“2. Würzburger Ordnungstag”
Vermögensverteilung: Die Piketty-Kontroverse

Eines ist jetzt schon sicher – das Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty „Capital in the Twenty-First Century“ gehört zu den wichtigsten ökonomischen Büchern der letzten 15 Jahre; nicht nur, weil es vom wissenschaftlichen Standpunkt aus grandios ist, sondern auch, weil es ein für die breite Öffentlichkeit wichtiges aktuelles Thema anspricht – das Ausmaß der Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung. Aber auch große Bücher produzieren viel Kritik. Natürlich kann die hier gebotene Kürze nicht dem Reichtum dieses Buches gerecht werden. Es soll dennoch versucht werden, an dieser Stelle die Kernthesen und den derzeitigen Stand der Diskussion um das Buch darstellen, da wir glauben, dass die Debatte um eine wie auch immer definierte gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung die westlichen Gesellschaften in den nächsten Jahren prägen dürfte.

Für die Diskussion hilft es, dass Pikettys Buch wie jedes fundierte wissenschaftliche Werk in drei Teile untergliedert ist: (1) Einen empirischen Teil, der u. E. für sich durchaus nobelpreisverdächtig ist, denn Piketty und sein Team haben über 15 Jahre lang eine Datenbank der Einkommens- und Vermögensverhältnisse in der Weltwirtschaft im Zeitablauf aufgebaut, die diese Verhältnisse über die Länder hinweg annähernd vergleichbar macht. Um es vorab zu sagen, hier liegt sicher das größte Verdienst des Buches. (2) Einen theoretischen Teil, in dem Piketty versucht, diese unstrittigen Trends hin zu einer größeren Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung mit Hilfe eines doch eher unkonventionellen Modells zu erklären. Die zugrundeliegenden Annahmen seiner Theorie sind zwar nicht gänzlich unplausibel, aber zumindest sehr diskussionswürdig. (3) Einen wirtschaftspolitischen Teil, der sicher der schwächste Teil des Buches ist. Wie Piketty selbst zugesteht, hat er selbst keine wirkliche Lösung für die seines Erachtens weiter zunehmende Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögenverteilung parat, und schlägt eine globale Vermögenssteuer vor, die aber auch für ihn eher utopischen Charakter hat.

Der Trend hin zu mehr Ungleichheit

Zunächst zu den empirischen Fakten: Der Trend hin zu mehr Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Vermögen in den letzten 20 Jahren ist zumindest für die breite Öffentlichkeit (gefühlt) nichts Neues. Die folgende Abbildung zeigt, dass die Ungleichheit in der Vermögensverteilung in den USA und Europa am steigen ist. Aber nicht nur die Vermögensverteilung wird ungleicher, sondern auch die Einkommensverteilung. Dies gilt v.a. für die USA, wo die Einkommensungleichheit – gemessen am Anteil der oberen 10% an am Volkseinkommen– seit 1910 noch nie so hoch war wie heute, und die gleichzeitig wieder den Anstieg der Vermögensungleichheit antreibt (siehe Emmanuel Saez/Gabriel Zucman: Wealth Inequality in the United States since 1913: Evidence from Capitalized Income Tax Data, UC Berkeley/LSE, October 2014).

Vermoegensungleichheit
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Einkommensungleichheit
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Die Vermögens-Einkommens-Relation ist damit in allen Ländern am steigen und dürfte sich nach Ansicht Pikettys weiter erhöhen, wenn dem politisch nicht entgegnet wird (siehe folgende Abbildung).

VermoegenUndEinkommen
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Ursachen für die höhere Ungleichheit

Um es vorab kurz zu machen: ein letztendlicher Konsens über die Ursachen für die gestiegene Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung ist nicht gegeben, auch wenn Vieles darauf hindeutet, dass ein toxisches Gemisch aus technischem Fortschritt und Effekten der Globalisierung, die beide zusammen Hocheinkommensbezieher begünstigen und die unteren und mittleren Schichten in ihrer Fähigkeit, ein adäquates Einkommen zu generieren, mehr und mehr bedrohen. Hinzu kommen länderspezifische Gründe, wie z. B. die steuerliche Begünstigung der Top-Einkommensbezieher in den USA in den letzten 30 Jahren (siehe hierzu auch das Symposium des Journal of Economic Perspectives -Volume 27, Number 3 – Summer 2013).
Interessant und umstritten ist nun die Theorie, die Piketty präsentiert, um die zunehmende Ungleichheit in der Vermögensverteilung zu erklären, wobei gleich eingeschränkt werden muss, dass Piketty hier weitaus nicht so apodiktisch ist wie es ein Teil seiner Kritiker suggeriert. Entscheidend für Piketty ist das Zusammenspiel der Kapitalverzinsung (nach Steuern) bzw. der Realrendite, r, und der Wachstumsrate der realwirtschaftlichen Produktion, g. Der Mechanismus ist denkbar einfach: Übersteigt die Realverzinsung r die Wachstumsrate g, so akkumuliert sich das Vermögen – bzw. in der Terminologie Pikettys das Kapital – schneller als das Volkseinkommen. Die Differenz zwischen r und g ist damit für Piketty der Treiber der historischen Entwicklung in der Vermögensentwicklung. Da r zumeist über g liege, habe der Kapitalismus eine inhärente Tendenz zu einem Anstieg in der Vermögensungleichheit. Die folgende Abbildung zeigt in diesem Zusammenhang die von Piketty geschätzte (zukünftige) Entwicklung der Kapitalrendite (nach Steuern und Kapitalverlusten) und der globalen Wachstumsrate der Produktion.

RUndG
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Aus der Abbildung wird deutlich, dass die Kapitalrendite bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer weit über dem globalen Wirtschaftswachstum lag. Die Kapitalrendite brach dann im 20. Jahrhundert durch kriegsbedingte Zerstörungen des Kapitalstocks, konfiskatorische Einkommenssteuern via revolutionäre Umstürze, die Einführung von Erbschaftssteuern, mehr Arbeitnehmerrechten und höhere Inflationsraten ein, um sich nach dem 2. Weltkrieg wieder zu erholen. Gleichzeitig erlebte das globale Wirtschaftswachstum durch die Industrialisierung und das weltweite Bevölkerungswachstum einen fulminanten Anstieg, der seinen Höhepunkt vor Ausbruch der Finanzkrise fand. Die Phase einer relativ niedrigen Vermögensungleichverteilung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist damit auf die Konvergenz der Raten r und g zurückzuführen. Nach Schätzungen von Piketty ist in Zukunft von einer Rückkehr der Kapitalrendite zu ihrem sehr langfristigen Durchschnitt von 4,5% anzunehmen, weil die zunehmende Deregulierung und Globalisierung der Märkte den Faktor Kapital begünstige. Das Wirtschaftswachstum werde in den nächsten 100 Jahren dagegen tendenziell gedämpfter verlaufen – einfach, weil die Schwellenländer sich derzeit so rasant entwickeln, dass auch sie mittel- bis langfristig sich in ihrer Struktur den Industrieländern annähern und auf deren Wachstumsraten einschwenken dürften. Diese Wachstumsrate g werde langfristig allein durch die globale Produktivitätswachstumsrate bestimmt, die mit 1-1,5% anzusetzen sei.

Wurden Piketty zunächst von Kritikern empirische Fehler unterstellt, die er erfolgreich widerlegt hat, so konzentriert sich die Kritik nun in erster Linie auf seine – aus Sicht der Mainstream-Ökonomik – doch sehr unorthodoxe Theorie der Vermögensungleichheit. Wie Marshall Steinbaum (Piketty’s Theory of Inequality and its Critics: A White Paper, Washington Center for Equitable Growth, September 2, 2014) in seinem Überblick über die diesbezügliche Literatur darauf hingewiesen hat, liegt ein Gutteil der Kritik allerdings darin begründet, dass die Mainstream-Ökonomik auf der einen Seite und Piketty auf der anderen oft einfach sehr unterschiedliche Begriffe und Interpretationen für ein- und denselben Sachverhalt verwenden. Diesen Unterschieden muss man sich bewusst sein, weil man ansonsten sehr schnell in der Diskussion aneinander vorbeiredet. So werden z. B. von Piketty „Vermögen“ und „Kapital“ von Piketty quasi als Synonyme verwendet. Kapital wird hier somit (nicht unbedingt immer) als ein produktiver Faktor verstanden, was für die Wachstumstheorie ja entscheidend ist. Vielmehr beinhaltet „Kapital“ für Piketty sämtliche Dinge, die Einkommen schaffen – mit Ausnahme des Arbeitseinkommens. Humankapital zählt somit nicht zum Kapitalstock. Ein wichtiger Teil des Vermögens ist zudem bei Piketty der Immobilienbesitz, wobei aber nicht zwischen dem „unproduktiven“ privaten und den „produktiven“ gewerblichen Immobilien unterschieden wird. Bei der Definition des Zinses r können ebenfalls verschiedene Definitionen herangezogen werden. So sind in der Definition der Realrendite von Piketty implizit auch (sozio-politisch motivierte) Risikoprämien enthalten. Nur so ist es zu erklären, dass die Realzinsen bei Piketty „zu hoch“ sein können, obwohl wir uns spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise in einem Umfeld „zu niedriger“ Realzinsen im Sinne der These der „säkularen Stagnation“ von Larry Summers befinden (siehe hierzu Brad DeLong: Notes and Finger Exercises on Thomas Piketty“˜s „Capital in the Twenty-First Century“: The Honest Broker for the Week of April 19, 2014).

Es soll an dieser Stelle gar nicht weiter auf die spezifische Kritik an den einzelnen Annahmen eingegangen werden, da hierzu der Raum fehlt. Lediglich ein wichtiger Punkt soll noch hervorgehoben werden, nämlich die Frage nach der Höhe der Substitutionselastizität zwischen Kapital und Arbeit. Denn der Mechanismus von Piketty hängt von der Annahme ab, dass die Kapitalrendite r relativ stabil bleibt und sich nicht durch das akkumulierte Kapital verändert bzw. nicht das teurer werdende Kapital durch billiger werdende Arbeit ersetzt wird (siehe hierzu: The return of patrimonial capitalism: review of Thomas Piketty’s Capital in the 21st century, Branko Milanovic, World Bank, October 2013). Piketty geht von einer sehr hohen Substituierbarkeit zwischen Kapital und Arbeit im 21. Jhdt. aus, die akademische Literatur bislang aber tendenziell eher von einer langfristig niedrigen Substitutionselastizität (siehe Lawrence Summers: The Inequality Puzzle: Piketty Book Review, in: Democracy: A Journal of Ideas, Issue #32, Spring 2014).

Pikettys Kernthese wurde und wird auch von Ökonomen sehr schnell auf diese sehr deterministische, fast schon zu simplizistisch anmutende „r>g“-Theorie reduziert, was ihm einfach nicht gerecht wird. Denn Piketty stimmt z. B. sehr wohl mit seinen US-Kollegen, die auf breiter Front die Erklärungskraft seiner Theorie zurückweisen (siehe hierzu die diesbezügliche Umfrage von Chicago Booth, IGM Forum, Piketty on Inequality, Tuesday, October 14, 2014), darin überein, dass andere Gründe als „r>g“ für den starken Anstieg der Vermögensungleichheit in den USA in den letzten Jahren verantwortlich sind. Piketty sieht vielmehr das Problem der wachsenden Kluft zwischen r und g als ein zukünftiges Problem für die Vermögensverteilung an. Hier ist aber tatsächlich noch nicht das letzte Wort gesprochen (siehe hierzu Emmanuel Saez).

Wirtschaftspolitische Implikationen

Pikettys zentrale Variable ist die Differenz zwischen der Nachsteuerkapitalverzinsung und der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts. Da die Wachstumsrate in erster Linie durch das Bevölkerungs- und das Produktivitätswachstum determiniert sei, die exogen gegeben sind, müsse eben politisch auf die Kapitalverzinsung eingewirkt werden, indem die Steuern auf Vermögen auf globaler Ebene erhöht werden. Wie er selbst zugesteht, sei dies utopisch. Dieser Vorschlag hat ihm sehr viel Kritik eingetragen. Piketty will aber hiermit einfach nur darauf hinweisen, dass – sollte er mit seiner pessimistischen Prognose hinsichtlich einer steigenden Einkommens- und Vermögensungleichheit recht behalten -, es besser ist, dieser Entwicklung wirtschaftspolitisch entgegenzuwirken, als soziale Unruhen oder gar Revolutionen und Kriege zu riskieren, die über eine Vernichtung von Vermögen eine diesbezüglich wieder größere Gleichheit herstellen. Piketty steht hier in der Tradition von Keynes, der ebenfalls – aber mit anderen Mitteln – den Kapitalismus vor sich selbst zu retten versuchte. Die Wirtschaftspolitik steht jedenfalls, angesichts der möglichen negativen Folgen der zunehmenden Digitalisierung für die Arbeitsmärkte vor immensen Herausforderungen, den „Wohlstand für Alle“ in der Tradition von Ludwig Erhard auch in Zukunft zu sichern. Thomas Pikettys Buch gibt hierfür sehr wertvolle Denkanstöße.

 

Hinweis: Der Beitrag ist die schriftliche Fassung eines Vortrages auf dem “2. Würzburger Ordnungstag“ am 8. Oktober 2014 in Frankfurt. In loser Folge werden hier weitere Vorträge dieses wirtschaftspolitischen Symposiums erscheinen.

 

Blog-Beiträge zu Piketty:

Norbert Berthold: Rettet den Kapitalismus vor den Kapitalisten! Thomas Piketty auf den Spuren von Karl Marx

Marcus Fraaß: Wie ungleich ist die Vermögensverteilung in Deutschland? Noch ungleicher als die Einkommensverteilung

Marcus Fraaß: Die Treiber der Vermögensungleichheit. Warum besitzen 10 % der Bevölkerung mehr als die Hälfte des Vermögens?

 

 

4 Antworten auf „“2. Würzburger Ordnungstag”
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