Der Mannheimer Ökonom Tom Krebs hat am 24. Oktober in der FAZ ein Interview gegeben mit dem Titel: „Der neoliberale Kapitalismus ist am Ende“. Er sieht das Heil in einer neuen Ordnung, der er den Namen „geplante Marktwirtschaft“ verpasst hat. Seine Ratschläge an die Politik werden hier nochmals aufgegriffen und beurteilt.
Es scheint zum Standardrepertoire interventionistischer Denkschulen zu gehören, das Ende des neoliberalen Kapitalismus zu verkünden. So glaubt der Mannheimer Ökonom Tom Krebs, dass Deutschland wirtschaftlich am Ende sei, weil es Jahrzehnte lang zu stark auf die Marktkräfte gesetzt habe. Er behauptet, die Marktwirtschaft sei überfordert, die Krisen und Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen. Ob es nun um den klimagerechten Umbau oder die Sicherung industrieller Kerne geht – erforderlich sei seiner Ansicht nach ein fundamentaler Wandel der Wirtschaftsordnung. Statt der dezentralen Steuerung über Angebot, Nachfrage und Preise bedürfe es einer „geplanten Marktwirtschaft“, in der dem Staat eine strategische Rolle bei der Gestaltung der Wirtschaftsstruktur zukommt. Tom Krebs fordert eine aktive Industriepolitik sowie administrierte Eingriffe wie einen langfristigen Energiepreisdeckel.
Die Thesen spiegeln eine in unsicheren Zeiten wachsende Sehnsucht nach der starken Hand des Staates wider, die auch unter Ökonomen aus dem linken Lager weit verbreitet ist. Dabei werden jedoch die wichtigsten Grundregeln und Gesetzmäßigkeiten, wie Wohlstand überhaupt entsteht, ausgeblendet, obwohl sie zum Einmaleins der ökonomischen Wissenschaft zählen. Wenn wir heute wirtschaftliche Probleme haben, so liegt dies nicht an Marktmängeln oder Marktversagen. Es ist vielmehr eine Folge von vorausgehenden staatlichen Eingriffen. Es geht wirtschaftlich nicht mehr bergauf, weil sich die vermeintlich omnipotente Politik in Interventionsspiralen verheddert hat, die die Marktkräfte geschwächt haben. Tom Krebs schlägt zur Heilung just die Mittel vor, die zur sklerotischen Verkrustung der Märkte beigetragen haben: bürokratische Gängelung, administrierte Preise, Subventionen.
Im Folgenden wird gezeigt, dass die drei Hauptforderung von Tom Krebs in die Sackgasse führen: die staatliche Planbarkeit von Wirtschaftsprozessen ist ein Trugbild, die volkswirtschaftlichen Schäden durch administrierte Preise sind immens und Politiker und Bürokraten sind nicht die besseren Unternehmer.
„Geplante Marktwirtschaft“ – ein intellektuelles Eigentor
Der von Tom Krebs geprägte Begriff der „geplanten Marktwirtschaft“ ist ein intellektuelles Eigentor. Denn er ist ein Widerspruch in sich selbst. Eine Marktwirtschaft ist ja gerade dadurch charakterisiert, dass sie nicht am staatlichen Reißbrett geplant ist, sondern auf der dezentralen Koordination der Pläne von Millionen von Individuen fußt, die ihre Entscheidungen über nachgefragte oder angebotene Mengen an den Preisen ausrichten. Frei bewegliche Preise signalisieren, was knapp und was im Überfluss vorhanden ist. Somit fungieren Preise als deus ex machina, der Versorgungsengpässe beseitigt: wird ein Gut teurer, weil es knapper geworden ist, setzt der gestiegene Preis Anreize, das Angebot auszuweiten und die Nachfrage einzuschränken. Der Markt mag für den Laien chaotisch wirken. Ein Ökonom aber sollte wissen, dass sich hinter der Maske des Chaos Ordnung verbirgt – eine Katallaxie oder ein funktionsfähiges Netzwerk.
Eine „geplante Marktwirtschaft“ würde hingegen voraussetzen, dass Politiker und Bürokraten bei ihren Planungen perfekte Informationen über Konsumentenwünsche und Produktionstechnologien haben. De facto können sie aber niemals wissen, welche Erfindung Unternehmen in fünf Jahren machen und was die Konsumenten übermorgen kaufen wollen. Das Wissen darüber ist nach Friedrich August von Hayek nicht nur riesig, sondern auch verstreut, höchst subjektiv, oft implizit, und es ändert sich von Minute zu Minute. Es ist unmöglich, dass der Staat im Besitz dieses aggregierten Wissens ist.
Der Nobelpreisträger von Hayek hat die Fiktion der zentralen Planbarkeit als „Anmaßung von Wissen“ angeprangert. Es gibt keinen allwissenden Planer, der die dynamischen Bedürfnisse der Konsumenten und Innovationspfade von Unternehmen vorhersehen kann. Wenn die Politik dennoch bestimmt, wieviel von welchen Gütern mit welcher Technologie hergestellt werden soll, schaltet sie das wichtigste Informations- und Lenkungsinstrument und ein geniales Entdeckungs- und Disziplinierungsverfahren aus, nämlich den Preis und den Wettbewerb. Daher spricht alles dafür, dass am Bedarf vorbei und zudem ineffizient produziert wird, weil Innovationen unterdrückt werden. Der Konkurs der Planwirtschaften sollte eine Lehre sein.
Warum Energiepreisdeckel verfehlt sind
Tom Krebs fordert weiterhin einen Energiepreisdeckel. Angesichts der erratischen Preissprünge auf dem Energiemarkt aufgrund des Ukrainekriegs und des Irankriegs ist dies eine populäre Maßnahme, die sozialpolitisch geboten erscheint. Doch ist die Ausschaltung der Signal- und Lenkungsfunktion des Preises fatal, verhindert sie doch, dass Mechanismen in Gang gesetzt werden, die auf eine Beseitigung des Mangels hinwirken. Denn ein hoher Knappheitspreis zwingt die Nachfrager zum sparsameren Umgang mit Energie und signalisiert den Anbietern, dass sich Investitionen in neue Kapazitäten oder die Ausschau nach alternativen Energiequellen lohnen.
Wird der Preis aber durch eine Höchstgrenze künstlich gedrückt, werden keine Verhaltensänderungen ausgelöst. Die Nachfrage ist höher als das Angebot, es kommt zu leeren Lagern und Versorgungsengpässen. Dies erfordert Rationierungen sowie erhebliche Subventionszahlungen seitens des Staates, um die Preisdifferenzen auszugleichen. Ein Höchstpreis für Energie ist also ein reines Kurieren an Symptomen, das aber den Mangel nicht beseitigt, sondern sogar noch verstärkt und mit einer hohen Belastung für die Steuerzahler einhergeht.
Der Irrweg der Industriepolitik
Tom Krebs fordert schließlich eine aktive Industriepolitik, die zwischen den Branchen selektiert. Dem Staat kommt demnach die strategische Rolle zu, die Gewinner von morgen herauszufinden und massiv zu subventionieren. Die gezielte Förderung zukunftsträchtiger Sektoren oder Unternehmen soll helfen, dass die Wirtschaft bald wieder besser aufgestellt ist. Auch diese Argumentation erweist sich nicht als stichhaltig, fußt sie doch ebenfalls auf der realitätsfremden Annahme des allwissenden Staates und abstrahiert sie von Verhaltensänderungen, die durch Subventionen ausgelöst werden.
Zum einen haben Politiker und Bürokraten keine Glaskugel, die ihnen die Zukunft zeigt. Sie können nicht wissen, welche Technologien sich am Markt durchsetzen werden. Wird es der Wasserstoff sein oder bessere Batterien oder Erfindungen, von denen wir heute noch gar nichts wissen? Was die beste Idee ist, kann nur durch Wettbewerb in einem lebendigen Entdeckungsverfahren am Markt herausgefunden werden, wie Friedrich August von Hayek diesen Mechanismus genannt hat. Wenn der Staat aber vorab festlegt, wer gewinnt, fördert er vermutlich nur die Branchen, die eine lautstarke Lobby und den engsten Kontakt zur Politik haben.
Zum anderen gewöhnen sich Unternehmen rasch an die staatlichen Alimente. Subventionen verführen zum rentseeking. Sie lassen die Anstrengungen erlahmen, durch die effizienteste Technologie oder das beste Produkt im Wettbewerb die Nase vorne zu haben. Stattdessen wird „Hirnschmalz“ in die Frage investiert, wie das empfangene Staatsgeld zu maximieren ist. Firmen, die am Subventionstropf hängen, werden süchtig. Sind Firmen einmal von Subventionen abhängig, lassen sich diese kaum mehr zurücknehmen, weil dies Arbeitsplätze und Wählerstimmen kosten würde.
Neoliberalismus – der falsche Sündenbock
Nach Tom Krebs hat der „neoliberale Kapitalismus“ versagt und ist an seinem Ende angelangt, so dass ein Systemwechsel angesagt sei. Diese Behauptung verkennt die Entstehungsgeschichten der Krisen der vergangenen Jahre, seien es nun die Verwerfungen am Energiemarkt, die Rückkehr der Inflation oder die ausgeprägte Wachstumsschwäche. Sie haben nichts mit einem Versagen des Marktmechanismus oder Wettbewerbs zu tun, sondern beruhen auf staatlichen oder geldpolitischen Fehlsteuerungen.
Überbordende bürokratische Vorschriften, langwierige Genehmigungsverfahren, massive Eingriffe in die Preisbildung, starre Arbeitsmarktregeln, die Vernachlässigung der komplementären Infrastruktur und hohe Steuerlasten haben zur privaten Investitions- und Produktivitätsschwäche geführt. Und die exzessive Geldmengenausweitung der letzten Dekade hat inflationäre Blasen geschaffen und die Entstehung von Zombie-Unternehmen gefördert, die unter normalen Bedingungen nicht lebensfähig wären. Was die hohen Energiepreise anbelangt, so rächt sich das Abschalten der Kernkraftwerke, das uns eine verstärkte Abhängigkeit von ausländischen Energiequellen erbracht hat.
Den Markt für diese Krisen verantwortlich zu machen und eine Politik zu fordern, die diese Krisen befeuert hat, zeugt von einer fundamentalen Verkennung der Kausalitäten. Es ist völlig daneben, bei einer Staatsquote von mittlerweile über 50 Prozent die Lösung in noch mehr Staat zu suchen. Als die Staatsquote noch bei 30 oder bei 40 Prozent gelegen hatte, war die deutsche Volkswirtschaft erheblich agiler. Mit ihrer Ausweitung und dem Anziehen der steuerlichen Daumenschrauben oder der Lockerung der Kreditzügel ging eine Schwächung der Marktkräfte einher.
Der Staat sollte sich nicht länger in die Allokation privater Güter einmischen, sondern die Spielregeln vorgeben, damit die Marktwirtschaft optimal funktionieren kann. Er sollte sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren: die Durchsetzung des Rechts, den Schutz des Wettbewerbs, die Gewährleistung von Sicherheit und die Bereitstellung von Infrastruktur.
Ordnungspolitik statt Staatsplan
Um die großen Herausforderungen unserer Zeit erfolgreich bewältigen zu können, bedarf es viel Kapital, Innovationskraft und Risikobereitschaft, was den Markt und Wettbewerb für diese Aufgabe prädestiniert. Der Staat sollte sich auf seine ordnungspolitischen Aufgaben im Sinne von Walter Eucken und der Freiburger Schule besinnen, damit die großen Krisen gemeistert werden können. Bleiben wir bei der Bekämpfung der Klimakrise. Kerninstrument muss ein flächendeckender CO2-Preis sein. Dadurch werden klimaschädliche Produktionstechnologien verteuert. Hingegen werden jene Innovatoren belohnt, die CO2 einsparen. Es stellt sich dabei im Wettbewerb heraus, wer die umweltfreundlichsten Produktionsweisen entwickelt. Dieses Entdeckungsverfahren ist durch Technologieoffenheit charakterisiert. Wenn der Staat hingegen bestimmte Technologien bevorzugt, wie das bei der von Tom Krebs favorisierten Industriepolitik und bei den Umweltsubventionen der Fall ist, verteuert sich die Transformation, was den technischen Fortschritt bremst.
Fazit
Der Königsweg besteht in einer Rückbesinnung auf die Ordnungspolitik und auf die konstituierenden Elemente einer Marktwirtschaft, wie sie Walter Eucken herausgearbeitet hat. Dann werden Märkte ihre Vitalität wiedergewinnen. Hingegen verstärken die von Tom Krebs vorgeschlagenen Mittel die Wachstumskrise. Seine Forderung nach einer staatlich „geplanten Marktwirtschaft“ unterschätzt das Wissensproblem, verkennt die Problemlösungsfähigkeit des Wettbewerbs und ignoriert die verheerenden Wirkungen staatlicher Eingriffe in die Preisbildung.
Blog-Beiträge zum Thema:
Norbert Berthold (JMU, 2026): Soziale Marktwirtschaft – Ein Auslaufmodell? Interventionsspiralen, Kipppunkte, ökonomisches Gesetz
Norbert Berthold (JMU, 2021): Was ist des Marktes, was des Staates? Wuchernde Staatswirtschaften, gezinkte Märkte und ratlose Ordnungspolitiker
Norbert Berthold (JMU, 2019): Tiefer als die Ökonomie. Zerbröseln die Fundamente der Sozialen Marktwirtschaft?
- Gastbeitrag
„Geplante Marktwirtschaft“
Wie soll das funktionieren? - 29. Oktober 2026 - Gastbeitrag
KI-Steuer
Eine rettende Idee oder ein digitales Eigentor? - 22. Oktober 2026 - Ordnungspolitische Denker (8)
Eine Herbert Giersch-Agenda für ein zukunftsfähiges Deutschland - 10. Oktober 2026
