Was würde Herbert Giersch heute Deutschland als dem Träger der roten Laterne raten, damit es wirtschaftlich wieder bergaufwärts geht? Welche Reformen würde er den politisch Verantwortlichen empfehlen? Wie sähe eine Herbert Giersch-Agenda für die deutsche Wirtschaftspolitik aus?
Deutschland steckt in einer tiefen strukturellen Krise: Der neuerlichen konjunkturellen Erholung zum Trotz gibt es kaum Wirtschaftswachstum. Die demographische Entwicklung zehrt die Haushalte der Sozialversicherungen aus und begründet einen steigenden Zuschussbedarf aus dem Bundeshaushalt. Ferner ist die Infrastruktur verrottet, die Abgabenlast sowie die Energie- und auch die Arbeitskosten sind drückend hoch und die überbordende Bürokratie lähmt private Initiativen. Dies alles ist die Bilanz einer Politik, die Jahrzehnte lang überfällige Strukturreformen vor sich hergeschoben hat.
In dieser desolaten Situation erscheint es erforderlich, einen Blick auf das wissenschaftliche Erbe zu werfen, das uns Herbert Giersch (1921-2010) hinterlassen hat – einer der einflussreichsten und namhaftesten deutschen Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Als langjähriger Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft und prägendes Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Situation war er ein unermüdlicher Mahner für Flexibilität, Offenheit, Strukturwandel und Wettbewerb. Herbert Giersch betrachtete sich selbst immer als eine Art Arzt, der einer kranken Volkswirtschaft eine Diagnose stellt und Rezepturen für deren Genesung entwickelt. Und er sprach stets von der Bringschuld der Ökonomen gegenüber der Öffentlichkeit.
Was würde Herbert Giersch heute Deutschland als dem Träger der roten Laterne raten, damit es wirtschaftlich wieder bergaufwärts geht? Wie sähe eine Herbert Giersch-Agenda für die deutsche Wirtschaftspolitik aus? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zunächst einen kurzen Blick auf sein ökonomisches Weltbild werfen. Was waren seine Kernüberzeugungen?
Das ökonomische Weltbild von Herbert Giersch
Herbert Giersch war sehr stark von Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) geprägt, auf den der Begriff der schöpferischen Zerstörung zurückgeht. Demnach ist die Verdrängung des Alten durch das Neue der Motor des Kapitalismus. Neue Technologien, Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle drängen auf den Markt und machen bisherige Angebote obsolet. Im Zentrum dieses Denkansatzes steht der innovative Unternehmer (Entrepreneur), der in bestehende Märkte eindringt. Nach Herbert Giersch wird dieser Selektionsprozess behindert und der Strukturwandel verzögert, wenn der Staat alte Wirtschaftssektoren durch Subventionspolitik künstlich am Leben hält.
Umgekehrt hielt er es für verfehlt, wenn der Staat die vermeintlichen Gewinner von morgen alimentiert. Denn hier liegt nach Friedrich August von Hayek (1899-1992), der ebenfalls einen prägenden Einfluss auf Herbert Giersch ausgeübt hat, „Anmaßung von Wissen“ vor, das der Staat aber niemals ex ante haben kann. Wer sich im Wettlauf um die Zukunft durchsetzt, stellt sich erst ex post heraus. Und auch dies kann sich schnell wieder ändern. Herbert Giersch war mit Friedrich August von Hayek der Auffassung, dass Informationen nicht zentral vorliegen, sondern gestreut und von zutiefst subjektiver Natur sind. Wissen kristallisiert sich erst in einem dynamischen Entdeckungsverfahren auf Märkten heraus.
Eine weitere Grundüberzeugung von Herbert Giersch war, dass in einer reifen Volkswirtschaft der Wohlstand allein auf Wissen, Qualifikation und Innovation fußt – also auf dem sogenannten Humankapital. Er betonte stets, dass hoch entwickelte Volkswirtschaften nur durch technologische Vorsprünge überleben können. Die Förderung der Grundlagenforschung war für Giersch daher ebenso zentral wie die Bildungspolitik, bei der der Staat aber kein Monopol innehaben sollte.
Herbert Giersch war ein engagierter Verfechter einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. Das geeignete Instrument, um dauerhafte Arbeitsplätze zu schaffen, war für ihn nicht die staatliche Steuerung der Nachfrage, die allenfalls kurzfristig ein Strohfeuer entfacht. Vielmehr richtete er den Fokus auf die Angebotsseite. Dabei ging es ihm um wirtschaftspolitische Maßnahmen, die die Produktionsbedingungen verbesserten, um so über vermehrte Investitionen Wachstum und Beschäftigung zu erhöhen. Dazu zählte er Steuersenkungen, Deregulierung, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Schritte in Richtung Geldwertstabilität sowie Entwicklung und Modernisierung von Infrastruktur und Förderung von Grundlagenforschung. Ganz elementar war für ihn, dass Märkte offen sind, damit der Wettbewerb als Garant für Wohlstand funktioniert. Das Prinzip der Offenheit taucht als ein Leitmotiv in seinen Werken immer wieder auf.
Im Jahr 1985 machte das von Herbert Giersch geprägte Schlagwort von der „Eurosklerose“ die Runde. Damit war eine europäische Wirtschaftskrankheit gemeint, die ihre Ursachen in Überregulierung durch eine überbordende Bürokratie, Unbeweglichkeit von Löhnen nach unten und verkrusteten Marktstrukturen hatten. Die vielfältigen Blockaden des Preismechanismus und Einmischungen des Staates in das Wirtschaftsgeschehen, waren für Giersch als Befürworter von Flexibilität und staatlicher Neutralität, der die Fahne der Ordnungspolitik im Sinne Walter Euckens und der Freiburger Schule hochhielt, ein Dorn im Auge. Herbert Giersch würde dem heutigen Deutschland wohl auch eine ausgeprägte Sklerose bescheinigen.
Nicht zuletzt war Herbert Giersch ein leidenschaftlicher Freihändler. Er verstand die globale Arbeitsteilung und den internationalen Handel nicht als Nullsummenspiel, in dem die einen gewinnen, was die anderen verlieren. Vielmehr sah er in der Globalisierung eine riesige Chance für Wohlstandsmehrung aller Beteiligten. Protektionismus und Abschottung lehnte er vehement ab.
Die Lockerung der Schuldenbremse und die Errichtung von Nebenhaushalten hätte er wohl kaum gebilligt. Er hätte eine Strukturkrise statt eines Mangels an Geld diagnostiziert und gefordert, zusätzliche Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur anderweitig zu finanzieren: über den Abbau von Subventionen, Straffung des Sozialstaates und Einsparungen für den Staatsapparat. Kreditfinanzierte Schattenhaushalte hätte er abgelehnt, da diese Konstrukte das Ausmaß der Staatsverschuldung verschleiern, die demokratische Kontrolle des Parlaments über die Finanzen verwässern, und das Vertrauen von Märkten und Bürgern in die Haushaltsdisziplin untergraben. Giersch hätte den Verstoß gegen die Grundsätze der Budgetklarheit und Budgetwahrheit scharf angeprangert.
Nachdem die Grundüberzeugungen von Herbert Giersch kurz skizziert worden sind, können wir uns nunmehr der Frage nach darauf aufbauenden Reformen zuwenden, um Deutschland wieder zukunftstauglich zu machen.
Das Reformprogramm von Herbert Giersch
Herbert Giersch würde eine Reform aus einem Guss in einem Hauruck-Verfahren anstreben, also ein simultanes Reformprogramm, das aus mehreren Elementen oder tragenden Säulen besteht. Denn er war der Auffassung, dass es die politische Durchsetzbarkeit erhöht, wenn alle Problemfelder gleichzeitig beackert werden. Die Blockademacht einzelner Partikularinteressen wird nämlich tendenziell abgeschwächt, wenn alle Konfliktfelder gleichzeitig geöffnet werden und alle Federn lassen müssen. Eine Rosskur statt Reparaturen ist unlängst auch von Jochen Andritzky, Stefan Kooths, Jan Schnellenbach gefordert worden (17.Juli 2026).
Säule 1) Flexibilisierung des Arbeitsmarktes
Herbert Giersch sah in den Tarifmonopolen der Gewerkschaften eine Hauptursache für Arbeitslosigkeit. Die zentral vorgegebenen Flächentarif-Verträge bedeuten ihm zufolge ein massives Hemmnis für die Anpassungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Denn sie führen zu einer Entkoppelung der Löhne von der Produktivität einzelner Unternehmen oder Regionen. Leistungsstarke Betriebe können zwar höhere Löhne zahlen, schwächere sind aber durch flächendeckende Tarifabschlüsse überfordert. Denn ihre Produktivität ist unterdurchschnittlich. Dort kommt es wegen der relativen Verteuerung des Faktors Arbeit zu Entlassungen oder Insolvenzen.
Aus diesen Gründen würde Herbert Giersch die tarifliche Kompetenz auf betrieblicher Ebene ansiedeln. Die Lohnfindung läge dann in den Händen der Belegschaft (oder des Betriebsrats) und der Unternehmensleitung. Durch die Dezentralisierung des Lohnfindungsprozesses kann die jeweilige Lohnhöhe flexibel der realen wirtschaftlichen Lage des spezifischen Betriebs angepasst werden.
Besonderes Augenmerk richtete Herbert Giersch auch auf die Ausgrenzungseffekte allgemein verbindlicher Tarif- oder Mindestlöhne. Wenn Gewerkschaften hohe Löhne durchsetzen, dient das in erster Linie den Interessen der Insider und Etablierten. Es profitieren davon also jene, die bereits eine Beschäftigung haben. Geringqualifizierte, Langzeitarbeitslose und Berufsanfänger hingegen sind auf der Verliererseite. Es ist somit nötig, Marktzugänge für die benachteiligten Outsider zu schaffen.
Herbert Giersch würde auch am Kündigungsschutz rütteln. In Krisenzeiten erweist sich diese vermeintliche soziale Errungenschaft nämlich als massives Einstellungsrisiko. Denn das Unternehmen wird die Leute nicht mehr los, wenn sich die wirtschaftliche Situation schlechter entwickelt, als erwartet. Dies schreckt Firmen ab, neue Mitarbeiter einzustellen, erweist sich also in unsicheren Zeiten als Beschäftigungsbremse par excellence. Herbert Giersch würde daher empfehlen, den Kündigungsschutz zu lockern, vor allem für Start-ups und für mittelständische Unternehmen.
Ferner würde er die Arbeitszeiten und Pausenregelungen flexibilisieren. Das Arbeitszeitgesetz mit seiner täglichen Höchstarbeitszeit von 8 Stunden würde er abschaffen. Mitarbeiter und Betriebsleitung sollten selbst entscheiden, wann sie wie viel arbeiten möchten.
Der Arbeitskräftemangel ist in Deutschland nicht zuletzt deshalb so ausgeprägt, weil arbeitsfähige Menschen im System der Sozialhilfe gefangen sind und kaum Arbeitsanreize bestehen. Denn der Ausstieg aus diesem System wird durch eine prohibitiv hohe Grenzbelastung vereitelt. Diese setzt sich zusammen aus zu zahlenden Steuern und entfallenen staatlichen Hilfen. Nach Herbert Giersch müsste jener, der aus der Arbeitslosigkeit heraus einen Job annimmt, einen großen Teil seines selbst verdienten Geldes behalten dürfen. Ferner würde Giersch den Transferbezug stärker mit Gegenleistungspflichten verknüpfen. Zudem würde er die Empfänger stärker in die Pflicht nehmen, angebotene Arbeit anzunehmen oder an Qualifizierungsprogrammen teilzunehmen. Sonst würden die Transfers stark gekürzt.
Säule 2) Korrekturen am Sozialsystem
Das deutsche Sozialsystem mit seinen über 500 Sozialleistungen (ifo Institut vom 15. Oktober 2025) wäre für Herbert Giersch der Inbegriff bürokratischer Ineffizienz. Er würde dazu raten, das unsystematische Sammelsurium an einzelnen Instrumenten mit seinen jeweils anhängenden Verwaltungsbürokratien, komplexen Genehmigungs- und gegenseitigen Anrechnungsverfahren sowie unterschiedlichen Einkommensbegriffen abzuschaffen und durch ein System zu ersetzen, das aus einer einzigen und zielgerichteten Sozialleistung besteht.
Herbert Giersch würde ein integriertes Steuer- und Transfersystem installieren wollen, wie es etwa Milton Friedman vorgeschlagen hatte. Eine negative Einkommensteuer träte an die Stelle des Dickichts an einzelnen und unkoordinierten Sozialleistungen. Bürgergeld, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, Wohngeld, Kindergeld und Kinderzuschlag, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, Elterngeld, Unterhaltsvorschuss, Arbeitslosengeld, Krankengeld, Kurzarbeitergeld; sozialer Wohnungsbau, kostenlose Mitversicherung von Familienangehörigen, Leistungen zur Teilhabe und Rehabilitation, Ehegatten-Splitting, soziale Vergünstigungen im ÖPNV, Ausbildungsförderung und vieles andere mehr würden entfallen. Es gäbe nur eine einzige Transferleistung, die am Kriterium der Bedürftigkeit anknüpft. Wer sich selbst helfen kann, bedarf keiner staatlichen Alimente, zumal er diese im konventionellen System meist selbst via Besteuerung zahlen muss. Es wäre also Schluss mit der kostenträchtigen Umverteilung von der linken in die rechte Tasche, die Arbeitskräfte in unproduktiven Tätigkeiten bindet.
Durch den Umbau des Sozialsystems würden viele Staatsdiener obsolet, die zuvor in der Umverteilungsbürokratie beschäftigt waren. Herbert Giersch würde dazu raten, Umschulungsprogramme aufzulegen und Mobilitätshilfen zu gewähren. Dadurch würde der viel beklagte Fachkräftemangel reduziert.
Säule 3) Reform der Alterssicherung
Unser Rentensystem, das auf dem Umlageverfahren basiert, dem der zahlende Nachwuchs ausgeht, und das nur durch milliardenschwere Steuerzuschüsse und angehobene Sozialbeiträge am Laufen gehalten wird, wäre für Herbert Giersch Paradebeispiel für ordnungspolitisches Versagen. Denn die verantwortlichen Politiker haben Jahrzehnte lang mit Slogans wie „die Rente ist sicher“ den Kopf in den Sand gesteckt. Die Rentenreform von Herbert Giersch würde auf folgenden Prinzipien beruhen.
Als erstes würde Herbert Giersch der demographische Faktor, der den Rentenanstieg dämpft, wenn sich der Altersquotient verschlechtert, wieder einführen. Zudem würde Giersch ihn vermutlich verschärfen, um dem Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit aufgrund steigender Lohnnebenkosten entgegenzuwirken. Bisher war es so, dass den Rentnern nur ein Viertel der Anpassungslasten aufgebürdet worden ist, der aktiven Generation hingegen drei Viertel. Herbert Giersch würde die Formel wohl so ändern, dass der Dämpfungseffekt zu Lasten des Rentenniveaus spürbar erhöht wird. Dies würde auch der jüngeren Generation signalisieren, dass vermehrte Selbstvorsorge für die eigene Altersrente angesagt ist.
Zweitens würde er das Renteneintrittsalter dynamisieren, also an die Entwicklung der Lebenserwartung koppeln. Wer länger lebt, muss auch länger arbeiten. Dies würde Mehreinnahmen und Minderausgaben für die Rentenkasse generieren, was eine sonst nötige Beitragserhöhung in die Zukunft verschiebt. Dadurch wird Zeit gewonnen, durch produktivitätssteigernde Maßnahmen gegenzusteuern. Ferner würde Giersch Anreize für eine (Früh-) Verrentung abbauen. Er würde alle Subventionen streichen, die mit einem vorzeitigen Ruhestand verknüpft sind. Und er würde ein „aktives Alter“ fördern, um dem Arbeitsmarkt wertvolle Arbeitskräfte und Kreativitätspotentiale zu erhalten, und um den akuten Fachkräftemangel zu lindern.
Eine zentrale Maßnahme von Herbert Giersch wäre, das umlagefinanzierte Rentensystem schrittweise auf eine weitere, kapitalgedeckte Basis zu stellen. Auf lange Sicht sollte aus der Umlage lediglich eine Grundsicherung für das Alter finanziert werden. Ein Teil der Rentenbeiträge sollte daher in einen staatsunabhängigen Fonds fließen, der weltweit investiert, um vom globalen Wachstum zu profitieren.
Säule 4) Abbau von staatlichen Begünstigungen und Diskriminierungen
Bei der Subventionspolitik würde Herbert Giersch zu einer rigorosen Kehrtwende raten. Er würde die deutsche Subventionslandschaft radikal beschneiden und Wettbewerbshemmnisse abschaffen, also Regulationen, die dem Insider-Schutz dienen und die den Marktzugang für unliebsame Konkurrenten blockieren. Die freigesetzten Arbeitskräfte würde Herbert Giersch durch Umschulung, Weiterbildung und Mobilitätshilfen wieder in den Arbeitsmarkt integrieren.
Herbert Giersch würde dem Staat ein striktes Neutralitätsgebot auferlegen – im finanzpolitischen wie normativen Sinne. Begünstigungen, die mit Diskriminierungen einhergehen, wären dem Staat untersagt. Diese ordnungspolitischen Normen sollten Verfassungsrang haben.
Nach Herbert Giersch erzeugen Subventionen Sklerose. Sie hemmen den Strukturwandel und beeinträchtigen die Innovationsfähigkeit von Unternehmen, da diese ihr Augenmerk gezielt darauf lenken, wie sie Staatsgelder abkassieren können. Statt Energie in Effizienzsteigerungen und Neuerungen zu stecken, wird sie in Lobby-Arbeit investiert. Nach Herbert Giersch gelten Subventionen und Marktzutrittsbarrieren als Hauptfeinde einer dynamischen Wirtschaft. Die verkrusteten Strukturen aufgrund von Erhaltungssubventionen und Schutzmauern sind das Gegenteil vom Ideal des Wettbewerbs als Entdeckungsverfahren und der schöpferischen Zerstörung.
Herbert Giersch lehnte auch die Industriepolitik ab, da der Staat im Voraus nicht wissen kann, welche Technologie den Wettlauf um die Zukunft gewinnen wird und wo der Königsweg liegt. So hätte Herbert Giersch beispielsweise die Kaufprämien für E-Autos oder Subventionen für Batteriefabriken niemals gut geheißen. Hier hätte er auf technologischen Wettbewerb etwa zwischen Wasserstoff, Batterien oder E- Fuels gesetzt. Dass der E-Auto-Boom eine künstlich angestoßene Hype ist, sieht man am Einbruch der Verkaufszahlen, als die Förderung vorübergehend eingestellt worden ist.
Säule 5) Steuerreformen
Der deutsche Steuerrechtsdschungel ist eine Wachstumsbremse par excellence. Es hemmt Investitionen und Innovationen und bestraft die Leistungsträger und den Erwerbsfleiß sowie die Sparsamkeit. Herbert Giersch würde das System radikal vereinfachen und die Einkommensteuer in eine persönliche Ausgabensteuer umformen. Einkommen, das gespart, investiert oder im Betrieb belassen wird, würde von ihm steuerlich verschont. Die Besteuerung würde erst greifen, wenn Geld in den privaten Konsum fließt, die Kapitalbildung wäre befreit.
Da der hohe und stark progressive Tarifverlauf – der sogenannte „Mittelstandsbauch“ – als Leistungsbremse wirkt, würde Giersch die Tarifkurve stark absenken und abflachen. Der Spitzensteuersatz würde nach seiner Vorstellung erst bei einem deutlich höheren Einkommen greifen, statt wie heute bereits einen qualifizierten Facharbeiter zu belasten. Die Tarifkorrektur würde der Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus Deutschland entgegenwirken und die Zuwanderung stimulieren.
Auch die Körperschaftsteuer und Gewerbesteuer würde Herbert Giersch drastisch reduzieren. Hier würde er wohl einen international wettbewerbsfähigen Steuersatz von unter 25 Prozent anpeilen. Der Standort Deutschland gewänne dadurch spürbar an Attraktivität, so dass Deutschland wieder mehr Kapitalzuflüsse und weniger Kapitalabflüsse zu verzeichnen hätte.
Ferner würde Herbert Giersch die Steuervergünstigungen streichen, gehen mit ihnen doch Verzerrungen der Preisstruktur und anreizmindernde Effekte einher. Das Ziel sollte sein: Niedrige Steuersätze bei gleichzeitig breiter Bemessungsgrundlage.
Die bisherige Diskussion über eine Verschärfung der Erbschaftsteuer auf Betriebsvermögen würde auf heftige Ablehnung von Herbert Giersch stoßen. Er würde die Substanz von mittelständischen Unternehmen vor dem Zugriff des Fiskus schützen wollen, zumal die in Unternehmen gebundenen Mittel die Basis für künftige Investitionen sind. Er würde stattdessen ein Erbschaftsteuer-Modell anstreben; das den Generationenwechsel in Familienbetrieben nicht belastet.
Säule 6) Umwelt- und Energiepolitik
Herbert Giersch würde die deutsche Umwelt- und Energiepolitik wohl als planwirtschaftlichen Irrweg betrachten und alle diesbezüglichen bürokratischen Vorschriften, Gebote und Verbote und hohen Subventionen komplett abschaffen. Denn ihnen liegt Anmaßung von Wissen zugrunde, das der Staat aber niemals haben kann. Stattdessen würde Giersch auf dezentrale Lösungen, Marktmechanismen und Preissignale setzen.
Für Giersch war Umweltverschmutzung ein Problem von externen Kosten – dem Schädiger wird der Umweltverbrauch nicht angelastet. Folglich bietet sich statt eines Sammelsuriums von Subventionen für umweltschonende Maßnahmen ein dem Schädiger auferlegter Preis für den Umweltverbrauch als alleiniges Steuerungsinstrument an. Statt des Gebäudeenergiegesetzes, der Förderung von E-Autos, des Verbrenner-Aus und der Subventionen für Solaranlagen gäbe es nur eine Steuerungsgröße: den umfassenden CO2-Preis im Rahmen eines Emissionshandelssystems. Wer CO2 ausstößt, muss dafür bezahlen. Die Wirtschaftssubjekte entscheiden dann selbst, ob sie bei gegebenem CO2-Preis dämmen, eine Wärmepumpe einbauen, synthetische Kraftstoffe nutzen oder weniger heizen.
Herbert Giersch plädierte stets für Technologieoffenheit. Denn der Staat weiß nicht, ob sich in 20 Jahren Wasserstoff, Solarenergie oder eine völlig neue Erfindung durchsetzt. Statt aktive Strukturpolitik zu betreiben („pick the winner“) und ausgewählte Unternehmen zu begünstigen, sollte der Staat lieber das Geld in die Grundlagenforschung stecken und Unternehmensforschung als solche – also unabhängig von der Forschungsrichtung – steuerlich fördern.
Der Ökonom würde die nationale oder europäische Energiepolitik auch dafür kritisieren, dass sie nicht über den Tellerrand hinausblickt. Er würde dafür plädieren, beispielsweise Wind- oder Solarenergie dort einzukaufen, wo die natürlichen Verhältnisse am günstigsten sind, sei es in Nordafrika, Australien oder Südamerika. Im Gegenzug würde er Umwelttechnologien exportieren. Auch würde sich Herbert Giersch dafür stark machen, dass die Umweltpolitik auf eine internationale Ebene verlagert werden würde. Er würde sich für internationale CO2-Märkte und globale Klimaclubs einsetzen.
Säule 7) Deregulierung und Bürokratieabbau
Deutschland leidet unter einem regulatorischen Burn-Out. Genehmigungsverfahren schleppen sich über Jahre hin. Bürokratismus kostet die Unternehmen viel Geld und Zeit und erstickt die Kreativität. Hier würde Herbert Giersch wohl empfehlen, mit der Abriss-Birne vorzugehen. Er würde zu folgenden Mitteln raten:
Um die Bürokratie einzudämmen, würde Giersch an die Stelle des ab dem 1. Juli 2015 in Deutschland gültigen one-in-one-out-Prinzips das one-in-two-out-Prinzip oder das one-in-three-out-Prinzip setzen. Für jede neue Vorschrift, die die Wirtschaft belastet, müssten andere, die mit doppelt oder dreimal so hohen Bürokratiekosten verknüpft sind, gestrichen oder entsprechend gelockert werden. Durch diese verschärfte Bürokratiebremse könnten die Folgekosten der Regulationen für Wirtschaft und Bürger schrittweise reduziert werden. Die Anwendung des Grundsatzes setzt voraus, dass die mit der Einhaltung von Gesetzen verknüpften Kosten präzise quantifiziert werden.
Ein zweites wirksames Instrument gegen bürokratischen Schlendrian ist die Genehmigungsfiktion. Genehmigungsverfahren für Fabriken, Infrastruktur und Wohnungsbau gelten automatisch als bewilligt, wenn die jeweilige Behörde innerhalb einer vorgegebenen Frist – etwa von 3 Monaten – kein grünes Licht gibt.
Säule 8) Korrekturen der Finanzverfassung
In unserem föderalen System sind die Länder zu reinen Vollzugsorganen des Bundes degradiert worden. Herbert Giersch würde die Finanzverfassung fundamental umgestalten und die Eigenverantwortlichkeit der Länder und Gemeinden stärken. Seine Reformen würden sich an Mancur Olsens Prinzip der fiskalischen Äquivalenz orientieren. Demnach müsste jede Gebietskörperschaft die Kosten ihrer öffentlichen Güter und Leistungen, über die sie alleine entscheiden sollte, auch alleine tragen. Sie erhielte im Gegenzug aber auch die volle Steuerautonomie. Herbert Giersch würde das Konstrukt der Gemeinschaftssteuern ebenso abschaffen wie die Mischfinanzierungen. Länder und Gemeinden erhielten ein Zuschlagsrecht auf die Einkommensteuer bzw. die persönliche Ausgabensteuer sowie die Körperschaftsteuer.
Herbert Giersch würde auch die die Kompetenzverteilung hinterfragen. Dabei sollte gemäß dem Subsidiaritätsprinzip soweit wie möglich dezentralisiert werden, etwa in der Bildungs- oder Kulturpolitik. Freilich erscheint mitunter auch vermehrte Zentralisierung erforderlich, etwa bei der inneren Sicherheit und Drohnenabwehr, oder bei der Verteidigung, die auf die Ebene der EU verlagert werden sollte. Ferner würde Giersch den Finanzausgleich drastisch zurückfahren oder gänzlich einstellen. Denn dieses System mit seinen prohibitiv hohen Abgabesätzen und seiner starken räumlichen Nivellierung von Wohlstand bestraft eine wachstumsfördernde Politik und Reformeifer und belohnt den politischen Schlendrian und die Gegenwartsorientiertheit.
Das Ideal von Herbert Giersch ist der Systemwettbewerb. Die Länder und Gemeinden sollten miteinander in Wettstreit treten, um Arbeitskräfte und Firmen anzulocken. Das Land, das gute (schlechte) Politik betreibt, gewinnt (verliert) Unternehmen und Steuerzahler an Konkurrenten. Wer schlecht abschneidet, hat aber die Chance, die Politik der Gewinner zu kopieren und sich zu verbessern.
Säule 9) Außenwirtschaft und Migration
In einer Zeit, in der die Welt in große Machtblöcke gespalten und Protektionismus zwischen den USA, China und Europa en voque ist, würde Herbert Giersch – wie auch einer seiner Nachfolger im Amt des Präsidenten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr (Handelsblatt 2026) – gleichwohl als vehementer Anwalt für Freihandel mit kooperationswilligen Partnern auftreten. Er würde argumentieren, dass Öffnung nach außen Wohlstand generiert. Durch Isolation hingegen würden alle ärmer.
Statt sich auf Subventionswettläufe mit den USA und China einzulassen, würde Herbert Giersch für Weltwirtschaft den Abschluss neuer Freihandelsabkommen mit Südamerika, Afrika und Asien anvisieren. Wenn Lieferketten diversifiziert werden müssen, dann durch den Marktzugang zu neuen Partnern.
Ärmere Regionen wie etwa den indischen Subkontinent oder afrikanische Staaten würde Herbert Giersch nicht über klassische Entwicklungshilfe fördern, sondern über die Marktöffnung Deutschlands für Produkte aus diesen Ländern.
Giersch wäre auch ein engagierter Verfechter einer anderen Europapolitik. Statt nach Harmonisierung zu streben, würde er den Systemwettbewerb bevorzugen, der diszipliniert und Innovationen hervorbringt. Nicht die politische Union mit zentralisierten Steuern und harmonisierten Sozialstandards wäre das Leitbild von Giersch, sondern der Wettbewerb der Systeme und der Regionen. Die sich herauskristallisierende überlegene Lösung hätte dann eine Vorbildfunktion für die anderen Länder und würde zur Imitation anregen.
Giersch hätte die gemeinsame Haftung und die Vergemeinschaftung von Schulden in der EU strikt abgelehnt, weil das Einspringen für die Fehler und die Disziplinlosigkeit anderer die Markt- und Anpassungmechanismen außer Kraft setzt. Rettungsschirme wie der ESM oder die EU-Corona-Hilfen wären ihn ein Dorn im Auge gewesen. Denn sie führen zu moral hazard. Wenn Deutschland oder die Europäische Gemeinschaft für das wirtschafts- und finanzpolitische Versagen eines kriselnden Landes in die Pflicht genommen wird, nimmt man diesem den Anreiz, nötige Reformen anzupacken und Anpassungen vorzunehmen.
Was die Migration anbelangt, würde Herbert Giersch strikt trennen zwischen wirtschaftlicher Zuwanderung und Asyl. Um den Fachkräftemangel zu beheben, würde er die bürokratischen Hürden für qualifizierte Kräfte aus dem Ausland komplett streichen. Wer einen Arbeitsvertrag mit einem deutschen Unternehmen vorweisen und seinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann, sollte ungehindert einreisen und arbeiten dürfen. Um die Einwanderung in das deutsche Sozialsystem zu beschränken, würde Giersch eine Umschichtung von Geldleistungen hin zu Sachleistungen vornehmen und den Bezug mit Gegenleistungspflichten verbinden.
Fazit
Die tiefe Krise, in der die deutsche Wirtschaft steckt, kommt nicht von Ungefähr. Sie ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Vernachlässigung der angebotsseitigen Rahmenbedingungen. Würde die Politik auf den Rat von Herbert Giersch hören, stünde Deutschland vor einer schmerzhaften, aber heilsamen Rosskur. Es ginge um nichts Geringeres als um die Umwandlung eines verkrusteten und bürokratischen Subventions- und Wohlfahrtsstaates in eine dynamische, offene und innovationsgetriebene Marktwirtschaft, die zukunftstauglich ist.
LITERATUR:
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Handelsblatt (11.09.2026) Gabriel Felbermayr: „Finanzpolitisch lebt die AfD im Wolkenkuckucksheim“ https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/gabriel-felbermayr-finanzpolitisch-lebt-die-afd-im-wolkenkuckucksheim-01/100253229.html
Ifo Institut (15. Oktober 2025).Über 500 verschiedene Sozialleistungen in Deutschland. https://www.ifo.de/pressemitteilung/2025-10-15/ueber-500-verschiedene-sozialleistungen-deutschland
Paqué Karl-Heinz (2010). Ein Leben für die offene Welt. Zum Tod von Herbert Giersch. Wirtschaftsdienst. 90. Jahrgang. Heft 9. S. 631-632.
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