf es einer Umsetzung der Ideen von Walter Eucken und der Freiburger Schule in Verbindung mit den Ideen von Karl Homann. Da diese notwendige Synthese ein separates Thema ist, welches den Rahmen dieser Abhandlung sprengen würde, kann hier nur mit kurzen Pinselstrichen darauf eingegangen werden.
Nach Walter Eucken muss der Staat die Rahmenbedingungen („Ordnung der Wirtschaft“) festlegen, statt planwirtschaftliche Prozesspolitik zu betreiben. Eine Renaissance dieser Lehre muss folgende Kernprinzipien reaktivieren: 1) Das Haftungsprinzip: Wer den Nutzen hat, muss auch das Risiko und den Schaden tragen. Dies ist eine Absage an staatliche Rettungsschirme für Missmanagement. 2) Eine konsequente Wettbewerbspolitik: Es ist eine strikte Monopol- und Kartellkontrolle erforderlich, um Machtkonzentrationen und Marktblockaden zu verhindern. Ferner muss der Staat neutral sein, er darf also keine Subventionen und Sondervergünstigungen gewähren. 3) Stabile Rahmenbedingungen: nötig ist eine langfristig verlässliche Finanz-, Steuer- und Geldpolitik. 4) Offene Märkte: Es sind Marktzutrittsbarrieren für Innovationen und Start-ups abzubauen.
Während bei Eucken der Staat als Schiedsrichter das Spielfeld abgrenzt und die Spielregeln vorgibt, kanalisiert er bei Karl Homann die Spielzüge über Preissignale und ökonomische Anreize sowie Gebote, um gesellschaftliche Ziele wie Dekarbonisierung oder Digitalisierung zu erreichen. Dadurch wird Moral zu einem systemimmanenten Erfolgsfaktor.
Viele Staaten, die sich als Marktwirtschaften bezeichnen, weichen fundamental von diesen ordnungspolitischen Erfordernissen ab. Blickt man beispielsweise nach Deutschland, muss man einen überregulierten, nicht-neutralen Interventions- und Subventionsstaat diagnostizieren, der die Bürger bevormundet, statt auf marktkompatible Anreiz- und Strafmechanismen zu setzen. Der Interventionsstaat, der sich aus einer hybriden Marktmängellehre heraus entwickelt hat, hat die moralischen Grundlagen unseres Gemeinwesens erodiert und Anspruchshaltung und Subventionsmentalität hervorgebracht, die unsere Wirtschaft lähmt und die die Stabilität unserer Demokratie gefährdet. (Nicht nur) hierzulande ist ein Abschied vom Interventionismus und von der Vetternwirtschaft und eine Renaissance der Ordnungspolitik überfällig.
Not tut also nicht nur eine Neubesinnung auf Adam Smith und Horst Claus Recktenwald, sondern auch auf Walter Eucken und die Freiburger Schule. Erforderlich erscheint eine Synthese aus Recktenwalds Adam-Smith-Trilogie, die aus Ethik, Markt und Staat als komplementäre Subsysteme des Systems der natürlichen Freiheit besteht, und Walter Euckens „Interdependenz der Ordnungen“. Nach der Rehabilitation des Marktsystems durch die Integration mit der Ethik und der Analyse der „Unsichtbaren Hand“, muss die „Sichtbare Hand“ des Ordnungsstaates näher ins Visier genommen werden.
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